Abstracts Panel 1
<To be famous is so nice>
Wege zum Ruhm

Allgemein:
Wege zum Ruhm. (Um- Irr- und Ab-) Wege zum Ruhm sollen durch das Erzählen des eigenen Werdeganges nachvollziehbar werden. Die Biografien sollen Einblicke in den persönlichen Zugang zur Musik, zum Musik machen und zu dem Musikgeschäft ermöglichen. Dabei geht es auch um die Frage des Star-Seins, des Kults und des Status in der Popindustrie, welche die Wege zum Ruhm konkret vorzeichnet, die allerdings oft nicht abgegangen werden wollen. Reflexionen über Möglichkeiten, abseits der Kommerzialisierung und Vermarktung als MusikerInnen Wege zu finden, von dem MusikerInnen-Dasein auch (über-)leben zu können, also wie der Spagat zwischen Selbstvermarktung und (Selbst-)Ansprüche zu bewerkstelligen ist. Strukturelle Barrieren sind genauso Thema dieses Panels wie persönliche oder kollektive Strategien ihrer Überwindung.

Konkretere Überlegungen / Fragestellungen:
Die erste Frage, die sich bei einer Diskussion zum Thema „Wege zum Ruhm“ aufdrängt:  was ist denn eigentlich eine „erfolgreiche resp. ‚ruhmreiche’ Musikerin“? Was zeichnet den Erfolg einer Musikerin aus, woran lässt sich ihr Ruhm messen?

wie häufig sie das Cover von Spex, Intro, Musikexpress u. a. zierte?
oder das Cover vom „Rolling Stone“?
an der Anzahl ihrer verkauften Platten?
an der Zahl der BesucherInnen auf ihren Konzerten oder wie viele Tickets verkauft wurden (ist ja auch nicht immer dasselbe?)
ob sie vom Musik-Machen leben kann?
ob sie einen (Platten-)Vertrag hat?
ob sie einen (Platten-)Vertrag hat, von dem sie leben kann?
Oder ob sie überhaupt schon einen Tonträger produziert hat? Und wenn ja, wie viele?
an den Platzierungen ihrer Lieder in der Hitparade?
An ihrer Bekanntheit?
oder an den Grammy / MTV-Awards oder anderen Preisen / Auszeichnungen, die sie bekommen hat?
an ihrem Kontostand?
oder oder oder …

Die Sammlung dieser unterschiedlichen Aspekte von „Erfolg“ verdeutlicht, dass die Massstäbe je nach Szenen und Ansprüchen ganz unterschiedlich sind und sich auch nicht einfach von der einen in die andere Sphäre transformieren lassen.1 Dennoch sind sie nicht völlig beliebig und drücken unterschiedliche Schwerpunktsetzungen bzw. auch verschiedene Stationen einer erfolgreichen Karriere als Musikerin aus.

Wenn rampenfiber zu einer Diskussion einlädt, in welcher der Frage nach Anerkennung, Erfolg und Ruhm für Musikerinnen nachgespürt werden soll, dann ist zu vermuten, dass es dabei nicht um die Platzierungen in den internationalen Hitparaden geht. Bestenfalls ist der Powerplay auf den lokalen Radiostationen ein Indikator. Aber Öffentlichkeit als Musikerin - die Erwähnung, Besprechung und Kritik ihrer Konzerte, Veröffentlichungen, ihres Auftretens in den Medien – ist jedenfalls eine  wichtige Voraussetzung, Bekanntheit über den eigenen engeren FreundInnen-Kreis hinaus zu erlangen. So dieses überhaupt angestrebt wird.  

Also soll die Frage nach dem Wünschen und Träumen des Erfolgreich-Sein (des „Pop-Star“-Seins?) gestellt werden. Welche Kriterien sind für die Musikerinnen relevant, welche Anpassungen notwendig. Uns interessieren einerseits die „persönlichen“ Geschichten und Zugänge, die biografischen Entwicklungen von Musikerinnen: Was wird gehofft, was phantasiert? Was ermutigt? Und für die Nicht-Musikerinnen spannend die Frage: Wie ist es denn da oben, im Rampenlicht. Gibt es so etwas wie ein weibliches Startum jenseits der MTV und Viva Hochglanz-Vorlagen. Wodurch unterscheiden sich denn die „weiblichen“ (Musikerinnen-)Karrieren von den „männlichen“? Und wenn wir an den häufig postulierten positiven Einfluss von weiblichen Rolemodels denken - gibt es einen spürbaren Einfluss auf das (weibliche) Publikum, wie wird die (eigene) Rolle als „Rolemodel“ wahrgenommen? Und natürlich interessiert auch die Kehrseite von „Ruhm“ bzw. Bekanntheit: Was wird gefürchtet? Was schreckt vor dem Weg als Musikerin ab?

Ein weiterer Aspekt ist die Frage nach dem bewusst eingesetzten (DIY-)Dilletantismus in Abgrenzung zu einer vorwiegend männlich besetzen Vorstellung von musikalischer Virtuosität. Und damit verbunden provokant die Frage, ob dieses Erobern der Bühne mit dem Verzicht auf „handwerkliches“ Können eine langfristige Strategie sein kann oder ob dies nur „für den Moment“ selbstermächtigend wirkt, auf Perspektive jedoch vielleicht sogar kontraproduktiv wirkt? 

Daran anschliessend stellt sich die nächste grundlegende Frage: Wie definiert sich das Musikerinnen-Dasein? Allein durch die Selbst-Setzung (ich bin was ich sage, dass ich bin) oder nach objektivierbaren Kriterien wie nach der Definition „Berufsmusikerin“? Oder wird diese Entscheidung rein pragmatisch getroffen, wenn auf dem Zettel der Sozialversicherung die Berufsbezeichnung „Künstlerin“ angekreuzt werden muss? Sind es also die institutionellen Rahmen, die einer schlussendlich diese Entscheidung abverlangen? Gerade in der Pop- bzw. der so genannten „Unterhaltungs-“ Musik ist eine klare Abgrenzung von „professioneller“ vs. „Freizeitmusikerin“ kaum möglich, die Übergänge sind verschwimmend und aus dem einen ergibt sich das andere und wieder umgekehrt wenn – ja wenn es sich vom Musikmachen leben lässt. Wie und auf welche Weisen dieses „davon leben“ zu bewerkstelligen ist, auch darüber soll auf diesem Panel diskutiert werden, 
ebenso wie über den Umstand, als Musikerin beispielsweise in bestimmten Szene bekannt zu sein – quasi eine „local heroine“ zu sein – und trotzdem nicht davon leben können. Und hier wird das Abgrenzungsproblem Ruhm/Erfolg wieder virulent – inwiefern wird hier (ökonomischer) Erfolg mit einem nicht-messbaren Ruhm im Sinne von Ansehen oder Prestige gleichgesetzt…?

Gleichzeitig wird das Artikulieren des Wunsches nach Erfolg und Ruhm in eben jenen „alternativen“ oder „subkulturellen“ Szenen argwöhnisch betrachtet: Das Anstreben von Erfolg scheint wenig opportun. Gut ist doch, wer nicht Mainstream ist und wer nicht Mainstream ist, kann halt nicht davon leben ergo kann eine gute bzw. „korrekte“ Musikerin nicht professionell sondern nur – von allen marktrelevanten Faktoren unabhängig – nebenbei und damit frei musizieren. Und die wenigen, die gut sind und doch davon leben können, sind eben wirklich, richtig gut und dann sind sie zumeist (zufällig) Männer. (Liegt da irgendwo der Hund begraben? Oder ist eben doch nur für wenige Platz, da oben an der Spitze?) Der Wechsel zu einem „Major-Label“ wird in den seltensten Fällen goutiert und zumindest kritisch kommentiert. Ein gutes Beispiel dafür sind die Diskussionen rund um den Label-Wechsel der feministischen Band „Le tigre“ … Aber Halt – auch hier wieder die Frage: Von wem sprechen wir eigentlich und vielleicht stellt sich diese Frage für viele Musikerinnen erst gar nicht? Vielleicht, weil sie nicht den vermarktbaren Etiketten entsprechen (wollen oder können) und somit nicht in die Verlegenheit kommen. Oder weil sie diesen Weg verweigern, weil Musikerinnen die Einschränkungen und Einmischungen, die mit einem Plattenvertrag verbunden wären, nicht eingehen wollen. Oder schlicht aus politischen Gründen? „It's not a bad thing to get professional“ singt Amanda Palmer von den Dresden Dolls, die sich als Sängerin des erfolgreichen Alternative Punk-Cabaret-Duos kaum die Frage nach dem Zusammenhang von Erfolg und Kommerzialisierung zu stellen scheint. Vielleicht, weil es für sie kein notgedrungen schlechter ist.

Kann Frau also den Wunsch nach Erfolg und „Karriere“ formulieren (d.h. auch nach monetärem Erfolg) ohne damit sich / ihre Seele / ihre Unanbhängigkeit und Glaubwürdigkeit zu verkaufen? Und um bei den alternativen Strategien und positiven Beispielen zu bleiben: Wie sieht es aus mit den (feministischen, weiblichen) Netzwerken und Labels, welche Utopien und Hoffnungen sind damit verbunden und welche Erfahrungen gibt es, mittlerweile nach doch schon einigen Jahren an female networking, Ladyfesten, Labelgründungen und Label-Auflösungen ….? Sind diese Netzwerke wirklich eine Alternative zu den bestehenden, monetär definierten, hierarchisch organisierten marktwirtschaftlichen Systemen oder bleiben Netzwerke, in denen es nichts zu verteilen gibt (ausser bestenfalls Informationen, und dieses Ressource ist nicht zu unterschätzen) zahnlos? Und selbst wenn Netzwerke tatsächlich „Jobs“ (bzw. Zugang zu Jobs) vermitteln können, welche Ein- und Ausschlussmechanismen werden dann wirksam? Nach welchen Kriterien (von wem, an wem) werden dann die relevanten Informationen verteilt, wer beurteilt, welche Künstlerin zu welchem Gig vermittelt wird? Wie „demokratisch“ können also diese Netzwerke sein, wie transparent sind die (Selektions-)Mechanismen?   

Es scheint, als würde jedes (auch noch so widerborstige, ‚subversive’) System (eigene und doch ähnliche) Regeln etablieren, die den Objektivierungs­ansprüchen der kapitalistischen Marktwirtschaft entsprechend das Unmessbare messbar machen sollen – wenn z.B. als Messeinheit für Erfolg einer Musikerinnen / DJs die Häufigkeit des Auflegens bei Festen resp. das Angefragt werden oder sein (quasi ihre Bekanntheit“) gilt, wenn für einen Auftritt plötzlich bezahlt wird usw. usf.. .  Wie ist also über (persönlichen, gesellschaftlichen) „Erfolg“ nachzudenken, ohne diesen „Objektivierungen“ und damit einhergehenden  Normierungen ins Wort zu reden? Ist es besser, davon zu schweigen? rampenfiber glaubt nicht. Denn die herrschenden (Konkurrenz-)Verhältnisse zu beschweigen, in schwesterlicher Verbundenheit Einigkeit zu skandieren (sisters, unite!), täuscht über die Konkurrenz und den Druck auch in diesen „Szenen“ hinweg. Nicht Entsolidarisierung ist der Weg, das ist klar, aber eine Verständigung was erreicht werden kann (darf, muss und/oder soll?), scheint notwendig. Here we are!



Wunsch nach Karriere und Erfolg
Susanne Kirchmayr / DJ Electric Indigo

Erfolg während eines Auftrittes ist einfach zu konstatieren: Entsprechend unmittelbar, wie die Musik wirkt, reagiert auch das Publikum. Schaffe ich es, die Menschen in den Bann meiner Platten zu ziehen, wenigstens zeitweilig, wenigstens teilweise? Diese Frage mit ja beantworten zu können, ist sicherlich einer meiner stetigen Wünsche nach Erfolg, um nicht zu sagen die grundsätzliche Anforderung, was mein DJ-Dasein betrifft. Wechselhaft, wie das nun mal funktioniert – es klappt nicht jedes mal mit dem „Flow“, mit dem Austausch zwischen mir und den Leuten auf der Tanzfläche oder denen, die dort erst gar nicht sind, ist auch die Sicht auf  den eigenen Erfolg. In manchmal erschreckender Abhängigkeit von einzelnen Kommentaren, besonders empfindlich für negative Eindrücke, begeisterte Äußerungen gerne als unzureichend reflektiert ignorierend verkehrt sich der angebliche Ruhm oft in eine Serie peinlicher Entblößungen. Seltsamerweise ist aber gerade dieses permanente Risiko des Scheiterns ein wichtiges Motiv, eine Herausforderung, die zusätzlich zur Musik Spannung schafft, das wöchentliche Geschäft nie langweilig werden lässt. Es gäbe auch die Möglichkeit, dieses Risiko zu verringern und ausschließlich „sichere“ Platten zu spielen – nur Verachtung habe ich für solche Methoden übrig, wohl wissend, dass sie auch sehr kurzlebig sind. 

Relativ simpel feststellbar ist Erfolg auch, wenn er an zuvor klar formulierten Zielen gemessen werden kann. Ich hatte z. B. 1992 den angesichts meines zu der Zeit wirklich verschwindend geringen Profils recht verwegenen Wunsch, im folgenden Jahr bei einem der neben der Loveparade früher renommiertesten Großereignisse „Mayday“ aufzulegen. Das hat sich verwirklicht und kann – obwohl sich schon zwischen Wunsch und Auftritt mein Verhältnis zu der Veranstaltung wesentlich geändert hatte – durchaus als Erfolg und damals wichtiger Schritt aufs internationale Parkett der Szene gewertet werden. Schwierig nicht nur für die anschließende Messbarkeit wird’s, wenn eine auf dem leuchtenden Pfad der Karriere nebulös navigiert. Das schreibe ich keinesfalls, weil ich da mit gutem Beispiel vorausginge, sondern aus dem Bewusstsein, wie schwer kalkulierbar eine erfolgreiche künstlerische Laufbahn ist. Authentizität soll hier ein maßgeblicher Faktor sein, klare und verständlich transportierte Ideen sind ungemein hilfreich – am besten beides als Basis für die gemeinhin bekannten Methoden zur Förderung der beruflichen Entwicklung, wovon die mehr oder weniger lockere Assoziation in einer entsprechenden Peer Group als wichtigste zu nennen wäre.

Von meinen musikalischen Aktivitäten leben zu können, betrachte ich gleichzeitig als Bedingung und Maßstab für meinen Erfolg – nicht ohne zu sehen, dass das Einsammeln von Ruhm und Ehre oft (aber nicht immer!) oberflächlich betrachtet finanzielle Verluste geradezu voraussetzt. Es wäre aber ein grober Fehler, die dabei entstehenden Umwegrentabilitäten außer Acht zu lassen. Ruhm und Ehre bringen Respekt mit sich, Respekt wiederum eine wesentlich bessere Verhandlungsposition.


Wege zum Ruhm
Überlegungen dazu von Bernadette La Hengst

Das Problem an der Definition von Ruhm und Erfolg ist ja, dass Erfolg im gesellschaftlichen Sprachkontext anders definiert wird als der Erfolg im individuellen Leben, und dass man als Mensch, als Frau, als Künstler/In, Musiker/In immer dazwischen steht, sich von diesen Allgemeinplätzen/Erwartungen abgrenzen muss, gleichzeitig aber auch Teil dieser Gesellschaft ist.
Ein anerkannter Erfolg ist in erster Linie wirtschaftlicher Erfolg und Unabhängigkeit. Für einen Musiker/in bedeutet das, dass sie/er nur dann erfolgreich ist, wenn er/sie vom Musik machen leben kann, keinen Nebenjob mehr machen muss, bzw. nicht mehr von den Eltern oder vom Staat (durch z.B. Hartz IV) unterstützt wird.
Mein eigenes Denken und Handeln hat sich natürlich auch im Laufe der letzten 20 Jahre geändert. Bis vor ein paar Jahren hab ich neben der Musik immer auch in anderen Jobs gearbeitet, wie z.B. als musikalische Früherzieherin im Kindergarten oder Archivarin im Radio oder auch als Medikamententesterin. Irgendwann hab ich dann auch die andere Seite des Musikgeschäfts kennen gelernt, weil ich wissen wollte, wie es funktioniert, ob man als Musiker den Plattenfirmen und Medien ausgeliefert ist oder selbst mit bestimmen kann. So habe ich eine eigene Booking Agentur gegründet, bei einem Indie Label gearbeitet und eine CD auf meinem eigenen Label rausgebracht. Die Auseinandersetzung mit den Strukturen des Musikgeschäfts hat mich sehr inspiriert und auch den DIY Gedanken neu belebt. Mit dem langsamen Untergang/Dahinschwinden der Major Industrie ist es absolut notwendig, sich nicht nur mit dem Musikmachen sondern auch mit dem Musikvertreiben zu beschäftigen. Musik ist ja Kommunikation und nicht nur Konsum, also muss man auch seine Fühler ausstrecken, um herauszufinden, wen diese Musik überhaupt interessiert, wie man sich zusammen schließen kann, Verbindungen herstellen, Netzwerke bilden, etc. Unter anderem war auch das Ladyfest Hamburg 2003, das ich mit organisiert habe, eine gute Lehre, bzw. eine logische Konsequenz aus jahrelanger Zusammenarbeit und Freundschaften mit anderen Musikerinnen und Musik- und Kunstinteressierten Frauen. Ich glaube daran, dass alles was man mit Leidenschaft und Überzeugung macht, irgendwann Gewinn einbringt, künstlerischen, freundschaftlichen und/oder materiellen Gewinn. Die Welt ist voller Ideen, und solange man Augen und Ohren offen hält und in seine Kunst mit einfließen lässt, kommt immer etwas in Bewegung. Und wenn etwas in Bewegung gerät, wird auch der Geldfluss mobilisiert.
Das klingt jetzt alles sehr abstrakt, ist aber in verschiedenen Projekten schon sehr konkret geworden. Zum Beispiel habe ich 2003 den Künstlerinnen Preis für Popmusik in Nordrhein Westfalen bekommen. Diesen Preis hätte ich wahrscheinlich nicht bekommen, wenn ich mich nicht auch in verschiedensten Formen für feministische Nertzwerke stark gemacht hätte. Und auch meine politische Auseinandersetzung, Arbeit mit verschiedenen Leuten in Hamburg an politischen Projekten, hat mir wieder andere Türen geöffnet, wie z.B. das Theater und die Kunst/Performance Szene.
Dort sind ganz andere Geldquellen vorhanden als in der Musikszene. Die staatlich subventionierte Kultur sollte natürlich auch ein wichtiges Thema in der Diskussion um Wege zum Erfolg sein.
Wie flexibel muss jemand sein, damit er/sie im neoliberalen System überleben kann? Entspreche ich mit meiner Flexibilität und Überlebensstrategie nicht auch den Erwartungen der Regierung? Was unterscheidet mich als Künstler/in noch von einem modernen neoliberalen Arbeitssuchenden, der lieber eine (mittlerweile ja abgeschaffte) Ich-AG  gründet als eine Genossenschaft? Ist das prekäre Leben erstrebenswert, weil es selbst gewählte Unabhängigkeit bedeutet? Oder brauchen wir doch mehr Absicherung durch den Staat, auch als Künstler/Innen? Ist subventionierte Kunst schlechtere Kunst? Ist Rebellion/Understatement in der Kunst steuerbar durch Stipendien und Kulturförderung? Kauft sich der Staat seine eigene Kritik gleich mit ein, um sie zu verwerten? Oder kann man als Künstler/in trotzdem unabhängig bleiben? Diese Fragen würde ich gerne in der Diskussionsrunde debattieren. Hier noch ein paar ganz persönliche Sätze über Erfolg:

Erfolg ist für mich, wenn ich mich selber überrasche, und damit dann auch das Publikum überrasche. Erfolg ist, wenn ich so aufgeregt bin, dass ich mir nicht vorstellen kann, dort gleich auf der Bühne zu stehen, und es dann doch tue, mich dabei vergesse, in meiner Musik verliere und hinter meinem Schweiß und dem Lärm verschwinde. Erfolg ist, wenn ich Mails bekomme von 18jährigen Mädchen, denen ich etwas bedeute, und die auch wegen mir den Entschluss fassen, eine Band zu gründen. Erfolg ist, wenn ich in jeder Tourstadt das Gefühl habe, ein paar neue Freunde gefunden zu haben. Erfolg ist, wenn ich es schaffe, ohne einen Scheiß Job zu machen, mich und meine Tochter zu ernähren und nicht jeden Cent umdrehen zu müssen. Erfolg ist, dass meine Tochter auf meinem letzten Konzert zusammen mit mir getanzt hat. Erfolg ist, wenn jemand einen Artikel geschrieben hat, der mich erkannt und verstanden hat. Erfolg ist, dass ich auch viele männliche Fans habe, denen es nicht darum geht, dass ich eine Frau bin. Erfolg ist, wenn bei einem Open Air Festival bei Regen und 15 Grad das Publikum trotzdem bleibt und mitsingt. Erfolg ist, wenn ich ein neues Genre ausprobiere und damit Grenzen öffne.
Ich war immer komplett, doch niemals fertig!


KUNST = ARBEIT
Abstract Bernadette Reiter

Was ist denn eine erfolgreiche / ruhmreiche Musikerin?
Ob man von der Kunst / vom Musikmachen leben kann ist für mich ein essentieller Punkt in der Frage nach Erfolg und Ruhm. Romantisierte KünstlerInnenbilder sind out (Hungerkünstler, Van Gogh hat auch nur ein Bild verkauft etc). Es ist wichtig, dass wir unser Selbstbewusstsein stärken, und uns auch Geld verlangen trauen. Kunst als reine  Selbstverwirklichung ist schön und gut, es entspricht aber nicht der materiellen Realität in der wir leben.
Vorausgesetzt, wir gestehen uns ein, erfolgreich sein zu wollen, dann sind die Grenzen höchst individuell. Also ob Erfolg für mich ist, am Cover von Rolling Stone zu sein oder am Cover vom Skug, 100 oder 10000 Platten zu verkaufen, das ist eine persönliche und individuelle Entscheidung, die in keinster Weise generell gemessen werden kann. Es ist wohl auch eine Frage, wie viel ich einsetzen will.

Nicht mitgerechnet sind die zufälligen oder scheinbar  zufälligen Trends und Hypes die in mir nicht nachvollziehbaren Kategorien aufflackern. Die zum Teil mit Oberflächlichkeiten wie Aussehen und Typ zu tun haben, zum Teil auch damit, wie innovativ andere, ähnliche Künstlerinnen produzieren – einfach gesagt dieser Faktor des „entdeckt werdens“ – wobei sich das klassische „Pop Star“ Dasein wohl in einer anderen Größendimension abspielt, und hier nicht zur Diskussion steht.
Es gibt wohl eine Menge an Musikerinnen, die von dem was sie machen, leben können und damit erfolgreich sind. Ich bin auch überzeugt davon, dass mit konstanter Arbeit und Freude an der Sache eine Lebensgrundlage aufbauen lässt. Wenn auch nicht vom Plattenverkauf, dann von Konzerten, Auftragsarbeiten, vielleicht auch vom Unterrichten etc. Das Künstlerinnenleben ist trotzdem in vielen Fällen ein ungesichertes, prekäres Dasein, geprägt von Unregelmäßigkeit, einem kleinen Markt, und bestimmt auch von längeren „Durststrecken“. Das Schöne daran ist, eigenes zu machen, selbstbestimmtes Arbeiten, ein kreatives und inspirierendes Umfeld.

Handwerk vs. Dilettantismus – Entwicklungsschritte
Am Anfang ist das Handwerk zweitrangig, wesentlich ist das Tun. Es ist wichtig, sich dem Medium seiner Wahl seiner Wahl zu widmen, und Ideen damit umzusetzen (verstehe nicht falsch, es ist kein Nachteil, das Handwerk zu beherrschen). Learning by doing.
„Mache das was du kannst, mit dem was du hast, da wo du bist“ – frei nach Thomas Jefferson

Dann kommt möglicherweise ein Punkt an dem eine Entscheidung notwendig ist, oder zumindest ein Reflektieren, in welche Richtung es gehen soll. (Vielleicht ergibt sich das auch schon auf Weg). Bin ich oder will ich die beste sein, in dem was ich mache, was kann ich, das andere nicht können?, oder reicht es mir, meine Freundinnen zu unterhalten? wie weit will ich meine Fähigkeiten vorantreiben, wie hart will ich daran arbeiten, wie viel Zeit bin ich bereit zu investieren? Soll ich / kann ich mich „ins kalte Wasser“ stürzen, oder brauche ich Sicherheit, ist es mir wichtig, einen fixen Job zu haben der die Miete bezahlt, oder lasse ich mich ein auf den Wunsch, „durchzustarten“.
Das ist meiner Meinung nach ein Punkt, bei dem sich „Professionalisierung“ anbietet, ein Punkt, an dem Dilettantismus vielleicht als Charmefaktor eingesetzt werden kann.

Ich denke, ein gewisser Grad an Professionalisierung ist notwendig, um einem breitern Publikum zugänglich zu sein (ich spreche nicht von Bühnenkostüm oder gar von sportlichen Jazz-Soli, sondern vom, Gefestigt-Sein in dem was man tut, vom Wissen ob der eigenen Fähigkeiten und Schwächen) – falls frau das will

Ein weiterer möglicher Weg ist es, sich (aus politischen Gründen?) den Weg des mehr oder minder kommerziellen Erfolges auszuschlagen. Meiner Meinung nach ist es schade, sich nicht einer größeren Audience zu stellen, da ich finde es ist fast immer schön, seine Arbeit und Ideen zu transportieren. Es geht hier darum für sich die Balance oder Wertigkeit von materiellem und immateriellem Erfolg abzuwägen (was bringt es mir, eine „local heroine“ zu sein, wenn ich davon nicht die Miete bezahlen kann?). In einer Szene zu wachsen ist essentiell, dennoch ist es genau so wichtig, seine Kreise auszuweiten.

Erfolg und Underground
Warum gilt es in bestimmten „underground“ oder „off“ Szenen als uncool, finanziell erfolgreich zu sein oder sein zu wollen? Underground Szenen haben (zumindest am Anfang – zb Flex) meist auch selbst kein Geld, da kommt es grundsätzlich uncool mit hohen (wenn auch angemessenen) Gagenforderungen anzutanzen. Vielleicht sind es auch politische Gründe, vielleicht Ängste, man könne sich nicht selbst treu bleiben, vielleicht aus dem Glauben heraus, Kunst und Geld gehören nicht zusammen? Ich glaube, dass sehr viele Projekte stecken bleiben, aus Angst die Szene nicht verlassen zu wollen, aus Angst, dann doch nicht gut genug zu sein, und aus dem Irrglauben heraus, wenn ich Geld damit verdiene dann kann ich nicht mehr das machen, was ich will.


Wege zum Ruhm
Gudrun Ankele

Wer will schon Ruhm? Von wem gerühmt werden? Wofür gerühmt werden? Meint Ruhm Geld? Meint Ruhm Respekt? Meint Ruhm Erfolg? Ist Erfolg unter diesen gesellschaftlichen Umständen nicht immer der Erfolg beim Feind? Müssen wir uns deswegen als Hungerkünstlerinnen bescheiden? Ist Berühmt-werden-Wollen nicht momentan Nummer eins unter den Berufswünschen? Ist Ruhm nicht auch immer mit einem Superlativ der Aufmerksamkeitsgenerierung in einer Gesellschaft des Spektakels verbunden: lauter, schriller, nackter, schockierender? Verkauft man seine Überzeugungen, seine Kritik, seinen Widerstand nicht, wenn man bei deren Spiel mitspielt? Oder ist das nicht alles schon längst verkauft und wir nicht von denen zu trennen? Sind gewisse Überzeugungen und Praktiken nicht schon zu Bedingungen, zu unhinterfragten Voraussetzungen von künstlerischer Produktion und Positionierung geworden (subversiv, schockierend, etc., bzw. in einer Zeit nach deren Aushöhlung: die schräge Überaffirmation)? Muss man mitspielen, um überhaupt Gehör zu finden? Will man Gehör finden, will man eine Botschaft vermitteln, will man verstanden werden oder ist Verstehen gar nicht mehr möglich? Wir haben unser Projekt „Schwestern Brüll“ mit einem Manifest gestartet, das auf Selbstermächtigung und Dilettantismus als Strategien zur Überwindung von strukturellen und persönlichen Barrieren setzt, ein Manifest, in dem wir uns zugleich als „revolutionär und jungfeministisch“ positionieren: eine ambivalente  Art der Positionierung, die sowohl ernst als auch überspitzt mit Feminismus und Politik in Beziehung tritt. Wir haben Überzeugungen und Anliegen, die für uns grundlegend sind, mit denen wir uns in unserem Kunst-Forschen-Leben auseinandersetzen, und die wir auch vermitteln wollen. Die Schwestern Brüll haben also Botschaften, die gehört und verstanden werden sollen. Wie viel Erfolg, Ruhm und Publikum brauchen wir daher?

Ruhm ist nicht universell definierbar sondern von den Feldern, Szenen abhängig, in denen Künstlerinnen agieren und rezipiert werden. Und auch da gibt es eine Ausdifferenzierung in zahlreiche Subfelder: Als Schwestern Brüll wurden wir bekannt und erfolgreich im Fluc, einem damals noch improvisierten Lokal, dass uns alle Möglichkeiten zu experimentieren bot, und das uns schlecht bezahlte aber sehr großzügig unterstützte. Wir hatten unser Publikum, wir hatten das Gefühl, dass manche Botschaften auch angekommen sind. Als Künstlerinnen wurden wir zur Ausstellung der zur Fluc-Familie gehörenden Kuratorin Ursula Maria Probst eingeladen. Als Feministinnen werden wir von einem Teil der feministisch organisierten Szene in Wien skeptisch betrachtet und haben dorthin kaum Verbindungen und Kontakte. Als Musikerinnen werden wir außerhalb Wiens wahrgenommen als aus der Wiener Post-Punk-Szene kommend, vielleicht aufgrund von persönlichen Verbindungen und daraus sich ergebenden gemeinsamen Auftritten in einschlägigen Lokalen. In Kärnten werden wir als durchgeknallte renitente Sonderfälle und gern als Frauenquotenbeitrag gesehen. In Berlin konnten wir mächtig abstauben mit der Anekdote, dass wir 2003 auf der Art Basel vertreten waren. Ruhm wird also durch interessensgeleitete (Selbst-)Inszenierung und Rezeption produziert und gesteuert. Welcher Ruhm uns von diesen Ruhmen der liebste ist, welche Interessen uns die angenehmsten sind? Ruhm ist auch das, wofür man bekannt ist, worauf Erfolg bezogen wird, was an einem als charakteristisch gesehen wird – dieses Charakteristikum muss allerdings nach Maßstäben des Feldes positiv beurteilt werden, sei es nun Renitenz, Schockierungspotenzial, ästhetisches Vermögen, Geschlechtszugehörigkeit, politische Überzeugungen oder Männerbegleitung.

Für uns Schwestern Brüll, die wir ja sowohl Drittel- als auch Teilzeitkünstlerinnen und dazu noch Dilettantinnen sind, steht die Frage nach dem Überleben in der Kunstwelt, als Künstlerinnen, wofür Ruhm ja doch Bedingung ist, nicht im Mittelpunkt. Durch finanzielle Absicherung aufgrund anderer Tätigkeiten können wir uns von diesen Zwängen relativ gut frei spielen. Wir müssen als Künstlerinnen nicht finanziell erfolgreich sein. Der Beginn unseres Projekts war geprägt von einer Selbstermächtigungsgeste, von Initialzündungen, von Ermutigungen. Heute, nach fünf Jahren, stellen wir fest, dass uns die Initialzündungsenergie langsam ausgeht, dass wir unsere laut-schrille Ästhetik mehr und mehr Richtung Absurdität verschieben, bei gleichzeitig immer größer werdender Wertschätzung von Ernsthaftigkeit. Wir lieben die Möglichkeiten des Dilettantismus und setzen ihn sehr gerne ein, merken aber, dass wir mittlerweile in manchen Dingen auch gerne „besser“ wären, z.B. beim Musikmachen. Unser Projekt, das feministische Überzeugungen mit der absurden Selbstinszenierung dreier Grrrls verbindet, scheint eine Nische aufgetan und gefüllt zu haben, die von relativ vielen Leuten Beachtung, Interesse und Sympathie fand. Der Umstand, dass wir Schwestern sind, dass wir schön anzuschauen und nicht besonders angsteinflößend sind, hat sicher zu unserer Reichweite und unserem Ruhm beigetragen. Persönliche Freundschaften, die hilfreich sind und uns auch Auftritte ermöglichten, wurden oft mit kritischen bis unflätigen Bemerkungen quittiert. Wir Schwestern Brüll haben anscheinend eine eigenartig hermetische Art der Zusammenarbeit, die es uns trotz unseres immer auf ein Publikum gerichtetes Arbeiten erschwert und oft verunmöglicht, uns in ein größeres Kollektiv zu begeben bzw. andere Künstlerinnen mit einzubeziehen. Das bringt einerseits eine gewisse Freiheit mit sich, sich nicht an Maßstäben der Kollektive orientieren zu müssen, andererseits haben wir dadurch weniger Vernetzung, die punktuellen Ruhm erleichtern würden. Wir stellen uns auch in bezug auf Szenen (feministische, politische) lieber ein wenig abseits und quer, trotzdem wir von Solidarisierung als Grundlage politischer Handlungsfähigkeit überzeugt sind. Was kann erreicht werden, was wollen wir erreichen? Für uns Schwestern Brüll würde ich großkotzig sagen, dass wir am Ruhm nicht interessiert sind, ihn aber auch genießen, wenn er in Form von Auftritts- oder Interviewanfragen anklopft, sondern daran, unsere persönlichen Spinnereien und Experimente und Projekte so lange machen zu können wie wir Spaß daran haben. Wenn diese Aktionen auch nur wenigen Mut machen, Inspiration und Impuls sind, feministisches und künstlerisches Handeln anders zu denken oder selbst auszuprobieren, dann haben wir gewonnen.