FILME

AUS FIBER #22 …

I Am A Woman Now
Michiel van Erp
Niederlande 2012, 80 min

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Alles begann mit 180.000 Francs und Doktor Burou. Die holländische Dokumentation I‘m A Woman Now porträtiert fünf Frauen* aus der ersten Generation Transgender-Personen, die in den fünzigerer bis siebzigerer Jahren die Möglichkeit ergriffen, nach Casablanca zu reisen und sich bei Doktor Georges Burou einer Male-To-Female-Operation zu unterziehen.  Der französische Chirurg trug gerne eine Art Metzger_innenschürze, wenn er seine Patient_innen in seiner Praxis empfing, und statt der heute üblichen Psychotests zog er Fotografien zu Rate, die alle blutigen Details seiner Technik offenbarten. Wer gezweifelt hätte, wäre an diesem Punkt bereits wieder nach Hause gefahren, meint das ehemalige Model April Ashley. Anhand alter Fotos, Heimvideos und Super-8-Aufnahmen erzählen die Frauen* von der Vergangenheit und ihrem gegenwärtigen Leben. Sie schildern das Unsichtbarwerden, wenn das Haar weiß wird, erzählen von den Anfängen vergilbter Beziehungen und treffen alte Freund_innen wieder, die im Gegensatz zu vielen anderen noch nicht verstorben sind. Eine recht nostalgische Atmosphäre breitet sich aus, wenn Regisseur Michiel van Erp sie beim Lunch an der Côte D‘Azur beim Champagner im luxuriösen Sommerhaus oder beim Spazierengehen in der Natur in Szene setzt. Sie erzählen davon, wie sie sich an Zurückweisungen gewöhnen mussten oder an einen Punkt im Leben kamen, an dem sie sich zwischen der Einnahme von weiblichen oder männlichen Hormonen nicht entscheiden konnten. Der Dokumentarfilm begleitet Corinne van Tongerloo bei ihrer erneuten Reise nach Casablanca, worüber  sie als ihrem zweiten Geburtsort spricht, und stellt den Zuseher_innen Doktor Burous Sohn vor, der einen Eindruck davon vermittelt, was für eine exzentrische aber auch wagemutige Persönlichkeit sein Vater wohl gewesen sein muss.
Geschickt und doch respektvoll hält der Film berührende Momente fest: wenn ein großer Schluck vom immer gegenwärtigen Champagner genommen wird, um das Aufsteigen einer Träne zu kaschieren, oder wenn vergeblich nach den Betten in Doktor Burous Hospital gesucht wird. Ein bisschen zu nah kommt die Kamera Corinne van Tongerloos Freundin, als diese beim Nachmittagskaffee erstmals vom Leben ihrer Freundin als Cornelis erfährt und über Gänsehaut klagt. In solch einem intimen Moment wäre ein Schwenk von ihrer Körpermitte hinauf zu ihrem Gesicht wohl nicht unbedingt notwendig gewesen.
„Can Every Man Be a Beautiful Woman?”wird hinter der Kamera gefragt. Nein, selbstverständlich nicht, das müsse schon von innen kommen. Es geht viel um Schönheit in diesem Film, nicht nur um die innere. Wenn sich alte Freund_innen nach langer Zeit wiedersehen, werden erst einmal eifrig Komplimente übers gute Aussehen ausgetauscht und mit der Zeit wurde mir das ein wenig zu viel. „Was wäre aus mir geworden, wäre ich eine richtige Frau? A Movie Star?“ Ich weiß nicht. Andererseits geht es hier unter der Oberfläche ja mehr als um Äußerlichkeiten: Diese Frauen* erkannten eine Möglichkeit als eine wichtige Chance, die sie nicht ungenützt verstreichen lassen wollten, auch wenn sie es nicht immer allen recht machen konnten. Ohne Zweifel haben sie viel zu erzählen und es ist gut und wichtig, dass ihre Lebensgeschichten in I‘m A Woman Now einen alles in allem sehr schönen Platz finden.

Birgit Maier

Oh Yeah, She Performs!
Mirjam Unger
Österreich 2012, 90 min

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Als ernüchternd beschreibt Regisseurin Mirjam Unger die Situation während ihrer langjährigen Arbeit beim Radio: Im männlich dominierten Rock/Pop des Mainstreams traten gerade mal Björk oder PJ Harvey auf, abseits davon artikulierten sich die Riot Grrrls zwar energetisch und lautstark, aber nur eine kurze Zeit lang. So viel zur Lage im angloamerikanischen Raum. In Österreich war es noch bitterer … Bis vor rund zehn Jahren auch hier einige junge Frauen die Bühne betraten und (musikalisches) Self-Empowerment vorlebten, wenn auch nur vor einem kleinen Publikum. So ist es Mirjam Unger u.a. ein Anliegen, mit ihrem Film den Bekanntheitsgrad seiner Protagonistinnen Gustav, Clara Luzia, Teresa Rotschopf und Luise Pop zu erhöhen, indem sie ihn auf Tour schickt, wo er an Schulen sowie auf Musik- und Filmfestivals – wie kürzlich auf der Diagonale – zu sehen ist. In seiner Narration oszilliert „Oh Yeah, She Performs!“ zwischen Rampenlicht und Backstage, zwischen Endorphin-Highs und Selbstzweifeln, zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Der Jahreszyklus von Sommer bis Sommer dient dabei als ordnende Klammer für den fragmentierten Schnitt, der, statt fertige Portraits abzuliefern, die Zuschauer_innen dazu animiert, sich aus den Mosaiksteinchen ein eigenes Bild von den vorgestellten Musikerinnen zusammenzusetzen. Diese Technik läuft zwar Gefahr, bisweilen einen oberflächlichen Eindruck zu hinterlassen. In guten Momenten betont „Oh Yeah, She Performs!“ damit jedoch auch die Vielschichtigkeit der Identitäten, die sich hier zwischen künstlerischer Integrität und lebensweltlicher Prekarität, zwischen Bühnen- und Privat-/Familienleben herstellen oder sich an patriarchalen Diskursen abarbeiten müssen, wenn es beispielsweise darum geht, dass Schlagzeugerinnen zu Beginn des 21. Jahrhunderts immer noch als exotisch gelten. Solche Borniertheiten sorgen aber sicherlich auch dafür, dass die vier Musikerinnen noch viele Songs schreiben und die Bühne rocken werden. Oh yeah!

Sebastian Nestler

And you belong to me
Julia Ostertag
Deutschland/ USA 2013, 86 min

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Scream Club … ich liebe ihre Musik, ihr Styling und Auftreten! Soo cool - kann ich da einfach nur sagen - und ziemlich sexuell aufgeladen ist ihre Musik für mich, was sicher daher kommt, dass Scream Club u.a. den Soundtrack zu Emilie Jouvets queerem Porno „One night stand“ (Pour Une Unit) 2009 geschaffen haben. Zu schön ist die Vorstellung, dass die beiden Scream-Club-Musikerinnen Cindy und Sarah ein Pärchen wären, aber wie sie im Film sagen, sind sie „beste Freundinnen*“, die sich in einem Porno-Laden kennengelernt haben. Obwohl sie von einem „ersten Kuss“ und „Dating“ allerdings schon auch sprechen. Sexy sind die beiden in jedem Bild miteinander, weil sie raffinierte Outfits und Butch-Femme-Rollen verkörpern, die durch ein Spiel mit übertriebenen optischen Symbolen ziemlichen Charme haben und die Zusehenden bestechen.
Die beiden kommen aus Olympia und sind nach Berlin gezogen. Dort tauchen im Film auch diverse andere queere Akteur_innen bzw Künstler_innen auf, die zusammen mit Scream Club arbeiten. Manche dieser Interviews sind spannend, an anderen Stellen könnte der Film ein wenig gekürzt werden. Aber trashige Lebens- und Aufrittsweisen  der Musiker_innen und eine ebensolche Ästhetik des Films spiegeln eine queere DIY-Subkultur wider. Der Musikstil von ScreamClub ist Disco-Sound mit Hit-Potential, bei dem eine_r am liebsten auch sofort aufspringen und abtanzen will! Ihr Weg war einer von HipHop zu Punkrock; elektronische Beats kennzeichnen ihre Songs.
Queere Themen wie Genderbending und das Ausprobieren verschiedener Geschlechterdarstellungen ziehen sich durch die Laufbahn von Scream Club. Ganz zu Beginn probierten sie z.B. einen faszinierenden Zwillings-Look. Visuelle Kunst ist Teil des Band-Konzepts, sowie Kollaborationen und Kooperationen mit anderen Künstler_innen.
Nach diesem Film bin ich über diesen wunderschön anzuschauenden Stars ins Schwärmen geraten, die sich wohl nicht zufällig in Berlin niedergelassen haben. Würden mir doch öfters solche auch in Wien über den Weg laufen bzw. Konzerte spielen!
Große Empfehlung für diesen Film!

Dominika Krejs

AUS FIBER #21 …

Difficult Love
Zanele Muholi / Peter Goldsmid
Südafrika 2010, 48 min

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Sich selbst bezeichnet Zanele Muholi als „visuelle Aktivistin“. In ihren Arbeiten setzt sich die 1972 geborene und in den Townships von Durban aufgewachsene Fotografin, Performance- und Videokünstlerin mit Identitätspolitiken und der Repräsentation von Geschlecht, Sexualität, Rasse und Klasse im heutigen Südafrika auseinander. Ihre seit 2006 fortlaufende Fotoserie Faces And Phases war zuletzt bei der diesjährigen Kunstschau Documenta in Kassel zu sehen: Eindrucksvolle, intime Schwarz-Weiß-Porträts von Freund_innen und Bekannten aus den unterschiedlichen Black Queer Communities in- und außerhalb von Südafrika – einem Land, das im Jahr 2007 als erster afrikanischer Staat die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert hat, das aber hinsichtlich der zunehmenden Hassverbrechen gegen Lesben, Schwule und Transgender-Personen (insbesondere die „corrective rapes“) zu wenig unternimmt.
Auch unter den von Zanele Muholi Porträtierten sind Betroffene von „korrigierenden Vergewaltigungen“. Doch den Betrachter_innen der Bilder begegnen nicht einfach Hate-Crime-Opfer, sondern selbstbewusste, queere Subjekte, die sonst aus dem Mainstream lesbisch-schwuler Repräsentationen verdrängt werden. „Für mich bedeutet Faces, dass ich als Fotografin/bildende Aktivistin und Sozialarbeiterin den vielen Lesben und Transmännern von Angesicht zu Angesicht begegne (…)“, erklärt Zanele Muholi. Auch im Dokufilm Difficult Love (er war ebenfalls auf der Documenta zu sehen), der ihre Arbeit am Projekt Faces and Phases festhält, begegnet Muholi den Protagonist_innen, die von Diskriminierungen ebenso wie von ihrem Widerstand im Alltag erzählen, auf Augenhöhe.
Ihre eigene Position als „Black Lesbian“ im Kunstbetrieb reflektiert Muholi auf kritische Weise – und nutzt ihre Zugänge zu Wissensressourcen und Räumen zur Vermittlungsarbeit für andere, „deprivilegierte“ schwarze lesbische Frauen. Die Homophobie innerhalb der südafrikanischen Gesellschaft (wie sie sich u.a. in der Aussage, dass Homosexualität „unafrikanisch“ sei, offenbart) ist dabei nicht zu trennen vom Erbe der Apartheid. Wie sehr lesbische und Trans-Identitäten im Widerspruch zu einer ersehnten homogenisierten (süd-)afrikanischen Identität stehen, wurde beispielsweise deutlich, als 2009 die damalige südafrikanische Kulturministerin eine Ausstellung, in der Muholis Fotografien von lesbischen Paaren zu sehen war, empört verließ, da ihre Werke „unmoralisch“ und „gegen die Nationenbildung“ seien. Spätestens in dem Moment, in dem die Abbildung zweier sich zärtlich umarmender Frauen als dissidenter Akt angeprangert wird, wird klar, warum Lesbisch sein nicht bloß als sexuelle, sondern vielmehr als politische Identitätskategorie verstanden werden sollte.

Vina Yun

Sexing The Transman – the documentary
Buck Angel
USA 2012, 71 min

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Für die Dokumentation „Sexing The Transman“ interviewte Buck Angel verschiedene transmänner* (Female-to-Male people) und fokussierte dabei die Themen Sexualität und Körperlichkeit. Die Aussagen sind facettenreich und umkreisen gelebte Sexualität und die damit verbundenen jeweiligen Wünsche und Bedürfnisse, sowie die Wahrnehmung des eigenen Körpers hinsichtlich des sexuellen Empfindens vor und nach körperumwandelnden Schritten. Der Film zeichnet ein vielschichtiges Bild eines [vermeintlich problembehafteten] Themas. Es entsteht ein Portrait der Sexualität_en von transmännern*. Insofern kann mensch die Doku mit Buck Angels Worten als „educational film“ einordnen. Bemerkenswert ist die offene Art und Weise des Erzählens insgesamt. In den sehr persönlichen Schilderungen kommt eine tiefe Gewissheit im Umgang mit dem eigenen Körper sowie mit dem Ausleben von allem, was Lust bereitet zum Ausdruck. Es wird ernst gemacht mit der empowernden Haltung,  Menschen als Expert_innen ihrer selbst zu verstehen und zu Wort kommen zu lassen.
Beim Zuhören erfährt mensch, wie unterschiedlich die jeweils eigene Sexualitätsgeschichte ist. Zum einen sind Sexualität und Wahrnehmung des eigenen Körpers im sexuellen Miteinander  sehr individuelle Aspekte eines Menschen,  und zum anderen bildet die durchlebte Umwandlung von „sex“ und „gender“ den kleinsten gemeinsamen Nenner der hier Sprechenden. Die offene Sprache hat einen selbstermächtigenden Effekt, denn der Film möchte unterstützend sein – da es ein gutes Gefühl ist, andere zu sehen, die so sind, wie man selbst. Hier geht es um Menschen, die ein grundlegendes Wohlgefühl erleben nach dem Einnehmen von Hormonen und der Mastektomie, was als intensives Erwachen des Körpers beschrieben wird. Zugleich ist die Doku informativ, was die Begrifflichkeiten des weiten Themenfeldes „trans“ angeht. Als eine Art Befreiung lässt sich der beschriebene, aktive Umgang mit Sexualität und dem Bemühen seine jeweils eigene Rolle im spielerischen, sexuellen Miteinander zu finden/zu kreieren deuten. Der_die geneigte Zuschauer_in kann hier die längst bekannte, aber nicht weniger bedeutende feministische Forderung der sexuellen Selbstbestimmung erkennen. Auch in der sprachlichen Neu-/Umbenennung des Geschlechtsorgans liegt etwas von der queer_feministischen Art des do it yourself.
In „Sexing The Transmen“ identifizieren und bezeichnen sich alle selbst als transmänner*, Männer mit Vulvas. Damit stößt man auf den vermeintlich strikten Gegensatz zwischen „gender“ und „sex“, aber wie vielschichtig und variabel jeweils beide Kategorien sind verdeutlichen die individuellen Erzählungen über den Umgang mit ihren Körpern in sexueller Hinsicht sehr eindrücklich.

steff_münzberg

AUS FIBER #20 …

Break my Fall
Kanchi Wichmann
UK 2011, 107 min

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„Die Wohnung eine Bruchbude, der Aushilfsjob öde und der Traum von der Musikkarierre utopisch: Das ist Sallys und Lisas Leben im Londoner Eastend…“ verrät der offizielle Text zu „Break my Fall“ und fährt damit fort, dass es der Regisseurin in ihrem Spielfilmdebüt gelingt, das Motiv der emotionalen Abhängigkeit ohne Schuldzuweisungen und ohne Klischees zu zeigen. Eine Beschreibung, der ich nicht ganz zustimme.
Lisa hat einen androgynen Körper, burschikoses Auftreten und ist männlich gekleidet. Sie weiß, was sie will und kämpft um ihre Freundin Sally, die ihr zu entgleiten droht. In Ihrer Verzweiflung übt sie körperliche Gewalt aus.
Sally ist feminin, trägt kurze Röcke und Lippenstift. Ihre Versuche, Abstand zu gewinnen sind zaghaft oder trotzig, sie weiß nicht was sie will und sie weiß nicht, ob sie lesbisch oder bisexuell ist. Dieser Konstellation begegnen wir ein zweites Mal: eine Club-Bekanntschaft von Lisa beklagt sich mit männlicher Gestik über ihre Freundin: „Ich biete ihr alles – Geld, Karriere, eine Wohnung – dennoch fühlt sie sich nicht so sicher bei mir, wie bei einem Mann.“
Abgesehen von dieser Typisierung, die ich als klischeehaft empfinde – ist der emotionale Kampf der beiden Protagonistinnen und das Londoner Party- und Drogenmilieu, in dem sie sich bewegen, packend dargestellt. Die Geschichte wird vorangetrieben von verletzten Gefühlen, Eifersucht und Hass, überschattet vom selbstzerstörerischen Umgang mit Alkohol und Drogen. Die Konflikte sind glaubhaft, die SchauspielerInnen sind in jeder Minute überzeugend. Wir begleiten Sally und Lisa drei Tage und drei Nächte lang. Der Film lässt sich Zeit und liefert keine Erklärungen. Er zeigt einen emotionalen Zustand, einen Strudel, in den wir als ZuseherInnen hineingeworfen werden und der uns mitreißt. In diesem Sog, in der Kombination aus Bildern und Soundtrack und in der Glaubwürdigkeit der Darstellung liegt der große Reiz des Films.

Gudrun Joeller

Too much Pussy! Feminist Sluts in the queer X Show
Emilie Jouvet
Frankreich 2010, 98 min, FSK ab 18

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Sommer 2009: Sieben junge Frauen aus den USA, Deutschland und Frankreich ziehen mit ihrer queer-feministischen Pornoshow durch europäische Großstädte. Es bleibt unklar, ob sie sich vorher kannten oder wie sie zusammenfanden – alle haben einen unterschiedlichen Background, zum Beispiel einen Abschluss in Gender Studies oder eine Karriere als Pornodarstellerin (Madison Young) oder Musikerin (dj Metzgerei) und unterschiedliche sexuelle Orientierungen – aber sie alle eint die Lust am Exhibitionismus und an der Provokation. So wird die Tour durch die Szene-Clubs von Paris, Berlin, Kopenhagen, Stockholm, usw. zum Selbsterfahrungstrip mit Höhen und Tiefen. Die Show muss immer wieder an die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten angepasst, einmal sogar auf Wunsch eines Clubbetreibers frühzeitig abgebrochen werden. Dabei erweitern die Protagonist_innen ihr Programm stetig um neue Performances, experimentieren mit BDSM-Elementen und ausgefallenen Kostümierungen oder präsentieren den eigenen Gebärmutterhals in Annie Sprinkle-Manier. Hinter der Kamera agiert Emilie Jouvet, Fotografin und mehrfach prämierte Regisseurin von konsequent lesbischen und Transgender Pornos. Mit „Pour une Nuit“, den sie mit Laiendarsteller_innen drehte, hatte sie 2006 ihren Durchbruch: Es war der erste französische Pornofilm, in dem ausschließlich lesbisch-queerer Sex zu sehen war. „Too much Pussy!“ bescherte Jouvet nun auch kommerziellen Erfolg, zumindest in Frankreich. Die Kamera zeigt uns die Pro-Sex-Aktivist_innen immer hautnah, ob auf oder hinter der Bühne, beim Diskutieren im Tour-Bus oder im Bett, beim Feiern oder beim Liebesspiel mit den Kolleg_innen oder Groupies. Doch obwohl der Film so dokumentarisch daherkommt, wirken gerade die Sex-Szenen im Backstage-Bereich oftmals wie eine zusätzliche fiktionale Dimension. Die Grenzen zwischen Dokumentation und Pornographie verschwimmen: Was ist hier inszeniert, was ist authentisch? Und was soll das überhaupt sein – authentischer Sex? Auf formaler Ebene spiegelt der Film somit Fragen, die sowohl Inhalt der Bühnenshow als auch der Gespräche der Darsteller_innen sind. Es geht um das Spiel mit Identitäten und Rollen, das Erkunden der eigenen Sexualität und die Selbstvergewisserung der queer-feministischen Szene. Vor allen Dingen geht es „Too much Pussy!“ jedoch um Spaß. Für den sorgt nicht zuletzt der mitreißende Soundtrack mit Bands wie Scream Club, Le Tigre, Electrosexual und vielen mehr.

Miriam Loy

 gODDESSES – South African Feminine Energy
Sylvie Cachin
Südafrika/ Schweiz 2010, 75min

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„We believe we were born perfect“ lautet der Untertitel von „gODDESSES“, einer Dokumentation der schweizer Filmemacherin Sylvie Cachin. In der Khoi-San Kultur (1) gab es weder die Vorstellung eines strafenden Gottes, noch den Glauben, Menschen würden sündig geboren. Auch Geschlechterhirarchien und Ungleichheiten spielten lange Zeit bei den Khoi-San keine Rolle. “My people didn’t have churches for instance and they didn’t have priests.” Mit dieser Beschreibung bringt die Historikerin Yvette Abrahams, selbst Khoi-San, den entscheidenden Bruch in der Geschichte Südafrikas auf den Punkt: die Kolonialisierung des Landes durch die Niederlande und Großbritannien, durch welche christliche Vorstellungen Einzug hielten und die schließlich zur Apartheitspolitik der weißen, herrschenden Minderheit nach dem Zweiten Weltkrieg führte. In gODDESSES porträtiert Cachin sechs sehr unterschiedliche Frauen und schafft es damit, einen differenzierten Blick auf das heutige Südafrika zu werfen und die bis heute wirkenden Spuren seiner Geschichte sichtbar zu machen. Durch die Zusammenführung verschiedener Biografien und Erzählungen entsteht ein Raum und eine Geschichte weiblicher Energie, Tatkraft und Aktivität, abseits von westlich-kolonialistischen, stereotypischen Vorstellungen. gODDESSES - gÖTTINNEN sind diese Frauen, die selbstbewusst und emanzipiert an die Lebens- und Sichtweise der „first people of South Africa“ anschließen und für eine gleichberechtigte Gesellschaft eintreten.

Referenzen:
(1) San und Khoi Khoi bilden die indigene Bevölkerung Südafrikas und werden mit der Bezeichnung Khoi-San zusammengefasst. Quelle: Wikipedia (de.wikipedia.org/wiki/San_(Volk)

Marlies Pratter

Çürük - The Pink Report
Ulrike Böhnisch
Deutschland 2010, 75min

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Sich bei der Stellung zur Homosexualität zu bekennen, ist in der Türkei ein Akt, der zur Ausschließung vom Wehrdienst führt. Was nach einem gangbaren Ausweg aus dem verpflichtenden Militärdienst klingt, entpuppt sich als Autobahn in die gesellschaftliche Ächtung. Sich deklarierende Männer (Frauen unterliegen nicht dem verpflichtenden Wehrdienst) sind çürük« – krank, faul, verdorben - Homosexualität gilt als psychosexuelle Krankheit, die darüber hinaus in einem erniedrigenden Verfahren bewiesen werden muss.
Die Regisseurin Ulrike Böhnisch hat sich in ihrer Dokumentation „Çürük – The Pink Report“ dieser Beweispraxis angenommen und vier, sich als schwul definierende Männer interviewt, die von ihren Erfahrungen im Militär und bei der Ausmusterung berichten.  Die Frage, ob ein verstecktes Dasein beim Militär oder die Ausmusterung durch den Pink Report besser sei, wird immer wieder abgewogen und ambivalent verhandelt.  Nachdrücklich in Erinnerung bleiben die entwürdigenden Beweispraxen der eigenen Homosexualität. So muss etwa der Auszumusternde beim passiven Analverkehr abgelichtet werden und auf dem Beweisfoto neben dem Akt auch sein Gesichtsausdruck zu erkennen sein. In unaufgeregten Bildern und in anonymisierenden Close Ups von Händen in alltäglicher Umgebung wirft die Doku Fragen nach der Definition von Männlichkeit bei der Armee auf, er thematisiert Menschenrechtsverletzungen und Homophobie in homosozialen Strukturen. Nicht zuletzt wundert sich der/ die Zuseher_in, welche Erzählungen eine Doku über Alltagserfahrungen queerer Soldat_innen beim Österreichischen Bundesheer öffentlich gemacht werden würden.

Doris Arztmann

AUS FIBER #19 …

United States Of Tara (Taras Welten)
Diablo Cody
USA, DreamWorks Television, seit 2009

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„A lot of people just wanna be rescued from themselves. They wish they could be airlifted from their skin and dropped into someone else’s. Me … I just wish i could stay the same for a whole week. But then ironically, I’d be a whole different person.“

Tara ist viele: Künstlerin*, Ehefrau*, Mutter*, Schwester*, Tochter*. Rollen, die sie übernimmt, Rollen, die sie spielt, Rollen, die von ihr erwartet werden. Und Tara ist noch mehr: T, Alice, Buck … Persönlichkeiten, die sie ist, Persönlichkeiten, die abwechselnd Kontrolle über Taras Körper, Verhalten und Erleben übernehmen, Persönlichkeiten, die wieder Rollen spielen. Tara leidet an einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS). Die Medikation, die ihre anderen Identitäten in Zaum halten soll, tut dasselbe auch mit Tara, mit ihrem Antrieb, ihrer Kreativität, ihrem Lustgefühl. Deshalb beschließt Tara, die Pillen abzusetzen: „Yeah, multiple personalitiy reunion tour!“ Ende der Inhaltsangabe.

Es ist schwierig über „United States Of Tara“ (USOT) zu schreiben. Ebenso wie der Hauptcharakter vielschichtig und ambivalent ist, ist es die Serie. Sie verhandelt unterschiedliche Themen in der Darstellung einer psychischen Diagnose: das Portrait einer* Ver-Rückten*, den Umgang ihres* sozialen Umfelds damit, das Infragestellen von Identität(en), die Notwendigkeit von Transformation, das Misstrauen gegenüber Heilsversprechen, das Befragen gesellschaftlicher Norm(ierung)en…

DIS massentauglich aufzugreifen ist gewagt. Doch die Macher_innen tun es ohne anmaßend zu sein, ohne zu werten oder zu verurteilen. „Do you even get mom’s alters do? They do stuff for mom.“ Die Störung wird als Schutzfunktion der Psyche dargestellt, um mit tiefgreifenden Verletzungen umzugehen, mit Traumata aus Gewalterfahrungen, die sie ausgelöst haben – und als Schlüssel zur Wahrheit. Also keine Serie über eine hysterische Irre! Was bis vor 30 Jahren als Hysterie und damit als klassische Frauen*krankheit abgefertigt wurde, greift sich hier Raum, um über schweren, kontinuierlichen Missbrauch zu sprechen. Der sexuelle Missbrauch steht bei DIS ganz oben auf der Liste und, ja, es gibt Untersuchungen, die gezeigt haben sollen, dass die Betroffenen vor allem Frauen* sind. Bin ich frech genug zu den Spagat zu wagen und zu lesen: Möglicherweise wird hier auch über strukturelle Gewalt gesprochen? Möglicherweise.

Wer Credit-Referenzen braucht, um sich mal was G’scheites im Fernsehen anzusehen: Toni Collette tanzt nach Diabolo Codys Pfeife, genial, einfühlsam und mit Humor, also: A also: Absolut sehenswert!

Judith Kabas

AUS FIBER #18 …

The kids are all right
Lisa Cholodenko
USA 2010, 106min.

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Lisa Cholodenkos dritter Film kommt als betont unverkrampfte Regenbogenfamilienkomödie daher. Die Kinder pubertieren zwar erstaunlich pickelfrei und aggressionsarm, aber das nur, weil alles so gut funktioniert in ihrer Familie aus Mutter-Tochter-Mutter-Sohn. Alles ist wie bei anderen auch, nur noch ein bisschen netter. Da fehlt kein Mann, kein Vater. Bis die Neugier des 15jährigen Laser (Josh Hutcherson) nach einem Kennenlernen des Spermienspenders verlangt. Die gerade volljährige Tochter Joni (Mia Wasikowska) ruft heimlich bei der Samenbank an, und aus einem Namen im Dossier wird ein Mann: Der fünfzigjährige Biobauer und Restaurantbesitzer Paul (Marc Ruffalo), potent und selbstbewusst. Ein Fünfeck entsteht. Die Mütter Nic (Annette Bening) und Jules (Julianne Moore) fühlen sich zunächst bedroht von Pauls Präsenz, er ist die personifizierte Rebellion gegen sie. Paul fühlt sich geschmeichelt vom Interesse Jonis und Lasers. Er lernt die Mütter kennen, das schöne heile Familienleben … und will einen Platz darin. Den findet er – und beginnt eine Affäre mit Jules. Spätestens hier ist der Film zum Beziehungsdrama geworden. Für Jules verstößt Paul seine junge Geliebte Tanya. In dieser Szene wird penetrant deutlich, dass Frauen in Cholodenkos Film nur eines sein können: Mutter oder Hure. Tanya und Pauls zweite Angestellte Brooke sind mit ihren jungen Barbiekörpern in engen Tops, ihren lasziven Blicken und Sätzen über Erdbeeren und Gurken hohle Sexobjekte ohne Sinn für die Handlung des Films. Die Kernfamilie ist mit Hausfrau Jules und Familienoberhaupt Nic dagegen erstaunlich konservativ gezeichnet. Pseudopapa Paul ist wie ein Kind, das sich nicht entscheiden kann, was es vom Leben will. In dieser Konstellation kann das Elterntrio nicht bestehen bleiben … Bei Nic und Jules ist Reden Gold, rührt es auch ans Intimste. Die Frauen weinen bei jeder Gelegenheit, der Sohn nicht, er ist ja (leider) nicht schwul. Mit solchen Pointen nivelliert der Film auch das letzte bisschen Kritik an Stereotypen und Intoleranz. Der Happy-End-Witz ist vorhersehbar und unerträglich nett. Wiederhergestellt fährt die verkleinerte Kernfamilie zurück in ihren Vorort. Und die Sonne scheint sowieso.

Marie Müller-Zetzsche

ORGASM INC.
Liz Canner
USA 2009, 78min

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Es begann mit einem Porno: Für Forschungszwecke sollte Regisseurin Liz Canner „erotische Filme“ für Frauen zusammenstellen. Ziel ihres Auftraggebers, des US-amerikanischen Pharma-Unternehmens Vivus: Die Entwicklung eines Präparats, das die Blutzirkulation im weiblichen Genitalbereich verstärkt und so Frauen mit einer „Sexualfunktionsstörung“ orgasmusfähig machen soll. Die Frage „Wie funktioniert der weibliche Orgasmus?“ gleicht dem neuen heiligen Gral der Arzneimittel-Industrie – ob mit „Alister“ (Vivus), „Intrinsa“ (Procter & Gamble) oder „Flibanserin“ (Boehringer Ingelheim): Nicht zufällig startete die Suche nach der „weiblichen Lust“ im Fahrwasser des Booms von Potenzmitteln für Männer. Neun Jahre lang recherchierte Liz Canner, die sich mit Dokumentationen zu menschenrechts- und demokratiepolitischen Themen profiliert hatte, für ihren investigativen Film. Dem Gedanken der klassischen „Gegenaufklärung“ verpflichtet, enthüllt Canner die ökonomischen Interessen, die den Diskurs um die „Wiederherstellung“ des weiblichen Orgasmus leiten. Allein in den USA seien 43 Prozent der weiblichen Bevölkerung von einer „Störung“ ihrer Sexualfunktion betroffen. Trotz der recht zweifelhaften Erhebungsmethoden konnte damit ein neu geschaffenes Krankheitsbild etabliert werden: „Female Sexual Dysfunction” (FSD), das mittlerweile auch von der Food And Drug Administration, der US-Behörde für Lebensmittel- und Arzneimittelsicherheit, anerkannt wird. Ein Umstand, von dem nicht nur die Pharma-Industrie, sondern auch der wachsende Zweig der plastischen Genitalchirurgie profitiert. Canners Kritik richtet sich aber auch auf die sozialen Bedingungen, unter denen weibliche Sexualität derzeit verhandelt wird: In einer Gesellschaft, in der nur der Orgasmus als Beweis für eine funktionierende, gesunde Sexualität gilt, werde sexuelle Unzufriedenheit nicht etwa als Resultat eines ungleichen Geschlechterverhältnisses begriffen, sondern individualisiert. Zugleich verändere die fortschreitende Medikalisierung des Alltags die eigene Körperwahrnehmung – während „sex education“ und das Wissen um den eigenen (weiblichen) Körper auch weiterhin nur eine untergeordnete Rolle im Gesundheitsdiskurs spielen. It’s time to say goodbye, Lady Viagra!

Vina Yun

AUS FIBER #17 …

Women Without Men (Zanan bedoone mardan)
Shirin Neshat
Deutschland, Österreich, Frankreich, Iran 2009, 99 Min.

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Die eindrücklichsten Bilder in Shirin Neshats Film „Women Without Men“ sind jene, in denen die Architektur ein Eigenleben gewinnt. Die Mauer neigt sich nach hinten und droht, die Frau, die vor ihr am Balkongeländer hängt, mit sich fort zu saugen. Zunächst sind Neshats vier Protagonistinnen in ihren jeweiligen vier Wänden gefangen. Der Balkon befindet sich im Innenhof eines Bordells. Die Frau am Balkon, Zarin, schleppt sich apathisch zurück in ein Zimmer, wo der nächste Freier auf sie wartet. Die gläubige Faezeh will den Bruder ihrer Freundin Munis heiraten, während diese, vom Bruder zu Hause fest gehalten, gebannt jedes Wort im Radio verfolgt. Teheran, August 1953. Die USA und Großbritannien setzen Präsident Mohammad Mossadegh unter Druck, ein Putsch steht kurz bevor. Auf den Straßen tobt Protest. Fakhri, eine bourgeoise Frau um die fünfzig ist gespalten zwischen zwei Welten: ihrem aus der Emigration zurückgekehrten ehemaligen Liebhaber und ihrem Ehemann, ein hochrangiger Offizier. Sie verlässt ihren Mann und kauft ein Stück Land, um es zu kultivieren. Durch Zufall finden Zarin und Faezeh ihren Weg in den geheimnisvollen Garten hinter Fahris Landhaus. Das Spielfilmdebüt der Künstlerin Shirin Neshat überzeugte die Jury in Venedig und war auch in Österreich – unter anderem auf der Diagonale – zu sehen. Neshat adaptiert den magischen Realismus des gleichnamigen Romans von Shahrnush Parsipur als eine mächtig aufgeladene Welt der Symbole. Viele der Bilder sind dabei zu sehr damit beschäftigt, sich selbst zu gefallen, als dass sie wirklich am Schicksal der Frauen interessiert wären. Auch die Darstellung der politischen Ereignisse, die ab der Hälfte des Films ins Zentrum rückt, bleibt beim Vergleich mit der aktuellen politischen Situation (Sommer 2009) stehen. Immer wieder laufen Scharen von Demonstrant_innen an der gleichen Straßenecke vorbei. Am Ende bleibt ein gedeckter Tisch, der hastig zurückgelassen wurde. So scheinen sich politisches Engagement und die Einsicht vom Kreislauf des ewig Gleichen letztlich hier im Weg zu stehen.

Marlies Pöschl

Why she refused to act in a rapist scene
Nicole Szolga
Österreich 2009, 13 Min.

Kapitel eins. Ein Insert in Form einer Szenenbeschreibung präsentiert Kate, die vom Auto wegläuft und einen Zaun erreicht; weinend. Über diesen kletternd, verletzt sie sich an den Händen und zerreißt dabei ihr Kleid. Cut. Es folgen fünf Menschen, nicht beim Namen genannt, jedoch die „Charaktere“ Maske, Kostümbildner_in, Regisseur_in, Publikum, Schauspieler_in repräsentierend. Sie erörtern die Möglichkeiten der Darstellung einer Vergewaltigung in ihrer jeweiligen Positionierung, diskutieren ihre persönliche Einstellung dazu sowie die Konsequenzen, die sich für Film, Publikum, Arbeit und für sich selbst aus einer solchen Darstellung heraus ergeben. Dazwischen folgen weitere Inserts, die Kate und was mit ihr geschah im Kopf des_der Zuseher_in weiter kreieren, beeinflusst und/oder verglichen mit den Beschreibungen und Meinungen der interviewten Positionen. Am Ende bleibt: „Why she refused to act in a rapist scene”. Fünf Menschen spekulieren, fünf Menschen stellen sich selbst diese Frage und ziehen für sich Schlüsse. Der Kurzfilm wirkt im ersten Moment wie ein Home Video. Die Interviews – klassisch mit Steady Cam gefilmt – werden durch die Zwischenschnitte, die Verzögerung und/oder den Rücklauf vom Bild zur Tonspur und das Hinterherhinken oder Vorlaufen der englischen Untertitel zum Gesprochenen aufgebrochen und intensiver. Der_Die Zuseher_in rezipiert das Mitgeteilte in Sprache und das nicht unmittelbar im Gesagten Mitgeteilte durch die Aufnahme der Interviewten beim Schweigen und manchmal beim Sprechen, welches jedoch nicht zu hören ist. Interessant ist, wie sich die Szene, die man_frau ab Beginn des Films diktiert bekommt, durch die unterschiedlichen Herangehensweisen und Auseinandersetzungen der interviewten Personen verändert, verformt und weitergesponnen wird. Der_Die Zuseher_in selbst stellt sich die Frage, warum man_frau sich eine Vergewaltigung gerade so vorstellt und wie man_frau sich diese vorstellen würde, wenn man_frau nicht der_die ist, der_die man_frau ist, mit all den gesehenen Dingen und erlebten Situationen in seinem_ihrem Leben, die dieses Vergewaltigungsbild ausmacht; dieses Bild, dass dann allzu oft Realität wird und wiederum andere Bildvorstellungen infiltriert – vielleicht nur Fantasie bleibt. Gut gemacht, Frau Szolga.

Frühstück

AUS FIBER #16 …

verliebt, verzopft, verwegen - Geschichten lesbischer (Un-)sichtbarkeit im Wien der 50er und 60er Jahre.
Cordula Thym, Katharina Lampert
Österreich 2009

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Die 1950er Jahre: „Wenn die Conny mit dem Peter“, Dauerwellen, Röcke und Stöckelschuhe, Heimatfilme im Kino. Lesbisch sein – damals – im grauen „verzopften“ Nachkriegswien: Unerhört! Die Regisseurinnen Cordula Thym und Katharina Lampert haben mit ihrem Debütfilm ein bisher undokumentiertes Kapitel queerer österreichischer Geschichte aufgearbeitet. Ihrem Durchhaltevermögen ist es zu verdanken, dass dieses Zeitdokument trotz minimaler Förderung und schwierigen Recherchebedingungen zustande gekommen ist. „Die Suche nach einem Außen führte uns ins Private“ ist eine zentrale Aussage des Films. Fünf Jahre lang dauerte die Spurensuche. Geschichten über lesbisches Leben in den 1950er und 1960er Jahren waren bislang so gut wie unbekannt. Zwar existierten in den 1920er Jahren in Wien bereits Frauenclubs, auch Zeitschriften mit explizit lesbischem Inhalt waren erhältlich, doch mit Beginn des Austrofaschismus und der Zeit des Nationalsozialismus wurde diese gegenkulturelle Vernetzung gewaltsam beendet. Es begannen Jahre der Repression und Verfolgung homosexueller Menschen. In der konservativen Nachkriegszeit war Homosexualität weiterhin ein verbotenes Thema, ein Tabu. Dieses Tabu wirkt bis heute nach und machte die Suche nach Interviewpartnerinnen sehr schwierig. Die Filmemacherinnen erhielten auf ihre Anfragen zahlreiche Absagen. Letztendlich haben sich drei Frauen bereit erklärt, vor der Kamera über diese queer-historische Leerstelle zu sprechen: Birgit Meinhard-Schiebel, Rosmarin Frauendorfer und Ursula Hacker. Alle drei sind in den 1940er Jahren geboren und wohnen heute – offen lesbisch – in Wien. Mitreißend und charmant resümieren sie in ihren Erzählungen über verliebt sein und heimliche erste Zungenküsse mit der Lehrherrin. Sie erzählen über Reisen in vermeintlich liberalere Länder, Momente von Anpassungszwang, wie der eigenen Hochzeit unter einer Langhaarperücke, sowie über ehemalige Beziehungen. Rückblicke in ihre Jugend öffnen die Tür in eine Vergangenheit, als von gesellschaftlicher Akzeptanz keine Rede war. Homosexualität war in Österreich bis 1971 strafbar. Queeres Leben war damals eigentlich eine Gratwanderung am Rande der Selbstverleugnung mit kleinen Handlungsspielräumen. „Tolerantere“ Berufsfelder, wie das Theater, waren die Ausnahme. Die Aufrechterhaltung des Scheins war in vielen Lebensbereichen schlichtweg notwendig. Durch diese Umstände war es sehr schwierig Kontakte zu knüpfen. Geheime Clubs mit klingenden Namen wie „Gerlindes Stuben“ gab es zwar, die Besuche dort schildern die drei Frauen aber nicht als identitätsstiftend, sondern eher als skurril bis abschreckend. In so genannten Sub-Lokalen, in denen illegalisierte Gruppen der Gesellschaft wie die Queer-Szene mit dem Rotlichtmilieu zusammentrafen, war die Atmosphäre geprägt von regelmäßigen Polizeirazzien und Gewaltausbrüchen einiger BesucherInnen. Namentlich genannt wird Wanda Kuchwalek, sie war Wiens bekannteste Zuhälterin. Außerhalb dieser Mikrokosmen herrschten heterosexuelle Norm und familiärer Druck. Eine der Strategien, um den rigiden Moralvorstellungen zu entsprechen, war, die Eheschließung mit einem schwulen Mann. Mit Kindern zu leben, eigenen oder denen einer Partnerin, funktionierte auch als „Rechtfertigung“ um in Ruhe gelassen zu werden. Erst durch die Politisierung der 1970er Jahre wurde das Klima langsam offener. Frauen- und Lesbenbewegung und neu entstandene Wohnformen wie WGs boten alternative Lebensmodelle. In „verliebt, verzopft, verwegen“ werden die (zwangsweise im Privaten) gelebten Gegenwelten der 1950er und 1960er Jahre sichtbar. Skizziert wird das Porträt einer wenig präsenten Generation lesbischer Frauen und ihrer Wege zu Identitätsfindung und Befreiung durch eine repressive Ära. Der Film ist deshalb nicht nur ein einzigartiges Zeugnis lesbischer Geschichte in Österreich. Als erste lesbisch-queere Doku hierzulande überhaupt, kann bei „verliebt, verzopft, verwegen“ durchaus von einem Meilenstein gesprochen werden. Definitely not to be missed!

Katharina Meißnitzer

Girls Rock!
Shane King, Arne Johnson
USA 2008, 89 min

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„I say girls – you say rock!“ ruft Gesangstrainerin Beth Ditto von Gossip zu Beginn in einen Kreis angehender Rockgören, schüchterner Death Metal-Faninnen oder überzeugter Sonic Youth-Nachwüchse. Eine Woche haben die am Rock’n’Roll Camp for Girls in Portland/Oregon teilnehmenden Mädchen im Alter zwischen acht und 18 Jahren Zeit, sich unabhängig von Vorkenntnissen an einem Instrument ihrer Wahl zu probieren, eine Band zu gründen, gemeinsam einen Song zu schreiben und diesen dann im Rahmen des Abschlusskonzertes zu performen. „Girls Rock!“ begleitet und dokumentiert in mitreißender Weise, wie Musik als Medium eingesetzt wird, um die rebel girls in unterschiedlichen Workshops zu ermutigen, Selbstvertrauen in ihre kreativen wie technischen Fähigkeiten zu entwickeln und dem Spaß am spontanen drauf los Trommeln, Wüten und Schreien Ausdruck zu verleihen. So führt die Doku empathisch vor Augen, dass und wie das Camp den Mädchen ein, entgegen geschlechterstereotyper Zuschreibungen, Bild von aktiven, kreativen Frauen als Musik produzierende und selbstbewusste Akteur_innen vermittelt, um mit der Revolution in den „hips“ und „kisses“ zur „queen of the neighborhood“ (aus “Rebel Girl“ von Bikini Kill) zu werden.

Ulli Mayer

AUS FIBER #15 …

Best of Tricky Women
Tricky Women 2009

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Wenn der Handyklingelton zur angenehmen Soundkulisse wird, kann das bedeuten, mensch ist für 12 Minuten in einer Welt, in der die Zeit außer Kraft gesetzt ist, in der Nützlichkeit zu einer lang vergessenen Kategorie geworden ist. Einfach nicht erreichbar sein. Der Mythos vom Paradies oder einer Parallelwelt außerhalb des 9-to-5-Lebens ist eine Utopie, der nicht nur Edith Staubers animierter Dokumentarfilm „Eintritt zum Paradies um 3€20“, sondern auch Denise Hausers Collage-Film „Copy City“ nachträumt. Insofern stellt auch das internationale Animationsfilmfestival „Tricky Women“ einen paradiesischen Ort dar, an dem für einige Tage im Jahr Logik und Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden und alles, was zählt, die Phantasie der Künstlerinnen ist. Dass Animationsfilm allerdings nicht nur nett dahinplätschernde Unterhaltung sein kann (wie z.B. in Delphine Hermans „L’enveloppe jaune“), zeigt sich unter anderem in Kara Nasdor-Jones „I slept with Cookie Monster“. Bilder von Blumen werden zerrissen und zerknüllt; was als Romanze beginnt, endet als Erfahrung häuslicher Gewalt. Zunehmend verwenden Künstlerinnen Animationsfilm gemischt mit dokumentarischen Techniken, häufig wird das Genre genutzt, um sich gesellschaftlich relevanten Themen innovativ zu nähern (z.B. auch Samantha Moore: „The Beloved Ones“). Thematisch abwechslungsreich und kohärent zugleich zeigt diese Auswahl, dass Animationsfilm alles sein kann – von Musikvideo bis Dokumentarfilm, visuell aber oft in gezeichneten zwei Dimensionen verbleibt.

Marlies Pöschl

AUS FIBER #14 …

Abortion Democracy
Sarah Diehl
2008, 45 min

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Sehr treffend steht der Titel für die ernüchternde Dokumentation über Abtreibungspolitiken in Polen und Südafrika. Sarah Diehl wählt hier bewusst zwei Länder, die von ihrer Gesetzgebung in Sachen Abtreibung nicht unterschiedlicher sein könnten.
Auf der einen Seite Südafrika, mit einem der weltweit modernsten Abtreibungsgesetze, auf der anderen Polen, das gemeinsam mit Irland und Malta als einzige Länder innerhalb der EU seine eigene restriktive Abtreibungspolitik verfolgt. Dennoch malt die Regisseurin kein eindimensionales Bild, sondern zeigt, wie weit Legislative und Lebensrealität auseinander liegen.
In beiden Ländern ist der Glaube tief in der Bevölkerung verankert. Viele Frauen befinden sich im Dilemma zwischen der benötigten Abtreibung, dem Recht auf Selbstbestimmung und der Religion, welche eine Abtreibung verbietet. Dies führt unter anderem dazu, dass wenig bereitwillige Fachkräfte für Eingriffe dieser Art zu finden sind. Der gesellschaftliche Druck ist einfach zu groß.
Vergewaltigungen, Armut, Inzest und oft auch das Unvermögen einvernehmlichen Sex zu kommunizieren zeigen die tiefe Kluft zwischen Frauen*rechten und Menschenrechten in Südafrika. Erschwerend hinzu kommt der Global Gag Rule, ein amerikanisches Gesetz, welches die finanzielle Unterstützung jenen NGOs verweigert, die Abtreibungen durchführen.
In Polen wiederum zeichnet die Regierung ein veraltetes Idealbild von kinderreichen Großfamilien und ersetzt Aufklärungsunterricht durch Religionsstunden, um sich die Unterstützung der mächtigen katholischen Kirche zu sichern, während Scheidungsraten und die Zahlen der arbeitsuchenden Emmigrant*innen in die Höhe schnellen.
Am Ende bleibt der fahle Nachgeschmack, dass in Polen illegale Abtreibungen eher „erhältlich“ sind, als legale in Südafrika.
Achtung Tipp! www.abortiondemocracy.com, ein weiterer Film von Sarah Diehl zum Thema Abtreibung in den USA. Hierzu findet sich auch eine Doku über die Filmtour durch 14 Städte in den USA und Kanada mit den darauffolgenden Diskussionen. Internationale Zusammenhänge werden hier ganz besonders gut sichtbar.

Mareš
AUS FIBER #13 …

Itty Bitty Titty Comittee
Regie: Jamie Babbit
USA 2007, 85 Min.

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Irgendwie habe ich die ganze Zeit gewartet. Auf den Haken bei der Sache. Sitze ich doch schlussendlich in einem dieser Veranstaltungskinokomplexe, der Saal ist mehr als gut gefüllt, und esse Popcorn. Aber da ist kaum einer gekommen, also Haken mein ich.  In dem von Power Up ganz und gar über private Gelder produzierten Itty Bitty Titty Comittee dreht sich alles rund um eine queer feministische Gruppe, die sich selbst Clits in Action – kurz CIA – nennt. Ihre Aktionen mögen zu Beginn des Films noch etwas unausgegoren wirken, entwickeln sie aber im Laufe der 90 Minuten einiges an kreativem Kampfpotential. Leichtfüßig und mit Humor gespickt führt Jamie Babbit, einigen vielleicht noch von ihrem letzten Langfilm „But I am a cheerleader“ ein Begriff, durch die Welt der Hauptcharaktere. Anna wird so vom liebesbekümmerten Mauerblümchen zur feministischen Haudegin, die sich Hals über Kopf in Sadie verknallt. Ja, ja emotionales Geplänker bei dem dann schlußendlich alle mal was zu tun hatten, darf auch hier nicht fehlen, ich würd sogar sagen es wäre beinahe unglaubwürdig ohne. Die Qualität dieses Films zeichnet sich für mich aber nicht in seiner Unterhaltsamkeit, sondern mehr in den Debatten dazwischen aus. Sexuelle Orientierung, Irakkrieg, gay marriage, Schönheitswahn werden hier genauso zum kritisch beleuchteten Thema wie Vermittlungsprobleme zwischen verschiedenen feministischen Einstellungen bzw. Generationen. Warum die Hauptdarsteller_innen für diese Mission permanent geschminkt und super durchgestylt haben sein müssen, frag ich mich aber trotzdem.

Angela Tiefenthal

Cabaret
Bob Fosse
USA 1972

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Berlin 1931. Die Ausläufer der Aufbruchsstimmung der 20er Jahre sind im Varieté Kit-Kat-Klub, noch zu spüren. Die Shows sind wild, (multi-)sexuell aufgeladen und subtil politisch. Die immer stärker werdende Präsenz der Nazis wird aber immer deutlicher. Die US-Amerikanerin Sally (Liza Minelli) tanzt in der Show und gibt auch im Escort-Service ihr Bestes um endlich diejenigen kennen zu lernen, die ihr den Kontakt zur relevanten Film- und Theaterszene vermitteln können. Sie ist exaltiert und witzig, trinkt viel und trägt ihren Sexappeal nach außen. Sie lebt atemlos, wie im Rausch. Das gesamte Umfeld in dem sie sich bewegt scheint ununterbrochen zu feiern, zu trinken und Spaß zu haben. Ein Glas Schampus da und ein Brandy zwischendurch gehören zum Alltag. Auch die Shows im Club wirken zum Teil wie auf Trip. Die grelle Schminke überbetont die Mimik der TänzerInnen, sie wirken wie psychedelische Fratzen. Das Beeindruckendste in „Cabaret“ in Bezug auf Rausch ist dennoch eine Szene im Biergarten: Ein Hitlerjunge beginnt volltönend ein Volkslied zu singen, stramm steht er da, seine Stimme scheint alle Poren zu durchdringen. Die anderen BesucherInnen sind vorerst etwas zögerlich, aber nach und nach geben sich fiebrig der betörenden Stimmung hin. Der größte Teil der BesucherInnen singt inbrünstig mit. Fosse gibt dieser Dynamik die volle Länge. Der Refrain des Liedes wird immer und immer wieder gesungen bis zum kollektiven Hitlergruß.

dr dra

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