MUSIK

AUS FIBER #22 …

Cat Power
Sun
Matador/Beggars Group 2012

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Duftig-luftig bewegt sich Chan Marshall aka Cat Power mit Electro-Sounds auf ihrem neuen Album. Seit ihrer letzten Veröffentlichung sind einige Jahre vergangen, die melancholisch-depressive Schmusepop-Stimmung findet jetzt immer häufiger positive und beschwingte Auswege Die Grundlinie des gesamten Werks ist eher gefällig, dadurch manchmal etwas zu wenig markant, aber oft der passende Sound für eben ein schönes Lebensgefühl. Das Stück „Manhatten“ hat einen guten Drive, Cat Power flaniert mit uns durch die Straßen der Großstadt. Die unbeschwerte Stimmung nimmt mich mit, ich bekomme Lust mitzutänzeln. Bei „Nothin’ But Time“ brüllt Iggy Pop die Textzeile „you wanna live“ aus dem Hintergrund. Es wird Selbstbestimmung, ein positives In-die-Zukunft-Schauen vermittelt: „It’s up to you to be a superhero. It‘s up to you to be like nobody“. „Ruin“ fällt durch sich reibende Melodie-Elemente auf. Latin-Piano-Versatzstücke fügen sich zu einer spannenden Komposition zusammen. Diese Nummer fordert Aufmerksamkeit und beeindruckt durch musikalisches Können. Einige Ohrenwürmer finden sich auch auf dem Album, z.B. „Cherokee“ pflanzt sich ein und klingt stundenlang nach – eine Pop-Nummer wie viele andere auch, sehr glatt komponiert und ganz unauffällig im FM4-Unterhaltungsprogramm unterzubringen. Insgesamt ist das Album gelungen und präsentiert neue Seiten von Cat Power. Die Elektro-Anklänge lassen die Stücke manchmal etwas zu sauber erscheinen, die Hall-Effekte nehmen Chan Marhalls rauchiger Stimme die Prägnanz. In Summe auf jeden Fall hörenswert, eine Zusammenstellung, die die Pop-Herzen sicherlich höher schlagen lässt.

dr dra

Tegan and Sara
Heartthrob
Warner Brothers 2013

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Tegan and Sara beweisen mit ihrem neuesten Album, dass sie keine Berührungsängste mit musikalischen Mainstream-Sounds haben. Doch wer glaubt, dass sich das negativ auf die inhaltliche Tiefe oder die musikalischen Intentionen des kanadischen Duos auswirkt, hat weit gefehlt.
Mit Closer startet das Album vermeintlich oberflächlich. Doch wie viel Gefühl und Sehnsucht neben dem Begehren in Zeilen wie „It’s not just all physical/ I’m the type who will get oh so critical/ So let’s make things physical/ I won’t treat you like you’re oh so typical” liegt, offenbart sich erst auf den zweiten Blick. Der für Tegan and Sara typische Stil schleicht sich trotz der Popsounds, die so gar nicht mehr Indie klingen, durch das ganze Album in das Ohr des/der geneigten Hörers/Hörerin. Das sehr körperliche Thema von Closer taucht, wenn auch in unglücklicherer Form, in Drove Me Wild wieder auf. Mit How Come You Don’t Want Me machen die beiden, was sie am besten können: das Widerspiegeln der unerwiderten Zuneigung mit gesetzten Segeln und ohne Wind.
Love They Say ist wohl das typischste Tegan-and-Sara-Lied auf Heartthrob. Mit Eleganz umschiffen die beiden die Riffe des Klischee-Liebesschmalz. „They“, die Anderen, sind eine Konstante, die sich durch das Album zieht und mit dem die Kanadierinnen mit den eingetrichterten und beherrschenden Gedanken in unserer Gesellschaft umzugehen versuchen. Liebe, Sexualität und Begehren existieren hier nicht im luftleeren Raum, sondern vor allem auch in einem Kontext, zu dem man selbst gehört.
Heartthrob lädt trotz dezenter musikalischer Trivialität tatsächlich zum Schwärmen ein. Die Empathie und die besonders furchtlose, ehrliche und lebensnahe Ausdrucksweise, die Tegan and Sara ausgezeichnet hat, bleiben auch hier erhalten. Keine Einfahrt in den Hafen – aber sicher geankert.

Philipp Tzaferis

Clara Luzia
We Are Fish
Asinella Records 2013

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„Wouldn’t it be good to have a lightning on the wall?” Das sind die ersten Worte, die Clara Luzia Humpel auf ihrem fünften Album nach einem gut 70-sekündigen Klaviersolo in den Äther haucht und damit den Bogen nahtlos zum zerbrechlichen Vorgängerwerk „Falling Into Place“ zu spannen scheint. Handelt es sich bei diesem Album also erneut um den zu erwartenden feenhaften Kammerfolkpop, mit dem die Wienerin sich seit Jahren eine wachsende Fangemeinschaft im deutschsprachigen Raum sichern konnte? Weit gefehlt!
Schon im darauffolgenden Titeltrack „We Are Fish“ überraschen Max Hauer, der Pianist des Eröffnungsstückes und pauT mit ihrem Einsatz: Plötzlich treten Schlagzeug, Bass und verzerrte Gitarrenklänge in Erscheinung und der/dem geneigten Zuhörer/in werden politische Statements zur Lage der Weltmeere und dem Fatalismus des menschlichen Umgangs mit diesem in die Gehörgänge geschleudert. Wir alle bestehen bekanntlich aus Wasser, der weltgrößten Müllhalde, wie die Protagonistin mit authentischer Leidenschaft warnt.
Auch die nächsten Stücke drehen sich um denkbar unangenehme Seiten der menschlichen Existenz. „A Presentiment“ beschreibt im Rhythmus des Herzschlages düster die eigene Endlichkeit, während sich „No One’s Watching“ augenscheinlich mit der Thematik der Einsamkeit unter Vielen, wohl auch mit der Abhängigkeit von der ständigen Aufmerksamkeit anderer Individuen auseinandersetzt: Ist mensch heute überhaupt noch existent, ohne permanent gesehen, bemerkt und mit Feedback belohnt zu werden?
“Leave The Light On” verlässt den eingeschlagenen Weg der Melancholie, wird schneller, ist mit Streichern gewürzt und klingt schon heute nach einer beliebten Live-Nummer auf zukünftigen Konzerten.
Anschließend erfolgt ein erneuter Bruch; die potentielle Katharsis wird mit „Light Is Faster Than Sound“, Monster In You“ sowie „The Menace Is My Head“ in gewohnter Akustik-Manier wortstark und bedeutungsschwanger zu einem finalen Höhepunkt getrieben. Einzig unterbrochen vom fast fröhlich anmutenden „The Fall“. Dieser mit Klezmer-Passagen gespickte Song beschäftigt sich mit dem offenbar notwendigen Sturz vor einer Weiterentwicklung und führt beschwingt vor Augen, was für Clara Luzias Werk ebenso gültig zu sein scheint, wie für das gesamte Leben: Es ist niemals zu spät, um seine Position nicht nochmals zu überdenken und neu anzufangen.

Timonea

Norah Noizzze & Band
Songs We Can Sell
unrecords 2012

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Zugegebermaßen, Norah Noizzze als solches mag sich erst mal recht unverfänglich anhören. Auch die Bandgeschichte, die seit dem Ladyfest anno 2007 geschrieben wird, ist weder anrüchig, noch von großen Turbulenzen – schlechte wie gute – gezeichnet. Helga, Iris und Aurora bestehen als eben jene Norah Noizzze & Band offiziell seit 2008, haben seither viele wohnzim-meratmosphärische Konzerte und Straßenfeste abgerundet und mit ihrer Musik erstrahlen lassen, eine EP und hier und da mal ein paar Songs veröffentlicht. In diesem Frühjahr wird uns auch endlich die Ehre zuteil, einen kompletten Longplayer des sympathischen queeren Trios käuflich erwerben zu können.
Songs We Can Sell heißt das Werk und wird wohl tatsächlich gut über die Ladentheke gehen, kauft man_frau doch gerne, was die drei in Wien Beheimateten uns (philosophisch-künstlerisch) verkaufen wollen. Noisiger Rock – so ordnen sie sich selbst ein – meets tiefe, charismatische Stimme, die unter die Haut geht, meets Texte, die im Mittelhirn andocken, meets auditive Vertrautheit. Wir kriegen sieben Tracks serviert, von denen wir uns wohlwollend ein großes Stück des Gitarrenmusik-Kuchens abschneiden dürfen. (Bei manchen Stücken durften wir bereits vorschmecken, da sie schon veröffentlicht wurden, wie z.B. „MasturBate’s Motel“). Lyrisch muss man_frau keine großen Emotionsschwankungen befürchten, denn weder Schwermut, noch naive Sorglosigkeit werden einem_r vermittelt. Die Wortspielereien ranken sich wie Efeu um des_der Zuhörers_in Ohr, halten sich fest – wenn man_frau sie denn lässt –, kriechen in die eingeladenen, mehr als begeisterten Gehörgänge, regen zum Nachdenken und Hinterfragen an, lassen zustimmend nicken und verweilen noch ein wenig an dieser oder jener Stelle, bis man_frau seinen Kopf wie wild, ungehalten und angestachelt zu einer auf Songs We Can Sell häufig vorkommenden schönsten Bridge bangt und sich über die doppeldeutige Wahrheitsfindung des gesungenes Wortes erfreut.
Die 25,8 Minuten Spielzeit schrammeln und klimpern, bestechen ohne bestechlich zu sein, verunsichern, reißen mit und verfallen im Großen und Ganzen stets und spätestens immer ab der Songmitte in ein ausgeprägtes Energiefeld voll von soundiger Wirklich- und Grenzenlosigkeit ohne dabei unharmonisch zu wirken.
Songs We Can Sell sollte man_frau nicht nebenbei einlegen, denn die CD ist eine kleine Reise, für die man_frau sein Köfferchen parat haben sollte; ein Köfferchen gefüllt mit Konzentration, Herzblut und schmucken zu verschickenden Postkarten, um die frohe Botschaft weiterzugeben. Sollte es jedoch auf einer dieser Reisen mal passieren, dass man_frau an dem einen oder anderen leichtfüßig betrunkenen Frühlingsabend die falsche Tür betritt und in eine Szenerie im Deckmantel der Unwissenden, versammelt in einer eckigen Spielunke, in der das Bier billig und die Toilette dreckig ist, stolpert, dann möge man_frau entweder sofort das Weite suchen und besser einem sehr sehens- und hörenswertem Live-Gig der Frauen* beiwohnen oder sich aber auf einem hölzernen, kippligen Barhocker ein Plätzchen zu Eigen machen, ein gezapftes Kühles ordern und sich mit den einprägsamen, politisch auflehnenden Worten Norahs seiner eigenen Lethargie hingeben : „And I’m missing a gun or my guitar / to express my feelings about this hetero bar.“.
Auf ihrer Bandpage betiteln Norah Noizzze Songs We Can Sell als „Die Begleitmusik zum Weltuntergang“. Ich sage: Bitte jetzt zuschlagen, auch die Mayas haben sie schon gekauft.

Stefanie Rohrbach

 

AUS FIBER #21 …

Plaided
Playdate
Fettkakao 2012

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Plaided, Playdate, Play Dead… man kann das Wiener Duo Plaided, bestehend aus Veronika Eberhart und Julia Mitterbauer wegen verschiedener Dinge mögen, für ihren Hang zum Wortspiel zum Beispiel oder das Foto von der halb blinden, aber sehr selbstbewussten Miezekatze auf dem Cover. Vor allem aber muss man Plaided für ihr Debütalbum lieben, das so wunderbar unmodisch aus den Boxen schallt als schrieben wir das Jahr 1989. Unmodisch – und nicht etwa altmodisch – deswegen, weil sich Eberhart und Mitterbauer kein Stück um angesagte Effekte scheren, sondern nach guter alter (lies: zeitloser) Punkrock-/Riot Grrrl-Manier elf Stücke raushauen, die so spontan wie gut überlegt klingen. Und auch, wenn „Playdate“ natürlich den rumpeligen Charme des Erstlings verbreitet, sind Plaided keine blutigen Anfängerinnen: Nachdem sie 2005 das Wiener Ladyfest organisiert hatten, gründeten sie – damals noch als Trio – die Band Ilsebill. Aber erst mit Plaided finden sie ihre perfekte Erscheinungsform: Politisch-feministische Lyrics, Stachel im Fleisch zufriedener BürgerInnen, vor allem die HausbesetzerInnenhymne „Squat it!“, die „Hommage“ an den zehnten Wiener Bezirk „Matzleinsdorfer Platz“ oder der Schlussmachsong „It is Over Toni“ lassen keine Fragen offen. Gitarrensound zwischen Emo und Hardcore, der Gesang mal leise, mal böse. Als hätten sich Sebadoh und die Lassie Singers im Studio getroffen - aber Vergleiche sind ja eigentlich doof und Plaided haben definitiv ihren eigenen Stil. Hört mal „Buried In a Stupid Thought“ oder „My Heart is on Desire“, dann wisst ihr, was ich meine.

Christina Mohr

Girls Rock Camp 2012
Compilation
Girls Rock Camp 2012

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Das Girls Rock Camp Niederösterreich ging dieses Jahr mit dem Zusatz „…geht ins Studio!“, und dementsprechend mit einem Schwerpunkt auf Tonstudio- und CD-Produktion, in die zweite Runde. Für jene, die noch nicht wissen, um was es sich hierbei handelt: Das Girls Rock Camp ist ein Projekt des Vereins „Pink Noise“, bei welchem jungen Mädchen_* und Frauen_* bis 21 die Möglichkeit geboten wird, gemeinsam Musik zu machen, eine Band zu gründen und selbst kreativ zu werden. In verschiedenen Workshops, wie beispielsweise Instrumenten- oder Songwriting-Kursen, sollen die Teilnehmerinnen_* nicht nur musikalisch gefördert werden, Ziel ist es auch Musik als politisches Medium, insbesondere in Bezug auf feministische Sichtweisen, zu vermitteln. So haben sich die Organisatorinnen_* der Tradition der RiotGrrl-Bewegung und dem DiY-Ansatz verschrieben und versuchen jungen Musikerinnen_* mehr Sichtbarkeit in einer männlich dominierten „Szene“ zu verschaffen.
Produkt des Camps ist eine Compilation, auf der sich alle Teilnehmerinnen_* mit ihrer Musik verewigen konnten. Den Anfang auf der Platte macht Aivery mit „You Got Lost“. Das Lied ist eher instrumentelastig und der Gesang zunächst nur leise zu hören, was der Sache aber keinen Abbruch tut, da die Band schon durch Rhythmus und Timing überzeugen kann. Gegen Ende des Songs geht es dann nochmal ans Eingemachte, und es wird klar, dass es sich lohnen würde Aivery auch mal live zu sehen zu bekommen.
Der nächste Titel „The Bridge“ von Disproportionate Reaction bleibt eher ruhig, und es scheint der Versuch unternommen worden zu sein, eine komplexe Songstruktur zu erreichen, die zwar noch nicht ganz ausgereift ist, aber für die Kürze der Zusammenarbeit immerhin Potenzial hat. Hotspot? machen anschließend mit „Give Ear“ ziemlich Spaß und es erstaunt, was nach einer Woche gemeinsamer Workshops nicht alles so entstehen kann. Den Abschluss gibt dann ШАЛКА! in russischer Sprache und mit einer zwar simplen, aber tanzbaren Synthesizermelodie.
Alles in allem bleibt eigentlich nur zu sagen, dass die Compilation der aussagekräftige Beweis dafür ist, wie fruchtbar ein Projekt wie das Girls Rock Camp ist, womit auf eine weitere Compilation im nächsten Jahr zu hoffen ist!

Ilona Toller 

Kumbia Queers
Pecados Tropicales
comfortzone 2012

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Das nun schon dritte Album der Kumbia Queers präsentiert sich in der „Tradition“ der vorherigen Alben in einem wunderschön trashigen Artwork. Gesprayte Stencils von Palmen, Sternchen, Anker und der Band selbst tigern über den bunt gepixelten Hintergrund und lassen das Herz vor Vorfreude auf 1000% Tropipunk schon vor dem tatsächlichen Hören im Cumbia-Rhythmus schlagen.
Zu Beginn stellen sie gleich mal klar, mit wem sich hier auseinanderzusetzen ist, bzw. wie sie Cumbia interpretieren und gestalten, nämlich, wie der Bandname schon verheißungsvoll verspricht, mit einer gehörigen Portion queer:  „Si tú dices cumbia yo digo queers, si tú dices cumbia yo digo kumbia queers.“ Und dies nicht nur in den Liedtexten, sondern auch in der musikalischen Interpretation, die sich nicht kategorisieren lässt. Selbst bezeichnen sie ihre Musik als „Tropipunk“ - Cumbia-Rhythmen gemischt mit Punkrock-Elementen. „Der Punk“ versteckt sich gut hinter den Cumbia-Rhythmen, doch das Gefühl ist immer da und macht sich musikalisch mal mehr mal weniger laut bemerkbar.
Die zahlreich vertretenen eigenen Songs der Kumbia Queers betonen dieses „nicht kategorisieren“-Lassen und eröffnen einen wunderbaren Zugang zu Cumbia. Aber auch die Interpretation und Neugestaltung der ausgewählten Covers verdeutlichen dieses Neu-,Um-, Que(e)r-gestalten des Originals und des jeweiligen Genres. Das Cover des argentinischen Punksongs „Metamorfosis Adolescente“ startet „punkig“, wird aber sofort verkumbiaqueert, behält jedoch durch den Gesang und die teils wieder punkigen Gitarren-/Schlagzeugintmezzi das Rotzig-Trotzige des Originals. Aber auch umgekehrt funktioniert Kumbia Queer – da wird der bekannte venezulanische Folksong „Caballo viejo“ zum Rocksong uminterpretiert.
Bei „In the mood for love“ wird’s sexy – eine amouröse Synthese zwischen Scream Club und Kumbia Queers, die sich schon in der Split LP „Scream Queers at the Kumbia Club“ abzeichnete und sich mit diesem Song manifestiert. Eine großartige Verbindung zwischen dem gewohnten Sprechgesang von Scream Club, den queeren Kumbia-Rhythmen, der manchmal in „good-old“ Western-Manier aufheulenden Gitarre und der dezent vertretenen Kirttag/Autodrom-Synthy-Keyboard-Funktion.
Auch wenn das gelungene Album die Zeitspanne zwischen den Liveauftritten der Kumbia Queers kurzweiliger erscheinen lassen kann, ist es jedoch nicht mit den Konzerten zu vergleichen. Live sind die Kumbia Queers einfach unschlagbar und vermögen es, auch nicht Cumbia-affine Menschen dazu zu bringen sich auf die Rhythmen einzulassen, mitzushaken und im „Gring@-Spanisch“ mitzugröhlen.

Conny Gantze

Ana Threat
Broken Heel Island (10“ EP)
Trash Rock Productions  2011

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Ana Threat, die Sängerin/Musikerin des Wiener Garagenpunk-Duos „The Happy Kids“, präsentiert mit ihrer neuen Platte „Broken Heel Island“ in unverschämt zauberhafter Manier ihre Leidenschaft für Vergangenes, dem sie ihren experimentellen Stempel aufdrückt.
Einfach erklärt kann man sich Ana´s Musik vorstellen als eine Mischung aus analogen Rhythmusboxen, einem sich wiederholenden E-Gitarren-Riff sowie einer analog veränderten Stimme der Sängerin, so beginnt auch das Album mit „I can give you anything“.
Ein eingängiges Rauschen und eine voodoobeschwörende Stimme bestimmen das zweite, ruhigere Stück mit dem Titel „Rock n Roll Jungle Girl“. Klar, diese Musik inspiriert nicht zum abtanzen, aber sie hypnotisiert den Musiksinn und lässt die Sehnsucht nach dem Analogen in einer authentischen Weise aufkommen.
In „Bag of Lovin“ präsentiert die Künstlerin noch mehr von ihrer stimmlichen Experimentierfreudigkeit, die gepaart mit dem Nachhallen der Gitarrenriffs teilweise gespenstisch und verrückt anmutet.
Die vierte Nummer „Broken Heel Island“, die gänzlich ohne Stimme auskommt, erinnert an das Intro eines Tarantino-Streifens. Oder ist es doch eher der Track zu einem Rock´n´Roll Heldinnen-Epos, in dem Ana die Hauptrolle spielt?
„Gotta be a reason“ besticht durch sich wiederholende eingängige Gitarrenriffs und die extrem verzerrte Stimme der Sängerin.
Das sechste und letzte Stück des Ausflugs in nur scheinbar vergangene Zeiten bringt die verrückte Stimme der Künstlerin noch einmal in ihrer gruseligen Stärke und Vielfalt zur Geltung.
Die Künstlerin präsentiert sich als erfrischende Alternative zu all den vermeintlich authentisch wirken wollenden One-Woman-Shows, die uns  im Pop begegnen.
Die Musikerin bringt mit ihrer authentischen Liebe zum Analogen eine Figur zum Vorschein, die mutig und experimentierfreudig hypnotisierend-düstere Sounds erzeugt.
Wer Ana schon einmal live gesehen hat (zum Beispiel ihren Auftritt beim Rampenfiber-Festival), weiß, dass sie nicht nur durch ihre hypnotisierende Musik sondern auch durch ihre einzigartige Live-Performance besticht.  Ich hoffe, dass wir noch einiges von ihr hören.
Das feine Werk kannst du übrigens auf Vinyl oder per Download erwerben.

Stefanie Gunzy

 

AUS FIBER #20 …

Kumbia Queers
God save the Queers
comfortzone 2010

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Tropipunk nennen die sechs Musiker_innen aus Argentinien und Mexiko ihren Stil. Ich lege also die CD rein, warte gespannt, was auf mich zukommt und denke nach den ersten Takten: Das ist der perfekte Sound für diese lauen Temperaturen und den Sommer, der hoffentlich noch kommen mag.
Ich höre allerdings weniger Punk raus, für mich klingt das kurze Album (vier Tracks) eher nach Manu Chao mit viel Chili. Leider verstehe ich kein Spanisch, sodass ich über die Texte keine qualifizierte Auskunft geben kann. Aber wie auch der Titel der EP zeigt, sind viele ihrer Songs nicht nur musikalisch, sondern auch lyrisch, in Anlehnung auf bekannte Künstler_innen und ihre Musik und Texte entstanden (z.B. ihr Hit „La isla con chicas“, der sich allerdings nicht auf diesem Album befindet – als Reminiszenz an Madonnas „La isla bonita“). Und vielleicht ist diese Band der richtige Grund, mal Spanisch zu lernen.
Eine wichtige Zutat ihres Tropipunk ist Cumbia (oder Kumbia). So nennt sich ein lateinamerikanischer Musikstil: „Die Cumbia vermischt vielschichtige Rhythmusstrukturen afrikanischen Ursprungs mit spanisch beeinflussten Melodien und lyrischen Formen“, so auf Wikipedia zu lesen.
Muss noch betont werden, dass in Lateinamerika sechs queere Musiker_innen, die eine Mischung aus Punk, Cumbia und Elektro machen und mit diesem Mix inzwischen um die ganze Welt gereist sind, einzigartig sind? Gut, aber das sind sie auch außerhalb Lateinamerikas. Ich gebe auch noch eine Wette ab: Wer diese EP hört, will danach mehr Kumbia Queers im Leben. Nicht nur einen sonnigen Sommer lang, sondern das ganze Jahr.

Melanie Trommer

Florence and the Machine
Ceremonials
Universal Island 2011

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Florence Welch könnte man_frau kennen. Sei es, weil man_frau sich für Mode interessiert und weiß, dass sie jetzt schon als Modeikone gehandelt wird bzw. Muse für manche_n Modeschöpfer_in gilt. Sei es, weil man_frau regelmäßig „The Voice of Germany“ verfolgt und den Auftritt von ihr mit einer der Kandidat_innen im Finale gesehen hat. Sei es, weil sich man_frau immer auf dem neuesten Stand des „Hot Gossip“ bringt und zum Beispiel erfährt, dass Blake Livley (als „Gossip Girl“ der gleichnamigen Serie bekannt) Fan der ersten Stunde und gute Freundin ist. Warum man_frau Florence Welch aber vor allem kennen sollte: Sie ist kreativer (Haupt-)kopf und Leadsängerin der Band „Florence and the Machine“. Schon das erste Album zeigt, dass Florence nicht die außergewöhnlichste Stimme besitzt, mit dieser jedoch hervorragend umgehen, sie bis an ihre Grenzen verwenden kann. Musikalisch ist das erste Album relativ homogen ausgefallen, was immerhin dem facettenreichen Gesang Raum gibt. „Ceremonials“ knüpft musikalisch und auch lyrisch an das erste Album an, elaboriert zugleich jedoch den – wie der Name schon sagt – zeremoniellen Charakter in den Songs ein Stück weiter. Gesang und Spiel zelebrieren mal düster, mal beschwingt, immer voll Gefühl und ganz episch das Leben und die Liebe. So gesehen ist „Ceremonials“ schon Bekanntes, besitzt aber zumindest die ein oder andere Perle, die einen mitreißt. Da berichten Lieder von der eigenen Getriebenheit und Akzeptanz, von Tatsachen in Metaphern, von Weite und Tiefe der See in und um einen, von Sehnsucht. Im Booklet, das leider bloß ein paar Hochglanzfotos und wenige Lyricspassagen beinhaltet, liest man_frau: „When I was a kid, I had a moment when I got under the water, lying on the pool floor, and felt I could breathe. I’ve been trying to recreate that feeling ever since.“ Und darum geht es wohl: Zu suchen, was man_frau so sehr vermisst, auch wenn man_frau es nie findet. Ansonsten bleibt ein Warten auf mehr Überraschung und weitere Perlen. Und: Ein Weitersuchen.

Frühstück

Project worse than queer
Grrrls drinking songs
http://projectworsethanqueer.bandcamp.com
2012

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Den subversiven Charakter der Trunkenheit zu huldigen ist schon des Öfteren  von verschiedenen Projekten versucht worden. Dies jedoch in einen queer_feministischen Kontext zu setzen und aus der klar männlich konnotierten Nische zu katapultieren hat sich das Projekt Worse than queer zum Ziel gesetzt. Ergebnis ist eine berauschende Zusammenstellung verschiedenster  Künstler_innen und Genres, welche dazu inspiriert sich ein Fläschchen von was auch immer aufzumachen, Freund_innen einzuladen und der Trunkenheit zu frönen. Die musikalischen Trinkmeile reicht von angeheiterten Partyliedern zu melancholischen, teils elektronischen Songs.
Abseits von „klassischen Ballermann-Sauf-Liedern“, zieht man_frau mit First Fatal Kiss durch die queer_feminstische Partyszene Wiens, trinkt Champagner mit Beisspony, bekämpft den Kater mit Jo Snyder und ruft betrunken mit Scream Club die_den Angebetete_n an.
Die Songs und das wirklich wunderschöne Cover können einfach heruntergeladen werden - Infos und Songtexte gibt es noch oben drauf. Und auch wenn sicher nicht alle elf Lieder der Compilation meinen persönlichen Musikgeschmack treffen, so kann auf jeden Fall auf alle Beteiligten und vor allem auch auf die Initiatorinnen* eve massacre und jessthreat angestoßen werden!
In diesem Sinne „Fuck the show, let‘s get another bottle” (Jo Snyder).

Conny Gantze

 

AUS FIBER #19 …

Petra und der Wolf
“#1″
Im Eigenverlag (2011)

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Die Geburt war vollbracht. Lang angekündigt, heiß ersehnt war sie, die EP-Präsentation von Petra und der Wolf im rhiz. Fast zwei Stunden lang versetzten Petra Schrenzer, Aurora Hackl und Gastbassistin Martina Stranger ihr Publikum in fieberhafte, manchmal auch drückende Zustände, die mit der Zugabe und den zwei rockigsten Nummern des Abends in pure Energie überschlugen.
Den Vorwurf der Monotonie und Wiederholung ein und desselben Liedes auf Albumlänge wird diese Veröffentlichung mit Leichtigkeit von sich schütteln. Die Lieder wirken in sich stimmig, haben Form und Struktur bekommen ohne ihren improvisierten, spontanen und teils unvorhersehbaren Charakter zu verlieren. Mit Gitarre, Schlagzeug, Saxophon und einer für alle Höhen und Tiefen ausgestatteten Stimme pendeln Petra und der Wolf zwischen klassischem Singer/Songwritertum, rockigen Anleihen und jazzigen Tönen. Dazwischen werden Erinnerungen an den Grunge der 90er wach und die Lust noch einmal 16 zu sein.
Wohltuend auch, dass sich Petra und der Wolf mit ihrem rauen, treibenden, aneckenden Sound und dem kraftvollen Gesang von aktuellen Trends der alternativen Wiener Musikszene abhebt. „Zerbrechliche Frauenstimmen“ und verspielte Arrangements sucht man_frau hier vergebens, stattdessen kommen Assoziationen mit PJ Harvey und Ani diFranco auf. Die Melancholie und manchmal auch Pathos in den Texten gehen in den besten Stellen mit energischen Ausbrüchen, abrupten Enden oder kraftvoller Beschleunigung einher. Sodass man_frau am Ende nach ausgekotzter Wut und diffuser Verzweiflung zwar nicht lächelnd, aber zumindest aufgebäumt in die nächste Runde geht.
Eine EP für wütende und besinnliche Zeiten, Liebeskummer und Familienfest, selbstzweifelnde und größenwahnsinnige Stunden. Und wenn sich die aufflackernden Lichtblicke beim nächsten Mal in mehreren Nummern durchsetzen, haben Petra und der Wolf auch die Chance durch den nächsten Roadtrip zu peitschen und an verrauchten Sommertagen den Soundtrack zu liefern.

Corinna Widhalm

Cherry Sunkist

“Projections Screens”
Comfort Zone / Trost (2011)

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Verzerrte Schrammelgitarre: „Distance, dillusion, erosion and confusion, construction, isolation and oversexualisation! Der Einstiegssong in die Platte namens „Body“ gibt das Programm vor: Düstere, wabernde elektrische Sounds und Text, der von Verdrehtem, Verquicktem und Ambivalentem erzählt und sich melancholisch zu Körperlichkeit, Idealen und Normen äußert. Der zweite Wurf der Linzer Einfrauband Cherry Sunkist alias Künstlerin Karin Fisslthaler lässt uns in andere Sphären tauchen, ihre Stimme wirkt zeitweise distanziert, tritt weit hinter dem elektronischen Sound zurück, zeitweise so eindringlich nah wie in den Nummern „She“ oder „Glass“.
Der schräge Ambient Sound, der mitunter dann doch ins Poppige abdriftet und den Fisslthaler mit aussagekräftigen Texten paart, überzeugt als stimmiges Gesamtkonzept – doch die richtigen Reißer sind deshalb nicht von der Platte zu erwarten. Ein Funken ausgefeilteres Songwriting würde die Popansätze zum Leuchten bringen und die österreichische Nachwuchsperle noch tiefer in unser Bewusstsein befördern.

Evi Trummer


 

AUS FIBER #18 …

Robyn

“Body Talk PT 1″
Ministry of Sound (2010)

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Die Schwedin wird gerne mit Lady Gaga verglichen. Der Vergleich hinkt. Robyn besticht schon optisch durch auffälliges Understatement. Ein Widerspruch, den sie perfekt beherrscht. Eröffnet wird das Album mit der Anti-Gute-Jahresvorsätze-Hymne „Don‘t fucking tell me what to do“. Die Liste der schlechten Gewohnheiten ist lang. „My drinking is killing me … my smoking is killing me …“ Body Talk Pt.1 ist das fünfte Studioalbum von Robyn und Teil einer Reihe von Minialben, die im Laufe des Jahres 2010 veröffentlicht wurden. Die acht Titel bestechen durch minimalistischen Elektrosound, der von einem fast maschinellen Beat unterlegt ist. „Fembot“ ist eine Mischung aus Pop und Hip Hop, in dem Robyn sogar rappt. Trotz der vielleicht „Techno-Lastigkeit“ kommen Romantik und Herz nicht zu kurz. Die Beschreibung verschiedener Gefühlslagen steht im Vordergrund. Alleine sein, alleine tanzen, während alle anderen zweisam sind. Davon handelt „Dancing on my own“. Fast eine Popballade. Seinen poppigsten Moment erreicht Body Talk Pt.1 mit „Cry When You Get Older“, einem bittersüßen Ohrwurm, in dem Robyn den Kids mit auf den Weg gibt, was Erziehungsberechtigte gern verschweigen: „Love hurts when you do it right / You can cry when you get older“. Der Kontrast zwischen starken, treibenden Bässen mit dunkler Elektronik und Robyns hoher, heller Stimme können das Thema ausreichend variieren, damit es nicht langweilig wird. Ein paar Gäste hat sie sich für das Album auch eingeladen: „None Of Dem“ entstand gemeinsam mit Röyksopp und mit „Dancehall Queen“ schrieben sie und Diplo eine Ace Of Base-Nummer mit afrikanischen Einflüssen. Reggae und Dub Rhythmen inklusive. Zum Schluss gibt es zwei Akustiknummern zum Runterkommen: „Hang With Me“, das man_frau sich auch als Dance-Epos gut vorstellen kann, und das traurige schwedische Volkslied „Jag Vet En Dejlig Rosa“. Ein Album, das den Clubsound der 1990er neu erfindet und dabei nicht die Masse stumpfsinnig stampfender Tänzerinnen bedient.

Ute Springer

Vegetable Orchestra
“Onionoise”
Transacoustic research/monkey records 2010

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Ohne das Konzept dahinter zu kennen, müssten sich aufmerksame Zuhörer_innen permanent fragen, mit welch fremder Instrumentation hier die interessantesten Klänge produziert werden. Umgekehrt, nur die neue CD in den Händen zu halten und noch nicht zu wissen welchen Hörgenuss die Musik wohl bringen wird, ist ebenso spannend und lässt eine_m das Wasser aus dem Munde laufen. Die knackigen und frisch präparierten Instrumente am CD-Cover versprechen „100% pure vegetable music inside“. Irritierend, aber höchst originell gestaltet, ist die Cover-Innenseite. So wird verführt zu glauben, dass sich unter den angekündigten Stücken jeweils Text zum Mitsingen anbietet. Auf den zweiten Blick ist die Raffinesse dahinter erst zu erkennen: Begriffe wie „Wiped Aubergine“, „Celery Cello“ oder „Pumpkin Bass Drum with Carrot Sticks“ reihen sich, anstatt der üblichen Songtexte, als kreative Instrumentenbesetzungen der jeweiligen Stücke aneinander und machen neugierig. Für spontane Jamsessions sind die Gemüsiker_innen wahrscheinlich weniger leicht zu überreden, braucht es doch die sorgfältige Gemüse-Auswahl am Markt und das anschließende Aushöhlen und Zurechtschnitzen mit Bohrmaschine und Co vor jedem Auftritt. Eine wahre Freude muss das sein! Stilistisch gesehen pendelt „Onionoise“ zwischen genussvollen Soundmalereien und rigoros technoartigen Gebilden hin und her. Dazwischen mischen sich minimalistische Bewegungen, aber ebenso bunte Klänge aus Flötenkarotten, Selleriegitarren und Zwiebelschalen in den Gemüsetopf. In Nummer elf auf der CD passiert etwas sehr beflügelndes. Der Titel des Stückes „Pause“ und die auffällige Dauer von vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden lässt eine Hommage an John Cages Stück „4’33“ vermuten. Hervorragend. Insgesamt ist das Konzept der Neuerscheinung „Onionoise“ unvergleichbar köstlich und mannigfaltig zugleich, obwohl ich nach wie vor nicht herausfinden konnte wie sich eine „Zwiebelschale“ spielen lässt.

Susanne Rosenlechner

P.L.A.I.D.E.D.
“People Lying Around In Dirt Every Day”
Fettkakao 2010

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Plaided sind zu zweit, spielen aber gleich drei Instrumente. Zumindest auf ihrer soeben auf Fettkakao erschienenen Debut-EP. Julja und Veronika haben schon bei Ilsebill gemeinsam Musik – und klargemacht, dass Punk für sie nicht nur ein Genre ist, sondern auch ein Zugang, Musik zu machen. Wurde bei Ilsebill auch mal mit Klavier begleitet und mit Spielzeuginstrumenten experimentiert, kommt der Plaided-Sound mit Gitarre, Bass und Schlagzeug aber geradliniger und krachiger daher. Als ich „I say“ zum ersten mal gehört habe, damals noch in der Proberaumaufnahme (also: very raw mix), dachte ich: Endlich (mal wieder) eine „Zack-Prack-Band“! Zwei Frauen mit hörbarer Lust am Rocken und Loslärmen! Auf der Suche nach Einflüssen lässt sich eine Grunge-Jugend, ein Faible für Indie Rock aus den USA und eine Sozialisation in der Wiener queer-feministischen und DIY-Szene rund ums Ladyfest ausmachen. „Let there be more Schweinepunk“, ruft die befreundete Band First Fatal Kiss auf ihrem neuen, ersten Album auf – Plaided haben sich das offenbar zu Herzen genommen. „People Lying Around In Dirt Every Day“ erscheint auf Vinyl (mit beigelegter CD) und wurde – wie auch das Album von First Fatal Kiss – bei Chris Janka aufgenommen, für die Ballade „Oh My Dog!“ stand Allround-Talent Cordula Thym an den Reglern. Herausgekommen sind vier großartige Nummern zwischen Punk und Pop: Spätestens bei der Sopranos-Referenz „It is over Toni“ bleiben die Tanzbeine nicht mehr still stehen, der Opener „Can We Keep This“ ist meine persönliche Gänsehautnummer. Schöne Momentaufnahme einer Band, die von Auftritt zu Auftritt Neues und sich immer ein bisschen anders präsentiert. Ein erstes Album lässt da hoffentlich nicht allzu lange auf sich warten.

Bernadette Schönangerer

 

AUS FIBER #17 …

Bernadette La Hengst, Knarf Rellöm & GUZ sind DIE ZUKUNFT
“Sisters & Brothers”
Trikont 2010

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Eigentlich hatte sich das Trio ja 2008 nur für ein zeitlich begrenztes Projekt – ein Festival von Ritchie Records – zusammengetan. Das sollte es aber nicht gewesen sein, denn die wunderbare Bernadette La Hengst und ihre „größten Haudegen der deutsch-schweizerischen Freundschaft der Alten Häuser“, Knarf Rellöm und GUZ – gemeinsam „Die Zukunft“ –, beschlossen, auf Basis der fruchtbaren Arbeit ein Studioalbum aufzunehmen. Und dieses liegt mit elf Tracks nun „pressfrisch“ vor. Gekennzeichnet ist dieses Werk von drei Musiker_innen, die jahrzehntelang im „Geschäft“ sind, die ihre unterschiedlichen Stile, ihre eigenen Ideen eingebracht und zu einem neuen Ganzen zusammengewoben haben. „Und all das harmoniert bei Die Zukunft wunderbar. Schließlich haben sich hier drei Musiker_innen getroffen, die in den letzten 20 Jahren ähnliche Ziele verfolgten. Die bornierte Trennung zwischen Gitarrenmusik, Dancefloor und Soul war ihnen stets fremd. Und vor allem: Alle drei haben ein politisches Verständnis von Pop. Feminismus und Klassenverhältnisse werden ebenso thematisiert wie die eigenen Widersprüche als Linke im urkapitalistischen Popbetrieb“, schreibt Martin Büsser im „Beipackzettel“ zur gelieferten CD. Der Sound ist konzentriert, schlicht, aber nicht „einfach fad“. Die Texte sind direkt, einzigartig, ernsthaft, gespickt mit der richtigen Prise Spaß: „Wir haben kein Problem, von dem wir erzählen wollen, wir haben eigentlich keins. Wir haben auch gar nichts Besonderes zu tun. Lass uns Drogen nehmen und rumfahren“.

Hanna Sohm 

Fantas Schimun
“Variationen über die Freiheit eines Anderen
Der Himmel ist blau / Albtraum in Stereo”
ZickZack / Hoanzl 2009

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Auffällig sind hier die Titel. Klar, das Cover ist auch ganz interessant, aber erst in Hinblick auf den Titel des ersten Doppelalbumteils: „Variationen über die Freiheit eines anderen“ – passend dazu grinst eine rothaarige Marionette verschmitzt im Anzug mit Fliege. Liest man_frau sich die Liste der einzelnen Songtitel durch, ist die sich unmittelbar aufdrängende Neugier durchaus nennenswert: „Schlager D’Amour“, „Erster Akt oder wer fliegt mit“, „Bon Tempi“, „Worse or Worth“ und „Eia Weia Weg“ – das spiegelt mit Wörtern nur annähernd das variantenreiche Spektrum an Klängen wider, mit dem Fantas Schimun aufwartet. Der erste Teil des Doppelalbums besteht aus reinen Musiknummern – allesamt ganz ansprechend. Perlen sind: 1. „Schlager d’Amour“ – ein trauriges Liebeslied mit wunderschöner Gitarrenlinie, vereinzelten, entfernt an Sigur-Ròs-Sounds erinnernden Klangflächen und teilweisem Mitspiel einer zweiten Gitarre, die wie eine Harfe eingesetzt wird. 2. „Ich bin auf weiteres eine Demonstration“ – ein Stück, das nicht nur durch den politisch-kritischen Text heraus-, sondern auch durch schnellen-geraden Rhythmus, dahingeschrammelte E-Gitarrenakkorde und durchs Megaphon gesprochene Lyrics besticht („Ich lebe in einem Land, wo April = Aprilscherz, Frau = Familie, Umwelt = Landwirtschaft, Afrikaner = Drogendealer“). Und 3. „Forget her“ – eine sehr schöne bluesige Nummer, in welcher Schimuns Stimme stark jener von Beth Gibbons gleicht; später ähnelt sie dann wieder Fiona Apples Organ. Die Klasse von beiden erreicht Schimun nicht ganz, was aber durch ihren Abwechslungsreichtum nicht notwendig ist. Die zweite noch etwas experimentellere CD des Doppelalbums ist tituliert mit „Der Himmel ist blau / Albtraum in Stereo“. Hier bietet Schimun ein schrägstimmiges Hörspiel, das durch Musikstücke unterbrochen wird. Inhaltlich geht’s um die ersten preiswerten touristischen Ausflüge in den Kosmos via Easy Rocket – mehr sei nicht verraten. Schimun selbst sinniert in ihrem Stück „Herztropfen fürs All“ „nichts gewonnen, nichts verlorn“. Das stimmt nicht, wenn man_frau sich dieses Album besorgt – denn dann ist definitiv ein Stück weit feine Musik gewonnen.

Annelie Sachs

 

AUS FIBER #16 …

Scream Club
“Big Deal”
Emancypunx Records 2008

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„What time is it? – Party-Time!“ Na bitte! Gleich volle Kanne rein ins Geschehen geht es mit der schon nicht mehr ganz so neuen CD (2008) von Scream Club. Nichts Geringeres hätte ich mir erwartet nach der bisherigen Scheibe und dem Wahnsinnsauftritt am rampenfiber-Festival (Was für Bühnenoutfits! Was für Stimmung!) – hach – ist der heiße Scheiß jetzt endlich auch in meiner Wohnung zu hören. Krachiger Old-School-HipHop vermischt mit ohrwurmesken Melodien und schnarrigen Stimmen kommt da aus den Boxen; und Texte, die die queer-lesbo scene hochleben lassen, das „fempire“ ausrufen und auch schon mal ordentlich dem Kapitalismus Eine reinhauen. Scream Club, you rock! Noch besser finde ich ja, dass die Lyrics selbst für nicht Englisch-Erzogene verständlich sind und Sarah Adorable und Cindy Wonderful ihren Lebensmittelpunkt nach Berlin verlegt haben (mehr leistbare Konzerte im fiber Austragungsumkreis!). Nicht zu vergessen die sicht- und hörbar zelebrierte Kollektivität mit und mit und mit und … Puh. Wer hier noch mehr Beschreibung haben will, soll sich mit der Eigendefinition der myspace-Seite zu Frieden stellen lassen: „We sound like what would happen if Peaches and Vanilla Ice had a love child, and if Biggie Smalls was the Godfather and if our cousin was Darby Crash.“ Scream Club, Scream Club, you’re so fine! You’re so fine it blows my mind!

Iris BorovÄnik

Lissi Dancefloor Disaster
“Lissi Dancefloor Disaster ep + Counterpoint ep”
Saftkalas Recording 2008

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Aus sehr ärgerlichen Gründen versäumte ich die Lissis beim rampenfiber-Festival. Umso enthusiastischer riss ich mich darum, die CD zu rezensieren. Und dies mit erfreulichem Ergebnis – zwar ärgere ich mich jetzt noch mehr, sie nicht live gesehen zu haben, doch auch im Leben abseits eines Festivals bringen Lissi Dancefloor Disaster mein Herz (und alles andere) zum Hüpfen. In eigenwilliger Dancefloor Manier hämmern Beats und heult der Synthy. Verfeinert wird das von der eindrucksvollen, leicht (t)rotzigen Stimme von Sängerin* Josefin. Das Duo aus Uppsala besingt beispielsweise in „I’m gonna keep on driving my car“ die persönliche Freiheit mit dem Nebensatz „because I don’t care about no other“, welcher auch bei „I’m gonna keep on riding my bike“ eine zentrale Rolle einnimmt. In „I don’t want my tv you can have it“, das melodisch sehr stark an „big in japan” erinnert, wird die, uns alle bekannte, Misere mit dem Fernseher thematisiert. Unterbrochen wird das ausgelassene Hüpfen von der Interpretation Beethovens „Mondscheinsonate“. Und wenn’s nicht vorher schon politisch war, ist es spätestens bei „copyriot (share this song)“ soweit. Dort wird anhand dreier einfacher Halbsätze die Forderung, sich dem Wahnsinn des Copyrights zu widersetzen, tanzbar gemacht: „share your music, with your friends, sharing is caring”. Und zum Schluss: Die Lissis rocken!!! Und das wirklich grandios – garniert mit den Katzenköpfen, die bei Lissi Dancefloor Disaster niemals fehlen dürfen.

Conny Gantze

Rae Spoon
“Superior You Are Inferior ”
Rae Spoon 2008

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Das vierte Soloalbum des kanadischen Singer-Songwriters bietet elf musikalisch erweiterte und dennoch ruhige Impressionen. Die eindrucksvolle Stimme ist bei den Studio-Aufnahmen ebenso präsent, wie sie das Publikum beim Rampenfiber-Festival begeistern konnte. Auch beim Song „Come on Forest Fire Burn the Disco Down“ mit eingängigem Rhythmus durch Chorus, Computer und elektrische Gitarre bleibt die Stimme und damit die Person Rae Spoon tragend. Auch in diesem Stück wird die Kontinuität des Kolonialismus thematisiert, der individuelle Nutzen und die Unausweichlichkeit eines über Generationen und Orte vermittelten Zusammenhangs. Rae Spoon tourte als „one of the world’s only transgender country singers“ durch Kanada, USA, Australien und Europa. Nach vielfältigen, ebenso gefährlichen wie widersprüchlichen und enervierenden Erfahrungen zog er sich einen Winter lang in die ostdeutsche Provinz zurück und schrieb an diesem Album. Aus der Distanz greift er wiederholt auf landschaftliche Bilder und Eindrücke zurück, erzählt von Highways zwischen Yukon und Newfoundland oder „Great Lakes“. Der erste Song des Albums verbindet bereits die inhaltlich dominanten Motive von persönlichen Erfahrungen, Sehnsuchtsbildern, Kolonialismus und reklamierter Verantwortung: „Lake Michigan. I wish I could do it all over again, But with you this time. (…) You think you’re fast and superior, But you are only inferior to the generations that still had somewhere to go.“

Heide Hammer

 

AUS FIBER #15 …

Kevin Blechdom
“Gentlemaia”
Sonig/Rough Trade 2009

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Kristin Erickson hat eine ganze Menge verstanden. Zum Beispiel wie man_frau eine verdammt gute Platte macht. Noch dazu eine Platte, die so nun wirklich keine_r von einer_m erwartet hat. Nach zwei elektronischen Alben besinnt sich Erickson aka Kevin Blechdom auf ihrem neuesten Werk „Gentlemania“ zurück auf das Wesentliche: Melodie und Text vereint sie zu einer zauberhaften Revue aus Cabaret, Musicalsongs, Doo-Woop-Anleihen („I thought I knew you“) und – ja – sogar Countrynummern („Monster“). Bisweilen kommen die Songs gar ein bisschen kitschig daher, so wie „Face the music“, wo schon mal ein echtes 80er Jahre Softrock Gitarrensolo auftaucht. Ganz großartig ist auch der Track „Tell me where it hurts“. Passend zum Titel sind hier recht kräftige Peitschenhiebe und das obligatorisch folgende „Au“ zu hören. Genau solche Momente zeigen, wie liebevoll Blechdom ihre Platte gestaltet. Das ist sicher auch Produzent Mocky zu verdanken, der ein erstaunlich geschliffenes Klangkostüm für Blechdom geschneidert hat. Da ist kein Gezupfe zu viel und jedes „Ah“, „Oh“ und Händegeklatsche sitzt an der richtigen Stelle. Und dass Jamie Lidell und Janine Rostron aka Planningtorock zu den Background-Sänger_innen zählen, kann auch nicht schaden. Zugegeben, hie und da wünscht man_frau sich etwas von der Aufgeregtheit und Hysterie ihrer bisherigen Arbeit zurück, aber angesichts der zauberhaften Popsongs auf „Gentlemania“ kann man_frau sich dafür getrost bis zu Kevin Blechdoms nächstem Album gedulden.

Julia Preinerstorfer

Dandies and Darlings
“Dandies and Darlings”
2009

Ich steh auf „Dandies and Darlings“. Soviel gleich vorweg. Und ja, ich kenne die Menschen hinter der Band, bin mit einigen von ihnen befreundet. Wer mir an dieser Stelle den Vorwurf der Voreingenommenheit machen und meine Kritikfähigkeit anzweifeln mag, bitte sehr. Rezensionen sind ohnehin bloß subjektive Meinungsmache und bisweilen können Freund*innen die härtesten Kritiker*innen sein. Also, wo war ich stehen geblieben. „Dandies and Darlings“ sind großartig. Nicht nur deshalb, weil sie mir das alljährlich auftretende, von musikalischen Gräueltaten vollgestopfte Sommerloch mit ein wenig Melancholie versüßen. Nein, mit dem langersehnten, ersten, diesen Sommer erscheinenden Tonträger der fünfköpfigen All Female* Band kommt etwas Neues, Kantiges auf den für meinen Geschmack zeitweise aalglatten Musikmarkt. Auch wenn sich musikalische Vorbilder wie „The Cure“ oder „Joy Division“ durchaus bemerkbar machen, überzeugen „Dandies and Darlings“ mit ihrem ganz eigenen Stil. Melodiös, mal ernst und nachdenklich, dann wieder macht sich dieses Kribbeln in meinem Körper breit und ich tanze, tanze zu ein wenig Schmerz, denn es tut so gut wenn in meinem persönlichen Lieblingslied „All Spiders Gone“ sind! Und wer schon mal auf einem D&D Konzert war kennt mit „White Smoke“ auch jenen Song, der legitime Hitansprüche stellt. Besonderer Leckerbissen. Auf der EP befindet sich neben den fünf Songs auch ein gezeichnetes Video zu „Plattenbau“. Unbedingt kaufen!

Mareš

 

 AUS FIBER #14 …

Yo! Majesty
“Futuristically Speaking … Never Be Afraid”
Domino Recording, 2008

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Willkommen im Hip-Hop-Universum: Darf ich bitten, eure Majestätinnen Lashunda Flowers aka Shunda K und Windy Baynham aka Jewel B: „Get down on da flo […] we gona keep you moving“ (aus „Get down on the floor“). Yeah Ladies, I will! Hier kollidieren bombige Bässe und wuchtige Elektro-Beats mit wütend donnernden Raps und befördern dieses Album eindeutig aus dem Mainstream-Orbit. Das aktuelle Album von Yo! Majesty ist in dieser Zweierkonstellation ein Debüt und wurde von dem Londoner Produzentenduo Hard Feelings UK, namentlich David Alexander und Richard Winstanley produziert und in die Öffentlichkeit verfrachtet. Auch Basement Jaxx sind mit von der Partie. Sie haben das Stück „Booty Klap“ technoid aufgemotzt und zu einer meiner Favoritinnen mutieren lassen. Die beiden Musikerinnen aus Florida/USA sind bekennende Lesben, gottgläubig („Gay with much love for god“) mit einer beachtlichen Portion Pussy-Galore: „I’m sayin’ to the ladies, put you hands between your tights and rub on your monkey.“ (aus „Monkey“ von der EP „Kryptonite Pussy“, 2008). Live sollen Yo! Majesty vor allem durch ihre Bühnenpräsenz beeindrucken: laut, aggressiv, selbstbewusst, gut gebrüllt und manchmal oben ohne – ab Ende Februar 2009 quer durch Europa.
Ich weiß nicht was die Zukunft bringen wird, aber heute bin ich gefangen, im Bann von Shunda K und Jewel B: temporeicher und gewaltiger Synthie-Disko-Grrrl-Hip-Hop vom Feinsten!!!

Jess Gaspar

 

AUS FIBER #13…

Eine Produktion von und mit Gustav, einem der Sissy Boyz, SV Damenkraft, Regie: Tanja Witzmann
“Orlanding The Dominant. Eine queere Burlesque”

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Der Soundtrack zu „Orlanding The Dominant“, der queeren Burlesque, die sich auf den Roman „Orlando“ von Virginia Woolf gründet und im Rahmen von „brut“ in Wien 2008 in berstend vollem dietheater-Konzerthaus aufgeführt wurde, ist da und genauso faszinierend und berauschend wie das Stück: Er lässt Hörende nochmals die Geschichte von Orlando durchwandern, die/der mehrere Jahrhunderte in unterschiedlichen Geschlechtern lebt.
Die Musik setzt sich aus elektronischen Elementen zusammen, für deren Produktion sich wahrscheinlich Gustav und Christina Nemec verantwortlich zeichneten. Gesang wechselt bei allen Liedern zwischen den oben angeführten Personen (außer der Regisseurin Tanja Witzmann).
In manche der Songs fließen Stilelemente der Musik aus Zeiten ein, in denen sich Orlando befindet. Diese mit Klängen aus anderen Epochen angereicherten Stücke funktionieren ohne die optischen Eindrücke und entsprechende Kostüme leider meistens nicht. Gleich die erste Nummer „1550 Qua Thrill“ hat z.B. solche mittelalterlichen Klänge durch Flöten oder die Nummer drei „Ich bin fertig mit den Menschen“ und Nummer 13 „Alle sind gepaart“ durch reinen Gesang. Dementsprechend begeistertert war ich von den Nummern, die sich auf einem Elektro-Sound aufbauen, wie „Desire“ (2), „Orlanding The Island“ (10), „Using My Language Tool“ (11) und „Here I Am“(12) um nur einige zu nennen. Dass die Texte großartige Inhalte zu Sex, Gender und Desire inkludieren, ist außerdem noch ein weiteres herausragendes Spezifikum.

Dominika Krejs

Gustav
“Verlass die Stadt”
Chicks On Speed

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Endlich. Es wurde ja Zeit, dass GUSTAV wieder einige Lieder unter die Menschen bringt. In „Abgesang“ singt sie zwar davon, dass sie jetzt konform geht, aber das kann nur künstlerische Freiheit sein, denn das neue Album ist ganz und gar nicht konform. Schon allein die Stimme von Eva Jantschitsch lässt sich in keine Schublade quetschen. Selbstbewusst zwingt sie die werte Zuhörerin, mit beiden Ohren hängen zu bleiben. Und das ist gut so, denn diese Texte sind ernst und kritisch mit dem richtigen Schuss Zynismus. Genau das, was vielen MusikerInnen fehlt. Verstärkt, untermalt oder konterkariert werden die Aussagen vom unverwechselbaren Sound, der ein Trip vom Laptop-Experiment bis hin zur Blasmusik ist. Und wenn Eva Jantschitsch singt, dass das „Leben kein Wunschkonzert“ ist, dann bekommt diese banale Redewendung angesichts der Texte wirklich eine Bedeutung. GUSTAV meint es ernst und hat auch gute Argumente dafür. Selten war Kritik an Politik und Gesellschaft ein so spannendes Gesamtpaket. Sound, Text und Stimme tanzen eng umschlungen in den Abgrund der Gesellschaft. Denn die Lage ist ungemein ernst und es gibt keinen Grund zur Entwarnung.

Ute Springer

Paperbird
“Cryptozoology”
Seayou

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„Colony“ glockenspielt sich in mein Ohr, dicht gefolgt von sphärisch verdichteten Stimmschichten, die akustische Gitarre gibt den Tune vor und Anna Kohlweis aka Paperbird singt von warmen, weichen Orten, in die man_frau seine Finger stecken könnte und die sich wie zu Hause anfühlen. Die warmen, weichen Orte sind ganz groß auf „Cryptozoology“, dem zweiten Album nach „Peninsula“. Kleine Songperlen, die in Form von schwankenden Schiffen oft mutterseelenallein und doch nie einsam oder verzagt von einem Spielplatz zum anderen schippern und sich dabei ein wenig wie Linus Van Pelt’s (von den Peanuts) „security blanket“ anfühlen. Die Decke hat auch noch eine andere Funktion: Sie ergibt über ein paar Möbel gestülpt eine Lo-Fi Aufnahmehöhle für Paperbirds Folk-Lieder und verleiht ihnen Intimität und die Gefährlichkeit von Menschen in Plüschtierkostümen – also äußerste Gefährlichkeit! Anna Kohlweis, die junge Songwriterin mit dem kurzen Rotschopf, kommt aus Kärnten, lebt in Wien und bewegt sich im lustigen Haufen rund um die Labels Seayou und Fettkakao, bei denen auch Go Die Big City! und A Thousand Fuegos – mit denen sie auch spielte – veröffentlichen. Kohlweis’ eigenes Ding klingt ruhiger, konzentrierter, ist meist getragen von Freundin Gitarre und umspielt von allerlei Pling-Pling-Glockenspiel, Flöte, Geklopfe und befreundeten Chören, wie auf dem schönen Track „Matchstick Man“. Da singen sie „So I dig caves in every mountain in search of your soul and then, when I’ve found you with my fingers all stiff and cold I’m gonna kiss you on the forehead and do all I can to bury you deeper this time to look for you all over again.“ Gesungen ein Ohrwurmsatz, tatsächlich.

missta subsilk

AUS FIBER #12…

Heidi Mortenson
“Don’t Lonely Me”
wired records

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A cool rock’n’roll queer electro star. Heidi Mortensons neues Album „Don’t Lonely Me“ bekommt von mir alle Sterne, die es zu vergeben gibt. Seit sie im Juli das Café Strom in Linz gerockt hat, dreht sich ihre CD mit relativ wenigen Ruhepausen auf meinem CD-Player. Das neue Album ist charmant, spielerisch, queer, experimentell, tanzbar und nicht zuletzt wegen der feinen Lyrics großartig zum mitsingen geeignet. Heidi Mortenson kommt als echtes queerfeminist_d.i.y._electro-sound role-model aus der experimentellen computer/gadgets/sample Ecke. Als Meister_in gemixter dance/experiment Sounds, behauptet sie_er, kein Instrument ‚richtig’ spielen zu können, aber dennoch nicht Jahre warten zu wollen, um es auf der Bühne zu benutzen. Dabei sind ihre_seine Lyrics so cool wie wir es von unseren Independent-Stars erwarten, die keinen Vertrag mit einem der großen Labels haben und sich vielleicht daher kein Blatt vor den queeren Mund nehmen. Auf der Bühne hauen eine_n nicht nur die Musik, sondern auch die absolut coolen Tanzeinlagen und die queere Performance um. Und wenn Heidi im Videointerview (flasher.com) benennt, was wir mit Freude in und zwischen den Zeilen des Booklets zur CD lesen, nämlich dass 2-geschlechtliche Kategorisierung nichts ist für lovely Heidi, bleibt nur noch das überwältigte Groupiedasein. “… I can be your boy. I can be your girl. I can be somebody who rocks
your world …”
Yes Heidi, you can!

Helga Hofbauer

Es Gört
!Records

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Eine Kompilation von 20 Songs österreichischer, deutscher und schweizer MCs, Spezialqualifikation female Artists. Aber wie schon Sookee in ihrem Song „u.n.i.t.why?!“ singt „Ich bin geschlechtsindifferent und ich feier das, ganz egal ob du ne Klit oder Eier hast (…) ich bin kein female MC, ich vertret’ diesen Begriff mit seinen Regeln nicht, dass ich einen Stempel auf Grund von Genen krieg“. Sie bringt es auf den Punkt, laufend damit konfrontiert zu sein als MC ihr Geschlecht rechtfertigen zu müssen. Aber nicht nur Sookee groovt, sondern auch Semmlerina ist echt feiner, eingängiger HipHop und Temmy Ton mit „Lebensmittel“ hat absoluten Hit-Charakter. Mieze Medusa ist selbstverständlich mit dabei und performt ihre avanciert-poetischen Lyrics. Die Qualität der Aufnahmen ist größtenteils professionell, mitunter auch amateurInnenhaft, was absolut charmant ist. Zu hören sind auch Raritäten wie S StylezZ, eine 17 jährige MC, die todtraurig in schwäbischen Dialekt „Von ganzem Herzen“ einen Todesfall besingt oder Serena mit „Diversa“ aus der italienischsprachigen Schweiz. Aber auch Wina, Mad Lane und Shorty Ann sind absolut hörenswert. Also, ich bin voll begeistert.

dr dra

Scout Niblett
“This Fool Can Die Now”
Too Pure/Edel

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Manche Zustände sind so schauderhaft und traurig, dass sie schon wieder schön sind. Beim mittlerweile vierten Album der englischen Solomusikerin Scout Niblett verhält es sich ganz ähnlich, es trieft vor Melancholie und Schönheit, zerrissen von Ambivalenz: 14 klassisch für Gitarre-Schlagzeug arrangierte Songs, die in ihrer Schlichtheit einfach bestechend sind wie „Let Thine Heart Be Warmed“ oder das fordernde „Your Last Chariot“. Nibletts Stimme, häufig mit der von Cat Power oder der frühen PJ Harvey verglichen, entfaltet sich an jenen Stellen am eindrucksvollsten, wo sie die Pfade der Lieblichkeit verlässt, wie imposant bei „Hide And Seek“. Mit zusätzlichem Schnickschnack wurde zurückhaltend umgegangen – nur ein paar Streicher umschmeicheln das wundervolle „Kiss“ in dem sie gemeinsam mit Will Oldhalm aka Bonnie ‚Prince’ Billy von der großen Liebe schmachtet. Alles in allem wirkt die Platte etwas gefälliger als ihre Vorgängerinnen, was vielleicht an den insgesamt vier Duetts mit Oldham liegt, die definitive Herzensbrecher sind. Mein persönliches Highlight ist Dinosaur Egg“, eine niblettsche Erweiterung der Lyrics des britischen Text- und Bildkünstlers David Shrigley: „Dinosaur egg oh dinosaur egg. When will you hatch? Cause I got a million people coming on Friday. And they expect to see a dinosaur not an egg“. Der wiederum hat nun eine grandiose Compilation „Worried Noodles“ veröffentlicht, auf der sich das Who-is-Who der aktuellen Musikavantgarde das Mikro in die Hand drückt und natürlich fehlt hier auch Scout Niblett nicht, mit einer Vertonung von „The Bell“. Unbeschreiblich.

steph

Supernachmittag
“She’s The Daddy”
KIM/Trost

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Eine der lustigeren GenderBenderBands des Universums. Anita Peter Mörth, Sol Haring, Dan Elektra (Besetzung international) performen „K.E.N. – so postmodern, so fantastic …“. Der Verein zur Förderung der Popkultur KIM lässt uns wissen, dass es sich beim Gehörten um Philosopunk und Gender Country Rock mit einem klassischen Rock Line-up handelt, was da bedeutet Gitarre, Bass und Drums. Das allerdings macht nicht den Charme der Band aus. Eher wohl die Lyrics in Englisch, Deutsch und Japanisch. „Es wird Tote geben dort im Krisengebiet, ich will meine Ruhe haben, denn ich liebe mich … einfach loslassen …“ lässt erahnen, wohin die Reise geht.
Auf ihrer Debüt CD, die am 12.November im Chelsea (Wien) vorgestellt wurde, geht’s musikalisch nicht wirklich countrymäßig zu. Rockig ja, hart, sanft, alles da. Der Sound siedelt sich gleich mal im Gehörgang an und lässt sich schwer wegwischen. Verführt zum mitsingen, manchmal. Schlaue Texte, zynisch allemal. „Tski To Tajo“. Und wenn SNM singen „Total liar, perfect lover …“, denkt man(n), ja genau!

Joshua Sergej

Rhythm King and her friends
“The Front Of Luxury”
Kitty Yo/Soulseduction

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Schon das Cover dieses Albums wird so manches „Lesben”-Herz höher schlagen lassen: Sexy Pauline Boudry und Linda Wölfl posen darauf. Die beiden in Berlin feministisch-queer Verorteten brachten ihr neues Elektro-Pop-Album „The Front Of Luxury“ heraus, dessen Titel von einem Demo-Slogan der italienischen Arbeiterinnenbewegung der 70er-Jahre stammt. „Luxury“ meint die Möglichkeit der Schaffung neuer Formen von Zusammenarbeit, -leben und -lieben abseits des Zwangs Geld verdienen zu müssen.
Das Album besticht durch die Kombination von Elektro-Elementen mit solchen aus Pop und Rock. Es ist hier im Vergleich zu ihrem ersten Tonträger „I Am Disco“, an das man in manchen Passagen erinnert ist, durch den Einsatz von Instrumenten eine Weiterentwicklung passiert. Die beiden singen in Englisch, Französisch und Bulgarisch. Die professionell aufgenommenen Songs fetzen bis auf zwei Ausnahmen: „Talkin’ About Words“ und „Meterosexual Ride“. Schade auch, dass die Lyrics nirgends nachlesbar sind. Darin finden sich jedenfalls politische Themen zu prekären Arbeitswelten oder in „Talkin’ About Words“ eine Auseinandersetzung mit der Schwierigkeit von Kommunikation. Wie schade, dass Rhythm King auf Ihrer CD-Präsentations-Tour nicht in Wien Station gemacht haben!

Dominika Krejs

PJ Harvey
“White Chalk”
Island Records/Universal

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Sie kommt in einem weißen, langen Kleid mit Puffärmeln und einem Lockenhaufen an Haarpracht daher. Das Bild ist frontal von vorne aufgenommen. Sie ist schön, keine Frage, aber die Message bleibt unklar, denn die sich aufdrängende Assoziation ist koloniale Ästhetik und die ist in Zeiten postkolonialer Theorie nun mal nicht besonders sexy. Und das damit verbundene Bild einer zerbrechlichen, ätherischen Frau („Huch, ich falle in Ohnmacht!“ rief sie aus und legte ihren Handrücken quer über die Stirn) verdichtet sich beim hören der Songs. PJ Harvey lässt jegliches rauhbeinige Stampfen hinter sich und hebt ab in ungeahnte Tonhöhen. Andererseits schon auch wieder faszinierend, dass das möglich ist. Stücke wie aus einem Märchen hören wir, begleitet von Piano, Zither, Harfe und nur manches Mal hintergründig Gitarre. Das Album ist musikalisch eine ganz andere Entwicklung und lässt ganz neue Facetten der Musikerin zum Vorschein kommen. Einige Songs sind unheimlich dicht und brillant komponiert („When Under Ether“ oder „The Piano“) andere wirken wieder unfertig und bei manchen übertreibt PJ Harvey einfach das ganze mythologisch-zerbrechliche Getue („To Talk To You“) was schon wieder zum Schmunzeln ist.

dr dra

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AUS FIBER#11…

Client
“Heartland”
Out of Line

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Client A (Kate Holmes) und Client B (Sarah Blackwood) haben Nachwuchs bekommen: Client E. Emily Mann aka Emily Strange ist auf dem neuen Album „Heartland“ für die Bassgitarre zuständig. Und nicht nur das – auch die Bühnenpräsenz der hoch gewachsenen Dame sorgt für eine perfekte Ergänzung des optisch-akustischen Gesamtkunstwerks Client.
Ihre musikalischen Ursprünge verorten Client in den Achtzigerjahren: Dazu gehören Bands wie Human League, Depeche Mode, Einstürzende Neubauten, vor allem aber die durchgestylte Sound-Maschine Kraftwerk. Dass „retro“ durchaus gegenwartstauglich sein kann, stellen die Musikerinnen in Uniform auf ihrem aktuellen Album erneut unter Beweis.
Clients „Heartland“ kennt keine Gnade: Die erste Single-Auskopplung „Lights Go Out“ ist bereits in den Top Ten der deutschen Dancefloor-Charts zu finden. Der Titel „Drive“ überzeugt mit einem temporeichen Beat, der keine Alternative zum Tanzen bietet. Das atmosphärisch dichte Arrangement des Albums verführt durch satte, elektronische Melodien, die sich auf sprachlicher Ebene in erotisierenden Liedtexten entladen: „You look good on your knees. You know it’s time to please … You can look but you can’t touch.” Pleasure guaranteed.
Nur eines ist besser – Client live.

Christina Magdalinou

Feist
“The Reminder”
Polydor/Universal

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Groß war die Erwartungshaltung nach Leslie Feists wunderbarem Solo-Debut „Let It Die“ (2004), und diese wird durch das neueste Werk der Kanadierin nicht enttäuscht. Mit vertrauter Melancholie und ebenso stimmungshebendem Groove präsentieren sich die 13 Stücke, die so schön dahinfließen, dass die ganze CD locker auch einige Male hintereinander zu hören ist. Atmosphärisch vermittelt die Musik weiterhin das angenehm entspannte Feist-Feeling durch ihre einzigartige Stimme und teils zurückhaltendem Gitarren-Sound wie virtuos-orchestralen Instrumentierungen, während die Texte weiter weise machen. Die Liebe wird in dem mitreißend in die Selbsterkenntnis pushenden „I Feel It All“ in aller Fülle gefühlt und dabei entschieden kritisch analysiert: „I’ll bet he one who’ll break my heart“. Die Vogelgezwitscher-Idylle aus dem traurigen Song „The Park“ vermittelt glaubwürdig und unprätentiös eine Sehnsucht, die sich sogleich in Frage stellt: „Why would you think your boy could become The man who could make you sure he was the one?“. Was Feist so faszinierend macht und was auch mit „The Reminder“ abermals eindrücklich bewiesen wird, ist das kongeniale Arrangement von atmosphärisch dichter Musik und Texten, die von Gefühlen mit einer bedeutungsvollen Tiefe erzählen, die nicht peinlich ist, sondern irgendwie sehr wahr.
Nina Stastný

Gudrun Gut
„I Put A Record On”
Monika Enterprise/Hoanzl

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Bewegung ist ein zentrales Moment in der Musik und im Leben von Gudrun Gut. Musikalisch sozialisiert im Berliner Underground der 80er als Teil der Bands Malaria!, Mania D und Matador, findet sie sich nach der Wende in der Reduziertheit von harten Technobeats auf der Tanzfläche des Tresors wieder. Später hosted sie dort mit musikassoziierten FreundInnen unter dem Namen Ocean Club regelmäßig Abende, bringt eine „Members of the Ocean Club“-Platte raus und verlagert die Clubschiene zur Radiosendung mit Plattencharakter, die auch übers Netz zu belauschen ist. Mit „I Put A Record On“ veröffentlicht Gudrun Gut auf dem ihr eigenen Monika-Label, das in seinem Electronica-Pool so sympathische Acts wie Barbara Morgenstern, Milenasong oder Chica and the Folder versammelt, nun ihr erstes Soloalbum. Die Idee ist zu mischen, was auf anhieb nicht zusammengehören mag oder vielmehr, was nicht in erster Linie an Monika/Gut muten lässt: Tango, Boogie, Folk. Auf wunderbare Weise umgesetzt, bewegen sich die Stücke vor einem warmen Groove-Hintergrund zu Boogie Woogie-Samples („Girlboogie 6“), dubbigen Beats („Pleasuretrain“) und bekommen durch Guts dunkelflüsternden Sprechgesang einen persönlichen Zugang verliehen, der dieses gelungene Album doch wieder in den eigen geschaffenen, musikalischen Reihen verorten lässt.

Ulli Mayer

MIA
“Bittersüss”
Sub Static Records/Soulseduction

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MIA, Musikerin und Labelbetreiberin, kommt aus der Kölner Minimal-Techno-Szene und ist nunmehr in die magnetisierte Bundeshauptstadt Berlin übersiedelt. Sie hat sich als DJane auch in der internationalen Szene einen Namen gemacht und produziert seit mehreren Jahren zusätzlich eigene Musik. „Bittersüss“ ist ihr zweites Album, das im Gegensatz zum ersten komplett am Rechner entstanden ist. Die Songs verhalten sich vom Aufbau her wie eine Gauß´sche Normalverteilungskurve: zurückhaltender, mitunter kaum hörbarer Beginn, langsame Steigerung, schnalzend verdichteter Höhepunkt, Abbau und dezenter Ausklang. Dieses traditionsreiche Konzept birgt in solcher Regelmäßigkeit etwas Enttäuschung, hält das Album doch feine Sounds, dichte Komposition und vielschichtige Klangqualitäten bereit. Die Vocals allerdings scheinen wie Messages aus einer anderen Welt. Sie kommen an einem Ende herein, um dann wieder wie ein Echo zu verhallen. Das wirkt einigermaßen mythologisch und verkitscht. Insgesamt ist das Album nicht im engeren Sinne progressiv (siehe auch Cover), beweist aber durchaus klanglichen Stil. www.myspace.com/substaticmia

dr dra

Monotekktoni
„Love your neighbour? No, Thanks.”
Sinnbus/Alive/Hausmusik

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Monotekktoni, eine One-Woman-Show aus Berlin, laut Selbstbeschreibung „me, my syntheziser, 4 track, delay, vestax DJ Mixer, Overdrive, Babymegaphon“ (www.myspace.com/monotekktoni) veröffentlichte, nach einer Beteiligung an der zweiten Sampler-Reihe von „4 Women No Cry“ (Monika/Soulseduction), ihr nun drittes Album. Gleich von Beginn an breitet sich eine stimmungsvolle Geräuschwolke aus, die kratzt und hämmert, johlt und schreit. Tiefe Bässe, dröhnende Synthesizer, Drums und Megaphonstimme, in die sich jedoch immer wieder eine klare – fast poppige – Melodie mischt, die den Pegel aufhebt und die trotzdem nicht gegen sondern mit dem Wahnsinn arbeitet. Es rauscht und kracht und das Trommelfell beginnt zu vibrieren. Ja, das Album muss laut gehört werden. Und das ist gut so. Als Abwechslung und zur Entspannung gibt’s dann überraschend klavieresque Mittelstücke. Doch gleich geht’s weiter …
„Love your Neighbour? No, Thanks.“ ist auch textlich hörenswert. Klang und Melodie würden oft nicht den zu hörenden Text erwarten lassen, und so werfen die Lyrics noch eine weitere Ebene auf. Eine Ode an die Freiheit und ans selbstbestimmte Leben. Da kann ein Anti-Bush-Song (gibt’s denn keine anderen Feindbilder mehr?) auch verziehen werden.
Also: (sinnentstellt) Hands up! Und lasst euch von der civilisation nicht die sex magic killen!

Iris Borovcnik

Good enough for you
“Wer hat von meiner Installation gegessen?”
22. Jahrundert Fuchs/Soulseduction

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Nun liegt das erste gemeinsame Produkt der seit 2005 bestehenden Wiener Formation „Good enough for you“ – bestehend aus der umtriebigen Brüll-Schwester Karin und dem ebenso umtriebigen Bul Bul Gitaristen und Sänger „Raumschiff Engelmayr“ – in schön komprimierter (24:11 Min.) und liebevoll artgeworkter Form als Compactdisc vor. „“er hat von meiner Installation gegessen?“ nennt sich dieser witzig kuriose, mitunter etwas sperrige Sprach & Sound-Mix, bestehend aus sieben kompakten Nummern und einem Intro, einem obligatorischen discoesken Tanzhit („Blackseat of My Car“) inklusive. Dazwischen entfalten sich verschiedenste Klangteppiche, durchzogen von Maultrommeln, Klarinette, Electrobeats und Percussion, E-Gitarren und dem rhythmischen, fast hypnotischen Gesang („beam me up to you“) von Engelmayer/Brüll streckenweise unterstützt vom liebreizenden Sirenengesang der restlichen Schwestern Brüll. Und weil Produktivität den beiden AkteurInnen heilig scheint, wurde flugs ein eigenes Label gegründet, auf dem der Tonträger jetzt erschien. Ich muss gestehen, es dauerte ein bisschen, bis ich Gefallen an den einzelnen Songs finden konnte, etwas zu konstruiert, zu spekulativ drängten sie sich aufs Erste-Mal-Hören ins Ohr. Doch so nach und nach entfalten sie einen bestechenden Reiz, mitunter sogar eine eigenen Liebreiz und die wilden Gitarrenriffs auf „Sitting On The Dog Of My Babe“ schleichen sich über Umwege ins Herz, ebenso wie die Satan-Mantras übers Zuspätkommen.

Steph

Kristin Hersh
“Learn To Sing Like A Star”
4AD/Edel
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Der Titel des Albums ist definitiv keine Anweisung für Kristin Hersh selbst. Sie singt bereits wie ein Star. Freilich ist das, was frau unter einem Star versteht, Auslegungssache. Hershs Stimme breitet sich wie ein Teppich über Streicher, Klavier, Bass und Gitarrenriffs. Gänsehautfaktor vorprogrammiert. Ein bisschen verraucht, ein bisschen Punk, ein bisschen schrill und ein bisschen Country. Mag diese Mischung bei vielen Anderen schief gehen, hier funktioniert sie einwandfrei. Hersh versteht es Stimme und Instrumentalisierung gekonnt in Szene zu setzen. Weder ihre Stimme noch Streicher oder Bass übernehmen die Hauptrolle. Alle Ingredienzien der Songs haben „ihre Momente“. Gekonnt textet sie über Einsamkeit, Lethargie und Trauer ohne kitschig oder therapeutisch daherzukommen.
„… I left my heart on a frozen sidewalk kicked around and sliding on dirty ice“, singt Kristin Hersh in dem durchaus friedlichen Song „Vertigo“, um sich gleich zu fragen, ob das (dieser Schmerz des verlorenen Herzens) nicht eine verdammt lausige Droge ist, die eine/n nur schwindelig macht.
Musik für nachdenkliche Nachmittage, aber eindeutig nicht nur.

Ute Springer

Yoko Ono Yes
“I´m a Witch”
Astralwerks/Virgin

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Da wurde die Vocal-Ebene von siebzehn Songs von Yoko Ono ebenso vielen MusikerInnen in die Hand gedrückt mit der Bitte, damit etwas zu tun. Unter den Auserwählten sind Le Tigre, The Flaming Lips oder Antony von Antony and the Johnsons. Herausgekommen dabei ist das Album mit dem Titel, der an jene, vor einigen Jahren subversiven, mittlerweile nur mehr langweilenden T-Shirt-Aufschriften erinnert: Yes, I´m a Witch. Aber Yoko Ono ist cool. Sie ist wirklich cool. Sie darf das, denn dieser Spruch kommt aus einem anderen Kontext, ist politisch prall gefüllt. Sie performte schon Postfeminismus als die Frauenbewegung – ohne den Anspruch mindern zu wollen – noch lila Latzhosen tragend mit ihrem Büstenhalter beschäftigt war. Es wird hier auf Material aus den Siebzigern zurückgegriffen, das auch heute noch in Experimentalität und Schrägheit bestehen kann. Viele der remixenden KünstlerInnen haben sich auf die Songs eingelassen, haben sie verstärkt und ihnen noch mehr Wucht verliehen. Peaches pointiert „Kiss Kiss Kiss“ in Trotzigkeit und Unbeeindrucktheit, Cat Power begleitet Ono mit einem übertrieben kühlen Klavier bei „Revelations“ und The Apples in Stereo verbraten „Nobody Sees Me Like You Do“ zum ultimativen Schmachtfetzen. Wunderbar und sehr hörenswert.

dr dra

Mira Calix Eyes
“Set Against The Sun”
Warp Records/Soulseduction

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Nach Regen kommt Sonne

Mira Calix ist kein Fall von Psycho Electro oder durchgebrannten Vibratoren. Wer Mira Calix kennt, weiß, dass die Producerin, DJane und Singer-Songwriterin eigentlich Chantal Passamonte heißt und klare Soundstrukturen via Computer einspielt, indem sie sich unterschiedlicher Stile von Elektronik über Klassik bis Folk bedient, ohne beliebig zu wirken. Zugegeben, der Albumtitel „Eyes Set Against The Sun“ zeugt nicht gerade von Innovation, doch für die Elektronikmusikerin Mira Calix ist es die Farbe Gelb, die das Album zusammenhält. Dieser „Gelbe Sound“ wirkt wie ein saugendes Vakuum und eignet sich genial zur Soundanberaumung via Kopfhörer im urbanen Dschungellife. Kontraste und Konturen auf diesem Album bringen die Zeit dazu, sich zu dehnen, Bewegungen, die in Wirklichkeit voller Hektik sind, laufen unter dem Einfluss dieses Sounds zeitverzögert ab. Ist es prasselnder Regen und eine Mixtur aus elektronischem und akustischem Sound im Track „Because to Why“, so klingen in „Protean“ Walzerklänge an. In „The Way You Are When“ wird der Sound zu einem fahrenden Zug, zu einer Reise durch Genreüberblendungen, vokalen Backloops, zischenden Geräuschen und bekömmlichem Rülpsen. Als ob sie sich eine Geschichte oder einen Trickfilm ausdenkt, strukturiert Mira Calix den Sound. „One Line Behind“ ist schließlich ein Bekenntnis zum aufrichtigen Kitsch durch verzerrte Stimmspuren, Mädchenchöre und die Stille als Exzess.

Ursula Maria Probst

CocoRrosie
“The Adventures of Ghosthorse & Stillborn”
Touch and Go Records/Trost

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Wer einmal die Sehnsucht in den schrägen Sound-Landschaften von CocoRrosie gespürt hat, die/den wird sie kaum loslassen. Nach den Vorgängern „La Maison de Mon Rêve“ (2004) und „Noahs Ark“ (2005), verlockt auch das neueste Abenteuer, einerseits mit vertraut kauzigen Klängen, die direkt aus dem Unbewussten der beiden Schwestern zu tönen scheinen, überrascht aber auch mit neuen flotteren Sprachrhythmen. Immer eindringlicher verwebt sich die knarrig-quietschige Stimme von Bianca mit dem operndivahaften Sopran von Sierra und beide Tonspuren verschmelzen schließlich mit den bizarren Geräuschen aus Spieldosen, Fahrradklingeln und Elfenkichern („Bloody Twins“ und „Animals“). Es ist ein Geräuscheteppich auf dem Hexen tanzen und sich „Iraq“ mit „Crack“ reimt („Japan“) oder ein einsames Piano, wie von einem untergehenden Schiff klingend, versinkt, begleitet von den wogenden Klagen der Diva/ Sierra („Houses“). Trotz aller Verschrobenheit lässt sich diese Musik aber auch als Pop hören wie vor allem der bisweilen groovige Track „Rainbow Warriors“ und der Trip Hop-inspirierte Song „Promise“ beweisen. CocoRrosie bleiben ihrem selbst geschaffenen Kosmos jedenfalls treu und laden jedeN ein, die/der für die zauberhafte Poesie ihrer Musik und Texte empfänglich ist.

Nina Stastný

Spoenk
“Hard to mend”
Fettkakao

Spoenk. Das ist die Band, die ich immer falsch ausgesprochen habe. Immer war da eine, die mich korrigiert hat. Mit diesen Missverständnissen haben die Frauen jetzt aufgeräumt und gleich den Bandnamen in Lautschrift auf dem Cover verewigt. Bei den ersten Takten des ersten Songs muss ich an Patti Smith „von ganz früher“ denken, um dann gleich zu merken, dass frau das so gar nicht sagen kann, weil …. Na, ja weil Spunk eben Spunk sind. Mit fetzigen Gitarrenriffs und entschlossenen Drums erzeugen sie einen Sound, der so leicht nicht einordbar ist. Zwar zieht sich ein gewisser Beat durch alle Songs. Trotzdem gibt es viele leise Töne, die den Beat friedlicher werden lassen. In anderen Songs spürt frau die Energien und vielleicht auch Aggressionen, die mit Stimme und Instrumenten vermittelt werden. Wenn Claudia„ … this is not my life and I don´t want these memories to survive“ singt, dann muss das laut sein und ich habe das Gefühl, sie schreit mir aus der Seele, ohne dass sie pathetisch oder unreflektiert ist. Die Texte sind wunderbare Wortgebilde, die von den vielen zwischenmenschlichen Befindlichkeiten handeln, ohne dabei banal daherzukommen. Manchmal düster, aber nicht weniger wahr. Ein Album, das in jede gute CD-Sammlung gehört. Musik, die berührt und aufstachelt mit einem Schuss Punk und ganz viel Spoenk.

Ute Springer

Patti Smith
“Twelve”

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Ein reines Coveralbum ist immer eine gewagte Angelegenheit, sieht sich die Herausgeberin eines solchen ja oft mit dem Vorwurf eigenen kreativen Unvermögens konfrontiert. Aber Patti Smith ist eine Cover-Vollprofin mit einem untrüglichen Sinn dafür, welchen Songs sie die Ehre gibt.
Die Songauswahl auf „Twelve“ ist fast immer stimmig. „Are You Experienced“ und „Gimme Shelter“ (mein persönlicher Lieblingssong der Rolling Stones) scheinen nur darauf gewartet zu haben von Patti Smith veredelt zu werden – rocken beide wie Sau!! Bei „Everbody Wants to Rule The World“ weiß ich nicht so recht: Wenn man Patti Smith ist und aus dem Weltrepertoire der Rockmusik schöpfen kann– warum zur Hölle dann ein Tears for Fears Song??? Und dann auch noch so brav. Ich werde sehr, sehr müde – genauso übrigens wie bei„Within You – Without You“. Dem defintiv schwächsten Beatles Song aller Zeiten kann auch Patti Smith keinen Rock’n’ Roll einhauchen. „White Rabbit“ von Jefferson Airplane allerding ist so überzeugend, dass ich mir sofort ein Opium-Pfeifchen stopfen will. Bei „Boy in The Bubble“ macht Smith aus einem kotzlangweiligen Paul Simon-Song ein schön poliertes Stück Soft-Rock-County, Respekt! Ein echtes Highlight ist „Smells Like Teen Spirit“ – mit Banjo! Fazit: Sicher nicht ihre beste Platte und für die Patti Smith Anfängerin nur bedingt geeignet – erschließt sich doch hier nicht der Meisterin ganze Punk-Rock Grandezza. Für die treue Fanin allerdings sowieso ein Muss – man/frau kann sein Geld weit schlechter investieren!

Alexa Jirez

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