Bücher
AUS FIBER#13…
Grzinic, Marina und Rosa Reitsamer
“New Feminism. Worlds of Feminism, Queer and Networking Conditions”
Löcker
Der Sammelband „New Feminism. Worlds of Feminism, Queer and Networking Conditions”, herausgegeben von Marina Grzinic und Rosa Reitsamer, muss ein Mammutprojekt gewesen sein. Zwei Jahre arbeiteten die Herausgeberinnen an dem Buchprojekt, das 41 Beiträge und vielfältige Formen der Auseinandersetzung um Geschichte und Gegenwart von Feminismus enthält. Hervorhebenswert ist die Bandbreite der Backgrounds der Autor_innen, die die unterschiedlichen politischen, aktivistischen und theoretischen Kontexte widerspiegeln, in denen sich Feminist_innen heute weltweit bewegen. Ein wichtiges Anliegen des Bandes ist, die Auswirkungen von Prekarisierung und Migration unter den Bedingungen eines globalen Kapitalismus in feministische Auseinandersetzungen hineinzutragen und damit Themen und Agenden feministischer wie queerer Bewegungen zu erweitern. Der Sammelband kann also als ein neuer Versuch gesehen werden, mit der Genealogie eines weißen, „westlichen“ Feminismus zu brechen. Erreicht werden könne dies – so die Herausgeberinnen – allerdings nicht über das bloße Hinzufügen „unbekannter” Geschichten, sondern nur über das kritische Befragen des Vokabulars und der Produktion von Bedeutungen im Feminismus. Warum diese Auseinandersetzungen allerdings unter dem Label „New Feminism” geführt werden müssen, blieb für mich unklar, wird doch durch die Verwendung des Begriffs Feminismus im Singular eine Kontinuität feministischer Bewegungen suggeriert, die nicht haltbar ist. Trotzdem: reinlesen lohnt sich!
Elisa Heinrich
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Müller, Gini
“Possen des Performativen. Theater, Aktionismus und queere Politiken”
Turia+Kant
Ich bin erschöpft – habe ein Rauschen im Ohr und ein leichtes Flimmern vorm Auge. Woran das liegen mag, fragst du, liebe_r Leser_in, dich? Ich habe mir gerade Gini Müllers neues Buch in einem schieren Akt brutaler Gewalt auf einen Sitz, quasi „auf ex“, einverleibt. Und, wie bei fast allem im Leben, liegen auch hier die Gründe dafür irgendwo in der Grauzone zwischen Pflicht und Kür. Pflicht: Ich bin in England, das Buch hat mich spät erreicht, Deadlines wollen jedoch eingehalten werden. Also: lesen, lesen, lesen! Doch dann auch Kür: die wilde Lust am Text – denn, Müllers munterer Wandertag durch so ziemlich alle gegenwärtigen Spielformen performativen und aktionistischen Widerstandes lädt ein zum Mitlaufen. Zeit zum Schlendern, gemütlich Umsehen und vielleicht mal ein Jausenbrot Verdrücken, bleibt hier allerdings nicht. Das Tagesprogramm ist dicht. Vor dem Losmarschieren gilt es die (Hirn)Muskeln aufzuwärmen … philosophisch: Die theoretische Unterfütterung setzt auf post-Spinozistische/Deleuzesche Pluralitätskonzepte wie das der „Multitude“ (Hardt/Negri), auf Foucault (Gouvernementalität) und Butler (Performanz).
Danach wird marschiert, quer durchs Feld der Praxen performativen Widerstandes: Globalisierungskritische Bewegungen (Zapatistas, Tute Bianche, G8-Aktionismus), Widerstand im öffentlichen Raum (Sans-Papiers, Kanak Attack, Reclaim the Streets), Zusammenführung von queerer Politik und linkspolitischem Aktionismus (Stichwort: Pink Block, Tactical Frivolity, Riot Grrrls, Transgender-Aktivismus).
Ein wilder Wandertag, eine bunte Parade durch die Possen des Performativen. Aber dennoch, es insistiert die Frage, ob es im Widerstand nicht vielleicht doch etwas Anderes als die Multitude, die karnevaleske Zersplitterung braucht. Möchte der linke Aktionismus für das „theatrum gouvernemental“ wirklich das sein, was der Karneval für den Staat ist – ein dem System inhärenter Exzess, ein punktuelles „acting out“, das letztlich genau dem dient, gegen das es anrennt … nämlich der Festigung bestehender Machtverhältnisse?
Andrea Wald
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Roche, Charlotte
“Feuchtgebiete”
Dumont
Wenn Helen Memel zum Vertreib ihrer langweiligen Einsamkeit einen mp3-Player als zusätzliches Spielzeug hätte – wie würde wohl ihre Audiothek aussehen? Feministisch spuckende Punkrocktöne à la Peaches? Helen, 18 Jahre jung, Protagonistin in Roches Debütroman, sucht einen Umgang mit ihrem Körper und ihrer Sexualität abseits lavendelduftender Sauberkeitskulte und venus-vibrance-geglätteten Schönheitspratiken. Sie ist bekennendes Muschihygieneselbstexperiment, Körperausscheidungsrecyclerin, macht sich’s gern mit Duschköpfen oder widmet sich dem Heranzüchten von Avocadokernen zu Biodildos. Aber dann ist da noch dieselbe Helen, die die Storyline des Romans vorgibt: sich verlassen fühlendes Scheidungskind, das sich durch seinen in die Länge gezwungenen Aufenthalt im Krankenhaus ein familienidyllisches Zusammenkommen ihrer Eltern herbeisehnt und sich in den Krankenpfleger Robin verliebt. Also vielleicht doch mehr die balladesque Mariah Carey-Playlist?
Charlotte Roche sucht in ihrer rebellierenden Monologführerin eine lockere Sprache für „das Unaussprechliche“ – von Techniken der Selbstbefriedigung, den Optimierungszwängen denen der weibliche Körper unterworfen ist oder etwa dessen rituelles Verhältnis zu Hygiene. Mögen diese detailverliebten Schilderungen in Teilen des Buches gelungen sein und zu angeregtem Weiterblättern verleiten, verlieren die sich wiederholenden Erzählungen am Ende an sprachlicher Eloquenz und leiden ein wenig unter der ambivalent verschwommenen Charakterisierung der Hauptdarstellerin.
Ulli Mayer
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Feministisches Kollektiv (Hg_innen)
“Street Harassment. Machtprozesse und Raumproduktion”
Mandelbaumverlag
Diesem Buch ist ein Prozess vorausgegangen, der über Film- und Diskussionsabende sowie der Veranstaltung einer Konferenz in Wien, schließlich zu diesem Sammelband geführt hat. Die treibende Karft des Projekts war die Auseinandersetzung mit dem Begriff „Street Harassment“ im deutschen Sprachraum und den sich daraus ergebenden neuen Strategien. Die Beiträge liefern unterschiedliche Ansätze der Beschreibung: öffentliche Gewalt; Belästigung und (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Raum; diskriminierende Äußerungen; „Teil des Heteronorm-Polizeiapparates“.
Kurz einige Artikel herausgegriffen: Brigitte Deutschländer-Bauer analysiert den Machtbegriff entlang drei verschiedener Positionen im Verhältnis zu Gewalt. Ruth Becker sieht die Entwicklung vom öffentlichen Gewaltraum, der von männlicher Gewalt produziert wird, zum „Angstraum“ der Frauen. Persson Perry Baumgartinger beschreibt aus einer trans*queeren Perspektive heraus, wie Street Harassment die heteronormative Ordnung aufrechterhält und sie reproduziert.
Die Herausgeber_innen richteten zudem eine Homepage (www.nostreetharassment.com) ein, die die Möglichkeit bieten soll, die Sprachlosigkeit der Opferrolle zu überwinden und gemeinsam neue Handlungsmöglichkeiten zu finden. In diesem Sinne: „Seid furchtbar und wehret euch!“ (aus dem „Feministischen Manifest“ erstellt von den Herausgeber_innen und Aktivist_innen).
Petra Schrenzer
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Braidt, Andrea
“Film-Genus. Gender und Genre in der Filmwahrnehmung”
Schüren
AUS FIBER#12…
Sonja Eismann (Hg_in)
“Hot Topic - Popfeminismus heute”
Ventil
An die vierzig Autorinnen haben Texte und Perspektiven zum heißen Thema Popfeminismus beigetragen und gehen anhand von Schwerpunkten wie Sexualität/Identität, Körper/Bilder, Medien/Arbeit, Do It Yourself & Aktivismus, Feminismus/Alltag und Musik/Repräsentation den feministischen Spuren im popkulturell durchdrungenen Lebensalltag nach. You did it! – möchte ich hier jubelnd ausrufen, denn diese Kompilation verknüpft selbst komplexe Identitätstheorien wie die Judith Butlers gekonnt mit Lebenspraxis, zeigt einerseits die individuell vielfältigen feministischen und queeren Erfahrungsdimensionen und andererseits deren strukturelle Verfasstheiten bzw. Potentiale diese aufzubrechen. Der popkulturelle Bezug ist dabei mal mehr mal weniger im Zentrum. Aber auch wenn nicht direkt thematisch adressiert wird beim Lesen und Blättern schnell klar, dass dieser Bezug sich vor allem in den Lebensrealitäten äußert. Sei es die schaurige, jedoch vielen allzu vertraute Realität der sexuellen Aufklärung durch Bravo oder das Sprengen von Schönheitsdiktaten durch die Absage an Kleidernormen: „Fuck seizes!“ oder die Anregung Abtreibung als Widerstand gegen heterosexuelle Normen der Arbeitsteilung stärker auch in eine queere Diskussion zu integrieren. Umrahmt sind die spannenden Texte mit ironisch-witzigen wie kritischen Illustrationen und Comics. Consciousness-raising at its best!
Nina Stastný
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Judith Butler/ Gayatri Chakravorty Spivak
“Sprache, Politik, Zugehörigkeit”
diaphane
Sprache, Politik, Zugehörigkeit ist die Niederschrift eines öffentlichen Gedankenaustausches (leider erfahren wir nicht wo, wann und vor welchem Publikum dieser stattgefunden hat) zwischen Judith Butler und Gayatri Chakravorty Spivak.
Ausgangspunkt des Diskurswerfens ist die Frage nach den globalen Staaten (states – gemeint sind beide Bedeutungen des Wortes: Staat wie auch Zustand) und den Orten der Macht, die jene darstellen. Ist der Staat dasjenige, was bindet, dasjenige, was Zugehörigkeiten schafft – so ist er aber immer auch schon das, was dadurch überhaupt erst Nicht-Zugehörigkeit ermöglicht. Staaten also als Grenze zwischen Innen und Außen … National-Staaten als Staats-Gebilde, die allein durch ihre wiederholte Ausschließung nationaler Minderheiten funktionieren. Da der Staat sich über die Nation legitimiert, ist der Einschluss des Ausschlusses (der Nicht-Zugehörigen) unumgänglich. Der National-Staat muss also, um sich selbst zu setzen, die Nation stets aufs Neue produzieren.
Butler und Spivak zeichnen hierbei (in kritischer Distanz) die Gedankengänge Hannah Arendts politischer Theorie, wie sie von jener in Vita Activa und Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft entwickelt wurden, nach.
Thema sind sowohl Spivaks Konzept des Kritischen Regionalismus, als auch – wie der englische Originaltitel Who sings the Nation-State? bereits nahe legt – die performativ-politische Kraft der Sprache. Als Beispiel dienen hierfür die Demonstrationen des Frühjahres 2006, als illegale Einwander_innen in verschiedenen kalifornischen Städten die US-amerikanische Nationalhymne auf Spanisch sangen.
Sprache, Politik, Zugehörigkeit – klein aber oho … kämpferisch-brisanter Lesestoff für alle politisch, sprachlich oder kulturwissenschaftlich Interessierten.
Andrea Wald
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Melanie Groß/ Gabriele Winkler (Hg_innen)
“Queer- / Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse”
Unrast
Gleich zu Beginn konstatieren die aus einem wissenschaftsuniversitären Feld kommenden Herausgeberinnen dieses Sammelbands einen Mangel an konkret politischen Handlungsperspektiven queer-/feministischer Theorieansätze. So setzen die sieben Beiträge an genau jener handlungsanleitenden Frage nach der Übersetzbarkeit theoretisch wie empirisch gewonnener Erkenntnisse in politische Praxen an. Vor dem Hintergrund neoliberaler Regierungstechniken und der Ökonomisierung gesellschaftlicher Bereiche (Stichwort: Re-Familiarisierung reproduktiver Tätigkeiten) zeigen die Autorinnen anhand von ausgewählten Organisationen und Projekten feministische Interventionsmöglichkeiten auf, vergeschlechtlichte Herrschaftsstrukturen sichtbar zu machen und damit einhergehende soziale Ungleichheiten aufzudecken. Zwei Beiträge, die diese Übersetzung gut und aufschlussreich veranschaulichen sind dabei die Arbeiten von Dorothee Greve zur Feminisierung von Erwerbsarbeit und Migration am Beispiel der Hausarbeit sowie Stefanie Bentrups queer-feministische Kritik an der Debatte um bedingungsloses Grundeinkommen. In auflockernd sarkastischer Erzählweise beschäftigt sich Bentrup mit dem Konzept der „sexuellen Arbeit“, an dem die verwobenen Zusammenhänge von Geschlecht und Arbeitsbedingungen durch den Bezug auf die Kategorien Begehren und Sexualität thematisiert und so als Folie für eine queer/feministische Kritik an heteronormativer, kapitalistischer Verwertungslogik herangezogen werden können.
Macht Lust auf dissidente Partizipation.
Ulli Mayer
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Gabriele Rohmann, Bernadette LaHengst u.a. (Hg_innen)
“Krasse Töchter. Mädchen in Jugendkulturen”
Archiv der Jugendkulturen
Ein Gender Studies-Buch mit Platz für Differenzen: Das Bild junger Szenegängerinnen, das sich in „Krasse Töchter“ erschließt, ist erstaunlich heterogen.
In ihren Artikeln untersuchen die AutorInnen Rollen und Strategien von Mädchen in unterschiedlichsten Jugendkulturen zwischen Möglichkeiten der Emanzipation und dem Zwang zur Anpassung. Sie stellen Fragen zum Umgang mit Sexismus und männlicher Dominanz, zu Selbstbildern und Lebensträumen. Wenn junge Gothic-Frauen über androgyne Ästhetik und (scheinbare) Aufhebung der Geschlechtergrenzen erzählen, Visu-Mädchen die Selbstinszenierung im japanischen Manga-Stil zur paradoxen Brechung eines kindlich-süßen Rollenbildes verwenden oder weibliche Hardcore-Fans und Graffiti-Sprüherinnen am Besten klar kommen, wenn sie ihr Geschlecht „nicht dramatisieren“, dann redet hier eine weibliche Jugend, für die Gender alles andere als natürlich, selbstverständlich und festgeschrieben ist. Das Buch lässt an vielen Stellen die Mädchen selbst zu Wort kommen, trotz des durchwegs kritischen, wissenschaftlich fundierten Ansatzes bemüht man sich um Praxisbezug und -relevanz. Bereichert wird der Band außerdem von Texten, Portraits und Interviews einzelner Künstlerinnen wie der Performerin Bernadette la Hengst oder der Rapperin Pyranja. „Krasse Töchter“ ist – obwohl an der einen oder anderen Stelle ein wenig holprig – ein untypisch aufgemachtes und gut durchgeführtes Projekt, eine interdisziplinäre Sammlung, die verschiedene Zugänge zulässt. Die deutschsprachigen Sozialwissenschaften scheinen die Geschlechterforschung gerade erst zu entdecken, da kommt dieses Portrait der kommenden Frauengeneration gerade recht.
Jule Reifenberger
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Sybille Krämer u.a. (Hg_in)
“Verletzende Worte - Die Grammatik sprachlicher Missachtung”
transcript
Herrmann und Kuch kritisieren in ihrer Einleitung, dass die Frage nach sprachlicher Gewalt sowohl von Auseinandersetzungen zum Thema der physischen Gewalt als auch im sprachtheoretischen Kontext konsequent ausgeklammert wurde. Dies scheint vor allem in Bezug auf die in den letzten Jahren viel beachtete Sprechakttheorie, die vor allem in der feministischen und queeren Theorie einen prominenten Stellenwert bekam, besonders verwunderlich, ist doch der Weg vom sprachlichen Tun zum sprachlichen An-Tun nicht mehr weit. Verletzende Worte meint aber nicht nur Gewalt im Sinne von Beschimpfungen, sondern auch Vorurteile, die eineR mit Witzen und Anspielungen, anhand von „Äußerungen im Kostüm“ wie sie Austin nennt, unter die Nase gerieben werden. Nicht lange lässt dann der Vorwurf der Humorlosigkeit oder der unangebrachten Strenge mit den „Schmähführern“ auf sich warten.
„Verletzende Worte“ geht nun einerseits der Frage nach, warum diese symbolische Verletzbarkeit überhaupt möglich ist, ein Thema, dem sich Judith Butler schon in ihrem Buch „Hass spricht“ auf interessante Weise genähert hat. Ein neuerer Aspekt ist hingegen die Frage, welche Bedingungen in der sprachlichen Struktur erfüllt sein müssen, damit eine Beleidigung gelingt. Welche strukturellen Bedingungen muss Sprache aufweisen, damit sie überhaupt als Angriff- oder Zugriff funktionieren kann? Da es im Verhältnis zum omnipräsenten Begriff der Performanz zum Thema der verletzenden Sprache noch wenig Texte gibt, ist es umso erfreulicher, dass in diesem Buch nun gleich fünfzehn TheoretikerInnen aus unterschiedlichen Disziplinen zu Wort kommen um den verletzenden Worten auf den Leib zu rücken.
Beate Hausbichler
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Marge Piercy
“Sex Wars”
Piatkus Books
Sexualität als Kampfplatz – das ist das Thema von Marge Piercys neuestem Roman, der diesmal im New York des 19. Jahrhunderts angesiedelt ist. Der Amerikanische Bürgerkrieg ist zu Ende, doch die Kämpfe gehen weiter, an vielen Fronten: die jüdisch-russische Immigrantin Freydeh Leibowitz muss sich als Witwe alleine durchschlagen, versucht mit der Produktion von Kondomen ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und ist zudem auf der verzweifelten Suche nach ihrer Schwester, die seit deren Ankunft in New York verschollen ist; die Frauenrechtlerinnen Elizabeth Cady Stanton und Susan B. Anthony kämpfen allen voran für das Wahlrecht für Frauen, mitunter gegen ihre eigenen Männer und vermeintlich Verbündeten; die schöne Spiritualistin Victoria Woodhull und ihre Schwester Tennie versuchen ihrer sozialen Lage und ihrer Familie durch ihre spirituelle Begabung und ihren Geschäftssinn zu entkommen, was sie schließlich in Kontakt mit Cornelius Vanderbildt bringt; der religiöse Fanatiker Anthony Comstock wiederum hat der „Sünde“ den Kampf angesagt.
Frauen produzieren und vertreiben Verhütungsmittel, besitzen Abtreibungskliniken und Bordelle, schreiben Manifeste und halten Reden über die (sexuelle) Befreiung der Frau. Auf eindrucksvolle Weise erzählt Marge Piercy, wie Frauen Geschichte machen, wie sie sich erheben und wie sie fallen, wie sie Kämpfe gewinnen, aber auch verlieren. Sex Wars ist eines jener Bücher, das uns fesselt, weil es jene Kämpfe beschreibt, die wir in ähnlicher Form oft nach wie vor zu kämpfen haben. Sehr gut recherchiert, historisch interessant und auf jeden Fall a very good read!
Iris Mendel