fiber #11: La Machine

La Machine

Ein E-Mail-Gespräch zwischen Bernadette La Hengst, 39, Musikerin, Produzentin, Peta Devlin, 38, Musikerin (Die Braut haut ins Auge, COW, Oma Hans, Hoodoo Girls), Tontechnikerin, Produzentin (u.a. Die Sterne, Blumfeld) und Julia Rieck, 30, Tontechnikerin, Cutterin (u.a. beim ZDF).

Bernadette: Ich weiß noch genau, wie ich als Kind albtraumartige Angst davor hatte, eines Tages alleine wohnen zu müssen, weil ich dachte, dass ich dann die ganzen Stromleitungen selbst legen müsste. Wart ihr als Kind schon besonders an Technik interessiert, bzw. habt ihr mehr mit Puppen gespielt oder mit Autos/Lego?

Peta: Ich habe immer ein Faible für Gadgets gehabt. Dabei mussten sie nicht mal elektronisch sein. Obwohl ich wissen wollte, wie ich damit umgehen muss, damit ich es beherrschen kann, war es mir relativ unwichtig, wie es funktioniert. Nachdem ich ein Gerät ein bisschen ausprobiert habe, lese ich leidenschaftlich gern Handbücher, um genauer zu verstehen, wie eine Maschine zu kontrollieren ist, aber ich lese keine Schaltpläne, um dahinter zu kommen, warum das alles so ist.
Julia: Mit sieben brachte mich der Kassettenrekorder meines älteren Bruders der Technikwelt näher. Ich hörte meine Kassetten bis das Band riss und ich sie wieder zusammenkleben musste. Danach machte ich mit meinen Freundinnen selbst produzierte Kinder-Radiosendungen. Da hatte ich schon Spaß an der Technik in Kombination mit Geräuschen, Sprache oder Musik.

Bernadette: Ist die Leidenschaft/das Nerdtum für technische Frickelei/Basteln eine männliche oder eine weibliche Eigenschaft? Bzw. wie kommt es, dass z.B. alle Frauen ihr ganzes Leben lang zu Hause kochen, aber es fast nur männliche Promiköche gibt?

Peta: So wie ich es sehe gibt es zwei Grundprobleme. Die Nutzung von Netzwerken und die scheinbar doch weibliche Eigenschaft der Bescheidenheit. Was massiv auffällt in meinem Job ist die Notwendigkeit, sich darstellen zu können. Als ProduzentIn bist Du nur so gut wie dein letzter Job und es ist natürlich wichtig, dass alle Leute genau wissen, wie gut Du bist, denn so kommt der nächste Job. In einem Interview sagte neulich eine Top-Managerin, dass Frauen warten bis jemand Anderes merkt, wie gut sie sind, während Männer es selber offensiv erzählen, und spielt die Frau doch mit, wird sie oft als pushy, maskulin, aggressiv abgestempelt. Das Erfolgsrezept der Managerin lautete: Immer einfach besser sein als alle Anderen und keine Gefangenen nehmen.
Julia: Gibt es ein Gen, das die Leidenschaft für Technik beinhaltet und jemand zum Nerd werden lässt? Wenn ich mir so meine Eltern angucke, die kaum den Unterschied zwischen einem Play oder Stopp-Knopf kennen, dann glaube ich das eher nicht. Ich bin der Meinung, dass Interessen von Außen gesteuert werden können.

Bernadette: Habt ihr eine Ausbildung als Tontechnikerinnen gemacht und wenn ja, hattet oder/und habt ihr als Frau eine Sonderstellung?

Peta: Ich habe angefangen als Praktikantin in dem Hamburger Tonstudio Soundgarden und fing ziemlich schnell an, eigene Produktionen zu machen. Ich hatte das große Glück in Chris von Rautenkranz keinen Chef zu finden, sondern einen Mensch, der mit Respekt sein Wissen mit mir geteilt hat. Für ihn war es eine bewusste Entscheidung, eine Frau ins Studio zu holen, weil es zu wenig Tontechnikerinnen gab. Jetzt hab ich eine feste Assistentin, die auch schon eigene Produktionen macht. Ich war immer stolz darauf, dass die technische Seite des Mischpults komplett von Frauen belegt ist. Es fühlt sich wie ein Schritt nach vorne an.
Julia: Ich habe eine einjährige Ausbildung zur Tontechnikerin an der SAE gemacht. Von 60 SchülerInnen waren drei weiblich. Am Anfang war ich enttäuscht, aber ich hatte mehr Kontakt mit den Männern als mit den Frauen. Die Jungs in meinem Kurs konnten sich nicht entscheiden zwischen übertriebener Hilfsbereitschaft oder diskriminierenden Sprüchen, weil Frauen sowieso keine Ahnung von Technik haben. Das hat mich glücklicherweise nicht so genervt, dass ich aufhören wollte.

Bernadette: Ist die Maschine/Technik für euch ein Mittel zum Ziel des künstlerischen Ausdrucks oder ist die Maschine selbst das Ziel?

Peta: Manche kreieren ihre Musik erst durch eine Auseinandersetzung mit der Technik. Ich arbeite eher traditionell, das heißt mit handgespielter, analoger Musik und versuche das aufzunehmen, was ich auch nachher hören will. Manchmal bedeutet das schon massive Eingriffe in die Regie, aber meistens heißt das eher, das richtige Instrument, Verstärker, Einstellung, Mikro etc. auszusuchen und dann den Menschen entsprechend zu motivieren. Oder sich irgendwelche außergewöhnlichen Aufnahmemethoden auszudenken. Ich bin immer fasziniert von ProduzentInnen, die erzählen, wie sie ihre Sounds kreiert haben, sei es George Martin, Brian Wilson, Eddie Kramer oder wer auch immer (natürlich gibt es so gut wie nie Frauen dabei. Und wenn es mal eine gibt, wird statt nach ihren Methoden zu fragen, darüber diskutiert, warum es so wenige Frauen gibt. Frustrierend.) Weil es diese ganzen modernen Geräte gar nicht gab, mussten sie mit kreativen Lösungen kommen, die manchmal schlichtweg verrückt waren. Ihre Kreativität war enorm gefordert und dabei sind Sachen passiert, die überraschend und aufregend waren.
Julia: Kunst ist für mich, wenn sie etwas in mir auslöst. Es gibt bestimmte elektrische Geräte, die ich unter ästhetischen Gesichtspunkten als Kunstwerke bezeichnen würde, z. B. durch die Optik. Trotzdem sind viele Geräte nur Mittel zum Zweck, um kreativ arbeiten zu können. Ein Effektgerät alleine reicht nicht aus. Es funktioniert nur, wenn ich ein Signal reinschicke, was ich dann bearbeiten kann. Das Produkt hat bestenfalls etwas mit kreativer Arbeit zu tun. Bei einer Band, die abgemischt wird, leisten in erster Linie die MusikerInnen die kreative Arbeit. Durch ein Mischpult kann ich diesen Prozess verstärken oder ergänzen. Ohne den GeräuschemacherInnen, KomponistInnen, MusikerInnen oder SchauspielerInnen wäre jeder Film stumm. Aber natürlich auch, wenn es keine Technik geben würde, die das alles festhalten würde. Maschinen verrichten monotone Arbeiten. Alles, was zu berechnen ist, was mit Logik zu tun hat, kann von Maschinen ersetzt werden.

Bernadette: Werdet ihr in erster Linie wegen eurer technischen Fähigkeiten engagiert oder wegen eurer vermeintlich weiblichen sozialen Kompetenz?

Peta: Ich denke tatsächlich beides. Wenn Du eineN ProduzentIn aussuchst, ist neben technischem Wissen der menschliche Faktor natürlich wichtig. Versteht er/sie uns und was wir machen wollen? Haben wir Vertrauen? Mit Frauenbands habe ich auch gearbeitet, weil sie extra eine Frau gesucht haben, und ich hab live Bands gemischt, weil sie gern aus sozialen oder vielleicht gar politischen Gründen eine Frau im Tourbus haben wollten. Es würde den allgemeinen Umgangston verbessern, hieß es, man furze & rülpse weniger. Offensichtlich nie in einem Frauenband-Tourbus gewesen.
Julia: Es kommt natürlich auf beides an. Aber da in der Tontechnik die Männer in der eindeutigen Überzahl sind, glaube ich, dass ich den Leuten manchmal eher in Erinnerung bleibe, weil ich eine Frau bin. Es gab zum Glück nur wenige Situationen, in denen zu Beginn eines Jobs die Leute skeptisch waren und meine fachliche Kompetenz in Frage gestellt haben, weil ich weiblich bin. Einige TechnikerInnen ziehen eine nonverbale Kommunikation mit Ihrem Medium vor, was nicht immer den Arbeitsprozess fördert. Ich bin eher kommunikativ. Ich arbeite beim Fernsehen, wo sehr viele Frauen arbeiten. Da falle ich als Technikerin mittlerweile nicht mehr auf.

Bernadette: Geht euch dieses Interview auf die Nerven?

Peta: Es geht immer ein bisschen auf die Nerven, was als „Frau“ zu erzählen. Und doch weiß man, dass nur so Veränderung stattfinden kann. Dadurch dass wir Erfahrungen austauschen, Mythen abbauen, Netzwerke aufbauen und die nächsten Generationen ermuntern, noch weiter zu gehen.
Julia: Natürlich ist es nach wie vor wichtig, dass über Frauen in technischen Berufen berichtet wird, weil sie immer noch in der Minderheit sind. Ich möchte Interesse wecken und Mut machen, weil ich meine Arbeit liebe und nicht finde, dass nur Männer sie ausüben sollten.

Bernadette: Ich möchte noch sagen, dass man alles zu einer Technik machen kann, auch das Unfertige, Untechnische, Fragmentarische, Dilettantische, Zufällige, Hingerotzte kann die eigene Technik sein, eine Besessenheit gehört wohl dazu, ohne die keine Frau und kein Mann etwas Neues erfinden kann. Also, mehr Mut zum Experiment!

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