Kitsch As Kitsch Can(’t)?
Zur Leichtigkeit des Scheins durch Distanzlosigkeit

Wenn ich den Mops meiner Geliebten zum Verwechseln ähnlich abzeichne, habe ich zwei Möpse, aber noch lange kein Kunstwerk. (Goethe)

Kitsch sei weniger ein Kunst- als ein Verhaltensproblem, da der Mensch ja nicht blühen könnte, wenn es keine ‚Kitsch-Menschen‘ gäbe, die seiner Lüge bedürften und sich darin wieder erkennten. (Eco)

Fortschreitende subjektive Differenzierung, die Steigerung und Ausbreitung des Bereichs ästhetischer Reize machte diese verfügbar; sie konnten für den Kulturmarkt produziert werden. Die Einstimmung der Kunst auf flüchtigste individuelle Reaktionen verbündete sich mit ihrer Verdinglichung […] Soviel ist wahr, dass subjektive Differenzierung einen Aspekt von Ichschwäche hat. (Adorno)

Es sollen andere Aspekte zum Thema Kitsch – als üblicherweise zu Kitschprodukten bzw. -objekten – angesprochen werden, um zu versuchen mit dem Begriff Kitsch die Welt und ihre Lage zu beleuchten.

Eine These also wäre: Die Welt (zumindest der Teil, in dem wir leben) ist kitschig geworden. Diese Aussage impliziert eine zweite These: Die Denkform Kritik steht der Warenform Kitsch gegenüber. Und diese impliziert ein Drittes, nämlich, dass wir – als die Insassen dieses Systems – verkitschte (Un)Wesen sind bzw. uns kitschig verhalten (müssen, auch wenn wir es nicht wissen).

Beginne ich also mit dem letzen Aspekt, dem der Inhaftierung, und möchte diesen auf die Problematik der Geschlechterdifferenz fokussieren. Dieses ewige Missvergnügen, das ja den Anspruch hat, besonders vergnüglich sein zu sollen. Kitsch, auch als die Beschwörung des „Naturschönen“, ist nach wie vor alltäglich präsent in sexualisierter Weiblichkeit (Werbung etc.) und reproduziert damit das Geschlechterverhältnis selbst in flimmernde Projektionsflächen.

Doch auch die immanenten kunsthistorischen Debatten zum Thema Kitsch verfügten über den Status der Frauen als zarte Musen und ihre Unfähigkeit zu schöpferischen Akten vom „Wahren und Schönen“ sowie der geschlechtsmetaphysischen Zuschreibung der Entgegensetzung von Trivialität und Abstraktion. Kitsch und Kunst, so Ulrike Sladek 1, das verhält sich zueinander ungefähr so wie Frauen und Vernunft, wie Natur und Kultur, also letztlich nach geschlechterdualistischen Proporzsäulen. Dem dtv-Lexikon nach wurde der Begriff Kitsch erstmals um 1870 erwähnt, um wertlose Kunstware unter Malern und Kunsthändlern zu benennen. Zu dieser Zeit hatte ein bereits etablierter Kunstmarkt endgültig die feudale Struktur der Auftragskunst abgelöst, und es gab eine immer größer werdende Anzahl von Frauen, die sich als Künstlerinnen ihren Lebensunterhalt verdienen wollten. (Bald) stellte sich die Frage nach der Berechtigung des weiblichen Geschlechts zur Ausübung der Kunst. Dabei wurde festgehalten, dass Frauen nur selten Schöpferinnen neuer Richtungen seien, da ihre Tätigkeit weniger im Neuschaffen denn in einer liebevollen Weiterbildung des Bestehenden liege. „Zarter Ausbildung und sorgfältiger Durchbildung mehr geneigt, als zu kühnem Erfassen von großen Gedanken geeignet, werden sich Frauen vorzugsweise mit den Künsten einer leichten und bequemen Technik beschäftigen.“ 2

Zum ersten Aspekt: Die Kritik am Kitsch ganz allgemein gesprochen war jene, dass dieser sentimental und reaktionär sei, also auf der Ebene des schlechten Konventionellen angesiedelt ist. Wenn nun inzwischen die Kritik am Kitsch selber schon zur Konvention geworden ist, dann lässt sich z.B. aktuelle künstlerische Produktion von Kitsch als aufklärende Brechung von Kitschigem nützen. Wenn aber behauptet werden kann, dass die postkapitalistische Welt als Ganze verkitscht ist u.a. durch depriveligisierende Massenprodukte (nicht durch ihre ausbeuterische Produktionsform) und die Enteignung von Substanziellem durch den alles und jede/n anhaftenden oder gar durchdringenden simulativen „Charakter“, dann muss reflektiert werden, ob auf diese „Art“ noch eine Weise der Kritik gefunden werden kann. Zu fragen wäre, ob in der Angleichung der Figur der doppelten Negation – also einer doppelten Imitation – eine Position, eine Haltung gefunden, geschaffen werden kann. Und die gebeutelte Verunsicherung ist ja diese, ob es überhaupt noch so etwas wie eine Wirklichkeit gibt. Der postkritische Denker Jean Baudrillard 3 entlarvt die Welt, die Dinge und uns selbst als Simulative, als Imitation von etwas Realem, als ein permanentes „Als ob“. Diese Theorie vom symbolischen Dingwert innerhalb der westlichen Konsumgesellschaft entfaltet er zu einer umfassenden Perspektive von Symbolisierungstendenzen im Spätkapitalismus. In der Postmoderne verdingt sich der Zeichencharakter der Warenwelt bis hinein in die humanen Sozialisierungsmechanismen und umgekehrt werden die Objekte komplexer gegenüber einer zunehmenden Vermassung des Subjekts. Im Signifikantenapparat des Kapitalismus und seiner Medienwirklichkeit wird die Aussage immer mehr von Wahrheitskriterien getrennt, sodass eine umfassende Manipulation (Verführung) der KonsumentInnen möglich wird. Dadurch entsteht ein Raum permanenter Simulation von Realität, die in die Hyperrealität – also der Auflösung alles Greifbaren, Referenziellen – mündet.
Was nun hat all dies mit dem Thema Kitsch zu tun? Nicht nur Baudrillard spricht vom Simulacrum, also dass auch die Objekte und wir selbst als „Verdinglichte“ nicht sind, was sie oder wir darstellen. Ein Simulacrum – so eine Definition – steht für etwas, das die gleiche Form oder Erscheinung besitzt wie ein bestimmtes Ding, aber nicht dieselbe Substanz oder dieselben Eigenschaften. Das erinnert doch sehr an Kitschdefinitionen wie Imitation, Uneigentlichkeit, Verlogenheit, Täuschung, wertlose Kunstware, das Nichtidentische usw. (Wie beispielsweise die Madonna in der Kathedrale im Verhältnis zur blinkenden Plastikmaria auf der Toilette.) Wenn es denn also zutrifft, dass wir in einer Telenovela-Welt leben, also selbst das Fernsehen spielen, das wir anschauen, so könnte der Zeitdiagnose von Milan Kundera 4 zuzustimmen sein, dass es heute unsinnig sei, über Kitsch zu sprechen, da die ganze Welt verkitscht ist. Kitsch ist heute allgegenwärtig – im TV, in der Presse, im Privatleben. Selbst der Krieg werde inzwischen kitschig präsentiert, Kitsch sei der Normalfall, nicht mehr die Ausnahme. (Im Film von Michael Moore zum Irakkrieg sehen wir die Darstellung der weinenden Mutter um ihren gefallenen Sohn, eine Art Kriegsmadonna und den Ausschnitt, wo amerikanische Soldaten – zugedröhnt mit Popmusik – auf die Menschen ballern.)

Nur soll aber hier ja nicht eine Universaltheorie über den Globus gelegt werden, sondern „Kitsch“ als Dekonstruktionsmetapher einem kritischen Denken beistehen. Also der dritte Aspekt.
Es wird heute oft gesprochen von der Ästhetisierung der Wirklichkeit: Das betrifft die Kunst ebenso wie die Verpackungen des Alltags. Diese Entwicklung – bis hin zur EU-genormten Tomate – findet dann in unendlichen artifiziellen Ver-Wirklichungen ihr Pendant, deren Gleichförmigkeit als Produkte wiederum durch tausend Designs differenziert werden müssen. Das erinnert an klassische Kitscherklärungen, welche die Akzentuierung von Einzelteilen durch die RezipientInnen hervorheben, deren Sinn nur nach dem Singulären steht und auch nur für Individuen Bedeutung haben, die sie bloß sinnlich-sentimental genießen. Und darin auch bloß den Genuss genießen. Zitat aus dem „Historischen Wörterbuch der Philosophie“: „Der Modeleser strebt die […] Gefühlspotenzierung und den emotionalen Selbstbezug an. Der Modeliteraturleser ‚genießt sich‘, nicht das ästhetische Objekt. Während der Leser der Dichtung in ästhetischer Distanz die künstlerische Einheit des Werkes überblickt, […] streben Modeliteratur wie -leser ästhetische Distanzlosigkeit an. […] Unter Kitsch verstand man […] einen in seine Einzelteile zerfallenden ästhetischen Gegenstand, der auf Effektkumulation hin angelegt ist und dem die Wirkung des Augenblicks vorzüglich wichtig sein muss. In ihm ist der Stellenwert der einzelnen Szenen lediglich durch die Ökonomie der Wunscherfüllung bestimmt; alles erscheint eindeutig, durch sich selbst bedeutungsgeladen, der Rezipient darf sich unmittelbar identifizieren. Kitschproduzent wie -konsument sind der Uneigentlichkeit, dem ‚man‘ verfallen.“ (Deswegen kann – jetzt hier nur als Anmerkung – der Kitsch in die Nähe von Faschismen gerückt werden im Sinne von sich selbst (be)deutendem Totalitarismus, der keine Differenz zulässt; und auch enger im Sinne von Kleinbürgerlichkeit, Spießertum, Massenkultur, Stereotypisierung, Wirklichkeitsflucht, dümmliche Geborgenheit; oder dass das Wort „Gemütlichkeit“ kein außerdeutsches Pendant hat etc.)

Das liest sich doch wie eine Gegenwartdiagnose selbst, wenn Kitsch als Bedürfnis nach Sentimentalitäten, nach Gefühlen um ihrer selbst willen, nach prompter Begierdeerfüllung übersetzt werden kann. Anders gesagt: Infantilität als Merkmal der Konsumgesellschaft. Oder noch anders gesagt: das identitätslose Individuum, das sich nur noch selbst (etwas) bedeutet. Das kommt einem Eingeständnis gleich: Unsere kulturelle Formation hat eine Schein-, Schwindel- und Kompensationsrealität produziert. In der Tat ist diese westliche weiße männliche „Errungenschaft“ als ver(und be-)dingte Allmachtsfantasie zu dechiffrieren, die zu einer Wirklichkeit sich manifestiert hat, welche Widersprüche und damit Widerstandsmöglichkeiten löscht.
„Nichts widerspricht sich mehr. Neo-geo, der neue Expressionismus, die neue Abstraktion, die neue Figuration: All das existiert aufs Prächtigste nebeneinander in totaler Indifferenz. Weil all diese Tendenzen nichts Eigenes mehr haben, können sie in ein und demselben Kulturraum zusammenleben. Da sie in uns nur tiefe Gleichgültigkeit hinterlassen, können wir sie gleichzeitig akzeptieren. […] Die gesamte industrielle Maschinerie der Welt wurde ästhetisiert, die ganze Bedeutungslosigkeit der Welt wurde durch Ästhetik verklärt. […] Das System funktioniert weniger nach dem Mehrwert der Ware als nach dem Mehrwert des Zeichens. Eklektischer Taumel der Formen, eklektischer Taumel der Vergnügungen. […] Man ahnt nur, dass hinter jedem von ihnen etwas verschwunden ist. Sie sind nicht mehr als das: Spuren von etwas, das verschwunden ist. […] Das ist die Auslöschung – immer noch in Form der Kunst – jeder ästhetischen Syntax, wie uns im Transsexuellen die Auslöschung immer noch in der Form des Spektakels der Geschlechterdifferenz fasziniert. […] Befreit vom Realen kann man realer als real werden: hyperreal. […] Der geschlechtsspezifische Körper ist heute einer Art künstlichem Schicksal ausgeliefert […] des Spiels der sexuellen Indifferenz, der Nichtdifferenzierung der sexuellen Pole […] In allen Fällen […] handelt es sich dabei um Prothesen, und heute, wo es das Schicksal des Körpers ist, Prothese zu werden, ist es nur logisch, dass das Modell der Sexualität die Transsexualität wird […] Es beruft sich nicht mehr auf eine Logik der Unterscheidung, ‚es‘ spielt mit der Differenz, ohne daran zu glauben. Es ist die Indifferenz. Man-selber-sein wird zu einer kurzlebigen Darbietung, ohne Morgen, ein entzauberter Manierismus in einer Welt ohne Manieren.“ 5

Das dem Kitsch zugeordnete Illusionäre und Fälschliche hat auch psychotriebgesteuerte Beweggründe. Nicht nur das Wort selbst – als Schlamm oder Schmieren übersetzbar – verweist auf seinen analen und „perversen“ Charakter. Denn psychoanalytisch betrachtet beruht künstlerische Produktivität auf der Erkenntnis der Kastration und Kitsch auf der Illusion, es würde keine Kastration(sdrohung) geben. In dem Buch „Kreativität und Perversion“ vergleicht Janine Chasseguet-Smirgel das „Falsche“ mit der (kindlichen) Überbewertung des Phallischen. Die Perversion stellt demnach einen Versuch dar, sich vor der schmerzhaften Erkenntnis sowohl des Geschlechter- als auch des Generationenunterschieds zu drücken. Idealisiert wird jedoch, wie es der Entwicklungsphase des Kindes entspricht, nicht der genitale, sondern der anale Phallus, sprich: Die Scheiße wird vergoldet. Kitsch, so könnte gesagt werden, beruht auf der Fiktion, es würde nur das Ganze und das Heile geben, also keinen existenziellen Riss, keinen Schmerz, keinen Verlust, keinen Unterschied. Und dies ist ja das, was uns täglich suggeriert wird, ja wir gar wünschen.
„Der versöhnliche Aspekt des ‚Falschen‘ ergibt sich somit von selbst: Kitsch schenkt die Illusion, dass alle gleich sind, dass niemand mehr besitzt als der andere, dass es keine Privilegien gibt und keine Notwendigkeit gegen diese anzukämpfen.“ 6

Wenn – wie wir von Jacques Lacan wissen – das Imaginäre durch das Symbolische hindurchgehen muss, um das Reale zu erreichen, da sonst immer ein Defekt, eine Neurose, eine Psychose wird, so kompensiert der Kitsch diese Defekte, da er den Durchgang durch das Symbolische nicht schafft. Insofern wären „wir“ konsumaffektierte Artedefekte, die sich penetrant als vollständig und vollkommen wähnen. Das Ich als Kitsch; ich brauche nicht dich, denn ich habe ja mich. Das wäre dann der Trugschluss, der den Untergang des Subjekts nicht mehr postuliert, sondern demonstriert.

Diese Selbstfetischisierung – politisch ausgedrückt: diese Individualisierung – lässt sich so nicht nur als von außen aufgedrückte Regierungsmentalität erkennen, sondern auch als verinnerlichte Selbstherrschaft (Michel Foucault). Denn wo bleibt sie denn, die Revolution – bei alldem, was wir erfahren und wissen?
Der Fetisch ist die Verkörperung der Lüge, die uns befähigt, die unerträgliche Wahrheit zu ertragen. „Im Falle des Fetisch akzeptiere ich ‚rational‘ voll den Schmerz der schlechten Realität, weil ich mich an den Fetisch klammere, an ein Merkmal, das für mich die Verleugnung verkörpert. Ich klammere mich also an mich – oder dessen Ersatz, dem Konsumieren von Waren, Zeichen und Bildern –, um nicht die vollen Auswirkungen der Realität ertragen zu müssen.“ 7

Und dann werden beispielsweise religiöse Motive – wie diese blinkenden Plastikmarias oder Unterwäsche mit Jesusaufdrucken – zur Kitschpotenzierung, zur Verkitschung des Kitsches durch Tabubruch, der ja nun keiner mehr ist. Doch könnten diese Phänomene (der päpstliche Weltjugendtag, zunehmende Spiritualitäten, aber auch systemische Therapien und Organisationsmanagements, die nur noch darauf schauen, dass alles seine Balance hat und die Menschen in Win-Win-Situationen hineingeklemmt werden – obwohl offenkundig ist, dass dies Diskriminierungen, Ausbeutungs- und Ausschlussverhältnissen Hohn spricht –, also Sozial- und Appeasementkitsch; die virtuelle Realität als Manifestation irrealer Begegnungen sowie Gods-Own-Achse des Guten, die fröhlich Gewalt sät) als Verhortung von Bedürfnissen nach Transzendenz in einer durch und durch immanent gewordenen Welt gelesen werden. Wo es kein Außen mehr gibt – nicht nur in der Bedeutung von Gottes Tod, sondern im Sinne einer Position der Differenz (im Unterschied zur kitschigen Distanzlosigkeit, die eine bloße Affirmierung des Vorgegebenen als Sachzwang legitimiert) –, da wird es um die Distanz, die Distanzierungsfähigkeit gehen müssen.

Insofern noch auf kritisches Bewusstsein als Urteils- und damit Distanzierungsvermögen gehofft werden kann, wäre auf ein Denken der Entkitschung zu setzen, wozu auch die Enthübschung des scheinegalitären Geschlechterverhältnisses gehört.
G/l’amour fou.

text: Birge Krondorfer

1 In: Stimme der Frau, 5/1992, S. 8 f.
2 In: Ernst Guhl’s, 1. Monographie zu „Die Frauen in der Kunstgeschichte“, 1858.
3 U.a. in: „Der symbolische Tausch und der Tod“.
4 Quelle leider unauffindbar.
5 Jean Baudrillard: „Transparenz des Bösen“, S. 22 ff.
6 Karin Fleischanderl: „Lauter Scheiße“, in: Wespennest, Nr. 80.
7 Slavoj Žižek, nach Wikipedia.