fiber #10: Das Mädchen mit dem Loch im Herzen

Anja Plaschg aka Soap&Skin aus einem kleinen Dorf in der Steiermark ist eine junge Musikerin mit einer großen Zukunft

Es gibt kaum eine schönere Beschreibung für Anja Plaschg als die, dass sie mit einem Loch im Herzen auf die Welt kam. Und so ist seit jeher die Wahrnehmung vom Schlagen und Pulsieren beruhigende wie beunruhigende Konstante in ihrem Leben. Nicht zufällig zeichnet das Shirt, das sie zum Treffen trägt, auf der Vorderseite eben genau dieses menschliche Organ, in dessen Mitte sie ein rotes, blutendes Loch gezeichnet hat. Beim Interview im Oktober 2006 bekam fiber einen ersten vagen Einblick in die Sphären hinter diesem Sinnbild. Das Gespräch für fiber führten Angela Tiefenthal und Stephanie Kiessling.

Anja Plaschg zu treffen, ist verstörend. Eine zierliche junge Frau mit leiser, kaum hörbarer Stimme, die nicht sagen kann, ob sie wirklich kompetent genug sei – im Sprechen über sich selbst – und dabei lacht während sie diese verwirrende These aufstellt. Gleichzeitig erwidert sie den Blick fest und ungebrochen und in den Momenten, in denen sie über die richtige Antwort nachdenkt, zeichnet sich eine tiefe und ernste Konzentration auf ihrem Gesicht ab. Eine ungewöhnliche Erscheinung für eine 16jährige, genauso ungewöhnlich wie die Musik, die sie seit gut zwei Jahren komponiert und auf ihrem Laptop bearbeitet und zusammensetzt. „Soap&Skin“ nennt sie sich und bringt damit die zwei konträren wenn auch nicht widersprüchlichen Komponenten ihrer Musik zum Ausdruck. Einerseits sind da die akustischen Stücke, die sich hauptsächlich aus Klavier, Geige und Stimme zusammensetzen und andererseits die elektronischen Stücke, die sie am Computer erarbeitet und mit Soundkollagen aus allen möglichen Alltagsgeräuschen und Umwelteinflüssen versetzt – angefangen von gesampelten Babyschreien bis hin zu dröhnenden Aufnahmen der 1.500 Schweine aus dem Schweinemastbetrieb ihrer Eltern in der Steiermark. Alle sinnliche Wahrnehmung fließt so zusammen und wird zu einem überwältigenden Klangteppich verwoben, der dann – vor Publikum – ausgeklopft wird.

Dabei entstehen sämtliche Kompositionen, genauso wie auch die Aufnahmen, alleine und in Zurückgezogenheit – keine Interaktion mit anderen, sondern isoliertes Arbeiten am Computer. Für Anja sind ihre Stücke in sich geschlossen, sodass sie bei Auftritten selbst nichts mehr daran verändern möchte, weil dann die gewünschte Spannung der Komposition nicht entstehen könnte. „Um live am Computer wirklich etwas machen zu können, müsste ich meinen ganzen Arbeitsstil ändern!”Das stellt so auf der Bühne eine große, wenn auch nur temporäre Herausforderung für Anja Plaschg dar, die Entwicklung zu anderen Produktionsweisen lässt sie sich lieber offen. Für das Publikum scheint sich hinter all dem Getöse auf Konzerten aber doch einiges mehr abzuspielen, denn allein durch ihre Präsenz und die minimalen Bewegungen hinterm Laptop erzeugt Soap&Skin eine unbestimmte und doch überschwappende Energie.

Bis vor kurzen produzierte Anja Plaschg all ihre Musik noch im eigenen Zimmer zu Hause bei den Eltern in der Steiermark, vor ein paar Wochen ist sie nach Wien gezogen, sie hat die Aufnahmeprüfung an der Akademie der Bildenden Künste bestanden. So beginnt Anja Plaschg jetzt Kunst zu studieren, im erweiterten malerischen Raum, wie es so schön heißt. Neben den Erfolgen rund um ihre ersten Auftritte in Wien und dem wachsenden medialen Interesse an ihr als Musikerin also eine weitere große Entwicklung in ihrem Leben: „Momentan ist einfach alles eine große Umstellung für mich. Komischerweise hat das aber immer geklappt! Auch in diesen riesigen Schritten.“ Dennoch bleibt trotz Kunstakademie das Musikmachen weiterhin Mittelpunkt ihrer künstlerischen Aktivitäten. Eine etwaige Plattenveröffentlichung auf Seayou Records kann sie allerdings nicht bestätigen. Viel mehr plant sie – zumindest im Augenblick – ihr erstes Album auf shitkatapult, einem international tätigen Label, zu veröffentlichen. Die konkrete Arbeit am Album hat sie bereits begonnen, nur weiß sie noch nicht wann es rauskommt: „Es geht gerade alles sehr schnell, ich will mir Zeit lassen.”

Auf wahrnehmbare Unterschiede zwischen den beiden Wohnorten angesprochen, vergleicht sie durch Bezüge auf eigene Konzerterfahrungen. In Graz wären die Leute so stets viel kritischer und kühler auf sie zugegangen, wohingegen sie in Wien eher die Erfahrung gemacht hat, sich irgendwo während eines Auftritts auch geborgen fühlen zu können.

Es ist schwer zu sagen, wie viel von dem, was Anja Plaschg zur Schau stellt, inszeniert ist und auf eine Reaktion des Publikums hin abzielt und wie viel unvermeidbare Entäußerung einer jungen talentierten Musikerin und Künstlerin ist. Sich auf myspace auf Selbstportraits mit entblößtem Oberkörper zu zeigen, lässt eine gewisse Bereitschaft zur Konfrontation/Provokation mit Erwartungen – sowohl in Bezug auf ihr Alter als auch an sie als junge Frau – vermuten. Gleichzeitig wird die vermeintliche Sexualisierung des (eigenen) Körpers mit dunklen, scheinbar blutunterlaufenen Augen oder verzerrt aufgerissenen Mund gebrochen und führt zu einer verstörenden Ästhetik, die den gängigen Schönheitsvorstellungen zuwiderläuft. So verdichten sich in der Arbeit von Anja Plaschg die gestalterisch-künstlerischen und die musikalischen Elemente immer stärker zu einem Ganzen, auch wenn bildende Kunst und Musik „noch“ zwei getrennte Sachen für sie sind. Der Mut, sich derartig „nackt“ dem Publikum auszuliefern und sich auf vielen Ebenen angreifbar zu machen, ist beeindruckend, nicht nur was ihre visuelle Inszenierung betrifft, auch umgelegt auf die Musik. „Es ist sehr heftig für mich, weil soviel Angriffsfläche da ist. Mit Kritik was meine Musik betrifft umzugehen, ist schwer für mich, was vielleicht auch an meinem Alter liegen mag.“ Hier geht es nicht um eitle, gar narzisstische Selbstdarstellung sondern um das Austesten von Grenzen und Möglichkeiten, einem Weiterstreben bis zu einem Punkt „of no return“. „Ich kann einfach nicht anders“ formuliert sie diesen Drang nach Grenzwahrnehmung und -überschreitung.

Ähnlich unbefangen äußert sich Anja Plaschg hinsichtlich doppeldeutiger bis anzüglicher Interpretationen ihres Künstlernamens Soap&Skin. Wird in Berichten und Interviews ihr Name häufig mit Assoziationen wie „Sanft wie Seife auf der Haut“ bis hin zu fast softpornografischen Anspielungen a la „eingeseifte Frauenhaut“ in Verbindung gebracht, so waren ihr derartige Verknüpfungen bis dato fremd: „Ich sah in meinem Künstlernamen, bis zur Konfrontation mit derartigen Interpretationen, immer eher abstrakte Fragmente zweier Elemente und deren Zusammenspiel – wiederzufinden in den zwei konträren Musikstilen.“

Eine reflektierte Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, der eigenen Rolle und dem Bild von und über sich ist für eine Teenagerin an und für sich keine Selbstverständlichkeit. Und so liegt die Frage nahe, ob der Aspekt, eine Frau zu sein noch Relevanz hat bei einer so jungen Frau, die definitiv bereits Teil der nächsten Frauen-„Generation“ ist: „Es hat mich schon immer wieder schockiert, in wie weit Frauen auch schon in meinem Alter diese vorgegebenen Rollen einnehmen und sich den Männern quasi unterwerfen!“ Auf der anderen Seite aber, meint sie: „Wenn ich mich mit dieser Thematik intensiver befasse, dann merke ich, wie sich die eigene Wahrnehmung in eine derartige Empfänglichkeit im Suchen und Finden der Opferrolle als Frau fixiert. Ich habe eine längere Zeit hindurch feministische Literatur gelesen, aber habe es in beinah resignierter Trauer im Drang zur Neutralität vorrübergehend stehen lassen.“

Nicht Opfer sein zu wollen ist etwas, was sich als Emanzipationsbestrebung durch die lange Geschichte der Frauen bzw. der Kunst von Frauen zieht und auch wenn die Etikettierung a la „Frauenmusik“ auf Soap&Skin keineswegs passend wäre, so scheinen doch einige Motive „verwandt“. Ein so junges und freies Projekt wie Soap&Skin ist allerdings gut beraten, sich von dererlei Vereinnahmungsversuchen fernzuhalten, sagen doch die Zuschreibungen und Projektionen oftmals mehr über die RezipientInnen denn über die Rezipierte selbst aus. Auch Vergleiche mit anderen Musikerinnen – hier vor allem Eva Jantschitsch alias „Gustav“ – bieten sich scheinbar perfekt an: auch eine Frau, auch aus der Steiermark, auch Musikerin, auch (zumindest teilweise) alleine und elektronisch arbeitend und auch ein angeeigneter Männername (Anja verwendet in ihrer Unterschrift Franz – abgeleitet von Franziska – als Zweitnamen). Das sind dann schnell mehr Gemeinsamkeiten als gut sind, um wirklich noch Unterschiede wahrnehmen zu können, wie unlängst in einem Radiointerview der Vergleich zwischen Gustav und Anja „Franz Lasch” von Fritz Ostermayer bemüht wurde. Der Wunsch nach Abgrenzung wird von Anja Plaschg ungewöhnlich klar formuliert: „Ich habe die Geschichte von Gustav bezüglich ihres Namens nur hintergründig wahrgenommen, und bei meiner Namensreduktion nie an sie gedacht. Ich finde auch das sich unsere Musik nicht miteinander vergleichen lässt. Deshalb habe ich mich sehr darüber geärgert.“

Eines jedenfalls ist klar, Anja Plaschg aka Soap&Skin stellt in der momentanen österreichischen Musiklandschaft eine Einzigartigkeit dar, die sich vor allem durch großen Mut in der Herangehensweise an Ideen als auch in der Ausdrucksstärke in der Umsetzung auszeichnet. Ein Blick auf eine ihrer Webseiten zeigt, dass dieses Talent auch schon andere erkannt haben. Allein auf myspace häufen sich enthusiastische Postings schon im 3stelligen Bereich. Einer steilen Karriere scheint Soap&Skin also nichts im Weg zu stehen. Wir sind jedenfalls gespannt!

http://www.soapandskin.com/
http.//www.myspace.com/soapandskin/

Unser Musiktipp zum Artikel – natürlich - Soap&Skin „Wein End Aus Zug“

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