fiber #9: NOUVELLE? CHANSON? FRANÇAISE?

Das französische Chanson zwischen Glamour und Schlichtheit, musikalischem Genre und nationalem Mythos: Ein Einblick in die aktuelle französische Chanson-Szene, deren ProtagonistInnen zwischen 20 und 80 Jahren alt sind und deren größte Gemeinsamkeit in der Zugehörigkeit zur französischen Nation besteht.

Was verbindet im Frühjahr 2006 Franz Ferdinand, Cat Power, Michael Stipe, Tricky, Marianne Faithfull, Feist und The Kills? Antwort: Serge Gainsbourg. Gemeinsam mit französischen Sängerinnen und der „offiziellen Witwe“ Jane Birkin haben sie mit „Monsieur Gainsbourg revisited“ eine sehr gelungene Zusammenstellung an Neuinterpretationen aus dem immensen Repertoire des 1991 verstorbenen populären französischen Chanson-Künstlers geliefert.
Unter den jungen Chanson-MusikerInnen wird heute Benjamin Biolay als derjenige begriffen, der mit Gainsbourg „am ehesten“ vergleichbar ist. Seine Schwester Coralie Clément, für die er unter anderem schreibt, wird indessen schon mal als mögliche Jane-Birkin-Nachfolge gehandelt. „Jane B.“ selbst denkt aber auch mit 60 Jahren nicht im Geringsten daran, sich von einer Jüngeren ablösen zu lassen. Ihr eben erschienenes Album „fictions“ ist, wie bereits „Rendez-Vous“ (2004), in Zusammenarbeit mit Renaud Letang (Manu Chao) und Chilly Gonzales entstanden. Auf den Album-Fotos1 präsentiert sich die Schauspielerin in ewiger Jugendlichkeit und stilsicherer Eleganz. Glamouröses Auftreten gibt es in der Chanson-Szene nicht erst seit (Ex-)Supermodel Carla Bruni Ende 2002 mit dem Album “Quelqu’un m’a dit“ aufgetaucht ist. Mit ihren Kompositionen, die sie selbst auf der Gitarre begleitet, hat sie – durchaus berechtigt – internationalen Erfolg. Zum glamourösen Image des Chansons haben neben den großen Interpretinnen à la Juliette Gréco und Dalida nicht zuletzt unzählige singende Schauspielerinnen wie Catherine Deneuve beigetragen.

Ein Chanson ist ein Chanson ist ein Chanson. Oder? Zunächst bedeutet Chanson nichts anderes als “Lied”. In Frankreich wird unter dem Begriff „chanson française“ nicht selten die gesamte französischsprachigen oft inklusive der in einer der Regionalsprachen verfassten Textmusik, subsumiert. In der großteils deutschsprachigen (wissenschaftlichen) Chanson-Forschung lautet der einhellige Tenor, dass das Chanson als eine Einheit aus Text, Musik und Interpretation zu verstehen ist. Noch etwas haben alle Konzepte gemeinsam, wenn auch weniger explizit: Sie sind an die Nation Frankreich gebunden. Demnach sind in Chanson-Lexika die ursprünglich aus der Pariser Squat-Szene stammenden RockmusikerInnen Les Rita Mitsouko ebenso enthalten wie die franko-marokkanische Sängerin Sapho, der meist spanisch singende Manu Chao oder der wohl bekannteste französische Rapper MC Solaar. (Nichtsdestotrotz bleibt der französische Hiphop ein eigenes Kapitel!) Hauptsache ist, dass die jeweiligen MusikerInnen in Frankreich arbeiten und/oder auf Französisch singen. Wenn ein/e potentiell erfolgreiche/r Chanson-KünstlerIn nicht auf französischem Boden geboren wurde, wie etwa der aus Belgien stammende Jacques Brel, so wird er/sie (musikalisch) dennoch der grande nation einverleibt. Der englische French-Cultural Studies-Theoretiker David L. Looseley bezeichnet das französische Chanson dementsprechend als nationalen Mythos, wie ihn Roland Barthes beispielsweise auch der Tour de France zugeschrieben hat.

Nicht alle MusikerInnen fühlen sich aber dem Label „französisches Chanson” verpflichtet bzw. zugehörig. So behauptet etwa die weiter unten erwähnte Juliette während eines Konzerts scherzhaft: „Ich mag das französische Chanson nicht, ich mache nur Chansons, weil das viel Geld einbringt und „französische”, weil ich nur Französisch spreche.“ Dennoch: Der Mythos lebt und ist im Besonderen verbunden mit drei Namen des existentialistischen Chansons der Nachkriegszeit: Georges Brassens, Jacques Brel und Léo Ferré. Für viele stehen diese Sänger, welche allesamt als auteur-compositeur-interprète2, kurz
„ACI”, fungieren, immer noch für ein Chanson-Ideal, an dem sich alles Nachkommende messen muss. Die dahinter stehende Tradition ist damit allerdings eine männlich, weiss, heterosexuell (-sexistisch), tendenziell bürgerlich dominierte und nur allzu oft eine frauenfeindliche. Weibliche Musikerinnen fanden darin lange Zeit nur als gesangliche Interpretinnen ihren Platz. Sowohl die Erscheinung der Musiker(innen) als auch die musikalische Komponente dieser “klassischen” Form des Chansons ist im Normalfall als „schlicht” zu bezeichnen. Denn die Verständlichkeit des Textes steht hierbei im Vordergrund. Nicht umsonst werden die NachfolgerInnen von Brel-Brassens-Ferré heute als VertreterInnen des chanson à texte bezeichnet.

Edith & Co. Die weibliche Rolle der Interpretin hat in der französischen Textmusik eine ebenso lange Tradition wie anderswo auch. Neben den „reinen” Interpretinnen, denen oftmals Lieder “auf den Leib” geschrieben wurden, betätigten sich einige auch als Autorinnen. Edith Piaf etwa, welche gemeinhin ausschließlich als Interpretin (par excellence!) wahrgenommen wird, hat in ihrem Leben unzählige Chanson-Texte und die Musik mancher ihrer größten Hits geschrieben. Allerdings durfte sie für ihre Kompositionen nicht selbst verantwortlich zeichnen, da ihre Notenkenntnisse aus Sicht der französischen Verwertungsgesellschaft unzureichend waren. Komponistinnen blieben lange Zeit im Hintergrund. Erste Ausnahmen waren etwa Marguerite Monnot, welche insbesondere für Piaf geschrieben hat oder Mireille, welche im Jahr 1955 mit dem Petit Conservatoire de la chanson die erste Chanson-Schule gegründet hat. Die heute noch aktive Françoise Hardy war eine ihrer SchülerInnen. Mit Barbara tauchte in den 1960er Jahren die erste erfolgreiche weibliche ACI auf. In den 1970er Jahren steht insbesondere Anne Sylvestre für eine parole féminine, eine „weibliche Ausdrucksweise”, welche sich vor allem auf die (feministischen) Textinhalte bezieht. Formal wurden hier – im Gegensatz zur Literatur (écriture féminine) nur wenig Experimente gemacht.

Nouvelle Scène. Im Jahr 2000 arbeiteten Keren Ann (Zeidel) und Benjamin Biolay gemeinsam für das sehr erfolgreiche Album „Chambre avec vue”, im Auftrag des 89-jährigen Henri Salvador. Das war der Startpunkt dessen, was heute als nouvelle chanson bezeichnet wird. In dessen Gefolge tritt eine große Zahl neuer Chanson-MusikerInnen auf, darunter erstaunlich viele weibliche Sängerinnen, in der Mehrzahl ACIs: Anaïs, Oshen, Emilie Simon, Pauline Croze oder die durch ihre Beteiligung am Projekt „Nouvelle Vague” („Too drunk to fuck” u. a.) bekannte Camille. Als Inbegriff des jungen chanson à texte gelten Jeanne Cherhal, Bénabar und Vincent Delerm. Während also teilweise eine Rückbesinnung auf die Lieder der 1950er und 1960er Jahre stattfindet, lässt sich die junge Chanson-Szene auch von der englischsprachigen Singer-Songwriter-Tradition beeinflussen. Die ProtagonistInnen werden meist von kleineren, unabhängigen Labels herausgebracht. Viele haben (Geisteswissenschaften) studiert. Kritische oder wenigstens provokante Texte (à la Gainsbourg) sind im nouvelle chanson dennoch vollkommen out. Mit wenigen Ausnahmen: Mickey 3d etwa, oder Agnès Bihl, welche wegen ihrer (feministisch) engagierten und ironisch-frechen Texte mit Rio Reiser und dem Franzosen Renaud verglichen wird. Oder eben Juliette Noureddine (aka Juliette). Die vierzigjährige Französin schreibt seit 20 Jahren chansons à texte und begleitet ihre Stimme am Klavier. In den letzten Jahren war ihre Karriere von überdurchschnittlichem Erfolg begleitet. Juliette weicht in mehrerlei Hinsicht von der restlichen aktuellen Szene ab. Ihre Konzerte sind kleine Theater-Performances bei denen sie es wunderbar versteht, mit ihrem Körperumfang in ironischer Weise zu spielen und in einem Interview erklärt sie: „Mein Romeo heisst Juliette.“ Obwohl sie ihre Sexualität als Privatsache versteht, ist sie im Moment die stärkste queere Präsenz in der aktuellen französischen Musikszene.

text: Birgit Louise Michlmayer

Birgit Louise Michlmayr hat Französisch und Geschichte in Wien und Paris studiert. Ihre Diplomarbeit verfasste sie zum Thema „Gender im französischen Chanson”. Sie ist Musikerin bei First Fatal Kiss und Nin Com Poop.

(1) Vgl. http://www.janebirkin.net
(2)= Autor-Komponist-Interpret

Literaturtipps:
LOOSELEY, David L.: Popular Music in Contemporary France. Authenticity, Politics, Debate. Oxford u. a. (Berg) 2003.
OBERHUBER, Andrea: Chanson(s) de(s) femme(s). Entwicklung und Typologie des weiblichen Chansons in Frankreich 1963-1993. Berlin (Erich Schmidt Verlag) 1995, Univ.-Diss. 1994.
PERRIN, Ludovic: Une nouvelle chanson française. Vincent Delerm, Carla Bruni, -M-, Keren Ann, Benjamin Biolay, Mickey 3D, Bénabar, Raphaël, Sanseverino et les autres…. Paris (Hors Collection) 2005.

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