fiber #8: Ladyspace.

Wie sieht ein Ladyspace aus? Ist Ladyspace nur die hippe Bezeichnung für Frauenraum? Woher kommt der Begriff, was steckt dahinter? Mit diesen Fragen beschäftigen sich Bettina Mooshammer und Eva Trimmel.

Der Begriff „Ladyspace“ entstand in den Diskussionen zur Raumpolitik von Ladyfesten.1 Da das Ladyfest ein nach dem DIY2 Prinzip organisiertes Festival ist, sind Programm und Inhalt jeweils abhängig von den Prioritäten der einzelnen VeranstalterInnen. Was aber alle Ladyfeste verbindet, ist das Streben nach Möglichkeiten, für Frauen und Transgenderpersonen Raumanspruch geltend zu machen. Deshalb sollen diese auf der Bühne, der Leinwand so wie auf dem gesamten Festival im Vordergrund stehen. Das heißt, dass sie bestimmen, was in den Räumen passiert. Dort, wo wir uns tagtäglich bewegen, ist das keine Selbstverständlichkeit. Um diese Ansprüche und Erwartungen an die Räume umsetzen zu können, ist es notwendig „andere“ Räume zu schaffen. Diese „anderen” Räume“ beschreiben wir mit dem Begriff „Ladyspace“. Da sich Ladyspace nicht auf einen abgegrenzten physischen, sondern auf einen sozialen Raum bezieht, gibt es keine objektiven Kriterien, die ihn kennzeichnen. Viel eher lässt sich ein Ladyspace über subjektive Empfindungen und Wünsche beschreiben. In Diskussionen was einen Ladyspace von anderen herkömmlichen Räumen unterscheidet, hat sich herauskristallisiert, dass für viele Frauen und Transgenderpersonen folgende Aspekte einen Ladyspace auszeichnen: ein respektvoller Umgang miteinander und Vertrauen zueinander. Das impliziert nicht nur die Erwartung, dass Übergriffe in einem solchen Raum keinen Platz haben, sondern auch das Akzeptieren unterschiedlicher Lebens- und Identitätsentwürfe.

Feministische Gegenräume
Das Ladyfest versucht, mit unterschiedlichen Ansätzen von feministischen Raumpraktiken Verschiebungen im sozialen Raum zu bewirken und somit feministische Gegenräume zu erzeugen. Gegenräume sind jene Räume, die sich gegen vorherrschende Strukturen aussprechen. Einen Ansatz dazu bietet die Einladungspolitik, bei der bereits im Vorfeld durch Entscheidungen über Ein- und Ausschlusskriterien (bei der Organisation, den Künstlerinnen als auch beim Publikum) Voraussetzungen für die Entstehung von Gegenräumen geschaffen werden sollen. Dabei kommt es oft zu Widersprüchlichkeiten zwischen den Ansprüchen, einerseits klassische Geschlechtszuschreibungen auflösen zu wollen und anderseits die Repräsentation von Frauen in Kunst und Kultur zu fördern. Aber in den Räumen des Widerspruchs liegt das Potential für Veränderung und die Herstellung von Gegenräumen.

Auch wenn sich Ladyspace nicht an einer physischen Grenze definiert, ist bei seiner Produktion doch die konkrete Raumauswahl mitbestimmend. Das Ladyfest will den Anspruch auf Raum nicht nur in bereits bestehenden Frauenräumen geltend machen, sondern auch in einer heterogenen Umgebung einfordern. In der Auswahl vieler unterschiedlicher Räume liegt das Potential, in unterschiedliche Strukturen einzugreifen und dort Gegenräume entstehen zu lassen. So definiert sich Ladyspace als ein feministischer Gegenraum, da bei seiner Produktion das Ziel ist, die vorherrschenden, von Sexismus und Homophobie geprägten Räume zu unterlaufen und zu dekonstruieren. Um einen Ladyspace entstehen zu lassen, ist es notwendig, aktiv an seiner Produktion zu arbeiten. Denn wie Hannah Arendt1 den Erscheinungsraum als einen Raum beschreibt, der nur so lange existiert, wie auch an seiner Produktion gearbeitet wird, können hier Parallelen zum Ladyspace gezogen werden. Ein feministischer Erscheinungsraum wird produziert, wenn in altbekannten unangenehmen Situationen anders gehandelt wird. Situationen wie - Zwei-Meter-Mann stellt sich auf Konzert vor Einmetersechzig-Frau, oder betrunkener Tänzer vertreibt alle anwesenden Frauen durch seinen aggressiven Tanzstil - werden nicht mehr stumm ertragen. Frauen und Transgenderpersonen lassen sich ihren Raum nicht so einfach wegnehmen, sondern greifen gemeinsam ein.

Strategien
Aber die Strategien und Aktionen, die der Produktion eines feministischen Gegenraumes dienen, laufen auf dem Ladyfest nicht nur auf oben erwähnter, sondern auf mehreren unterschiedlichen Ebenen ab. Schon bei der Planung des Festivals wird versucht, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen: Dazu gehören Einladungs-, Finanzierungs- und Preispolitik genauso wie Öffentlichkeitsarbeit. Über diese Mechanismen wird bestimmt, welche Personen sich von dem Konzept angesprochen fühlen, denn für die Produktion eines sozialen Raumes ist es ganz maßgeblich, wer sich in ihm aufhält.

Auf dem Festival selbst wird eine Reihe von Strategien eingesetzt, die an unterschiedlichen Punkten ansetzen. Zur Steigerung der Sichtbarkeit im öffentlichen Raum beispielsweise dienen Demonstrationen und Kundgebungen ebenso wie Graffiti und Aufkleber. Bei der ersten der beiden Strategien wird Präsenz über die Anwesenheit einer heterogenen Gruppe von Menschen transportiert, bei der zweiten über Zeichen und Symbole. Strategien, die sich mit der (Re-) Präsentation von kreativem Schaffen von Frauen- und Transgenderpersonen auseinandersetzen, zeichnen sich wiederum durch die Aneignung von Bühnenraum, Ausstellungs- oder Projektionsflächen und das Vermitteln von feministisch/queeren Inhalten aus. Hierbei spielt der Versuch des Auflösens oder zumindest des Thematisierens der Schwelle zwischen Aktivität und Passivität, Partizipieren und Konsumieren durch Konzepte wie die Open Stage2 eine zusätzliche Rolle. Die Aneignung und Vermittlung von Praktiken und Wissen in Workshops öffnet als Strategie des Self-Empowerment neue Vorstellungen von Handlungsräumen, indem sie in die Wahrnehmung von (eigenen) Kompetenzen eingreifen. Aber auch im ganz „kleinen Maßstab“ wird am Ladyspace gearbeitet. Mit individuellen (Körper-) Grenzen beschäftigt sich das Konzept der Self-Security, bei der das gegenseitige Vertrauen und der respektvolle Umgang miteinander im Vordergrund stehen. Im Idealfall sollen alle BesucherInnen bei verbalen oder körperlichen Übergriffen Zivilcourage zeigen und einschreiten.

All die eben erwähnten Strategien sind nicht neu, was aber das Ladyfest so besonders macht, ist, dass sie parallel auf mehreren Ebenen ihre Anwendung finden. Diese Konzentration macht den Effekt des Festivals aus. Denn es reicht nicht, bloß ein Konzert mit einer Frauenband auf der Bühne zu veranstalten, um einen Ladyspace entstehen zu lassen. Es ist unumgänglich, die anderen Ebenen mitzudenken, weil Räume immer geprägt sind von vorausgegangenen Ereignissen und vor Ort bestehenden sozialen Räumen. Ein Raum kann nie losgelöst von seinem alltäglichen Kontext betrachtet werden, und deshalb ist es wichtig, dass die Strategien der Raumaneignung den vorherrschenden Strukturen stark genug widersprechen. Denn sonst besteht die Gefahr, dass sich das widerständische Potential verläuft und kein Gegenraum entsteht, sondern die alltäglichen Strukturen lediglich wiederholt werden.

Trotz aller Bemühungen wird die Existenz eines Ladyspaces aufgrund individueller Ansprüche höchst unterschiedlich wahrgenommen, da Raumaneignung auf einer sehr subjektiven Ebene stattfindet. Für das Entstehen eines Ladyspaces ist es daher wichtig, dass jede/r Einzelne das Begehren nach einem solchen Raum mitbringt und sich aktiv an dessen Umsetzung beteiligt. Denn nur aktive Partizipation kann zu einer Veränderung des sozialen Raumes führen.
Leider ist Ladyspace definitiv nicht etwas, das in den Räumen, in denen wir uns tagtäglich bewegen, existiert. Deshalb muss er jedes Mal und in jeder Situation aufs Neue geschaffen werden.

text: Eva Trimmel und Bettina Mooshammer

Webtipp:
http://www.ladyfestwien.org/
http://www.ladyfest.net/

Fußnoten:
1 Das Ladyfest ist ein feministisches Kunst- und Kulturfestival, das zumeist von Frauen, Lesben und Transgenderpersonen organisiert wird. Eingeladen zum Besuch des Festivals sind jedoch Ladies of all Genders. Im Zusammenhang mit dem Ladyfest bezieht sich der Begriff Lady weder auf das Geschlecht noch auf den sozialen Status. Es geht darum, durch die Selbstbezeichnung „Lady“ den Respekt, der einer „Lady“ entgegengebracht wird, für sich einzufordern.
2 Do it yourself
3 Arendt, Hannah: Vita activa, München, 1981, S. 251
4 Open Stage – Bühne samt Equipment wird zur Verfügung gestellt und steht für alle Personen offen, die auftreten wollen.

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