fiber #18: „Frl. Müller v. hinten weil ich sie v. vorn nicht treffen kann.“ Aneignungspraktiken von Frauen in Psychiatrien um 1900

„people have to construct their lives and their sense of self from whatever means and in whatever conditions are available.“ Nick Couldry (1)

In einem der zahlreichen Schreibhefte von Maria Puth, die sie 1919 als Patientin der privaten Kuranstalt Obersendling bei München gestaltete und die heute in der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg – einer ehemaligen Lehrsammlung der Psychiatrischen Universitätsklinik – aufbewahrt werden, findet sich eine auf den ersten Blick unscheinbare Skizze mit folgender Bildunterschrift: „Frl. Müller v. hinten weil ich sie v. vorn nicht treffen kann.“ (2) Zu sehen ist ein mit wenigen Bleistiftstrichen skizzierter Hinterkopf mit einem Haarknoten. Da Maria Puth das „Fräulein Müller“ – möglicherweise eine Pflegerin der Kuranstalt – so selten von vorne zu Gesicht bekam, porträtierte sie dieselbe eben von hinten. Ganz im Sinne der Certeau’schen Taktik, die „nur den Ort des Anderen“ hat und „mit dem Terrain fertigwerden [muß], das ihr vorgegeben wird, wie es das Gesetz einer fremden Gewalt organisiert“ (3), musste auch Maria Puth ihre Handlungsmöglichkeiten auf die Gegebenheiten der Anstalt abstimmen. Ausgehend von dieser Skizze werde ich im Folgenden anhand ausgewählter Beispiele Einblick in verschiedene Formen von Aneignungspraktiken von Frauen geben, die um 1900 in psychiatrischen Anstalten untergebracht waren: Praktiken, in denen sich das Bedürfnis oder die Notwendigkeit der Frauen manifestierte, sich etwas an diesem fremden und unvertrauten Ort, den die Psychiatrie als Institution für viele ihrer InsassInnen darstellte, zu Eigen zu machen, etwas am „Ort des Anderen“, wie Psychiatrien mit Certeau beschrieben werden können, sein Eigen zu nennen.

Katharina Detzel: Materialität als Evidenz

„Vor 6 Tagen hat Frau Detzel aus Segeltuch und Seegras eine lebensgroße Puppe gemacht und diese an das vor die Lampe angebrachte Drahtgitter gehängt. Nachts seien Kerle in ihrer Zelle gewesen, die hätten die Sache gemacht und kämen bald wieder, um dann sie (Patientin) aufzuhängen. Deshalb wäre es am besten, sie hänge sich selbst. Wolle man sie vor sich selbst schützen, dann müsse man sie in den Wachsaal legen.“ (4)
Dieser Eintrag findet sich 1914 in der Krankenakte von Katharina Detzel, die gemeinsam mit der beschriebenen Stofffigur von den Ärzten der Anstalt Klingenmünster fotografiert wurde. 1907 wurde Detzel u.a. wegen „Abtreibung der Leibesfrucht“, und „Eisenbahntransportgefährdung“ (5) inhaftiert und anschließend in die Anstalt eingewiesen. Mit entschlossenem Gesichtsausdruck hält Katharina Detzel die männliche Figur den BetrachterInnen des Fotos entgegen. Die näheren Umstände, wie es zu diesem Foto kam und wer es aus welchen Gründen anfertigte, sind nicht bekannt. Aus den Einträgen in Detzels Krankenakte lässt sich schließen, dass diese zu Beginn des Jahres 1914 über einen längeren Zeitraum von ihren Mitpatientinnen in einer Einzelzelle isoliert wurde – eine zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach wie vor übliche Praxis. Als die Pflegerinnen am 20. April 1914 Detzels Zellentüre öffneten, fanden sie neben der Patientin eine vom Drahtgitter baumelnde lebensgroße männliche Figur, die – wie am Foto zu erkennen ist – mit Brille, Penis und Bart ausgestattet eine gewisse Autorität ausstrahlte, erinnert sie doch an den Idealtypus eines Wissenschaftlers oder Arztes jener Zeit. Detzel gestaltete diese Figur einzig und allein aus den Materialien, die sie in der Zelle vorfand und die sie – wie auch viele andere Einträge in ihrer Krankenakte deutlich machen – sehr geschickt für ihre Zwecke zu verwenden und sich anzueignen wusste. Mit Hilfe dieser Figur versuchte Detzel, aus der Zelle entlassen zu werden. Sie erklärte den Ärzten – mit Verweis auf die in ihrer Zelle erhängte Gestalt –, dass es ihr bald wie dieser Puppe gehen werde: Sollte sie weiterhin isoliert bleiben, dann würde auch sie bald leblos in der Zelle hängen. Der Gegenstand, den sie über Nacht fertigte, sollte die Wirkmächtigkeit ihrer Androhung verstärken, sollte ihre Bedenken und Ängste anschaulich machen. Sie äußerte nicht nur eine Vermutung – sondern sie lieferte, so gut sie mit den vorhandenen Mitteln konnte, einen Beweis, der in der Materialität des Objekts gründete und mit dem sie ihre Forderung nach einer Unterbringung im gemeinschaftlichen Wachsaal durchzusetzen hoffte. Allerdings blieb Detzels Intervention erfolglos: Die Ärzte gingen auf ihre Androhung nicht ein, entfernten aber – als Konsequenz ihrer nächtlichen Tätigkeit – fast sämtliche Gegenstände aus der Zelle: „Matratze, Segeltuch, Kleider (auch Hemd) wurde Patientin genommen, sie hat nur noch Häcksel in der Zelle.“ (6)

Eva Bouterwek: Personifizierung eines Objekts

Die Personifizierung von Objekten war im Anstaltsalltag häufig anzutreffen. Katharina Detzels Fotografie der Puppe ist nicht das einzige Dokument, das Zeugnis davon ablegt, auf welche Art und Weise die Patientinnen die „toten“ Materialien ihrer Umgebung „zum Leben“ erweckten, diese personifizierten und sich diese als GefährtIn zur Seite stellten – oft mit der Intention, fernab von Freunden und Familie, fernab der einstmals vertrauten Räume und Dinge Verbündete für sich zu gewinnen. In der Krankenakte von Eva Bouterwek wurde im November 1904 vermerkt – leider ohne fotografisch dokumentiert zu sein – , dass sie einen Monat nach ihrer Aufnahme in die erste Klasse der Heil- und Pflegeanstalt Ueckermünde, „ihren Schirm mit allerhand Zeichen bekritzelte und ihn dann als ihren Gatten vorstellte“ (7). Diese Form der Aneignung und „Personifizierung“ eines Objekts erfährt eine zusätzliche Bedeutung, da Eva Bouterwek unverheiratet war, als sie als 29-jährige Frau in die Anstalt eingewiesen wurde – in den Augen vieler Ärzte konnte dies bereits mit ein Grund für den Ausbruch einer Nerven- oder so genannten „Geisteskrankheit“ sein. Der österreichische Psychiater Richard Krafft-Ebing formulierte 1885, dass „das Mädchen, welches nicht zur Ehe gelangt, […] den Beruf verfehlt [hat]. Es wird zur alten Jungfer. Das führt bewusst oder unbewusst zu Verstimmungen und einem ganzen Heer von Nervenkrankheiten.“ (8) Bei ihrer Aufnahme erzählte Eva Bouterwek den Ärzten, dass sie sich manchmal nach einer „richtigen Ehe“ sehne: „[I]ch bin ja schon 29 Jahre, ich habe manchmal Sehnsucht nach einer richtigen Ehe, ich habe gedacht, es wäre ein richtiges Glück für mich.“ (9) Angesichts ihrer momentanen Lage und der damit verbundenen Aussichtslosigkeit auf eine baldige Ehe, schuf sich die 29-jährige Frau nun in der Anstalt aus einem ihr zur Verfügung stehenden Objekt einen Ehemann – wohl weniger nach ihren Vorstellungen, als viel mehr nach den in der Anstalt gegebenen Möglichkeiten. Doch es steht zu vermuten, dass Eva Bouterwek nicht ein beliebiges Objekt zu ihrem „Ehemann“ wählte: Ihre Wahl fiel auf einen Schirm, der seine Funktion und seinen Zweck bekanntermaßen darin hat, seinen Besitzer bzw. seine Besitzerin zu begleiten und ihm bzw. ihr Schutz zu gewähren.

Auguste Opel: Ein Raum im Raum

Ein wiederkehrendes Motiv in den Zeichnungen, Texten und Briefen der Patientinnen war der Raum: der erinnerte, der erlebte, der imaginierte Raum. Die Gegebenheiten in psychiatrischen Anstalten – die Unterbringung mit fremden Menschen auf engstem Raum, der Mangel an Rückzugsmöglichkeiten und Ruhe, die permanente Überwachung durch PflegerInnen – hatten verschiedenste Formen der Raumaneignung zur Folge, in denen sich der Wunsch der Anstaltsinsassinnen nach Abgrenzung und Rückzug, aber auch die Sehnsucht nach einem „Territorium des Selbst“ (10) oder einem proxemischen Ort (11), der sich mit Roland Barthes als Ort der Selbstidentifikation beschreiben lässt, manifestieren konnte. Dem Bett kam in dieser Hinsicht ein zentraler Stellenwert zu, da ein Großteil der Frauen im Zuge der um 1900 in psychiatrischen Anstalten zunehmend populärer werdenden Bettbehandlung ihre Zeit im Bett verbringen musste. Die Bettdecke wurde dabei von vielen Patientinnen benutzt, um einen Raum im Raum zu bilden, der von außen nicht eingesehen und der jederzeit hergestellt werden konnte. Dieser durch das Liegen unter der Bettdecke kreierte Raum bot den Frauen eine räumliche Abgrenzung und Rückzugsmöglichkeit. Auguste Opel, so notierten die Ärzte in ihrer Krankenakte, soll „tage und wochenlang […] unter der Decke gelegen“ (12) haben. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit ging sie dort ihren Alltagsgewohnheiten nach: Sie aß unter der Decke und verrichtete dort auch Handarbeiten. Wollte man ihr die Bettdecke wegziehen, reagierte sie aggressiv. Lag sie unter der Bettdecke, so kommunizierte sie den Mitpatientinnen, den Pflegerinnen und Ärzten, dass sie „nicht gestört sein [will]“ (13) – einer Geste, der sich viele Anstaltsinsassinnen bemächtigten.

Agnes Richter: Erinnerung als Selbstvergewisserung

In den 1920er Jahren fand ein Jäckchen den Weg in die Sammlung Prinzhorn, das von den Ärzten mit folgenden Worten, notiert auf einer beigelegten Karte, kommentiert wurde: „Agnes Richter. Dem[entia] Prae[cox]. Nähte in alle Wäsche und Kleidungsstücke Erinnerungen aus ihrem Leben.“ (14) Das Jäckchen gehörte der Näherin Agnes Richter, die es während ihrer Unterbringung in der Heil- und Pflegeanstalt Hubertusburg mit zahlreichen biografischen Informationen bestickte. Genäht wurde es aus grauem Anstaltsleinen, wie es zu dieser Zeit für die uniforme Anstaltskleidung der PatientInnen verwendet wurde. Heute können nur mehr einzelne Wortgruppen des von Richter gestickten Erinnerungstextes entziffert werden, wie beispielsweise „meine Jacke“, „meine Strümpfe“, „ich bin“, „ich hatte“, „ich nicht“. Mit Textteilen wie „benachrichtigt mich“, „dich“ oder „du mußt nicht“ scheint sich Agnes Richter an einen Adressaten, möglicherweise – im Sinne eines inneren Dialogs – auch an sich selbst zu wenden, ist doch der Großteil der Schrift nur auf der Innenseite des Jäckchens lesbar und damit dem Körper der Trägerin ganz nahe: „mehr zur Selbstvergewisserung als zur Demonstration“ (15), merkte die Kunsthistorikerin Viola Michely bezogen auf das Jäckchen an.

Zum Schluss

Die Gegebenheiten des Anstaltsalltags – das Abgeben persönlicher Wertgegenstände und Kleidungsstücke, der Mangel an Privatsphäre, das Getrennt-Sein von FreundInnen und Familien – führten auf Seiten der Patientinnen zu spezifischen Formen der Aneignung. Anhand derer suchten sie sich ihrer selbst zu vergewissern, Kommunikation zu initiieren und ihren Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen. Die ihnen vertrauten Praktiken sowie das diesen implizite Wissen aktualisierten die Frauen in der Anstalt und passten es den vorhandenen Möglichkeiten – respektive den vorhandenen Materialien – an. Krankenakten und Selbstzeugnisse der Patientinnen zeigen dabei eindrücklich, auf welche Art und Weise diese auf die entmächtigenden Verhältnisse psychiatrischer Anstalten mit einer Vielfalt an selbstermächtigenden Praktiken reagierten.

Monika Ankele

Zum Weiterlesen:
Monika Ankele: Alltag und Aneignung in Psychiatrien um 1900. Selbstzeugnisse
von Frauen aus der Sammlung Prinzhorn. Wien/Köln/Weimar: Böhlau 2009.

Referenzen:
(1)    Couldry, Nick: InsideCulture.Re-Imagining the Method of CulturalStudies. London 2000, S.54.
(2)    Puth, Maria: Sammlung Prinzhorn, Inv.-Nr. 2510.
(3)    Certeau, Michel de: Kunst des Handelns. (frz. Orig. 1981) Berlin: Merve 1988, S.89.
(4)    Detzel, Katharina: Krankenakte der Kreisirrenanstalt Klingenmünster, Original in der Pfalzklinik Landeck Nr. 2554,  Kopie in der Sammlung Prinzhorn, Eintrag vom 20.4.1914..
(5)    Vgl. Detzel: Krankenakte
(6)    Ebda., Eintrag vom 20.4.1914.
(7)    Bouterwek,  Eva: Krankenakte der Provinzial Anstalt bei Ueckermünde, Original im Christopherus Krankenhaus, Fachkrankenhaus für Neurologie und Psychiatrie Ueckermünde Nr. 2183, Original in der Sammlung Prinzhorn, Eintrag vom 11.11.1904.
(8)    Krafft-Ebing, Richard: Über gesunde und kranke Nerven. Tübingen 1885. S.44.
(9)    Bouterwek, Krankenakte: Aufnahmegespräch in der Anstalt Ueckermünde im Oktober 1904.
(10)    Goffman, Erving (1971): Das Individuum im öffentlichen Austausch. Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1982, S.54–96.
(11)    Barthes, Roland (2002): Wie zusammen leben. Simulationen einiger alltäglicher Räume im Roman. Vorlesung am Collège de France 1976-1977. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007, S.187.
(12)    Opel, Auguste: Krankenakte der Königlich Sächsischen Landes-Anstalt Dösen, Original im Bundesarchiv Berlin, Sig. R179/9265: Eintrag vom 23.3.1919.
(13)    Ebda. (Krankenakte Untergöltzsch), Eintrag vom 24. 10. 1923.
(14)    Agnes Richter, Jäckchen, Sammlung Prinzhorn. Inv. Nr. 743.
(15)    Michely, Viola: Agnes Richter. In: Brand-Claussen, Bettina/Michely, Viola (Hg.): Irre ist weiblich. Künstlerische Interventionen von Frauen in der Psychiatrie um 1900. Heidelberg: Wunderhorn 2004, S.146.

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