Musik
AUS FIBER #13…
Eine Produktion von und mit Gustav, einem der Sissy Boyz, SV Damenkraft, Regie: Tanja Witzmann
“Orlanding The Dominant. Eine queere Burlesque”
Der Soundtrack zu „Orlanding The Dominant“, der queeren Burlesque, die sich auf den Roman „Orlando“ von Virginia Woolf gründet und im Rahmen von „brut“ in Wien 2008 in berstend vollem dietheater-Konzerthaus aufgeführt wurde, ist da und genauso faszinierend und berauschend wie das Stück: Er lässt Hörende nochmals die Geschichte von Orlando durchwandern, die/der mehrere Jahrhunderte in unterschiedlichen Geschlechtern lebt.
Die Musik setzt sich aus elektronischen Elementen zusammen, für deren Produktion sich wahrscheinlich Gustav und Christina Nemec verantwortlich zeichneten. Gesang wechselt bei allen Liedern zwischen den oben angeführten Personen (außer der Regisseurin Tanja Witzmann).
In manche der Songs fließen Stilelemente der Musik aus Zeiten ein, in denen sich Orlando befindet. Diese mit Klängen aus anderen Epochen angereicherten Stücke funktionieren ohne die optischen Eindrücke und entsprechende Kostüme leider meistens nicht. Gleich die erste Nummer „1550 Qua Thrill“ hat z.B. solche mittelalterlichen Klänge durch Flöten oder die Nummer drei „Ich bin fertig mit den Menschen“ und Nummer 13 „Alle sind gepaart“ durch reinen Gesang. Dementsprechend begeistertert war ich von den Nummern, die sich auf einem Elektro-Sound aufbauen, wie „Desire“ (2), „Orlanding The Island“ (10), „Using My Language Tool“ (11) und „Here I Am“(12) um nur einige zu nennen. Dass die Texte großartige Inhalte zu Sex, Gender und Desire inkludieren, ist außerdem noch ein weiteres herausragendes Spezifikum.
Dominika Krejs
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Gustav
“Verlass die Stadt”
Chicks On Speed
Endlich. Es wurde ja Zeit, dass GUSTAV wieder einige Lieder unter die Menschen bringt. In „Abgesang“ singt sie zwar davon, dass sie jetzt konform geht, aber das kann nur künstlerische Freiheit sein, denn das neue Album ist ganz und gar nicht konform. Schon allein die Stimme von Eva Jantschitsch lässt sich in keine Schublade quetschen. Selbstbewusst zwingt sie die werte Zuhörerin, mit beiden Ohren hängen zu bleiben. Und das ist gut so, denn diese Texte sind ernst und kritisch mit dem richtigen Schuss Zynismus. Genau das, was vielen MusikerInnen fehlt. Verstärkt, untermalt oder konterkariert werden die Aussagen vom unverwechselbaren Sound, der ein Trip vom Laptop-Experiment bis hin zur Blasmusik ist. Und wenn Eva Jantschitsch singt, dass das „Leben kein Wunschkonzert“ ist, dann bekommt diese banale Redewendung angesichts der Texte wirklich eine Bedeutung. GUSTAV meint es ernst und hat auch gute Argumente dafür. Selten war Kritik an Politik und Gesellschaft ein so spannendes Gesamtpaket. Sound, Text und Stimme tanzen eng umschlungen in den Abgrund der Gesellschaft. Denn die Lage ist ungemein ernst und es gibt keinen Grund zur Entwarnung.
Ute Springer
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Paperbird
“Cryptozoology”
Seayou
„Colony“ glockenspielt sich in mein Ohr, dicht gefolgt von sphärisch verdichteten Stimmschichten, die akustische Gitarre gibt den Tune vor und Anna Kohlweis aka Paperbird singt von warmen, weichen Orten, in die man_frau seine Finger stecken könnte und die sich wie zu Hause anfühlen. Die warmen, weichen Orte sind ganz groß auf „Cryptozoology“, dem zweiten Album nach „Peninsula“. Kleine Songperlen, die in Form von schwankenden Schiffen oft mutterseelenallein und doch nie einsam oder verzagt von einem Spielplatz zum anderen schippern und sich dabei ein wenig wie Linus Van Pelt’s (von den Peanuts) „security blanket“ anfühlen. Die Decke hat auch noch eine andere Funktion: Sie ergibt über ein paar Möbel gestülpt eine Lo-Fi Aufnahmehöhle für Paperbirds Folk-Lieder und verleiht ihnen Intimität und die Gefährlichkeit von Menschen in Plüschtierkostümen – also äußerste Gefährlichkeit! Anna Kohlweis, die junge Songwriterin mit dem kurzen Rotschopf, kommt aus Kärnten, lebt in Wien und bewegt sich im lustigen Haufen rund um die Labels Seayou und Fettkakao, bei denen auch Go Die Big City! und A Thousand Fuegos – mit denen sie auch spielte – veröffentlichen. Kohlweis’ eigenes Ding klingt ruhiger, konzentrierter, ist meist getragen von Freundin Gitarre und umspielt von allerlei Pling-Pling-Glockenspiel, Flöte, Geklopfe und befreundeten Chören, wie auf dem schönen Track „Matchstick Man“. Da singen sie „So I dig caves in every mountain in search of your soul and then, when I’ve found you with my fingers all stiff and cold I’m gonna kiss you on the forehead and do all I can to bury you deeper this time to look for you all over again.“ Gesungen ein Ohrwurmsatz, tatsächlich.
missta subsilk
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AUS FIBER #12…
Heidi Mortenson
“Don’t Lonely Me”
wired records
A cool rock’n’roll queer electro star. Heidi Mortensons neues Album „Don’t Lonely Me“ bekommt von mir alle Sterne, die es zu vergeben gibt. Seit sie im Juli das Café Strom in Linz gerockt hat, dreht sich ihre CD mit relativ wenigen Ruhepausen auf meinem CD-Player. Das neue Album ist charmant, spielerisch, queer, experimentell, tanzbar und nicht zuletzt wegen der feinen Lyrics großartig zum mitsingen geeignet. Heidi Mortenson kommt als echtes queerfeminist_d.i.y._electro-sound role-model aus der experimentellen computer/gadgets/sample Ecke. Als Meister_in gemixter dance/experiment Sounds, behauptet sie_er, kein Instrument ‚richtig’ spielen zu können, aber dennoch nicht Jahre warten zu wollen, um es auf der Bühne zu benutzen. Dabei sind ihre_seine Lyrics so cool wie wir es von unseren Independent-Stars erwarten, die keinen Vertrag mit einem der großen Labels haben und sich vielleicht daher kein Blatt vor den queeren Mund nehmen. Auf der Bühne hauen eine_n nicht nur die Musik, sondern auch die absolut coolen Tanzeinlagen und die queere Performance um. Und wenn Heidi im Videointerview (flasher.com) benennt, was wir mit Freude in und zwischen den Zeilen des Booklets zur CD lesen, nämlich dass 2-geschlechtliche Kategorisierung nichts ist für lovely Heidi, bleibt nur noch das überwältigte Groupiedasein. “… I can be your boy. I can be your girl. I can be somebody who rocks
your world …”
Yes Heidi, you can!
Helga Hofbauer
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Es Gört
!Records
Eine Kompilation von 20 Songs österreichischer, deutscher und schweizer MCs, Spezialqualifikation female Artists. Aber wie schon Sookee in ihrem Song „u.n.i.t.why?!“ singt „Ich bin geschlechtsindifferent und ich feier das, ganz egal ob du ne Klit oder Eier hast (…) ich bin kein female MC, ich vertret’ diesen Begriff mit seinen Regeln nicht, dass ich einen Stempel auf Grund von Genen krieg“. Sie bringt es auf den Punkt, laufend damit konfrontiert zu sein als MC ihr Geschlecht rechtfertigen zu müssen. Aber nicht nur Sookee groovt, sondern auch Semmlerina ist echt feiner, eingängiger HipHop und Temmy Ton mit „Lebensmittel“ hat absoluten Hit-Charakter. Mieze Medusa ist selbstverständlich mit dabei und performt ihre avanciert-poetischen Lyrics. Die Qualität der Aufnahmen ist größtenteils professionell, mitunter auch amateurInnenhaft, was absolut charmant ist. Zu hören sind auch Raritäten wie S StylezZ, eine 17 jährige MC, die todtraurig in schwäbischen Dialekt „Von ganzem Herzen“ einen Todesfall besingt oder Serena mit „Diversa“ aus der italienischsprachigen Schweiz. Aber auch Wina, Mad Lane und Shorty Ann sind absolut hörenswert. Also, ich bin voll begeistert.
dr dra
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Scout Niblett
“This Fool Can Die Now”
Too Pure/Edel
Manche Zustände sind so schauderhaft und traurig, dass sie schon wieder schön sind. Beim mittlerweile vierten Album der englischen Solomusikerin Scout Niblett verhält es sich ganz ähnlich, es trieft vor Melancholie und Schönheit, zerrissen von Ambivalenz: 14 klassisch für Gitarre-Schlagzeug arrangierte Songs, die in ihrer Schlichtheit einfach bestechend sind wie „Let Thine Heart Be Warmed“ oder das fordernde „Your Last Chariot“. Nibletts Stimme, häufig mit der von Cat Power oder der frühen PJ Harvey verglichen, entfaltet sich an jenen Stellen am eindrucksvollsten, wo sie die Pfade der Lieblichkeit verlässt, wie imposant bei „Hide And Seek“. Mit zusätzlichem Schnickschnack wurde zurückhaltend umgegangen – nur ein paar Streicher umschmeicheln das wundervolle „Kiss“ in dem sie gemeinsam mit Will Oldhalm aka Bonnie ‚Prince’ Billy von der großen Liebe schmachtet. Alles in allem wirkt die Platte etwas gefälliger als ihre Vorgängerinnen, was vielleicht an den insgesamt vier Duetts mit Oldham liegt, die definitive Herzensbrecher sind. Mein persönliches Highlight ist Dinosaur Egg“, eine niblettsche Erweiterung der Lyrics des britischen Text- und Bildkünstlers David Shrigley: „Dinosaur egg oh dinosaur egg. When will you hatch? Cause I got a million people coming on Friday. And they expect to see a dinosaur not an egg“. Der wiederum hat nun eine grandiose Compilation „Worried Noodles“ veröffentlicht, auf der sich das Who-is-Who der aktuellen Musikavantgarde das Mikro in die Hand drückt und natürlich fehlt hier auch Scout Niblett nicht, mit einer Vertonung von „The Bell“. Unbeschreiblich.
steph
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Supernachmittag
“She’s The Daddy”
KIM/Trost
Eine der lustigeren GenderBenderBands des Universums. Anita Peter Mörth, Sol Haring, Dan Elektra (Besetzung international) performen „K.E.N. – so postmodern, so fantastic …“. Der Verein zur Förderung der Popkultur KIM lässt uns wissen, dass es sich beim Gehörten um Philosopunk und Gender Country Rock mit einem klassischen Rock Line-up handelt, was da bedeutet Gitarre, Bass und Drums. Das allerdings macht nicht den Charme der Band aus. Eher wohl die Lyrics in Englisch, Deutsch und Japanisch. „Es wird Tote geben dort im Krisengebiet, ich will meine Ruhe haben, denn ich liebe mich … einfach loslassen …“ lässt erahnen, wohin die Reise geht.
Auf ihrer Debüt CD, die am 12.November im Chelsea (Wien) vorgestellt wurde, geht’s musikalisch nicht wirklich countrymäßig zu. Rockig ja, hart, sanft, alles da. Der Sound siedelt sich gleich mal im Gehörgang an und lässt sich schwer wegwischen. Verführt zum mitsingen, manchmal. Schlaue Texte, zynisch allemal. „Tski To Tajo“. Und wenn SNM singen „Total liar, perfect lover …“, denkt man(n), ja genau!
Joshua Sergej
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Rhythm King and her friends
“The Front Of Luxury”
Kitty Yo/Soulseduction
Schon das Cover dieses Albums wird so manches „Lesben”-Herz höher schlagen lassen: Sexy Pauline Boudry und Linda Wölfl posen darauf. Die beiden in Berlin feministisch-queer Verorteten brachten ihr neues Elektro-Pop-Album „The Front Of Luxury“ heraus, dessen Titel von einem Demo-Slogan der italienischen Arbeiterinnenbewegung der 70er-Jahre stammt. „Luxury“ meint die Möglichkeit der Schaffung neuer Formen von Zusammenarbeit, -leben und -lieben abseits des Zwangs Geld verdienen zu müssen.
Das Album besticht durch die Kombination von Elektro-Elementen mit solchen aus Pop und Rock. Es ist hier im Vergleich zu ihrem ersten Tonträger „I Am Disco“, an das man in manchen Passagen erinnert ist, durch den Einsatz von Instrumenten eine Weiterentwicklung passiert. Die beiden singen in Englisch, Französisch und Bulgarisch. Die professionell aufgenommenen Songs fetzen bis auf zwei Ausnahmen: „Talkin’ About Words“ und „Meterosexual Ride“. Schade auch, dass die Lyrics nirgends nachlesbar sind. Darin finden sich jedenfalls politische Themen zu prekären Arbeitswelten oder in „Talkin’ About Words“ eine Auseinandersetzung mit der Schwierigkeit von Kommunikation. Wie schade, dass Rhythm King auf Ihrer CD-Präsentations-Tour nicht in Wien Station gemacht haben!
Dominika Krejs
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PJ Harvey
“White Chalk”
Island Records/Universal
Sie kommt in einem weißen, langen Kleid mit Puffärmeln und einem Lockenhaufen an Haarpracht daher. Das Bild ist frontal von vorne aufgenommen. Sie ist schön, keine Frage, aber die Message bleibt unklar, denn die sich aufdrängende Assoziation ist koloniale Ästhetik und die ist in Zeiten postkolonialer Theorie nun mal nicht besonders sexy. Und das damit verbundene Bild einer zerbrechlichen, ätherischen Frau („Huch, ich falle in Ohnmacht!“ rief sie aus und legte ihren Handrücken quer über die Stirn) verdichtet sich beim hören der Songs. PJ Harvey lässt jegliches rauhbeinige Stampfen hinter sich und hebt ab in ungeahnte Tonhöhen. Andererseits schon auch wieder faszinierend, dass das möglich ist. Stücke wie aus einem Märchen hören wir, begleitet von Piano, Zither, Harfe und nur manches Mal hintergründig Gitarre. Das Album ist musikalisch eine ganz andere Entwicklung und lässt ganz neue Facetten der Musikerin zum Vorschein kommen. Einige Songs sind unheimlich dicht und brillant komponiert („When Under Ether“ oder „The Piano“) andere wirken wieder unfertig und bei manchen übertreibt PJ Harvey einfach das ganze mythologisch-zerbrechliche Getue („To Talk To You“) was schon wieder zum Schmunzeln ist.
dr dra
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AUS FIBER#11…
Client
“Heartland”
Out of Line
Client A (Kate Holmes) und Client B (Sarah Blackwood) haben Nachwuchs bekommen: Client E. Emily Mann aka Emily Strange ist auf dem neuen Album „Heartland“ für die Bassgitarre zuständig. Und nicht nur das – auch die Bühnenpräsenz der hoch gewachsenen Dame sorgt für eine perfekte Ergänzung des optisch-akustischen Gesamtkunstwerks Client.
Ihre musikalischen Ursprünge verorten Client in den Achtzigerjahren: Dazu gehören Bands wie Human League, Depeche Mode, Einstürzende Neubauten, vor allem aber die durchgestylte Sound-Maschine Kraftwerk. Dass „retro“ durchaus gegenwartstauglich sein kann, stellen die Musikerinnen in Uniform auf ihrem aktuellen Album erneut unter Beweis.
Clients „Heartland“ kennt keine Gnade: Die erste Single-Auskopplung „Lights Go Out“ ist bereits in den Top Ten der deutschen Dancefloor-Charts zu finden. Der Titel „Drive“ überzeugt mit einem temporeichen Beat, der keine Alternative zum Tanzen bietet. Das atmosphärisch dichte Arrangement des Albums verführt durch satte, elektronische Melodien, die sich auf sprachlicher Ebene in erotisierenden Liedtexten entladen: „You look good on your knees. You know it’s time to please … You can look but you can’t touch.” Pleasure guaranteed.
Nur eines ist besser – Client live.
Christina Magdalinou
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Feist
“The Reminder”
Polydor/Universal
Groß war die Erwartungshaltung nach Leslie Feists wunderbarem Solo-Debut „Let It Die“ (2004), und diese wird durch das neueste Werk der Kanadierin nicht enttäuscht. Mit vertrauter Melancholie und ebenso stimmungshebendem Groove präsentieren sich die 13 Stücke, die so schön dahinfließen, dass die ganze CD locker auch einige Male hintereinander zu hören ist. Atmosphärisch vermittelt die Musik weiterhin das angenehm entspannte Feist-Feeling durch ihre einzigartige Stimme und teils zurückhaltendem Gitarren-Sound wie virtuos-orchestralen Instrumentierungen, während die Texte weiter weise machen. Die Liebe wird in dem mitreißend in die Selbsterkenntnis pushenden „I Feel It All“ in aller Fülle gefühlt und dabei entschieden kritisch analysiert: „I’ll bet he one who’ll break my heart“. Die Vogelgezwitscher-Idylle aus dem traurigen Song „The Park“ vermittelt glaubwürdig und unprätentiös eine Sehnsucht, die sich sogleich in Frage stellt: „Why would you think your boy could become The man who could make you sure he was the one?“. Was Feist so faszinierend macht und was auch mit „The Reminder“ abermals eindrücklich bewiesen wird, ist das kongeniale Arrangement von atmosphärisch dichter Musik und Texten, die von Gefühlen mit einer bedeutungsvollen Tiefe erzählen, die nicht peinlich ist, sondern irgendwie sehr wahr.
Nina Stastný
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Gudrun Gut
„I Put A Record On”
Monika Enterprise/Hoanzl
Bewegung ist ein zentrales Moment in der Musik und im Leben von Gudrun Gut. Musikalisch sozialisiert im Berliner Underground der 80er als Teil der Bands Malaria!, Mania D und Matador, findet sie sich nach der Wende in der Reduziertheit von harten Technobeats auf der Tanzfläche des Tresors wieder. Später hosted sie dort mit musikassoziierten FreundInnen unter dem Namen Ocean Club regelmäßig Abende, bringt eine „Members of the Ocean Club“-Platte raus und verlagert die Clubschiene zur Radiosendung mit Plattencharakter, die auch übers Netz zu belauschen ist. Mit „I Put A Record On“ veröffentlicht Gudrun Gut auf dem ihr eigenen Monika-Label, das in seinem Electronica-Pool so sympathische Acts wie Barbara Morgenstern, Milenasong oder Chica and the Folder versammelt, nun ihr erstes Soloalbum. Die Idee ist zu mischen, was auf anhieb nicht zusammengehören mag oder vielmehr, was nicht in erster Linie an Monika/Gut muten lässt: Tango, Boogie, Folk. Auf wunderbare Weise umgesetzt, bewegen sich die Stücke vor einem warmen Groove-Hintergrund zu Boogie Woogie-Samples („Girlboogie 6“), dubbigen Beats („Pleasuretrain“) und bekommen durch Guts dunkelflüsternden Sprechgesang einen persönlichen Zugang verliehen, der dieses gelungene Album doch wieder in den eigen geschaffenen, musikalischen Reihen verorten lässt.
Ulli Mayer
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MIA
“Bittersüss”
Sub Static Records/Soulseduction
MIA, Musikerin und Labelbetreiberin, kommt aus der Kölner Minimal-Techno-Szene und ist nunmehr in die magnetisierte Bundeshauptstadt Berlin übersiedelt. Sie hat sich als DJane auch in der internationalen Szene einen Namen gemacht und produziert seit mehreren Jahren zusätzlich eigene Musik. „Bittersüss“ ist ihr zweites Album, das im Gegensatz zum ersten komplett am Rechner entstanden ist. Die Songs verhalten sich vom Aufbau her wie eine Gauß´sche Normalverteilungskurve: zurückhaltender, mitunter kaum hörbarer Beginn, langsame Steigerung, schnalzend verdichteter Höhepunkt, Abbau und dezenter Ausklang. Dieses traditionsreiche Konzept birgt in solcher Regelmäßigkeit etwas Enttäuschung, hält das Album doch feine Sounds, dichte Komposition und vielschichtige Klangqualitäten bereit. Die Vocals allerdings scheinen wie Messages aus einer anderen Welt. Sie kommen an einem Ende herein, um dann wieder wie ein Echo zu verhallen. Das wirkt einigermaßen mythologisch und verkitscht. Insgesamt ist das Album nicht im engeren Sinne progressiv (siehe auch Cover), beweist aber durchaus klanglichen Stil. www.myspace.com/substaticmia
dr dra
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Monotekktoni
„Love your neighbour? No, Thanks.”
Sinnbus/Alive/Hausmusik
Monotekktoni, eine One-Woman-Show aus Berlin, laut Selbstbeschreibung „me, my syntheziser, 4 track, delay, vestax DJ Mixer, Overdrive, Babymegaphon“ (www.myspace.com/monotekktoni) veröffentlichte, nach einer Beteiligung an der zweiten Sampler-Reihe von „4 Women No Cry“ (Monika/Soulseduction), ihr nun drittes Album. Gleich von Beginn an breitet sich eine stimmungsvolle Geräuschwolke aus, die kratzt und hämmert, johlt und schreit. Tiefe Bässe, dröhnende Synthesizer, Drums und Megaphonstimme, in die sich jedoch immer wieder eine klare – fast poppige – Melodie mischt, die den Pegel aufhebt und die trotzdem nicht gegen sondern mit dem Wahnsinn arbeitet. Es rauscht und kracht und das Trommelfell beginnt zu vibrieren. Ja, das Album muss laut gehört werden. Und das ist gut so. Als Abwechslung und zur Entspannung gibt’s dann überraschend klavieresque Mittelstücke. Doch gleich geht’s weiter …
„Love your Neighbour? No, Thanks.“ ist auch textlich hörenswert. Klang und Melodie würden oft nicht den zu hörenden Text erwarten lassen, und so werfen die Lyrics noch eine weitere Ebene auf. Eine Ode an die Freiheit und ans selbstbestimmte Leben. Da kann ein Anti-Bush-Song (gibt’s denn keine anderen Feindbilder mehr?) auch verziehen werden.
Also: (sinnentstellt) Hands up! Und lasst euch von der civilisation nicht die sex magic killen!
Iris Borovcnik
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Good enough for you
“Wer hat von meiner Installation gegessen?”
22. Jahrundert Fuchs/Soulseduction
Nun liegt das erste gemeinsame Produkt der seit 2005 bestehenden Wiener Formation „Good enough for you“ – bestehend aus der umtriebigen Brüll-Schwester Karin und dem ebenso umtriebigen Bul Bul Gitaristen und Sänger „Raumschiff Engelmayr“ – in schön komprimierter (24:11 Min.) und liebevoll artgeworkter Form als Compactdisc vor. „“er hat von meiner Installation gegessen?“ nennt sich dieser witzig kuriose, mitunter etwas sperrige Sprach & Sound-Mix, bestehend aus sieben kompakten Nummern und einem Intro, einem obligatorischen discoesken Tanzhit („Blackseat of My Car“) inklusive. Dazwischen entfalten sich verschiedenste Klangteppiche, durchzogen von Maultrommeln, Klarinette, Electrobeats und Percussion, E-Gitarren und dem rhythmischen, fast hypnotischen Gesang („beam me up to you“) von Engelmayer/Brüll streckenweise unterstützt vom liebreizenden Sirenengesang der restlichen Schwestern Brüll. Und weil Produktivität den beiden AkteurInnen heilig scheint, wurde flugs ein eigenes Label gegründet, auf dem der Tonträger jetzt erschien. Ich muss gestehen, es dauerte ein bisschen, bis ich Gefallen an den einzelnen Songs finden konnte, etwas zu konstruiert, zu spekulativ drängten sie sich aufs Erste-Mal-Hören ins Ohr. Doch so nach und nach entfalten sie einen bestechenden Reiz, mitunter sogar eine eigenen Liebreiz und die wilden Gitarrenriffs auf „Sitting On The Dog Of My Babe“ schleichen sich über Umwege ins Herz, ebenso wie die Satan-Mantras übers Zuspätkommen.
Steph
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Kristin Hersh
“Learn To Sing Like A Star”
4AD/Edel
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Der Titel des Albums ist definitiv keine Anweisung für Kristin Hersh selbst. Sie singt bereits wie ein Star. Freilich ist das, was frau unter einem Star versteht, Auslegungssache. Hershs Stimme breitet sich wie ein Teppich über Streicher, Klavier, Bass und Gitarrenriffs. Gänsehautfaktor vorprogrammiert. Ein bisschen verraucht, ein bisschen Punk, ein bisschen schrill und ein bisschen Country. Mag diese Mischung bei vielen Anderen schief gehen, hier funktioniert sie einwandfrei. Hersh versteht es Stimme und Instrumentalisierung gekonnt in Szene zu setzen. Weder ihre Stimme noch Streicher oder Bass übernehmen die Hauptrolle. Alle Ingredienzien der Songs haben „ihre Momente“. Gekonnt textet sie über Einsamkeit, Lethargie und Trauer ohne kitschig oder therapeutisch daherzukommen.
„… I left my heart on a frozen sidewalk kicked around and sliding on dirty ice“, singt Kristin Hersh in dem durchaus friedlichen Song „Vertigo“, um sich gleich zu fragen, ob das (dieser Schmerz des verlorenen Herzens) nicht eine verdammt lausige Droge ist, die eine/n nur schwindelig macht.
Musik für nachdenkliche Nachmittage, aber eindeutig nicht nur.
Ute Springer
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Yoko Ono Yes
“I´m a Witch”
Astralwerks/Virgin
Da wurde die Vocal-Ebene von siebzehn Songs von Yoko Ono ebenso vielen MusikerInnen in die Hand gedrückt mit der Bitte, damit etwas zu tun. Unter den Auserwählten sind Le Tigre, The Flaming Lips oder Antony von Antony and the Johnsons. Herausgekommen dabei ist das Album mit dem Titel, der an jene, vor einigen Jahren subversiven, mittlerweile nur mehr langweilenden T-Shirt-Aufschriften erinnert: Yes, I´m a Witch. Aber Yoko Ono ist cool. Sie ist wirklich cool. Sie darf das, denn dieser Spruch kommt aus einem anderen Kontext, ist politisch prall gefüllt. Sie performte schon Postfeminismus als die Frauenbewegung – ohne den Anspruch mindern zu wollen – noch lila Latzhosen tragend mit ihrem Büstenhalter beschäftigt war. Es wird hier auf Material aus den Siebzigern zurückgegriffen, das auch heute noch in Experimentalität und Schrägheit bestehen kann. Viele der remixenden KünstlerInnen haben sich auf die Songs eingelassen, haben sie verstärkt und ihnen noch mehr Wucht verliehen. Peaches pointiert „Kiss Kiss Kiss“ in Trotzigkeit und Unbeeindrucktheit, Cat Power begleitet Ono mit einem übertrieben kühlen Klavier bei „Revelations“ und The Apples in Stereo verbraten „Nobody Sees Me Like You Do“ zum ultimativen Schmachtfetzen. Wunderbar und sehr hörenswert.
dr dra
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Mira Calix Eyes
“Set Against The Sun”
Warp Records/Soulseduction
Nach Regen kommt Sonne
Mira Calix ist kein Fall von Psycho Electro oder durchgebrannten Vibratoren. Wer Mira Calix kennt, weiß, dass die Producerin, DJane und Singer-Songwriterin eigentlich Chantal Passamonte heißt und klare Soundstrukturen via Computer einspielt, indem sie sich unterschiedlicher Stile von Elektronik über Klassik bis Folk bedient, ohne beliebig zu wirken. Zugegeben, der Albumtitel „Eyes Set Against The Sun“ zeugt nicht gerade von Innovation, doch für die Elektronikmusikerin Mira Calix ist es die Farbe Gelb, die das Album zusammenhält. Dieser „Gelbe Sound“ wirkt wie ein saugendes Vakuum und eignet sich genial zur Soundanberaumung via Kopfhörer im urbanen Dschungellife. Kontraste und Konturen auf diesem Album bringen die Zeit dazu, sich zu dehnen, Bewegungen, die in Wirklichkeit voller Hektik sind, laufen unter dem Einfluss dieses Sounds zeitverzögert ab. Ist es prasselnder Regen und eine Mixtur aus elektronischem und akustischem Sound im Track „Because to Why“, so klingen in „Protean“ Walzerklänge an. In „The Way You Are When“ wird der Sound zu einem fahrenden Zug, zu einer Reise durch Genreüberblendungen, vokalen Backloops, zischenden Geräuschen und bekömmlichem Rülpsen. Als ob sie sich eine Geschichte oder einen Trickfilm ausdenkt, strukturiert Mira Calix den Sound. „One Line Behind“ ist schließlich ein Bekenntnis zum aufrichtigen Kitsch durch verzerrte Stimmspuren, Mädchenchöre und die Stille als Exzess.
Ursula Maria Probst
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CocoRrosie
“The Adventures of Ghosthorse & Stillborn”
Touch and Go Records/Trost
Wer einmal die Sehnsucht in den schrägen Sound-Landschaften von CocoRrosie gespürt hat, die/den wird sie kaum loslassen. Nach den Vorgängern „La Maison de Mon Rêve“ (2004) und „Noahs Ark“ (2005), verlockt auch das neueste Abenteuer, einerseits mit vertraut kauzigen Klängen, die direkt aus dem Unbewussten der beiden Schwestern zu tönen scheinen, überrascht aber auch mit neuen flotteren Sprachrhythmen. Immer eindringlicher verwebt sich die knarrig-quietschige Stimme von Bianca mit dem operndivahaften Sopran von Sierra und beide Tonspuren verschmelzen schließlich mit den bizarren Geräuschen aus Spieldosen, Fahrradklingeln und Elfenkichern („Bloody Twins“ und „Animals“). Es ist ein Geräuscheteppich auf dem Hexen tanzen und sich „Iraq“ mit „Crack“ reimt („Japan“) oder ein einsames Piano, wie von einem untergehenden Schiff klingend, versinkt, begleitet von den wogenden Klagen der Diva/ Sierra („Houses“). Trotz aller Verschrobenheit lässt sich diese Musik aber auch als Pop hören wie vor allem der bisweilen groovige Track „Rainbow Warriors“ und der Trip Hop-inspirierte Song „Promise“ beweisen. CocoRrosie bleiben ihrem selbst geschaffenen Kosmos jedenfalls treu und laden jedeN ein, die/der für die zauberhafte Poesie ihrer Musik und Texte empfänglich ist.
Nina Stastný
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Spoenk
“Hard to mend”
Fettkakao
Spoenk. Das ist die Band, die ich immer falsch ausgesprochen habe. Immer war da eine, die mich korrigiert hat. Mit diesen Missverständnissen haben die Frauen jetzt aufgeräumt und gleich den Bandnamen in Lautschrift auf dem Cover verewigt. Bei den ersten Takten des ersten Songs muss ich an Patti Smith „von ganz früher“ denken, um dann gleich zu merken, dass frau das so gar nicht sagen kann, weil …. Na, ja weil Spunk eben Spunk sind. Mit fetzigen Gitarrenriffs und entschlossenen Drums erzeugen sie einen Sound, der so leicht nicht einordbar ist. Zwar zieht sich ein gewisser Beat durch alle Songs. Trotzdem gibt es viele leise Töne, die den Beat friedlicher werden lassen. In anderen Songs spürt frau die Energien und vielleicht auch Aggressionen, die mit Stimme und Instrumenten vermittelt werden. Wenn Claudia„ … this is not my life and I don´t want these memories to survive“ singt, dann muss das laut sein und ich habe das Gefühl, sie schreit mir aus der Seele, ohne dass sie pathetisch oder unreflektiert ist. Die Texte sind wunderbare Wortgebilde, die von den vielen zwischenmenschlichen Befindlichkeiten handeln, ohne dabei banal daherzukommen. Manchmal düster, aber nicht weniger wahr. Ein Album, das in jede gute CD-Sammlung gehört. Musik, die berührt und aufstachelt mit einem Schuss Punk und ganz viel Spoenk.
Ute Springer
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Patti Smith
“Twelve”
Ein reines Coveralbum ist immer eine gewagte Angelegenheit, sieht sich die Herausgeberin eines solchen ja oft mit dem Vorwurf eigenen kreativen Unvermögens konfrontiert. Aber Patti Smith ist eine Cover-Vollprofin mit einem untrüglichen Sinn dafür, welchen Songs sie die Ehre gibt.
Die Songauswahl auf „Twelve“ ist fast immer stimmig. „Are You Experienced“ und „Gimme Shelter“ (mein persönlicher Lieblingssong der Rolling Stones) scheinen nur darauf gewartet zu haben von Patti Smith veredelt zu werden – rocken beide wie Sau!! Bei „Everbody Wants to Rule The World“ weiß ich nicht so recht: Wenn man Patti Smith ist und aus dem Weltrepertoire der Rockmusik schöpfen kann– warum zur Hölle dann ein Tears for Fears Song??? Und dann auch noch so brav. Ich werde sehr, sehr müde – genauso übrigens wie bei„Within You – Without You“. Dem defintiv schwächsten Beatles Song aller Zeiten kann auch Patti Smith keinen Rock’n’ Roll einhauchen. „White Rabbit“ von Jefferson Airplane allerding ist so überzeugend, dass ich mir sofort ein Opium-Pfeifchen stopfen will. Bei „Boy in The Bubble“ macht Smith aus einem kotzlangweiligen Paul Simon-Song ein schön poliertes Stück Soft-Rock-County, Respekt! Ein echtes Highlight ist „Smells Like Teen Spirit“ – mit Banjo! Fazit: Sicher nicht ihre beste Platte und für die Patti Smith Anfängerin nur bedingt geeignet – erschließt sich doch hier nicht der Meisterin ganze Punk-Rock Grandezza. Für die treue Fanin allerdings sowieso ein Muss – man/frau kann sein Geld weit schlechter investieren!
Alexa Jirez