fiber #15: Vom Land des Cavaliere, der Clowns und Co.

Wenn wir einen Blick nach Süden wagen, ihn dorthin richten, wo es so richtig stinkt, den Stiefel auf der Landkarte genauer untersuchen, dann stoßen wir auf so manch gravierende Schieflagen, abgesehen von übel riechendem Müll und dem Morden der Mafia. Von der Stiefelrepublik grinst uns ein – zu jedwedem Schabernack aufgelegter – Ministerpräsident entgegen, welcher rotzige Popstar-Attitüden zur Hauptstrategie seiner medienwirksamen öffentlichen Auftritte gemacht hat. Gestreckte Mittelfinger gehören zum Repertoire seines Medienspektakels genauso wie Diffamierung von Linkswähler_innen, die er als Arschlöcher bezeichnet, sowie das Prahlen mit seinem besten Stück. Trotz oder gerade wegen seiner verbalen Fehlgriffe hat es der Cavaliere weit gebracht. In jungen Studienjahren verdiente er seine Brötchen als singender Pianist auf Kreuzfahrtschiffen, wechselte dann in die Branche des Bauwesens und versuchte es letztlich mit der Politik, welche ihn offenherzig aufnahm und ihn dreimal mit dem Amt des Ministerpräsidenten auszeichnete. So zumindest die mediale Darstellung seiner steilen Karriere (1). Aber damit nicht genug! Musik, Medien und Millionen, Fußball, Fernsehen und Frauen*, davon kann er einiges erzählen. Printmedien und Privatsender, der AC Milan und besonders Frauen* sind in seinen Händen gut aufgehoben. Er ist der omnipräsente „papá“. Die Italiener_innen liegen dem Capo dello Stato zu Füßen, wenn er mit Inbrunst selbst gedichtete napoletanische Liebeslieder vorsingt. Dass der Cavaliere das mittlere Alter schon längst überschritten hat, stört weniger: Diäten, Lifting und Haarimplantate schaffen Abhilfe und garantieren ein jugendliches und strahlendes Aussehen. Denn ja, auch der italienische Ministerpräsident gehört zu den modernen emanzipierten Männern*, welche sich einen vermeintlich weiblichen Habitus aneignen und sich um ihr Äußeres kümmern. Die Inszenierung seines erneuerbaren Körpers wird zur Strategie einer Politikvermittlung, bei der es nicht länger um Inhalte geht, sondern um die Darbietung eines vermutlichen authentischen Privatlebens und einer Politik-Persönlichkeit durch die Massenmedien. Der politische Erfolg wird in den Körper eingeschrieben (2). Seine Physis und sein Geist haben eine schon übermenschliche Widerstandskraft bewiesen. Er ist „genetisch außergewöhnlich“ und „technisch nahezu unsterblich“ schwärmt sein Leibarzt Umberto Scapagnini (3). Die Apotheose des politischen Machthabers erinnert an diktatorische Zeiten der italienischen Vergangenheit, welche noch heute nachhallt. Der Personenkult um den faschistischen Despoten ist nach fast hundert Jahren noch nicht abgeklungen. Denn seine Anziehungskraft ist noch so groß, dass im Wallfahrtsort Predappio der Devotionalienverkauf Hochkonjunktur hat.

Aufregende Zeiten?
Politisch tut sich immer was im Land der „Spaghetti“: Parteien werden gegründet, umbenannt, abgespalten und wiedervereint, so wie sich erst kürzlich die zwei rechten Parteien von Fini und Berlusconi zusammenschlossen. Es wird gearbeitet. Sicherheitspolitische Maßnahmen will die Regierung in Italien sehr streng umsetzen. Roma-Kindern sollen die Fingerabdrücke abgenommen werden, um die Identifikation der zukünftigen Straftäter_innen erheblich zu erleichtern, da auf die Datenbank der Schwerverbrecher_innen in spe zurückgegriffen werden kann. Um das Justizsystem von seiner erdrückenden Altlast der Arbeit zu befreien, will die italienische Regierung die Immunität von Abgeordneten gewährleisten und hat deshalb Strafverfahren für ein Jahr ausgesetzt. Damit kann die Politik ungehindert ihre Arbeit verrichten, ohne durch lästige Verfahren aufgehalten zu werden. Denn neben zahlreichen Anzeigen gegen den Ministerpräsidenten und etliche Mitstreiter_innen, verhält sich auch eine Schmiergeld-Klage leider nicht wie Öl im Getriebe der Macht. Die neu vereinigte rechte Sammelpartei „Volk der Freiheit“ (Popolo della Libertá) kombiniert Rassismus und Sexismus unter den männerbündischen Mechanismen der italienischen Politik. Die neuen alten Methoden dieser Politik mit dem neuen alten Leader, liefern einfache und radikale Lösungen für multikausale Phänomene: Abschiebung und strenge Einwanderungsgesetze gegen die Immigrationswelle auf Lampedusa, denn ein multiethnisches Italien sei einfach unerwünscht. Das Zusammenleben verschiedener Ethnien sei unerträglich, so dass bestimmte Abgeordnete schon über ethnisch und geschlechtlich getrennte öffentliche Verkehrsmittel nachdenken (4). Ja, die italienischen Politiker_innen wissen was sie tun, sie packen die Probleme an der Wurzel. Politik kann ja so einfach sein. Warum nicht? Aber angesichts der in der letzten Zeit auftretenden sexuellen Übergriffe auf Frauen*, ist Berlusconi sichtlich überfordert, denn wie soll er die Sicherheit von Italienerinnen gewährleisten, wenn sie doch so schön und anmutend sind. Vorgeschlagene Lösung und einfache Formel: für jede Frau* ein starker Soldat! Man_frau braucht nur den Fernsehapparat einzuschalten und die Wucht der Schönheit von Frauen* schlägt einem entgegen, wenn die Veline (5) halbnackt durch das Bild huschen um älteren männlichen Moderatoren bei ihren Sendungen behilflich zu sein.

Düstere Zeiten
Doch es gibt noch Hoffnung im Land der „schönen Frauen*“, denn es gibt Politikerinnen, die für die Frauen*rechte kämpfen. Die prominentesten Vertreterinnen sind Alessandra Mussolini, die Enkelin von Benito Mussolini, und Mara Carfagna, ein ehemaliges Pin-up Girl. Sie zeigen sich wahrlich heldinnenhaft bei der Vertretung der Anliegen der Frauen* in der männerdominierten Politikwelt. Gleichstellungspolitik der italienischen Art meint, Frauen*quoten zu ignorieren, da es offensichtlichst keine Frau* nötig hätte durch die Quote eine Besserstellung zu erreichen, frau nehme sich nur ein Beispiel an der Frauen*ministerin Carfagna und folge ihrem Weg. Sie hat die Gunst der Mächtigen durch einen Heiratsantrag vom Staatschef errungen. Der Prostitution wird eine klare Absage erteilt, Carfagna will Sexarbeiter_innen und Freier in die Gefängnisse stecken, sie wirft den Prostituierten den Ausverkauf ihres Körpers vor. Wieder eine einfache Lösung: Illegalisierung der Prostitution! Warum nicht? Gleichstellungspolitik für Homosexuelle? Nicht nötig, Homosexuelle wären in Italien ohnehin nicht benachteiligt, demnach gibt es auch nichts zu tun. Alessandra Mussolini ist wiederum sehr froh, keine „Schwuchtel*“ zu sein, viel lieber sei sie stolze Faschistin. Auf Berlusconis Vorschlag, einen starken Soldaten für jede Frau* als Schutz einzusetzen, antwortet sie: Zwangssterilisierung für die hässlichen Männer*! Warum nicht? Die zwei Damen müssen sich immer wieder mit dem Vorwurf der Inkompetenz auseinandersetzen, weil sie von den männlichen Kollegen nicht ernst genommen werden. Die Last ihrer Schönheit wird ihnen zum Vorwurf gemacht, das Leiden selbstbewusster und sogar erfolgreicher Frauen* im globalisierten Male-stream scheinen sie geradezu optimal zu verkörpern. Das gleiche Schicksal erleiden die sehr jungen Kandidatinnen der Berlusconi-Partei, welche für die Europawahl aufgestellt wurden. Sie seien „Luder im Dienste der Macht“, wettert die eifersüchtige (Ex-)Ehefrau von Berlusconi. Paolo Guzzanti, ein italienischer Journalist, kritisiert die italienische Politik, in der die sexuelle Gunst und nicht die Kompetenz den politischen Erfolg garantiert. Die Kreativität und der Erfindungsgeist der italienischen Politik sprengt jeden demokratischen Rahmen und bringt ein völlig neues politisches System hervor: die „Nuttokratie“ (6). Und die Postdemokratie ist wohl auch bald erreicht.

Elisabeth Falkensteiner

Referenzen:
(1) Schüssler, Susanne (Hg.): Berlusconis Italien – Italien gegen Berlusconi. Mit einem einführenden Text und einer Chronik von Friederike Hausmann. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2003
(2) Diehl, Paula: Körper, Soap Operas und Politik. Die Körperinszenierungen von Fernando Collor de Mello und Berlusconi. In: Haas, Birgit (Hg): Macht: Performativität, Performanz und Polittheater seit 1990: Würzburg: Königshausen & Neumann 2005
(3) www.spiegel.de/wissen/dokument//72/27/dokument.html
(4) Mumelter, Gerhard: Rosenkrieg im Hause Berlusconi. Im Standard vom 04.05.2009, S.2
(5) Veline sind schlanke und hochgewachsene Show-Girls, die den Rahmen für jegliche Fernsehshow bilden.
(6) O.V. Nuttokratie. Im Standard vom 04.05.09, S.2

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