BÜCHER

AUS FIBER #22 …

Annabelle Hornung
Queere Ritter. Geschlecht und Begehren in den Gralsromanen des Mittelalters.
Bielefeld: transcript 2012, 344 Seiten

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Eine queere Auseinandersetzung mit dem Mittelalter war mir bis jetzt noch nicht in die Hände gekommen. Deshalb sprach mich der Titel von Annabelle Hornungs Dissertation „Queere Ritter“ sofort an. Ich konnte mir kaum etwas darunter vorstellen und begann ohne spezifische Erwartungen zu lesen.
Schnell war ich gefesselt von diesem neuen Thema, welches sich hier für mich auftat. In „Queere Ritter“ bedient sich die Autor_in der poststrukturalistischen Textanalyse und beschäftigt sich mit Hilfe dieser mit der Konstruktion von Geschlecht und Begehren in Gralsromanen. Hierbei betont sie vor allem die Möglichkeiten der Queer Studies, in der Analyse solcher Texte die Konstruktion von sex und gender sichtbar werden zu lassen. Dabei bezieht sie sich in ihrer Einführung auf Judith Butlers „Gender Trouble“, Michel Foucaults „Sexualität und Wahrheit“ oder auch auf Lacans Theorie zum „Spiegelgleichnis“. Sind diese Texte zwar vielen bekannt und werden immer wieder als Bezugspunkte herangezogen, finde ich es trotzdem immer wieder spannend, wenn sichtbar gemacht wird, wie bereichernd ein queerer Blick auf die unterschiedlichsten Themenbereiche sein kann.
Die zentralen Begriffe der Arbeit sind Begehren, Geschlecht und Identität. Ihnen wird in vier verschiedenen Gralsromanen nachgegangen. Hierbei ist vor allem die Voranstellung einer zeitgenössischen Gralsgeschichte „The Da Vinci Code“ von Dan Brown interessant. Vor der eigentlichen Analyse der alten Texte beschreibt die Autor_in anhand dieses Romans die binäre Geschlechtermatrix, die in dieser Geschichte an manchen Stellen scheinbar subversiv unterlaufen wird, jedoch dann im selben Atemzug gerade dadurch wieder die binären Geschlechternormen reproduziert und festigt. Hier sei als Beispiel die Interpretation Browns zu da Vincis Werk „Das letzte Abendmahl“ nur kurz erwähnt. Indem er im Jünger Johannes Maria Magdalena zu erkennen glaubt, reproduziert er die „natürliche“ Liebe zwischen Mann und Frau und die Liebe zwischen Jesus und Johannes wird somit „berichtigt“. Dazu wird sichtbar, dass ganz bestimmte Geschlechtszuschreibungen in da Vincis Abendmahl hineininterpretiert werden, die in dieser Zeit nicht als Merkmale von Geschlecht verhandelt wurden.
Hier findet sich ein schöner Übergang zu den frühen Gralsromanen, unter ihnen „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach aus dem 13. Jahrhundert. Es wird deutlich, dass jene Geschlechtermerkmale, die mit der heutigen hegemonialen binären Vorstellung von Geschlecht einhergehen, sich nicht mit denen aus dem 13. Jahrhundert vergleichen lassen und sie als queere Konzepte, als solche, die nicht unseren heutigen Normen entsprechen, gelesen werden können.
„Queere Ritter“ ist eine spannende Arbeit, welche einer_einem das Mittelalter, was sex, gender und Begehren betrifft, nicht mehr ganz so düster erscheinen lässt und damit auch wiederum die Konstruiertheit jener Begriffe offenlegt.

Viktoria Drexler

Anita Tomke Wieser
Queer Writing. Eine literaturwissenschaftliche Annäherung. Mit ausgewählten Beispielen aus Thomas Meineckes „Hellblau“.
Wien: Zaglossus 2012, 242 Seiten

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Anita Tomke Wieser gewann 2012 den Publikationswettbewerb kritique_jeune, mit dem herausragende Diplom- und Masterarbeiten im Bereich der Queer-Studies ausgezeichnet werden. In „Queer Writing“ – ihrer Diplomarbeit im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft – untersucht Wieser die Möglichkeit eines queeren Schreibens am Beispiel des Romans „Hellblau“ von Thomas Meinecke. Besonders interessieren sie dabei die Wechselbeziehungen von queerer Theorie und queerer (politischer) Praxis, das subversive Potenzial von queerer Literatur sowie die Verquickung von Theorie und Belletristik. Meinecke, der sich inhaltlich an Fragen der Identitätskonstruktion sowie der damit einhergehenden Ein- und Ausschlüsse abarbeitet und sich bereits in seinem Roman „Tomboy“ (1998) explizit mit Judith Butler und anderen Queer-Theoretiker_innen auseinandersetzt, drängt sich als Untersuchungsgegenstand in diesem Komplex förmlich auf. Seine Texte erwecken den Eindruck, sie seien der Versuch, postmoderne Theorie in die Praxis umzusetzen. Das mag daran liegen, dass er selbst Theater-, Literatur- und Kommunikationswissenschaft studierte. Nach rund hundert Seiten, auf denen Wieser klar und pointiert ihren sehr weit gefassten Begriff von queer darlegt – die üblichen Verdächtigen reichen sich dabei die Hand (Butler, Barthes, Foucault, Lacan, Saussure, Kristeva, Bachtin) –, gelingt es ihr, bei Meinecke verschiedene Strategien auszumachen, die sie überzeugend als „formale Tendenzen queeren Schreibens“ bezeichnet. Der Analyseteil fällt dabei mit knapp dreißig Seiten ziemlich kurz aus, was Meinecke-Fans wohl etwas enttäuschen wird. Dennoch wirft die Studie ein Schlaglicht auf die Poetik dieses „Verfassers von Zitatgeweben“. Und für eine akademische Zweckschrift ist sie überraschend angenehm zu lesen.

Miriam Loy

Sharon Dodua Otoo
the things i am thinking while smiling politely … .
Münster: edition assemblage 2012, 103 Seiten

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Die Protagonistin von Sharon Otoos erster Novelle „the things i am thinking while smiling politely …“ wächst im „weißesten Teil East Londons“ auf, als Tochter ghanaischer MigrantInnen, die sich aus pragmatischen Gründen dazu entscheiden, der verwitweten Schwester des Vaters die Betreuung zu überlassen. Mit 18 beschließt sie nach Berlin zu ziehen, wo sie ihren Mann Till kennenlernt.
Otoo erzählt die Geschichte der Identitätssuche der Hauptfigur, ihrer zerbrechenden Ehe und der Beziehungen, die diese umgeben. Ihre Sprache ist klar und unverschnörkelt. Mit viel Witz weiß sie vom Alltag der schwarzen Mittvierzigerin in Berlin zu berichten. Auf romantisierende Darstellungen von Mutterschaft und Ehe wird dabei verzichtet. So nennt die Ich-Erzählerin die eigene Tochter ihre Nemesis. Doch Otoo verurteilt nicht, sondern macht die Handlungen ihrer Figuren greifbar und verständlich. In kurzen Passagen aus dem Leben der Protagonistin, sich dabei der chronologischen Wiedergabe der Ereignisse verweigernd, weiß Otoo die LeserInnen zu begeistern. Die Haupthandlung wird rückwärts erzählt, Otoo webt dabei den Erzählfaden jedoch so geschickt, dass frau der Geschichte dennoch gut folgen kann.

Michaela Kuich

 

AUS FIBER #21 …

Sushila_Mesquita
BAN MARRIAGE! Ambivalenzen der Normalisierung aus queer-feministischer Perspektive.
Wien: zaglossus 2012, 304 Seiten

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Im Zeitalter von Frauenquote und Gender Gap geht die und Geschlechterforscherin Sushila_Mesquita einen Schritt weiter und beschäftigt sich mit den Unstimmigkeiten des Normalisierungsbegriffs. Darüber hat sie jetzt ein Buch geschrieben. „Ban Marriage! Ambivalenzen der Normalisierung aus queer-feministischer Perspektive“ heißt es und umschreibt zahlreiche Theorien bekannter GeschlechterforscherInnen sowie Gesetzeslagen in Deutschland, Österreich und der Schweiz vor dem Hintergrund der Normalisierung.
Klug gliedert sie die Aspekte gleichgeschlechtlicher PartnerInnenschaften in fünf übersichtliche Kapitel. Mesquita beginnt zunächst den Begriff „Normalisierung“ zu definieren und vergleicht diesen mit „Heteronormativität“, sprich Heterosexualität als gesellschaftliche Norm. Geschickt bezieht sie Theorien von Judith Butler, Michel Foucault oder Antke Engel in die Begriffserörterungen ein und unterstreicht die verschiedenen Auffassungen mit eigenen Erkenntnissen. So stellt sie infolge zahlreicher Erörterungen immer wieder fest, dass die queer-feministische Normalisierung im theoretischen sich von der im praktischen Sinne unterscheidet. Die Autorin hinterfragt die gleichgeschlechtlichen Elternschaften und belegt diese am Schweizer PartnerInnenschaftgesetz. In dem Zusammenhang weist sie auf Gleichheiten und Ungleichheiten der hetero- und homosexuellen Ehe hin und stellt auch hier die Normalisierung in Frage. Für die Autorin ist das Schweizer PartnerInnenschaftsgesetz zu statisch konstruiert, ohne Berücksichtigung vorhandener Vielfalt. So schreibt sie: „Das Partnerschaftsgesetz verlangt und bringt damit ein auf spezifische Weise passförmiges lesbischwules Rechtssubjekt hervor. Die Form, die dieses Geschlecht dieses Subjekts hat, ist ebenso unveränderbar und immer gleich wie sein Begehren.“ Weiter heißt es: „Dieses Subjekt ist zudem vollerwerbstätig, aufenthaltsberechtigt, einkommensstark, kinderlos und zweierbeziehungsfixiert.“
Am Ende greift Mesquita mit den Spannungsfeldern queer-feministischer Familienpolitiken einen weiteren interessanten Aspekt auf und fasst sehr übersichtlich zusammen, unter welchen Richtlinien sich die Familienpolitik revolutionieren müsste, um noch immer bestehende Ambivalenzen zu glätten. Für den_die LeserIn, der_die sich noch nicht eindringlich mit Gender Studies und queer-feministischen Studien auseinandergesetzt hat, könnten Fallbeispiele aus alltäglichen Situationen hilfreich sein, um den wissenschaftlichen Kontext einfacher zu erfassen. Diese kommen bei Mesquita jedoch nicht vor. Vorwissen im Bereich Geschlechterforschung ist daher notwendig, um das Werk in dessen Umfang zu verstehen. Dennoch ist dieses Buch ein hochintellektuelles Ergebnis queer-feministischer Wissenschaft.

Linda Lorenz

Laura Wösch
Das Musikfestival rampenfiber als Beispiel für queer-feministische Raumproduktion.
Wien: Institut für Musiksoziologie 2012, 61 Seiten

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Als Mitorganisatorin des queer_feministischen Musikfestivals rampenfiber fragte ich mich, ob es überhaupt klug sei, über dieses Buch eine Rezension zu schreiben – zu viele Emotionen und Erinnerungen steigen in mir hoch, wenn ich an die Planung, Umsetzung, Diskussionen, Arbeit und vor allem die Freude daran denke. Zu groß war jedoch die Spannung und Erwartung, die ich an dieses Buch hatte, dieses praktische Tun im Kontext einer theoretischen Analyse zu betrachten.
„Das ist umso tragischer [Anm.: der Mangel genderspezifischer Lehrveranstaltungen], wenn man_frau sich, als Musikstudent_in, in der eigenen Ausbildungsstätte umschaut und realisiert, wie stark man_frau ständig von hegemonialen und patriarchalen Strukturen umschlossen ist und wie wenig das reflektiert wird.“ (Wösch, 2012, 7)
Laura Wöschs veröffentlichte Diplomarbeit beschäftigt sich zunächst mit der Konstitution von Raum als Ort von sozialen Beziehungen und den damit verbundenen Machtstrukturen. Aufbauend auf dieser Definition von Raum als Ort der Verhandlung von Macht und damit auch Geschlecht werden im Kapitel „Feministische Frauenöffentlichkeit“ Strategien feministischer Raumaneignung vorgestellt und weitergedacht. Der klare Bezug zur Musik als Trägerin sozialer Machtverhältnisse in Umsetzung und Repräsentanz wird im Kapitel „Queer-feministische Strategien im Rock/Pop und in elektronischer Musik“ hergestellt. Konzepte der Queer Theory, „Riot Grrrls“, Ladyfeste, Genderperformance und Genderparodie sowie Gender in elektronischer Musik werden erörtert. Darauf aufbauend folgt der empirische Teil des Werkes – das Interview mit zwei Organisator_innen des rampfibers. Auch hier wird vor allem auf queer-feministische Raumaneignung eingegangen. Einige Aspekte und Fragen zu der praktischen Umsetzung dieser Strategien bleiben offen und laden ein sich weiterhin damit auseinanderzusetzen.
Laura Wösch schafft den theoretischen Rahmen zur Praxis. Mit ihrer Arbeit bietet sie einen wichtigen Beitrag im Diskurs zur queer-feministischen Raumproduktion.

Conny Gantze

Radical Crafting Circle/ Elke Gaugele, Elke Zobl, Sonja Eismann, Verena Kuni (Hg_innen.)
Craftista! Handarbeit als Aktivismus.
Mainz: Ventil Verlag 2011, 254 Seiten

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Handarbeit als Aktivismus?! Yeah, das muss ich lesen! Das ist eine Pflichtlektüre für mich als kritisch denkende SelbermacherIn, die einerseits glaubt, Kapitalismuskritik schalstrickend für ihre Schatzis betreiben zu können und die zugleich dieser Lust am Herstellen, am Flauschigen, Bunten, Retro-Trendigen, Meditativ-Beruhigenden zutiefst misstraut. Stricken ist Lifestyle, ist cool, modern, irgendwie subversiv und trotzdem lustig. Das kann ich in jeder Zeitschrift, jedem Blog sehen und lesen. Eine Motorsäge ist zwar noch cooler, wir sind aber Girls, und wir hatten Handarbeitsköfferchen in der Schule. Wir können es, und wir dürfen es auch. Denn wir haben es doch schon umgedeutet! Wir craften politisch, wir basteln nicht bloß so! Wir schwingen feministisch, queer und laut die Nadeln. Wer bis jetzt noch nicht nähen konnte, der/ die lernt es jetzt. All Genders are doing it! D.I.Y. - und du bist frei. Können wir tatsächliche Autonomie erlangen? Oder werden die neuen D.I.Y.-Attitüden zu Lebensstil, Alltagsflucht und Trost für die Gemüter westlicher, weißer Menschen, die versuchen, upcycelnd die Welt gerechter zu machen, und zwar mit Spaß und Stil? Aber was, wenn für Menschen das Selbermachen eine tägliche Notwendigkeit ist? Wann und wie begann die Umdeutung und Aneignung des Handarbeitens? Worin liegt das emanzipatorische Potenzial von Nähkränzchen? Solchen und weiteren Zusammenhängen zwischen Crafting/ D.I.Y. und etwa Geschlechterpolitiken, Hierarchien, Ökonomien, Web 2.0, Kolonialismen, Individualisierung, Kunst und Antikapitalismus gehen die AutorInnen im Sammelband nach.
Gegliedert werden die unterschiedlichen Texte und Textsorten in „Historische Wurzeln“, „Intersektionen von Handarbeit, Kunst und Mode-Design“ sowie „Radical Crafting, DIY-Aktivismus & Gender Politiken“. Wer theoretisches Unterfutter fürs nächste Projekt (im Kopf?) sucht, wird’s in „Craftista!“ finden. Ich hab’s auch gefunden. Und weiter genäht.

Britta Stroj

Elke Weigel
Fußballtöchter
Berlin: Querverlag 2012, 244 Seiten

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Elke Weigels Debütroman kann sich sehen bzw. sehr gut lesen lassen. Spannend und leicht geschrieben fesselte er mich und ich verbrachte zwei spannende Tage in Susis Lebensabschnitt, spielte mit ihr Fußball, hatte Sex mit ihren Freundinnen*, nahm Drogen und spielte immer wieder Fußball. Alles wird hier angeschnitten, vom praktischen oder theoretischen Feminismus, bis hin zu nicht heteronormativen Lebensweisen - und das in Deutschland in den 1970er Jahren. Hauptsächlich spielt sich jedoch Susis Widerstand gegen die sexistischen und konservativen Lebensvorstellungen ihrer Umgebung auf dem Fußballplatz ab. Sie und ihre Freundinnen* setzen sich nicht ohne Gefahren über das 1970 noch geltende Fußballspielverbot für Frauen* hinweg. Heimlich muss sich Susi aus den Fängen der Hausarbeit, welche sie für ihren Vater und Bruder verrichten muss, herausspielen, um auf der Wirtshauswiese ihrer Leidenschaft nachgehen zu können. Im „Abwehrkampf“ steht sie scheinbar unüberwindbaren Gegnern gegenüber – ihrem autoritären Chef, ihrem Vater, dem schon erwähnten Patriarchen der Familie und dem ortsansässigen Fußballverein. Susi befreit sich jedoch aus der Defensive und startet das Offensivspiel. Das Fußballteam verbessert kontinuierlich seine Leistungen und wagt den Schritt in die Dorföffentlichkeit. Auch in Susis Liebesleben tut sich einiges, so zieht sie mit Gerda um die Häuser und in so manche Schlafzimmer bzw. Flussufer. Das Fußballspielen und ihre Teamkolleginnen begleiten sie durch den Kick des Lebens.

Conny Gantze

 

AUS FIBER #20 …

Arbeitskreis gegen den kärntner Konsens (Herausgeber_innenschaft):
“Friede, Freude, deutscher Eintopf. Rechte Mythen, NS-Verharmlosung und antifaschistischer Protest.”
Wien: Mandelbaum Verlag 2011, 420 Seiten

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Der Ulrichsberg in Kärnten/Koroška ist mehr als ein Ort. Er ist mehr als ein kärntner Landesehrenmal, ein Ausflugsziel, ein Schauplatz für das Ulrichsbergtreffen von Veteranen der Wehrmacht und (Waffen-)SS. Er ist umkämpfter Raum – auch für den AK gegen den kärntner Konsens, der seit 2005 jährlich Protestveranstaltungen organisiert. Das Buch macht nun den gegenwärtigen Wissensstand als Ergebnis mehrjähriger antifaschistischer Praxis und Analyse zugänglich. Hier wird der Ulrichsberg zum Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit kärntner und österreichischer Geschichtspolitik. Dabei gelingt immer wieder der Bruch mit hegemonialen und reduktionistischen Perspektiven. Die kritische Reflexion gesamtösterreichischer Erinnerungskultur und ein Beitrag zum Gebirgsjägertreffen bei Mittewald in Bayern öffnet die Auseinandersetzung für die überregionale Diskussion. Dies kann auch als Versuch gelesen werden, einer einfachen Erklärung des Phänomens „Ulrichsberg“ mit den „spezifischen kärntner Verhältnissen“ entgegenzuwirken. Neben der Ausleuchtung von Hintergründen widmen sich die Autor_innen marginalisierten Erzählungen unterschiedlicher Opfergruppen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus von (fast) vergessenen Orten wie dem Konzentrationslager am Loibl. Gleichzeitig wird gezeigt, wie das nationalsozialistische Erbe in Diskursen und Praktiken der Zweiten Republik nachwirkt und damit weiter besteht. Trotz des Bemühens Frauen sichtbar zu machen, erscheinen sie in der Mehrheit der Beiträge vor allem in Fußnoten und bleiben insbesondere als Täterinnen namentlich unbenannt. Auch hier gilt es weiter gegen das Vergessen anzuschreiben. Das Schreiben dient den Aktivist_innen nicht zuletzt als Fortsetzung des antifaschistischen Kampfes, der in seiner Logik zeitweise (notwendig) Dichotomien reproduziert – wenn beispielsweise vom deutschkärntner Mainstream und der kärntnerslowenischen (Gegen-)Geschichte geschrieben wird. Polemik ist eine Kunst, der inhaltlich nicht immer gefolgt werden muss, um Denkanstöße auszulösen. „Der Ulrichsberg ruft“ – der Arbeitskreis gegen den kärntner Konsens antwortet. Und seine Antwort will gelesen sein.

Martina Rauter

Frauenabteilung der Stadt Wien (MA57)
“und weiter. Feministische Perspektiven für Wien. 20 Jahre MA57 Frauenabteilung der Stadt Wien”
Ebd. 2011, 309 Seiten

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Was ist zu erwarten von einem Jubiläumsband zu 20 Jahren institutionalisierter Frauenpolitik in Wien? Eigenlob, Leistungsschau? Frauenstadträtin Frauenberger beginnt im Vorwort in allzu betonter pseudosolidarischer Kampfrhetorik („Lassen wir nicht locker!“) den vorliegenden Sammelband anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Frauenabteilung der Stadt Wien, setzt aber auch auf die „Vielfalt der Frauenbewegung“. Genau diese feministische Vielfalt mit all ihren Widersprüchen ist es jedenfalls die dieses Buch gekonnt und mit unterschiedlichen Text- und Visualisierungsformen repräsentiert und zu einer spannenden und anregenden Lektüre macht. Dabei widmet sich der Band, der von Büro trafo.K, Brigitte Geiger und Beate Hausbichler redaktionell umgesetzt wurde, einer Reihe von Schwerpunkten die langjährigen Dauerbrennern feministischer Forderungen entsprechen wie die ganz grundsätzliche Frage nach der zeitgemäßen Form feministischen politischen Handelns zwischen Individualismus und Organisation. Weitere Themenbereiche drehen sich um Arbeit und Lohngerechtigkeit, Migrantinnenrechte, widersprüchliche Feminismen, Queering Gender, Gewaltverhältnisse, Sprache, mediale Repräsentation, öffentlicher Raum und schließlich befasst sich das Schlusskapitel erwartungsgemäß auch mit den Arbeitsfeldern und Meilensteinen der 20-jährigen Tätigkeit der Wiener Frauenabteilung. Letzteres Kapitel wird in einer Zeitleiste veranschaulicht und ruft in Wort und Bild Akteurinnen, Aktionen (z.B. Oktober 1995: Ausstellung und Vortragsreihe zur frauengerechten Stadtplanung) und Reaktionen aus Presse und Politik (Reaktion auf obiges Aktionsbeispiel: „Wollt ihr den Asphalt rosarot streichen?“) ins (politische) Bewusstsein. Visuell aufgebrochen werden die Texte der einzelnen Kapitel mit lebensnahen Statements und Portraits, historischen Timelines, einer Vielfeldermap zu frauenpolitisch relevanten Sprachsystemen und künstlerischen Kommentaren. Katharina Morawek zum Beispiel inszeniert mittels Fotocollagen verpasste Begegnungen ikonischer Frauenfiguren wie Liz Taylor die Simone de Beauvoir anschmachtet. Wow! Unerwartet: Ein Buch wie eine Schatzkiste.

Nina Stastny

Alice Schwarzer
“Lebenslauf.”
Köln: Kiepenheuer & Witsch 2011, 461 Seiten

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Ich lese Autobiographien ja gerne. Wenn die Tennisspielerin Monica Seles zum Beispiel ihr Leben erzählt und es dabei eigentlich um „weibliche“ Idealkörper und Essstörungen geht: interessant. Oder wenn André Agassi so tut, als wäre er schon immer in Steffi Graf verliebt gewesen: ur lustig. Interessant ist die Autobiographie von Alice Schwarzer schon auch, aber „nur“ als eindringliche Schilderung der frauenpolitischen Bewegungskontexte in Frankreich und Deutschland der 1960er/1970er Jahre. Dass sie ihre Lebensgeschichte rückblickend als stringente Selbstverwirklichung erzählt, sei ihr vergönnt – Helmut Kohl hätte das nicht besser machen können. Was aber nervt, ist die selbstgefällige, paternalistische, eurozentristische Erzählposition aus der bürgerlich-elitären „Mitte“, die im Namen DER Frauen agiert. Die braucht keine/r. Und die macht wütend. Das allwissende ICH, das weiß, wie DER Feminismus zu handeln hat, hat es dann logischerweise auch nicht nötig, feministische Kritik an (Hetero-)Sexismus mit der Kritik an globalen (Ausbeutungs-)Verhältnissen zusammenzudenken. Spätestens bei der Beschreibung des „akademischen Feminismus“, der in den 1990er Jahren die „Dekonstruktion der konstruierten Geschlechtsidentität politisch pervertiert“ (sic!) und als „lebensferner Diskurs eine ganze Generation von Akademiker/innen in die Irre geführt und vom Leben entfremdet“ habe, reicht es endgültig. Bis dahin muss mensch sich aber durch detailverliebte Beschreibungen von DER Jugend und DEM ersten Kuss wühlen. Auffallend ist auch, dass der Hinweis, dass die Autorin seit Jahren mit einer Frau zusammenlebt, in drei kryptischen Zeilen abgehandelt wird, nachdem mensch sich durch seitenlange Kleinscheiße mit ihrer ersten großen Mannliebe lesen musste. Das Bashing gegenüber linken Feministinnen scheint auch unverzichtbar: Die sind in Berlin konzentriert anzutreffen, labern nur und kommen nie zur Sache. Irgendwann gründet Schwarzer mit 35 Jahren die eigene Zeitung EMMA, dann abruptes Ende der Geschichte. Warum erzählt die Autorin nur ihr halbes Leben? Ist hier etwa verdeckter Ageism im Spiel? Vielleicht war’s auch ein Kunstgriff, um nicht über ihr Engagement als Werbeträgerin für die BILD-Zeitung oder ihr Buch „Die große Verschleierung. Für Integration, gegen Islamismus“ schreiben zu müssen. Eine aus dem „Lebenslauf“ destillierte Forderung könnte lauten: Französische Landhäuser zum Bücherschreiben für alle (weiß-europäischen Frauen)! Ob ich das unterstützenswert finde, muss ich mir noch überlegen.

Georg Bernhard Brunner

AUS FIBER#19 …

Martina Lenzin
“rpm”
Reprodukt

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Martina Lenzin hat ein ambitioniertes Projekt umgesetzt: Sie porträtiert eine gesamte subkulturelle Bewegung – Post-Punk– in einer Graphic Novel. Mit reduzierten schwarzen Strichen zeichnet sie die Entwicklung des Musiktrends nach, der im von Margaret Thatcher geprägten Großbritannien Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre aus dem Punk hervorging und bis heute großen ästhetischen und ideologischen Einfluss ausübt. Fragmentarische Episoden, mit harten Schnitten aneinandergefügt, erzählen den Werdegang des jungen Tin und der fiktiven Band „The Does“. Tin, der im Alleingang ein Fanzine veröffentlicht, ist so begeistert von „The Does“, deren Mitglieder_innen in einem besetzten Haus leben und auftreten, dass er ein eigenes Musiklabel gründet. Damit will er seiner Lieblingsband ermöglichen, selbstbestimmt und unabhängig von kommerziellen Interessen Platten zu produzieren und zu vertreiben. Der Blick auf eine längst vergangene Ära, in der eine Alternative zum Schweinesystem kurzzeitig doch wieder möglich erschien, wird schon dadurch gebrochen, dass alle Protagonist_innen in „rpm“ anstelle von Mund und Nase merkwürdige Entenschnäbel haben, was eine Identifikation mit ihnen unterläuft – dem Deutschlandfunk verriet Lenzin, die in Hamburg Illustration studierte, dass sie nicht gerne Gesichter zeichnet. Als weiteres distanzierendes Element sprengselt sie, visuell abgesetzt durch einen schwarzen Hintergrund, Interviews ein, die eine junge Frau in der heutigen Zeit mit „The Does“ und ihren Mitstreiter_innen führt. Und schon ist mensch mitten im Diskurs: Es geht um Armut, Rassismus, Gentrifizierung, die Arbeiterbewegung und die Situationisten, künstlerische Selbstverwirklichung und Produktionsbedingungen, den Einzug neuer Medien in die Musikindustrie und nicht zuletzt um die Frage, was gute Musik ausmacht. Lenzins Buch mag mitunter etwas textlastig und didaktisch wirken, spiegelt aber gerade in seiner Sperrigkeit glaubwürdig den Stil und Anspruch ihrer Helden, samt ihrer Widersprüche wider. Die von der Post-Punk und DIY-Bewegung geforderte Politisierung und wechselseitige Durchdringung aller Lebensbereiche charakterisiert auch die Biografie der einunddreißigjährigen Künstlerin: In Eigenregie publizierte sie zuletzt die bei ihrem Brotjob in einer Kneipe entstandenen Skizzen von Live-Konzerten („The Astra Stube Chronicles“), ihre Band „Honeyheads“ veröffentlicht bei einem Hamburger Indie-Label. Post Punk’s not dead!

Miriam Loy

Nine Antico
“Coney Island Baby”
Edition Moderne

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Diese Graphic Novel, also ein Comic mit literarischer Erzählstruktur, beeindruckt gleich auf den ersten Blick durch ihre sehr schöne Aufmachung: guter Druck, qualitätsvolle Bindung, dickes Papier. Der Inhalt: Playboyherausgeber Hugh Hefner erzählt die Geschichten von Linda Lovelace und Bettie Page, beide Akteurinnen des Pornobiz, die sich später von ihren Karrieren distanzierten und dennoch bis dato als kultig verehrt werden. Linda Lovelace wurde bekannt durch ihre Hauptrolle im Porno „DeepThroat“, in dem die Männerphantasie, eine Frau würde durch einen penetrierenden Schwanz im Hals, Orgasmen bekommen, in konkrete Bilder übersetzt wird. Der Streifen wurde in den 1970ern wild begeistert aufgenommen. Frank Sinatra, Jackie Onassis und Jack Nicholson gingen demonstrativ gegen die Zensur ins Kino. Linda Lovelace versuchte lange, sich danach als Nicht-Porno-Schauspielerin zu etablieren, wurde allerdings immer wieder in die Sexschublade gesteckt. Mit den Jahren engagierte sie sich immer mehr in der Anti-Pornographie-Bewegung. Bettie Page posierte als Pin-Up-Starin in den 1950er Jahren für damalige Verhältnisse in v.a. damals sehr provokanten Settings wie Bondage oder S/M. Sie zeigte nicht nur Haut und Titten, sondern zeigte auch, was sie zwischen den Beinen hatte. Während der McCarthy-Ära kam sie mit dem Vorwurf unter Beschuss, ihre Nacktfotos würden Jugendliche zu kriminellen Taten anstiften. Später erfuhr sie eine „Läuterung“ und flüchtete in bigotte Frömmelei. Diese beiden Lebensgeschichten werden von Nine Antico mit ihren Widersprüchen erzählt und in ästhetisch ansprechende, aussagenstarke und sehr realitätsnahe Bilder übersetzt. Die Rahmenkonstruktion des Erzählers Hefner wäre dabei verzichtbar, kann aber auch leicht ignoriert werden. „Coney Island Baby“ definitiv ein Prachtbuch für Sammlerinnen.

dr dra

AG Gender Killer (Hg_innen)
“Das gute Leben. Linke Perspektiven auf einen besseren Alltag”
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Der Sammelband beschäftigt sich nicht mit ‚großer Politik’, sondern mit der „Politisierung des Alltäglichen“ (Bargetz und Ludwig im Sammelband). In den vier Rubriken Köperlichkeit/Leiblichkeit/Verkörperung, Sexualität/Sexarbeit/Pornographie, Soziale Beziehungen/Freundschaften/Gemeinschaften und Politik/Bewegung/Praxis zeigen die Autor_innen, wie jede_r durch die eigene, alltägliche Praxis in politische und institutionelle Strukturen intervenieren kann. Die Kategorie ‚gender’ zieht sich dabei als roter Faden durch alle Aufsätze. In diesen geht es unter anderem darum, wie zum Beispiel Körper vergeschlechtlicht, aber auch Geschlechtergrenzen überschritten werden können (Steffen Kitty Herrmann). Es wird danach gefragt, ob die romantische Zweierbeziehung noch Sinn macht, oder ob sie durch ihre Konstruktion zu viele Ausschlüsse produziert (Fremdgenese). Andere Autor_innen erläutern den emanzipatorischen Gehalt von BDSM (Hannah und Bernd) oder zeigen die (Un-)Möglichkeiten politischer Praxis auf (Antifaschistische Stadtkommune Berlin). Die Texte verdeutlichen, dass die Argumente „es gibt Wichtigeres“ und/oder „mensch muss erst mal die Strukturen verändern/Politik machen“ nicht greifen – fängt das gute Leben doch bei eine_r_m selbst an. Gerade die Macht der binären Geschlechterordnung und der Heteronormativität kann und wird durch das eigene Handeln immer wieder hergestellt. Oder eben unterlaufen. Die Aufsätze sind inhaltlich und stilistisch sehr heterogen. Einige bringen fragmentarisch verschiedene Positionen zu einem bestimmten Thema zusammen, andere reflektieren theoretisch einzelne Aspekte. Auch für Leser_innen, die sich bereits intensiv mit Gender Studies beschäftigt haben, bieten die Aufsätze neue Einblicke und Aha-Momente. Allein darum lohnt das Lesen. In manchen Artikeln kommen mir allerdings konkrete Handlungsaufforderungen zu kurz und verschwinden in einem „Mensch kann es so oder so machen“. Das ist zwar richtig, aber wenig diskussionsfördernd.

Melanie Trommer

AUS FIBER#18 …

Gudrun Ankele (Hg_in)
“absolute Feminismus”
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Absolute Feminismus ist nicht absolute. Denn Feminismus ist nicht absolute. Feminismus heißt Feminismen. Und diese sind höchstens absolute in Bewegung. Seit 2002 erscheint die Reihe absolute von Klaus Theweleit. Wissenschaft wird auch für Nicht-Wissenschaftler_innen schmackhaft gemacht. So auch Simone de Beauvoir und nun der Feminismus. Auf den ersten Blick erscheint absolute Feminismus wie eine herkömmliche Einführung. Doch die Herausgeberin Gudrun Ankele hat Weitblick. Es handelt sich nämlich mit dem trendigen Werk um diverse Blicke, Einblicke und Überblicke von Macht und Herrschaft. Ohne Einführung steht gleich zu Beginn ein Gespräch anlässlich des zehnjährigen Jubiläums von diestandard.at. Mit einfachen Worten werden Vorurteile abgeräumt. Dem Feminismus wird Historizität und Perspektive verliehen. Nach wenigen Seiten wissen die Leser_innen, die es bisher nicht wussten, dass es keinen homogenen Feminismus gibt. Dass der Feminismus im wissenschaftlichen Diskurs im Plural diskutiert wird. Und, dass trotzdem eine gemeinsame Linie verbindet: Die Analyse von Macht und Herrschaft basierend auf der Kategorie Gender. Ankele formatiert fiktionale und nicht-fiktionale Texte, Manifeste, Poesie und Bilder in vier Teile, die sie als „Moves“ bezeichnet. Vier Essays der Herausgeberin sind den vier Moves vorangestellt. Ankeles Essays verbinden die heterogenen Texte historisch und thematisch. Move 1 umfasst den Themenkomplex „Komplizierte Kollektive“. Die Texte von Olympe de Gouges (1791) über Mina Loy (1914) bis hin zu Pauline Boudry und Renate Lorenz (2009) blicken auf die Problematik des gemeinsamen Handelns. Move 2 gewährt Einblick in feministische Utopien von Christine de Pizans „Stadt der Frauen“ (1405) bis Kathleen Hannahs „Riot-Grrrl-Manifes“t (1992). Move 3 überblickt unter dem Titel „Body Moves“ Sexualität, Sex und Porno. Positionen von Pro-Porn bis Kontra-Porn sind auf diversen Ebenen nachzulesen. Der letzte Move blickt auf „neue Gemeinschaften“, entlang postkolonialer, dekonstruktiver und queerer Feminismen. Manifeste der posthumanen Cyborg-Figur (1991), der Kontrasexualität (2000) und die Suche nach einer neuen gemeinsamen Identität jenseits der Kategorie Frau schließen das Werk absolute Feminismus ab. Die thematische Gliederung (Kollektive, Utopien, Körper, und Gemeinschaften) verweist auf die Schnittstellen und Divergenzen von 600 Jahren Feminismus. Ankeles fluides framing verleiht den Feminismen Beweglichkeit. Und setzt womöglich neue Feminismen in Bewegung.

Katja Stipinovic

Nina Schuster
“Andere Räume. Soziale Praktiken der Raumproduktion von Drag Kings und Transgender”
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Die Autorin Nina Schuster ist Soziologin und lehrt und forscht an der technischen Universität in Dortmund. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind vor allem Raumtheorie und queere/feministische Theorien. Im vorliegenden Band untersucht sie soziale Praktiken von Drag Kings und Transgender. Dem Text liegt die Theorie zugrunde, dass Raum und Gesellschaft sich bedingen. Nina Schuster fragt, was den Raum prägt und wie er hergestellt wird. Erstmalig wird Raumproduktion aus der Perspektive sozialer Praktiken erforscht. Dabei liegt der Fokus auf der Rolle, die Geschlecht und Sexualität spielen. Ziel der Studie ist es nicht, hegemoniale und heteronormativitätskritische Raumproduktion zu untersuchen. Im Mittelpunkt steht die freizeitbezogene und politische Szene von Drag Kings und Transgender. In einem ersten Teil wird die Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Wirklichkeit untersucht. Grundlegende Theoriekonzepte zu Geschlecht, Sexualität und Raum werden diskutiert. Dabei geht es auch um die Bedeutung von öffentlichen Räumen für eine gesellschaftliche Veränderung und die queere Kultur. Aber auch um die Produktion von Gegenöffentlichkeit. Gezeigt wird eine Strategie, um partikulare, nicht private Räume zu schaffen, die immer in einem gespannten Verhältnis zu öffentlichen Räumen stehen. Gegenöffentlichkeit bedeutet eigene Regeln, Abläufe und Vorstellungen, was sagbar ist und was nicht. Neue kulturelle Welten entstehen, in denen Geschlecht und Sexualität gelebt werden können. Nina Schuster zeigt variable Schauplätze und die bewegliche Szene. Eine temporäre Raumproduktion, die durchaus ihre politischen und inhaltlichen Berührungspunkte mit anderen Szenen hat. Dabei geht es um sozial-räumliche Kontexte und um die stadträumliche Umgebung. Erst im letzten Teil der Studie werden die sozialen Praktiken analysiert, die die Raumproduktion bedingen. Nina Schuster schreibt von „Anderen Räumen“, da diese Räume teilweise durch andere, heterotope Normen geprägt sind. So werden Subjektpositionen verändert, weil es zu einer teilweisen Umformung habitueller Geschlechtsdarstellungen kommt. Die Autorin betrachtet das „Wechselverhältnis zwischen Individuen und ihren Räumen aus der Perspektive der Effekte, die die Schaffung neuer Subjektpositionen auf die Herstellung, Veränderung und den Charakter gesellschaftlicher Räume hat.“ In diesem Sinne wird gezeigt, dass Raumproduktion immer ein endloser und vielseitiger Prozess ist, den es mit großem Interesse zu verfolgen gilt, denn schließlich soll Bestehendes aufgewirbelt und verändert werden.

Ute Springer

 

AUS FIBER#17 …

Virgine Despentes
„King Kong Theorie“
Berliner Taschebuch Verlag

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Virginie Despentes lässt es krachen und nichts anderes war von ihr zu erwarten. Sie schreibt für die Hässlichen, die Unfickbaren, die Durchgeknallten, für die, „die auf dem Markt für Fegerscharfe nichts verloren haben“. Virginie Despentes schreibt über ihr Leben, über Vergewaltigung, Prostitution, Pornographie. Mit 17 wird sie von drei Männern zusammengeschlagen und vergewaltigt. Sie schweigt, will überleben, sich auf keinen Fall zum Opfer machen lassen, ihre Freiheit behalten. Nach der Lektüre eines Textes von Camille Paglia entscheidet sie sich, „das Beste daraus“ zu machen: Statt die Vergewaltigung weiter abzustreiten oder sich selbst verloren zu geben, übernimmt sie die Kontrolle, lässt sich für Sex bezahlen und schreibt ihr Buch und späteren Film „Baise Moi – Fick mich“. Virginie Despentes schreibt in „King Kong Theorie“ aber nicht nur die Geschichte ihres Lebens, sondern analysiert die gesellschaftlichen Machtverhältnisse, die Frauen nach wie vor in die Opferrolle drängen und die Strategien, sich dagegen zu wehren. „King Kong Theorie“ ist ein wütendes Buch, das in einer klaren und direkten Sprache gegen gesellschaftliche Normen, gegen Männlichkeitswahn und verlogene Moralvorstellungen ins Feld zieht. Es ist kein theoretisches Buch, es ist ein Plädoyer für einen unangepassten Feminismus, der mit dem weichgespülten Feminismus, der in den letzten Jahren die Medien dominiert hat, angenehm wenig gemeinsam hat: „Der Feminismus ist eine Revolution“, schreibt Despentes, „eine Sichtweise der Welt, eine bewusste Entscheidung. Dabei geht es nicht darum, die kleinen Vorteile, die den Frauen eingeräumt werden, gegen die kleinen Errungenschaften der Männer aufzuwiegen, sondern in der Tat darum, alles platzen zu lassen.“

Zara Pfeiffer

Mieze Medusa & Cornelia Travnicek (Hg_innen)
“How I fucked Jamal”
Milena Verlag

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Das sind schöne Geschichten über internationale Beziehungen und Grenzverkehre, die die Herausgeberinnen Mieze Medusa und Cornelia Travnicek „How I fucked Jamal“ zusammengetragen haben. Die 17 Geschichten sind in ihrer Unterschiedlichkeit ein echter Gewinn, nicht nur für diejenigen, die das Ausloten von Grenzen schätzen. Vereinzelt am Klischee schrammende, aber meist bissige Erzählungen verorten sich und uns – und dies der Ritterschlag für den schmalen Band, dessen ornamentale Coverillustration ebenfalls ein Genuss ist – dort, wo wir hingehören: dazwischen. Die Texte sind derart unterschiedlich, dass eine ästhetische Gesamtnote einer unangemessenen Gleichmacherei gleich käme: Literarisch exakt austarierte, poetische Beschreibungen wechseln sich mit eher journalistischen Erzählungen ab. Einige verharren in Andeutungen, andere gehen ganz konkret und benennend zur Sache. Von „mit alles“ bis „ohne scharf“ ist alles dabei: Die Doppelmoral des hip-kosmopolitischen Dorfes „Welt“ kommt wunderbar zum Vorschein in der Geschichte über den ‚gefundenen‘ Bodo, einen Migranten-turned-Sexsklaven aus dem globalen Süden (Johanna Wack: Afrikaner gefunden), die Dekonstruktion von orientalistischen Zuckerträumen erfolgt in den Narrationen über den „Scheiß Deal“ mit einer sexbesessenen Ägypterin und einen grausamen „Zimtbauch“ (Markus Köhle: Nekazet). Eine andere (Cornelia Travnicek: Sonnenhunde) erzählt von einem Freundinnenpaar zwischen Clubbing, versuchtem Teilzeit-Beheimaten und der vergeblichen Suche nach Affronts und Reibereien am Taksimplatz. Die komplexe Erzählung einer kulinarisch-körperlichen Annäherung in „Ein Ort, geprägt von sehr hellem Licht“ (Jan Kossdorf) birgt foucault’sche Küchenweisheit und den herrlichen Satz „Der Trostpreis ist ein Einzelzimmer“. Die für mich schönste, weil so wenig reißerisch wie banal, ist die Erzählung „Reise in die verbotene Stadt La Circunsion“ von Clemens J. Setz über das identitäre Abenteuer einer Vorhautbeschneidung im Schweizerischen. Das Schlurfen über die Flure und die völlige Abwesenheit von Begründungen sagen mehr über die Routen des Liebens als die Reflexion darüber, wie das Simultankaraoke zum Geschlechtsakt korrekt hieße. Dennoch: Darum geht es auch, und gerade diese Melange ist das große Verdienst der Herausgeberinnen. Sie haben einen Band zusammengestellt, der die Klischees, auch die des alternativen Schreibens, aus dem Weg tritt wie Leergut. Glückwunsch!

Katharina Fink

 

Katja Kauer

„Popfeminismus! Fragezeichen! Eine Einführung“

Frank & Timme

 

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Bezeichnen Sie sich auch jenseits der 20 noch gern als „Mädchen“, als „sexy“, oder gar als „sexy Feministin“? Dann sind Sie vielleicht eine Popfeministin! Ganz so einfach ist es aber dann doch nicht. Katja Kauer stellt sich in dem Buch „Popfeminismus! Fragezeichen! Eine Einführung“ einem Begriff, der schon durch die Zusammenführung des knackigen, leicht verdaulichen „Pop“ und dem „schnöden Feminismus“ auf eine Flut von Antagonismen verweist; oder besser, was in Sachen „traditioneller Feminismus“ als solche angenommen werden. Kauer führt souverän über die vielen Pfade, entlang derer sich „Popfeminismus“ entwickelte. Da spielten alltagskulturelle Phänomene wie Popmusik und massentaugliche Neuaufbereitungen von feministischen Inhalten in Büchern (z.B. „Wir Alphamädchen“) ebenso eine Rolle, wie die feministische Theoriebildung der 1970er, 1980er und 1990er Jahre. Deutlich wird vor allem, dass diese Theoriebildung und die Frauenbewegung der ersten Stunde das Material geliefert haben, womit sich „Popfeminismus“ nun auf ästhetischer Ebene – und leider nur auf dieser – auseinandersetzt. Die Popfeministin predigt „keine humorlose Widersetzung gegen Weiblichkeitsstilisierungen, sondern setzt auf einen spielerischen Umgang damit“, so Kauer, die hier leider unerwähnt lässt, warum und von wem das Bild von den unlustigen und verbissenen Feministinnen transportiert wurde. Distinktionsversuche gegenüber solchen Darstellungen machen „Popfeminismus“ nicht besonders glaubwürdig, ebenso stört die Ausblendung ökonomischer Zusammenhänge. Aber das Buch will ja nicht jegliche Probleme mit diesem Begriff auflösen, sondern klären, wie sich dieser bildete und das leistet diese Einführung allemal.

 

Beate Hausbichler

 

AUS FIBER#16 …

Bechdel, Alison
“Fun Home. Eine Familie von Gezeichneten“
Kiepenheuer & Witsch

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Ich bin kein Comicfan, aber dieses Buch ist bezaubernd. Alison Bechdel entfaltet mit „Fun Home“ ihre Autobiografie als Graphic Novel. Sie schildert ihr Leben mit einer frostigen Mutter und einem emotional absenten Vater, der sich in der Rolle des passionierten Hobby-Restaurateurs besser gefällt als in der des Vaters. Er ist zudem Bestatter („Fun Home“ ist eigentlich „The Bechdels Funeral Home“), Englischlehrer und „In-the-closet-Homosexueller“. Nach seinem frühen Tod macht Alison sich daran, ihm auf die Schliche zu kommen. Beflügelt von ihrem eigenen Coming-Out, sammelt sie eifrig Indizien, die die Vermutung nahe legen, ihr Erzeuger habe sich zu jungen Männern hingezogen gefühlt – womit ihr toter Vater allerdings quasi posthum ihr Coming-Out durch sein eigenes torpediert. Es fällt leicht, sich mit Alison als familiär gebeutelter Heranwachsenden zu identifizieren, wenn sie beispielsweise die Worte „menstruieren“ und „masturbieren“ in ihrem Tagebuch auf „ieren“ reduziert, dem zwanghaften Zählen frönt und zwischen zwei Liebesspielen die sexuelle Konnotation von „James und der Riesenpfirsich“ entdeckt. Literarische Referenzen durchziehen das Geschehen. James Joyce spielt eine Schlüsselrolle, wenn das Buch in der Frage gipfelt, ob sexuelle Scham (ihres Vaters) eine Art Tod ist: „Wer sein ganzes Leben lang die eigene erotische Wahrheit verleugnet, mag am Ende auch die eigene Existenz widerrufen … Menschen, denen die Ehrlichkeit des Ulysses obszön erschien, haben dieses Buch viele Jahre verboten.“ Ulysses’ erste Verlegerinnen waren lesbische Frauen, die „für dieses Buch einstanden, weil sie ein bisschen was von erotischen Wahrheiten verstanden“. Es ist ein großes Vergnügen, Alison auf ihrem Erkenntnispfad zu begleiten.

Sandra Lindner

Esther Donat, Ulrike Froböse, Rebecca Pathes (Hg_innen)
„Nie wieder Sex. Geschlechterforschung am Ende des Geschlechts“
VS Verlag für Sozialwissenschaften

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Während der Begriff „Gender“ in den Sozial- und Geisteswissenschaften durchaus als wissenschaftliche Errungenschaft galt und unzählige Analysen anleitete, bereitete die Trennung der Kategorie Geschlecht in „Sex“ und „Gender“ vielen Theoretiker_innen – insbesondere ab Mitte der 1990er Jahre – Kopfzerbrechen. Sowohl das „biologische“, als auch das „soziale“ Geschlecht seien gesellschaftlich konstruiert, postulierten Kritiker_innen des dichotomen Konzepts. Sind die Kategorien also gar obsolet? Ist es möglich, sie anders oder „nicht“ zu denken? Der Sammelband „Nie wieder Sex. Geschlechterforschung am Ende des Geschlechts“, der in Anlehnung an eine Vortragsreihe an der Universität Leipzig entstanden ist, sucht nicht – wie das der Titel impliziert – nach Antworten auf diese Frage, sondern untersucht die gesellschaftliche Produktion von Geschlecht in bestimmten Kontexten, wie etwa der räumlichen Regulierung von Sexarbeit oder dem lesbischem (Er-)Leben in der DDR. In insgesamt acht Beiträgen werden die Konstruktionsbedingungen und Effekte von „Sex“ und „Gender“ aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive analysiert. So spürt Daniel Schmidt den „gebär-unwilligen“ Frauen nach, die in demografischen Diskursen als egoistische Hedonistinnen konstruiert werden und Esther Donat führt vor, wie Geschlecht in der heterosexuellen Paarbeziehung (re-)produziert wird.

Brigitte Theissl

 

AUS FIBER#15 …

Villa, Paula-Irene (Hg_in)
“schön normal. Manipulationen am Körper als Technologien des Selbst”
Transcript

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Germany’s Next Topmodel, die Folge des Umstylings. Nein, nicht Umstyling! Die Folge, in der die angehenden Topmodels endlich eine (neue) Persönlichkeit erhalten: durch einen neuen Haarschnitt, neues Make-up, neue Kleidung etc. Bei aller Faszination macht es einen doch stutzig, wenn Äußerlichkeit und Persönlichkeit so offen, so unverschämt miteinander verknüpft werden. Und doch dürfte es jede_r kennen: das Gefühl, nach einem (radikalem) Haarschnitt, dem Start des Lauftrainings im Frühjahr, uvm. irgendwie eine_r andere_r zu sein. Man_Frau kann darüber jetzt lachen, den Kopf schütteln oder weinen, die Auseinandersetzung mit dem (eigenen) Körper jedoch dreht sich nicht nur um Äußerlichkeiten und selten ist es nur Zwang; häufig ist es auch eine (befriedigende) Form der Selbstermächtigung. Der Sammelband „schön normal“, herausgegeben von Paula-Irene Villa, beschäftigt sich unter anderem mit dieser Ambivalenz von „Körperarbeit“. In ihren Worten: Es geht um die „Gleichzeitigkeit von individueller Autonomie (…) einerseits und um Beherrschung des Individuums (…) andererseits“ (S.8). Und darum, dass es gar nicht so weit hergeholt ist, wenn Aussehen und Persönlichkeit miteinander verknüpft werden. Denn, so die These, Körperarbeit bedeutet Arbeit am Selbst. Besonders spannend und empfehlenswert wird dieser Sammelband dadurch, dass er auf beeindruckend differenzierte, reflektierte und perspektivenreiche Art darauf aufmerksam macht, wie ein_e jede_r durch die Arbeit am eigenen Körper immer wieder daran arbeitet „normal“ zu sein, als wie heikel der Satz „Ich mach mich nur für mich schön“ zu betrachten ist und welche Ansprüche sich hier auch an die feministische Wissenschaft, Kunst, etc. stellen, da (vermeintliche) Selbstermächtigung auch schnell in Selbst-Beherrschung kippen kann.

Katrin Triebswetter

Antifaschistisches Frauennetzwerk, Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus (Hg_innen)
“Braune Schwestern? Feministische Analysen zu Frauen in der extremen Rechten”
Unrast

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Das 2005 erschienen Buch versucht einen Überblick über die Frauenorganisationen in der extremen Rechten zu verschaffen. Den Herausgeberinnen, welche sich 1999 in dem „Antifaschistischen Frauennetzwerk“ zusammengeschlossen haben und sich seit 2000 auch im wissenschaftlichen Bereich mit dem Namen „Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtextremismus“ betätigen, ist es gelungen, mit diesen vielfältigen feministischen Forschungsansätzen neue Erkenntnisse zu den Analysen über Frauen in der extrem Rechten zu gewinnen. Dieser Erkenntnisgewinn der Autorinnen resultiert aus einer verstärkten Auseinandersetzung mit Männlichkeitskonzepten und dem Blick auf das Geschlechterverhältnis insgesamt innerhalb der rechten Szene. In den ersten Beiträgen wird ein Überblick über die Akteurinnen innerhalb der extremen Rechten gegeben. Besonders interessant ist auch der Artikel „Differenz und Gleichheit“ von Renate Bitzan, in dem sie Anknüpfungspunkte von Geschlechterideologien rechter Frauen an feministische Konzepte herausarbeitet. Festzustellen ist, dass Modernisierungsbestrebungen rechter Frauen in Bezug auf die Gleichstellung der Geschlechter beobachtbar sind, wie auch Gabi Elverich in ihrem Beitrag „Zwischen Modernisierung und Retraditionalisierung“ mit besonderem Augenmerk auf die französische Front National konstatiert. Im Nachwort resümieren die Herausgeberinnen dass dies einen neuen spezifischeren Feminismusbegriff erfordere, welchen sie als herrschaftskritisch und emanzipatorisch verstehen und welcher sich eindeutig gegen Ausgrenzungs- und Unterdrückungsmechanismen wendet. Alles in Allem ein wirklich spannendes und informatives Buch, welches neue Forschungsansätze eröffnet.

Conny Gantze

 

AUS FIBER#14 …

Bergmann, Franziska u.a. (Hg_innen)
“queere (t)ex(t)perimente”
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vielfach kursiert die meinung, queeretheories seien per definitionem undefinierbar, unfassbar, ungreifbar und unwissenschaftlich: ein unwort also. der sammelband „queere (t)ex(t)perimente“, herausgegeben von franziska bergmann, jennifer moos und claudia münzig, räumt mit diesen vorurteilen auf. anstatt zu sagen, was queer alles nicht ist, wie es in unserer postmodernen gesellschaft so oft der fall ist, liest sich dieses schon fast manifestartige werk wie ein lustvolles, lüsternes und lustiges plädoyer, das sich in die tradition der queertheories einreiht, ausreiht, vordrängt und sich manchmal auch gar nicht mehr drum kümmert, wo die anderen in reih und glied stehen. ein perpetuum mobile, das auch das paradoxale als motor akzeptiert. die frage, ab wann die revolution ihre eigenen kinder frisst, sei hier dahingestellt, wird aber angesichts der aufregenden und unaufhaltsamen bewegung der queeren meute in den hintergrund gedrängt. in diesem queeren staffellauf wird der stab/dildo an unterschiedliche autorInnen mit unterschiedlichen herangehensweisen weitergegeben. hier ist wissenschaft eine waffe, ein instrument, das an der richtigen stelle eingesetzt wird, um das zu zerstören, was uns zerstört. trotzdem wird der versuch gestartet, ausschlussverfahren auszuschließen, mit betonung auf das gemeinsame, unterschiede anzuerkennen. der enthusiasmus wirkt ansteckend und man/frau möchte sein leben am liebsten zu einer einzigen performance machen, shortbus leben, kunst sein, körpergrenzen und körperpanzer sprengen und sich den schon bereits erwähnten dildo umschnallen. selbst wenn man/frau nicht um einige negativdefinitionen herum kommt, schließlich kann queer niemals identitätsstiftend sein, sondern diese nur stören, liegt das gewicht auf dem und nicht auf dem oder.

Anna Gschnitzer

 

AUS FIBER#13 …

Evelin
“Still not Famous.”
Ventil

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„Still not famous“ schmeckt ein bisschen nach der bitteren Pille eines Lebens. Dabei ist mein erster Eindruck ein anderer: Bilderbuch, unbeschwert, naiv, lustvoll. Die Zeichnungen duften so süß wie frisch gedrehte Zuckerwatte. Die Bildersprache, die sich am Kindchenschema bedient, funkt auf den ersten Blick direkt mit der Rezipient_in. Rotzig-trotzig stellen die Figuren eine Verbindung zu einem Teil von ihr_ihm her, der schon gefühlsmäßig weit zurück in ihrer_seiner Vergangenheit liegt: „my cat is better than your cat“. Gierig mache ich mich über die farbenfrohen Seiten her, verschlinge sie bis mir übel wird. Die Gestalten mit ihren großglupschigen Augen und deren Un/Reife erinnern an Mangaheld_innen. Bloß wollen Evelin Höhnes Figuren keine sein. Als Comic tituliert, werden hier keine Geschichten, sondern Ein-Bild-Statements gezeigt. „Don’t cry, Work“ steht über einer Zeichnung eines niedlichen Charakters in blond und lässt mich beinahe an der rosa Süße ersticken: Ich fühle mich ertappt von einem „Kind“, das mit diesem Satz und der Teilnahmslosigkeit in ihrem_seinem Blick die Widersprüche aufzeigt, die dieses Statement bedeuten kann. Bittersüß und verdächtig sind die in ihrer ersten Werkschau gesammelten Arbeiten der 1970 in Kassel/Deutschland geborenen Künstler_in. Dabei belässt sie es nicht beim Malen, sondern erweitert ihr kreatives Schaffen um Bandprojekte, dem vor rund zehn Jahren gegründeten „Fucky Label“, regelmäßig-häufiges Ausstellen ihrer Arbeiten und den Portraits auf Bestellung über ihre Homepage (www.evelin.de). Ein wahrer Augenschmaus.
Burn!

Jessica Gaspar

Grzinic, Marina und Rosa Reitsamer
“New Feminism. Worlds of Feminism, Queer and Networking Conditions”
Löcker

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Der Sammelband „New Feminism. Worlds of Feminism, Queer and Networking Conditions”, herausgegeben von Marina Grzinic und Rosa Reitsamer, muss ein Mammutprojekt gewesen sein. Zwei Jahre arbeiteten die Herausgeberinnen an dem Buchprojekt, das 41 Beiträge und vielfältige Formen der Auseinandersetzung um Geschichte und Gegenwart von Feminismus enthält. Hervorhebenswert ist die Bandbreite der Backgrounds der Autor_innen, die die unterschiedlichen politischen, aktivistischen und theoretischen Kontexte widerspiegeln, in denen sich Feminist_innen heute weltweit bewegen. Ein wichtiges Anliegen des Bandes ist, die Auswirkungen von Prekarisierung und Migration unter den Bedingungen eines globalen Kapitalismus in feministische Auseinandersetzungen hineinzutragen und damit Themen und Agenden feministischer wie queerer Bewegungen zu erweitern. Der Sammelband kann also als ein neuer Versuch gesehen werden, mit der Genealogie eines weißen, „westlichen“ Feminismus zu brechen. Erreicht werden könne dies – so die Herausgeberinnen – allerdings nicht über das bloße Hinzufügen „unbekannter” Geschichten, sondern nur über das kritische Befragen des Vokabulars und der Produktion von Bedeutungen im Feminismus. Warum diese Auseinandersetzungen allerdings unter dem Label „New Feminism” geführt werden müssen, blieb für mich unklar, wird doch durch die Verwendung des Begriffs Feminismus im Singular eine Kontinuität feministischer Bewegungen suggeriert, die nicht haltbar ist. Trotzdem: reinlesen lohnt sich!

Elisa Heinrich

Müller, Gini
“Possen des Performativen. Theater, Aktionismus und queere Politiken”
Turia+Kant

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Ich bin erschöpft – habe ein Rauschen im Ohr und ein leichtes Flimmern vorm Auge. Woran das liegen mag, fragst du, liebe_r Leser_in, dich? Ich habe mir gerade Gini Müllers neues Buch in einem schieren Akt brutaler Gewalt auf einen Sitz, quasi „auf ex“, einverleibt. Und, wie bei fast allem im Leben, liegen auch hier die Gründe dafür irgendwo in der Grauzone zwischen Pflicht und Kür. Pflicht: Ich bin in England, das Buch hat mich spät erreicht, Deadlines wollen jedoch eingehalten werden. Also: lesen, lesen, lesen! Doch dann auch Kür: die wilde Lust am Text – denn, Müllers munterer Wandertag durch so ziemlich alle gegenwärtigen Spielformen performativen und aktionistischen Widerstandes lädt ein zum Mitlaufen. Zeit zum Schlendern, gemütlich Umsehen und vielleicht mal ein Jausenbrot Verdrücken, bleibt hier allerdings nicht. Das Tagesprogramm ist dicht. Vor dem Losmarschieren gilt es die (Hirn)Muskeln aufzuwärmen … philosophisch: Die theoretische Unterfütterung setzt auf post-Spinozistische/Deleuzesche Pluralitätskonzepte wie das der „Multitude“ (Hardt/Negri), auf Foucault (Gouvernementalität) und Butler (Performanz).
Danach wird marschiert, quer durchs Feld der Praxen performativen Widerstandes: Globalisierungskritische Bewegungen (Zapatistas, Tute Bianche, G8-Aktionismus), Widerstand im öffentlichen Raum (Sans-Papiers, Kanak Attack, Reclaim the Streets), Zusammenführung von queerer Politik und linkspolitischem Aktionismus (Stichwort: Pink Block, Tactical Frivolity, Riot Grrrls, Transgender-Aktivismus).
Ein wilder Wandertag, eine bunte Parade durch die Possen des Performativen. Aber dennoch, es insistiert die Frage, ob es im Widerstand nicht vielleicht doch etwas Anderes als die Multitude, die karnevaleske Zersplitterung braucht. Möchte der linke Aktionismus für das „theatrum gouvernemental“ wirklich das sein, was der Karneval für den Staat ist – ein dem System inhärenter Exzess, ein punktuelles „acting out“, das letztlich genau dem dient, gegen das es anrennt … nämlich der Festigung bestehender Machtverhältnisse?

Andrea Wald

Roche, Charlotte
“Feuchtgebiete”
Dumont

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Wenn Helen Memel zum Vertreib ihrer langweiligen Einsamkeit einen mp3-Player als zusätzliches Spielzeug hätte – wie würde wohl ihre Audiothek aussehen? Feministisch spuckende Punkrocktöne à la Peaches? Helen, 18 Jahre jung, Protagonistin in Roches Debütroman, sucht einen Umgang mit ihrem Körper und ihrer Sexualität abseits lavendelduftender Sauberkeitskulte und venus-vibrance-geglätteten Schönheitspratiken. Sie ist bekennendes Muschihygieneselbstexperiment, Körperausscheidungsrecyclerin, macht sich’s gern mit Duschköpfen oder widmet sich dem Heranzüchten von Avocadokernen zu Biodildos. Aber dann ist da noch dieselbe Helen, die die Storyline des Romans vorgibt: sich verlassen fühlendes Scheidungskind, das sich durch seinen in die Länge gezwungenen Aufenthalt im Krankenhaus ein familienidyllisches Zusammenkommen ihrer Eltern herbeisehnt und sich in den Krankenpfleger Robin verliebt. Also vielleicht doch mehr die balladesque Mariah Carey-Playlist?
Charlotte Roche sucht in ihrer rebellierenden Monologführerin eine lockere Sprache für „das Unaussprechliche“ – von Techniken der Selbstbefriedigung, den Optimierungszwängen denen der weibliche Körper unterworfen ist oder etwa dessen rituelles Verhältnis zu Hygiene. Mögen diese detailverliebten Schilderungen in Teilen des Buches gelungen sein und zu angeregtem Weiterblättern verleiten, verlieren die sich wiederholenden Erzählungen am Ende an sprachlicher Eloquenz und leiden ein wenig unter der ambivalent verschwommenen Charakterisierung der Hauptdarstellerin.

Ulli Mayer

Feministisches Kollektiv (Hg_innen)
“Street Harassment. Machtprozesse und Raumproduktion”
Mandelbaumverlag

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Diesem Buch ist ein Prozess vorausgegangen, der über Film- und Diskussionsabende sowie der Veranstaltung einer Konferenz in Wien, schließlich zu diesem Sammelband geführt hat. Die treibende Karft des Projekts war die Auseinandersetzung mit dem Begriff „Street Harassment“ im deutschen Sprachraum und den sich daraus ergebenden neuen Strategien. Die Beiträge liefern unterschiedliche Ansätze der Beschreibung: öffentliche Gewalt; Belästigung und (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Raum; diskriminierende Äußerungen; „Teil des Heteronorm-Polizeiapparates“.
Kurz einige Artikel herausgegriffen: Brigitte Deutschländer-Bauer analysiert den Machtbegriff entlang drei verschiedener Positionen im Verhältnis zu Gewalt. Ruth Becker sieht die Entwicklung vom öffentlichen Gewaltraum, der von männlicher Gewalt produziert wird, zum „Angstraum“ der Frauen. Persson Perry Baumgartinger beschreibt aus einer trans*queeren Perspektive heraus, wie Street Harassment die heteronormative Ordnung aufrechterhält und sie reproduziert.
Die Herausgeber_innen richteten zudem eine Homepage (www.nostreetharassment.com) ein, die die Möglichkeit bieten soll, die Sprachlosigkeit der Opferrolle zu überwinden und gemeinsam neue Handlungsmöglichkeiten zu finden. In diesem Sinne: „Seid furchtbar und wehret euch!“ (aus dem „Feministischen Manifest“ erstellt von den Herausgeber_innen und Aktivist_innen).

Petra Schrenzer

Braidt, Andrea
“Film-Genus. Gender und Genre in der Filmwahrnehmung”
Schüren

Juventa

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„Wer bin ich? Und wer sagt das?“

In westeuropäischen Gesellschaften sind geschlechterstereotype und rassistische Zuschreibungen bezüglich Identität und Verhaltensweisen von Migranten und Migrantinnen nicht nur im alltagssprachlichen Diskurs weit verbreitet. Weibliche Migrantinnen werden zumeist als unterdrückt dargestellt, während männliche Migranten als die Machos schlechthin gelten. Um eine Analyse genau dieser Zuschreibungs- und Ausgrenzungsprozesse vor allem aus erziehungswissenschaftlicher und (sozial)psychologischer Perspektive geht es im ersten Teil des von Munsch, Gemende und Weber-Unger Rotino herausgegebenen Sammelbands zu Migration und Geschlecht. Insbesondere zwei Artikel des ersten Teils sind als interessant hervorzuheben: Birgit Rommelspacher kritisiert die Rolle des gängigen westeuropäischen Emanzipationsbegriffes: Oft wird dieser heute als Instrument der Abgrenzung zur „Anderen“, zur „Fremden“ herangezogen, die Emanzipation der westeuropäischen Frauen wird am Gegenbild der „Anderen“, der „unterdrückten Frau“ gemessen, und nicht mehr an der Position im tatsächlichen Geschlechterverhältnis. Oder anders ausgedrückt: Ausgrenzungsprozesse der „Anderen Frau“, der nicht-westeuropäischen Migrantin vollziehen sich auch dadurch, dass MigrantInnen, die in einem gänzlich anderen kulturellen und historischen Kontext aufgewachsen sind, mit der Werteskala des westeuropäischen Emanzipationsbegriffes bewertet werden. In diesem Zusammenhang plädiert Rommelspacher für eine Dekonstruktion des Emanzipationsbegriffs hinsichtlich seiner Entstehungsbedingungen und seiner ökonomischen und kulturellen Funktion.
Maria do Mar Castro Varelas Artikel handelt von der Diskriminierung, die MigrantInnen durch alltägliche Zuschreibungen erfahren, die ihnen sozusagen sagen diktieren, wer sie „sind“ und wer sie zu sein haben, sowie von widerständigen Handlungsstrategien der Dissimilation, in der mittels überhöhender ironisierender Praktiken die alltagsrassistischen Zuschreibungen lächerlich gemacht werden.
Um die Frage der realen Lebensbewältigung von MigrantInnen geht es in den Aufsätzen des zweiten Teils, wobei der dritte Teil des Buches sich auf Handlungsansätze in den Bereichen der Pädagogik und der Sozialarbeit konzentriert.
Dieser Sammelband schneidet eine Vielzahl von Themen um den Komplex von Zuschreibung, Ausgrenzung und Handlungsperspektiven im Kontext von Migration und Geschlecht an, ohne den roten Faden aus den Augen zu verlieren. Er kann und sollte von Interesse sein, nicht nur für SozialarbeiterInnen und PädagogInnen.

Stephanie Weiss

Christiane Rösinger
“Das schöne Leben”
Fischer

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Es beginnt im Spargelacker, irgendwo in der Pampa in Deutschland, und endet und mit der Suche nach einem Ausgeh-Modus, dem sich auch Berufsjugendliche trotz schwindender Party-feier-Kondition bedenkenlos hingeben können. Dazwischen autobiographische Geschichten, die vor scharfsinnigen, gar soziologischen Beobachtungen nur so strotzen. Etwa weiß Rösinger darüber zu berichten, dass schenken kein Spaß ist, konkret geht es um das Schenken und Gegenschenken von Torten- und Kuchenschnitten: Die scheinbar sich freuenden EmpfängerInnen geraten somit in einen schier unendlichen Kreislauf, der durch die durch Geschenkannahme entstehende Verpflichtung zur „Gegenschenkung“ entsteht. Verrücktes Landleben! Noch Verrückter geht es allerdings im „Crazy Berlin“ zu. Dem „Kuchenfundamentalismus“ entkommen folgen nächtelanges Verweilen vor und in Bars, Bandgründung, Tourneen – all so was halt. Und dann gibt es noch Geschichten wie die von der Frau mit der Tasche. Rösinger wird darin verführt, flotten Schrittes den Weg der Armut zu beschreiten, körperliche Zustände und das Wissen, sich so schnell wie möglich wieder in die Welt zu begeben, in der FreundInnen lauschig bei einem Bier sitzend auf eineN warten, nützen nichts, um das Umkehren zu erleichtern. Da wäre ein aufatmen wünschenswert, eine Sorglosigkeit, wie sie Rösinger etwa von den „Business-Class-Bohemiens“ kennt, auf die irgendwo ein Erbe, eine Immobilie, oder die Eltern, die ja gern mal unter die Arme greifen, warten. Mit diesen müsse frau sich halt nun den Titel „Prekariat“ teilen, der die verschiedenen ökonomischen Bedingungen nun doch nicht ganz zu fassen vermag. Schneidige Geschichten, tolle Rösinger!

Beate Hausbichler

Testcard #17
“Sex”
Ventil

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Aufgrund des Autorinnenanteils (das Verhältnis ist eins zu zehn) eines im Ventil-Verlag erschienen Buches (Popjournalismus) hatte die fiber-Redaktion vor rund einem Jahr das Rezensionsexemplar unrezensiert wieder an den Verlag retourniert. Nun liegt die neue testcard # 17 vor mir und die Menge der Beträge zur Popgeschichte von Frauen sind zwar etwas mehr geworden, den Großteil der Texte zum Thema Sex bestreiten aber Männer. Wieder retour? Oder doch lieber so: Liebe Popkulturversierte- und interessierte, die testcard-Leute würden sich sicher freuen, wenn die Sach- und Lachgeschichten rund um das Populäre eine etwas breitere Repräsentation erfahren würden. Unter testcard.de über das anstehende Thema der testcard # 18 informieren und das künftige Inhaltsverzeichnis stürmen!
Zur aktuellen Ausgabe: Einer linken Popkritik verpflichtet, so die testcard-Redaktion, geht es in der aktuellen Ausgabe nicht nur um Sex im Allgemeinen, sondern um Sex von links im Besonderen – ähm – bzw. um „die Linke und der Sex“. Vor diesem Hintergrund werden Themen wie Straight Edge, Aufklärung durch das Dr. Sommer-Team, Porno, SM, Sex im Film und vieles mehr abgehandelt, nicht unbedingt alle mit interessanten, neuen Bezügen. Sehr gut finde ich hingegen jene Beiträge, die auf sehr persönliche Weise bestimmte alltägliche oder außergewöhnliche Erlebnisse (wie etwa die Sexparty beim Ladyfest 07) beschreiben. Ruhig noch mehr Themen, die noch nicht so oft besprochen wurden, wie etwa die virtuelle Suchmaschine YouPorn, hätte die Sex-textcard auch vertragen. Ansonsten ist sie aber eine interessante Ausgabe mit diversesten Themen und unterschiedlichen Formen der Auseinandersetzung mit diesen.

Beate Hausbichler

AUS FIBER#12 …

Sonja Eismann (Hg_in)
“Hot Topic - Popfeminismus heute”
Ventil

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An die vierzig Autorinnen haben Texte und Perspektiven zum heißen Thema Popfeminismus beigetragen und gehen anhand von Schwerpunkten wie Sexualität/Identität, Körper/Bilder, Medien/Arbeit, Do It Yourself & Aktivismus, Feminismus/Alltag und Musik/Repräsentation den feministischen Spuren im popkulturell durchdrungenen Lebensalltag nach. You did it! – möchte ich hier jubelnd ausrufen, denn diese Kompilation verknüpft selbst komplexe Identitätstheorien wie die Judith Butlers gekonnt mit Lebenspraxis, zeigt einerseits die individuell vielfältigen feministischen und queeren Erfahrungsdimensionen und andererseits deren strukturelle Verfasstheiten bzw. Potentiale diese aufzubrechen. Der popkulturelle Bezug ist dabei mal mehr mal weniger im Zentrum. Aber auch wenn nicht direkt thematisch adressiert wird beim Lesen und Blättern schnell klar, dass dieser Bezug sich vor allem in den Lebensrealitäten äußert. Sei es die schaurige, jedoch vielen allzu vertraute Realität der sexuellen Aufklärung durch Bravo oder das Sprengen von Schönheitsdiktaten durch die Absage an Kleidernormen: „Fuck seizes!“ oder die Anregung Abtreibung als Widerstand gegen heterosexuelle Normen der Arbeitsteilung stärker auch in eine queere Diskussion zu integrieren. Umrahmt sind die spannenden Texte mit ironisch-witzigen wie kritischen Illustrationen und Comics. Consciousness-raising at its best!

Nina Stastný

Judith Butler/ Gayatri Chakravorty Spivak
“Sprache, Politik, Zugehörigkeit”
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Sprache, Politik, Zugehörigkeit ist die Niederschrift eines öffentlichen Gedankenaustausches (leider erfahren wir nicht wo, wann und vor welchem Publikum dieser stattgefunden hat) zwischen Judith Butler und Gayatri Chakravorty Spivak.
Ausgangspunkt des Diskurswerfens ist die Frage nach den globalen Staaten (states – gemeint sind beide Bedeutungen des Wortes: Staat wie auch Zustand) und den Orten der Macht, die jene darstellen. Ist der Staat dasjenige, was bindet, dasjenige, was Zugehörigkeiten schafft – so ist er aber immer auch schon das, was dadurch überhaupt erst Nicht-Zugehörigkeit ermöglicht. Staaten also als Grenze zwischen Innen und Außen … National-Staaten als Staats-Gebilde, die allein durch ihre wiederholte Ausschließung nationaler Minderheiten funktionieren. Da der Staat sich über die Nation legitimiert, ist der Einschluss des Ausschlusses (der Nicht-Zugehörigen) unumgänglich. Der National-Staat muss also, um sich selbst zu setzen, die Nation stets aufs Neue produzieren.
Butler und Spivak zeichnen hierbei (in kritischer Distanz) die Gedankengänge Hannah Arendts politischer Theorie, wie sie von jener in Vita Activa und Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft entwickelt wurden, nach.
Thema sind sowohl Spivaks Konzept des Kritischen Regionalismus, als auch – wie der englische Originaltitel Who sings the Nation-State? bereits nahe legt – die performativ-politische Kraft der Sprache. Als Beispiel dienen hierfür die Demonstrationen des Frühjahres 2006, als illegale Einwander_innen in verschiedenen kalifornischen Städten die US-amerikanische Nationalhymne auf Spanisch sangen.
Sprache, Politik, Zugehörigkeit – klein aber oho … kämpferisch-brisanter Lesestoff für alle politisch, sprachlich oder kulturwissenschaftlich Interessierten.

Andrea Wald

Melanie Groß/ Gabriele Winkler (Hg_innen)
“Queer- / Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse”
Unrast

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Gleich zu Beginn konstatieren die aus einem wissenschaftsuniversitären Feld kommenden Herausgeberinnen dieses Sammelbands einen Mangel an konkret politischen Handlungsperspektiven queer-/feministischer Theorieansätze. So setzen die sieben Beiträge an genau jener handlungsanleitenden Frage nach der Übersetzbarkeit theoretisch wie empirisch gewonnener Erkenntnisse in politische Praxen an. Vor dem Hintergrund neoliberaler Regierungstechniken und der Ökonomisierung gesellschaftlicher Bereiche (Stichwort: Re-Familiarisierung reproduktiver Tätigkeiten) zeigen die Autorinnen anhand von ausgewählten Organisationen und Projekten feministische Interventionsmöglichkeiten auf, vergeschlechtlichte Herrschaftsstrukturen sichtbar zu machen und damit einhergehende soziale Ungleichheiten aufzudecken. Zwei Beiträge, die diese Übersetzung gut und aufschlussreich veranschaulichen sind dabei die Arbeiten von Dorothee Greve zur Feminisierung von Erwerbsarbeit und Migration am Beispiel der Hausarbeit sowie Stefanie Bentrups queer-feministische Kritik an der Debatte um bedingungsloses Grundeinkommen. In auflockernd sarkastischer Erzählweise beschäftigt sich Bentrup mit dem Konzept der „sexuellen Arbeit“, an dem die verwobenen Zusammenhänge von Geschlecht und Arbeitsbedingungen durch den Bezug auf die Kategorien Begehren und Sexualität thematisiert und so als Folie für eine queer/feministische Kritik an heteronormativer, kapitalistischer Verwertungslogik herangezogen werden können.
Macht Lust auf dissidente Partizipation.

Ulli Mayer

Gabriele Rohmann, Bernadette LaHengst u.a. (Hg_innen)
“Krasse Töchter. Mädchen in Jugendkulturen”
Archiv der Jugendkulturen

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Ein Gender Studies-Buch mit Platz für Differenzen: Das Bild junger Szenegängerinnen, das sich in „Krasse Töchter“ erschließt, ist erstaunlich heterogen.
In ihren Artikeln untersuchen die AutorInnen Rollen und Strategien von Mädchen in unterschiedlichsten Jugendkulturen zwischen Möglichkeiten der Emanzipation und dem Zwang zur Anpassung. Sie stellen Fragen zum Umgang mit Sexismus und männlicher Dominanz, zu Selbstbildern und Lebensträumen. Wenn junge Gothic-Frauen über androgyne Ästhetik und (scheinbare) Aufhebung der Geschlechtergrenzen erzählen, Visu-Mädchen die Selbstinszenierung im japanischen Manga-Stil zur paradoxen Brechung eines kindlich-süßen Rollenbildes verwenden oder weibliche Hardcore-Fans und Graffiti-Sprüherinnen am Besten klar kommen, wenn sie ihr Geschlecht „nicht dramatisieren“, dann redet hier eine weibliche Jugend, für die Gender alles andere als natürlich, selbstverständlich und festgeschrieben ist. Das Buch lässt an vielen Stellen die Mädchen selbst zu Wort kommen, trotz des durchwegs kritischen, wissenschaftlich fundierten Ansatzes bemüht man sich um Praxisbezug und -relevanz. Bereichert wird der Band außerdem von Texten, Portraits und Interviews einzelner Künstlerinnen wie der Performerin Bernadette la Hengst oder der Rapperin Pyranja. „Krasse Töchter“ ist – obwohl an der einen oder anderen Stelle ein wenig holprig – ein untypisch aufgemachtes und gut durchgeführtes Projekt, eine interdisziplinäre Sammlung, die verschiedene Zugänge zulässt. Die deutschsprachigen Sozialwissenschaften scheinen die Geschlechterforschung gerade erst zu entdecken, da kommt dieses Portrait der kommenden Frauengeneration gerade recht.

Jule Reifenberger

Sybille Krämer u.a. (Hg_in)
“Verletzende Worte - Die Grammatik sprachlicher Missachtung”
transcript

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Herrmann und Kuch kritisieren in ihrer Einleitung, dass die Frage nach sprachlicher Gewalt sowohl von Auseinandersetzungen zum Thema der physischen Gewalt als auch im sprachtheoretischen Kontext konsequent ausgeklammert wurde. Dies scheint vor allem in Bezug auf die in den letzten Jahren viel beachtete Sprechakttheorie, die vor allem in der feministischen und queeren Theorie einen prominenten Stellenwert bekam, besonders verwunderlich, ist doch der Weg vom sprachlichen Tun zum sprachlichen An-Tun nicht mehr weit. Verletzende Worte meint aber nicht nur Gewalt im Sinne von Beschimpfungen, sondern auch Vorurteile, die eineR mit Witzen und Anspielungen, anhand von „Äußerungen im Kostüm“ wie sie Austin nennt, unter die Nase gerieben werden. Nicht lange lässt dann der Vorwurf der Humorlosigkeit oder der unangebrachten Strenge mit den „Schmähführern“ auf sich warten.
„Verletzende Worte“ geht nun einerseits der Frage nach, warum diese symbolische Verletzbarkeit überhaupt möglich ist, ein Thema, dem sich Judith Butler schon in ihrem Buch „Hass spricht“ auf interessante Weise genähert hat. Ein neuerer Aspekt ist hingegen die Frage, welche Bedingungen in der sprachlichen Struktur erfüllt sein müssen, damit eine Beleidigung gelingt. Welche strukturellen Bedingungen muss Sprache aufweisen, damit sie überhaupt als Angriff- oder Zugriff funktionieren kann? Da es im Verhältnis zum omnipräsenten Begriff der Performanz zum Thema der verletzenden Sprache noch wenig Texte gibt, ist es umso erfreulicher, dass in diesem Buch nun gleich fünfzehn TheoretikerInnen aus unterschiedlichen Disziplinen zu Wort kommen um den verletzenden Worten auf den Leib zu rücken.

Beate Hausbichler

Marge Piercy
“Sex Wars”
Piatkus Books

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Sexualität als Kampfplatz – das ist das Thema von Marge Piercys neuestem Roman, der diesmal im New York des 19. Jahrhunderts angesiedelt ist. Der Amerikanische Bürgerkrieg ist zu Ende, doch die Kämpfe gehen weiter, an vielen Fronten: die jüdisch-russische Immigrantin Freydeh Leibowitz muss sich als Witwe alleine durchschlagen, versucht mit der Produktion von Kondomen ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und ist zudem auf der verzweifelten Suche nach ihrer Schwester, die seit deren Ankunft in New York verschollen ist; die Frauenrechtlerinnen Elizabeth Cady Stanton und Susan B. Anthony kämpfen allen voran für das Wahlrecht für Frauen, mitunter gegen ihre eigenen Männer und vermeintlich Verbündeten; die schöne Spiritualistin Victoria Woodhull und ihre Schwester Tennie versuchen ihrer sozialen Lage und ihrer Familie durch ihre spirituelle Begabung und ihren Geschäftssinn zu entkommen, was sie schließlich in Kontakt mit Cornelius Vanderbildt bringt; der religiöse Fanatiker Anthony Comstock wiederum hat der „Sünde“ den Kampf angesagt.
Frauen produzieren und vertreiben Verhütungsmittel, besitzen Abtreibungskliniken und Bordelle, schreiben Manifeste und halten Reden über die (sexuelle) Befreiung der Frau. Auf eindrucksvolle Weise erzählt Marge Piercy, wie Frauen Geschichte machen, wie sie sich erheben und wie sie fallen, wie sie Kämpfe gewinnen, aber auch verlieren. Sex Wars ist eines jener Bücher, das uns fesselt, weil es jene Kämpfe beschreibt, die wir in ähnlicher Form oft nach wie vor zu kämpfen haben. Sehr gut recherchiert, historisch interessant und auf jeden Fall a very good read!

Iris Mendel

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