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„Die Verantwortung für die Veränderung unseres Alltags lassen wir uns nicht nehmen!“
Die Roten Zoras und wir.
In diesem Artikel soll der Frage nachgegangen werden, ob bewaffneter feministischer Widerstand auch heute noch einen Platz hat, oder ob sich die Felder der Widerstands-äusserungen in den letzten Jahrzehnten verschoben haben und eine Artikulation auf anderen Gebieten
Erfolg versprechender sein könnte.
Die Rote Zora war in den siebzigern und achziger Jahren die bekannteste bewaffnet agierende Gruppierung im deutschsprachigen Raum, die nur aus Frauen bestanden hat, und deren Widerstand sich dezidiert gegen die patriarchale Unterdrückung von Frauen richtete.
Die Gruppierung Rote Zora konstituierte sich in den 1970ern als autonome Frauengruppe innerhalb der RZ (Revolutionäre Zellen). Durch die Namensgebung wollten die Aktivistinnen die männliche Dominanz
bei der Bildung von Banden aufbrechen, um so auch potentielle Nachahmerinnen dazu aufzufordern,
ihre eigenen Banden zu bilden. In einem Interview, welches sie 1984 der Zeitschrift „Emma“ gaben, sagten die Frauen, dass sie ihre Organisierung mit Absicht so locker hinstellten, “damit jede mal eben mit ihrer Freundin losziehen könnte und das selbe machen wie sie“. 1
Zum ersten Mal traten sie 1974 während der Demonstrationen gegen den Abtreibungsparagraphen 218 an die Öffentlichkeit. Da diese Demonstrationen erfolglos blieben, zündeten die Zoras ihre erste Bombe gegen das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Dieses Verlassen der „weiblichen Friedfertigkeit“ 2 wurde von den Roten Zoras als ein befreiender Akt empfunden. Innerhalb der Revolutionären Zellen, zu denen die Zoras noch gehörten, stellte sich den Frauen das Problem, dass sich der Widerstand in allgemein politische und frauenspezifische Aktionen aufteilte, es entstand eine Art „linke“ Arbeitsteilung, wie es die Aktivistinnen formulierten: „die frauen für frauenfragen, die männer für allgemeinpolitische themen.“ 3 Ihr Kampf für die Rechte der Frau sollte dem allgemeinen linken Widerstand gleichgestellt werden, und nicht darin untergehen. So trennten sich die Zoras von den Roten Zellen und begannen ihren Kampf in eigener Sache.
Das Nachdrucken und die Verteilung von Nahverkehrsfahrscheinen im Ruhrgebiet wurde von ihnen ebenso betrieben wie Sprengstoffanschläge auf die Computerfirma Nixdorf, auf Siemens oder auf die Firma Koch, die durch die niedrige Entlohnung von Frauen ins Visier der Gruppe gerieten.
Ein wichtiges Widerstandsfeld für die Rote Zora war die Bekämpfung des internationalen Frauenhandels und der Pornoindustrie. Es wurden Sexshops und Pornokinos in Brand gesteckt, Frauenhändler und Schlepperorganisationen bekämpft, indem sie ihre Infrastruktur zerstörten. 4 1982 verübten die
Aktivistinnen einen Sprengstoffanschlag auf die philippinische Botschaft in Bonn. In verschiedenen Texten haben die Frauen klar verneint, dass sie es in Kauf nehmen würden, durch ihre Anschläge Menschenleben zu gefährden und Aktionen abgebrochen hätten, bei denen das Leben Unbeteiligter
gefährdet gewesen sei. Die Frage bleibt allerdings, ob nicht trotzdem mit dieser
Gefahr gespielt wurde, um Forderungen mit mehr Nachdruck durchzusetzen. 5
Internationale Beachtung erlangten die Zoras dann durch die 1987 durchgeführten Aktion gegen den Bekleidungskonzern Adler, in welchem sie sich mit streikenden südkoreanischen Arbeitnehmerinnen solidarisierten, die zu Billiglöhnen und ohne gewerkschaftlichen Schutz arbeiten mussten. Die letzte bekannte Aktion der Roten Zora fand 1995 statt: Sie führten einen Anschlag gegen eine Werft der Firma Lürssen bei Bremen durch, da diese Kriegsmaterial an die türkische Regierung exportierte. Bis heute hat die Polizei keine eindeutigen Fahndungserfolge gegen die Rote Zora erzielt. Wer die Frauen waren/sind ist nie
eindeutig festgestellt worden. Eine der wenigen, die namentlich angeklagt worden ist, ist die Krimiautorin Corinna Kawaters, die deshalb lange Jahre im Exil in Spanien und Frankreich lebte.
„Der legale Weg ist nicht ausreichend, denn die gewöhnlichen Unterdrückungs-
und Gewaltstrukturen sind ja die Legalität: Wenn Ehemänner ihre Frauen schlagen und vergewaltigen, dann ist das legal. Wenn Frauenhändler unsere Schwestern aus der 3. Welt kaufen und an deutsche Biedermänner weiterverkaufen, dann ist das legal. Wenn Frauen für ein Existenzminimum eintönigste Arbeit machen müssen und dabei ihre Gesundheit ruinieren, dann ist das legal. […] Deswegen sabotieren, boykottieren wir, fügen Schaden zu, rächen uns für erfahrene Gewalt und Erniedrigung, indem wir die Verantwortlichen angreifen.“
Was ist übrig von der Wut?
Was am Ende all der Recherchen bleibt, sind unsere Fragen. Wobei uns ein Aspekt besonders interessiert: Wo sind die wütenden Frauen/Mädchen geblieben? Möglicherweise ist das die Kernfrage, die so einfach daherkommt, auf die es jedoch wenig zufrieden stellende Antworten gibt. Welche hat in letzter Zeit über militante Aktionen von Frauen in Österreich gehört? Wir meinen wütende und aggressive Aktionen, die brutal und radikal auf Missstände hinweisen und Verbrechen anprangern. Hat Frau resigniert oder ist Aktionismus in Anlehnung an die Rote Zora nicht mehr zeitgemäß? Darf sich „weibliche“
Wut und Aggression nur auf künstlerische und performative Akte beschränken? Noch in den Neunzigern des letzten Jahrhunderts sagten Riot Grrrls: „Das nächste Mal, wenn ein Typ dich wie Scheiße behandelt, vergiss deine hohen moralischen Grundsätze! Schlag den Bastard nieder!“ 6 Ein paar Jahre später
behaupten die Guerilla Girls von sich: „Ich bin ein Guerilla Girl, und ich bin nicht wütend. Wut gehört nicht zu unserem Vokabular.“ 7
Wie kann wütendes Aufbegehren heute aussehen? Ist es noch notwendig? Haben Frauen „eh schon vieles erreicht“ und ist Diplomatie die bessere Strategie? Kann Wut auf herrschende Zustände über akademische Diskurse ausgetragen werden? Reicht uns das? Muss der Kampf immer pazifistisch sein? Gehören Wut und Gewalt zusammen? Und was zur Teufelin sollen wir tun, wenn wir allein beim
Werbung- schauen schon kotzen könnten? Auf jeden Fall Verbündete suchen, die Wut raus schreien und bitte nicht daran ersticken.
text: Beatrice Bösiger, Alexa Jirez, Ute Springer
Einige Internetressourcen zu den Roten
Zoras:
www.freilassung.de
Umfassendes Textarchiv zu den Roten
Zoras und den Revolutionären Zellen:
www.nadir.org, www.tolmein.de
Fußnoten
1 Milis Tanz auf dem Eis, Rote Zora, 1993
2 Rote Zora, Revolutionärer Zorn, 1981
3 www.freilassung.de/div/texte/rz/zorn/Zorn51d.htm
4 Die Früchte des Zorns, Rote Zora /RZ, 1984
5 www.tolmein.de/normal/indexNormal.htm
6 Germaine Greer, Die ganze Frau, dtv, München 2000, S. 422
7 www.guerillagirls&voyagerco.com |
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