Fiberwütig – eine Hommage an das Zornpinkeln

Eine Positionierung der fiber-Redaktion zum Schwerpunkt Wut und Aggression

Soll diese Wut akzeptiert, muss sie erklärt werden, in differenzierter Weise, mit kühlem Kopf, in logischen Argumenten und nicht zuletzt in Relativierungen, um überhaupt ernst genommen zu werden. Wer kennt nicht das Killerargument: zu emotional! Oder den Vorwurf, niemanden ausreden zu lassen, zu laut zu sprechen und bitte, nicht jetzt hysterisch werden … Es werden nicht mehr die „richtigen“ Wörter gefunden, dafür umso mehr von der Sorte die nicht im Wör-
terbuch nachzuschlagen sind. Unkanalisiert, ungeschminkt, unge-
filtert tritt sie selten auf.

Wut ist für die meisten Frauen(rollen) nicht chic oder nicht üblich. Für viele Männer ist Wut gerade im Rahmen ihrer Geschlechtsrolle legitimierbar, es ist dann keine unkontrollierte Emotion, die hervorbricht, sondern die Macht der Männlichkeit, wie über die Kanalisierung in Gewalthandlungen, die Stärke und Überlegenheit demonstrieren. Es ist legitim, dass einer sich wehrt, zurückschlägt, seine Männlichkeit beweist. Schlagen Frauen in dieselbe Bresche, sprengen sie den Rahmen ihrer Rolle. Wobei das längst nicht mehr das Argument ist, sondern dann eben die Forderung, doch die Vernunft und die Gelassenheit walten zu lassen.

Die Wut in ihrer ungefilterten Form sei demnach unvernünftig, unüberlegt und gar nicht gut für eine selbst. Aber was passiert mit uns, wenn wir aufhören zornig zu sein? Wir haben zu oft gelernt, für unsere Wut Erklärungen und Verantwortung in uns selbst zu finden. Es bleibt ein unangenehmes Gefühl in der Magengrube. Unzufriedenheit auszudrücken und Änderungen einzufordern, wird umso schwerer, desto weniger wir unsere Wut ernst nehmen. Daher ist es wichtig für uns, wütend zu sein und zu bleiben, die Resignation kommt sowieso zu leicht und zu schnell und ist gekoppelt mit Selbstverleugnung angesichts der simplen, aber unerfüllten Forderungen des Feminismus. Die nicht unbegründete Angst vor Verbitterung und Selbstzerfleischung verführt dazu, Missstände zu ignorieren oder sich gar mit ihnen abzufinden.

„Wem es verwehrt ist, sich emotional auszuleben, bei dem führt dies zur Angst vor starken Emotionen, zur Verdrängung der eigenen Wut- und Haßgefühle und zur Angst vor der Realität – denn die Konfrontation mit der Realität löst in erster Linie Wut und Haß aus. Kommt zur Verdrängung von Wut und Haß auch noch ein Mangel an Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, mit der Welt fertig zu wer-
den und sie zu verändern oder wenigstens in bescheidenem Rah-
men das eigene Schicksal zu beeinflussen, hinzu, so führt dies zum bewusstlosen Glauben, die Welt und die meisten Menschen seien nett und freundlich und die banalsten Vergnügungen seien ‚great fun‘ und ein Riesenspaß.“, schrieb Valerie Solanas 1968 in ihrem SCUM-Manifesto.

Während Heranwachsenden und später besonders jungen Frauen
unermüdlich nahe gelegt wird, nicht so zornig zu sein, ihre Conte-
nance zu bewahren, weil Wut die Gesichtszüge entstellt, droht bei all dieser noblen Zurückhaltung das Ersticken am eigenen Zorn. Ein Teil der Umwelt mag beständig stoische Überlegenheit demonstrieren und Andersartige als Zornbinkel belächeln. Wer sich tapfer dagegen entscheidet, darf getrost auf die Diktatur dieser Coolness scheißen und erspart sich überdies ein Magengeschwür. Menschen die ihre aufgezwungenen Grenzen stärker spüren, die zornig sind und leiden (auch völlig uncool), sind auch die, die sich nicht so leicht verscheißern lassen – wir sind lieber zornig als ignorant.

Natürlich: Wir sind in unseren eigenen kleinen Existenzkämpfen gefangen. Die Mechanismen der Isolierung und Vereinzelung funk-
tionieren perfekt. Verstreut in unterbezahlten, prekären und unbe-
friedigenden Arbeitsverhältnissen wenden wir all unsere Kraft auf, uns in feministischen Kontexten nicht aus den Augen zu verlieren. Die Notwendigkeit des Gelderwerbs zwingt uns zu unbezahlten Praktika, damit wir in unseren Lebensläufen etwas vorweisen kön-
nen. Als wären unsere Fähigkeiten und Erfahrungen nicht genug. Das eigene Leben wird auf seine „Marktfähigkeit“ hin abgeklopft, frisiert und aufgemodelt. Sich beständig ins Bewusstsein zu rufen, dass es nicht wirklich das eigene Leben ist, kostet Kraft.

Es geht daher darum, nicht nur gegen die Umstände, sondern auch gegen die Wut, die sich gegen uns selbst richtet, etwas zu tun. Die Energie, die im Zorn frei wird, zeigt nicht nur das Negative an und ermöglicht Kritik, sondern motiviert auch und kann Neues Eine Positionierung der fiber-Redaktion zum Schwerpunkt Wut und Aggression schaffen. Wenn die Wut drinnen bleibt, dann macht sie kaputt. Das sollten wir nicht zulassen! Es heißt auch, jenen nicht nachzugeben, die für diese Wut gesorgt haben. Es nicht zuzulassen, dass einEn dieser Unmut und diese Ohnmächtigkeit auffrisst oder einEr schließlich in Lethargie und Indifferenz kippt. Es geht darum, eine Alternative zu konstruieren, weiterzuentwickeln, offen zu halten und jenen Präsenz geben, die sie sonst nicht bekommen, jenen, die uns inspirieren, jenen, die sich nicht klein machen lassen oder jenen, die wir damit anspornen können, weiterzumachen.

Genau aus diesem Grund möchten wir mit Selbstermächtigung reagieren – und wo, wenn nicht in der Popkultur ist dies möglich? Sie ist sichtbar, sie ist laut und sie kann Spaß machen; Die Forde-
rungen gehen nicht verloren, sie finden einen Platz im Alltag. Das hat nichts mit „Fun-Feminismus“ zu tun, der Hintergrund ist ernst genug, die bitteren Tatsachen verschwinden nicht. Ständig stol-
pern wir über reaktionäre, gefährliche und unerwünschte Darstel-
lungen, die wir aufzeigen und kritisieren wollen.

Der Bereich der Popkultur scheint bestens geeignet, sich nicht beruhigen zu müssen, sondern loszubrüllen. Der Zorn mit allem drum und dran muss genützt werden. Es muss nicht immer nach logischen, schlüssigen Aussagen gesucht werden, um auf einer Bühne stehen, im öffentlichen Raum agieren, das, was nervt, for-
mulieren zu können. Darauf zu pfeifen, Legitimation für den Ärger zu bekommen, durch eine reflektierte, von aller Regung befreiten Argumentation. In der Popkultur kann und soll es um den größt-
möglichen Lärm, die stärkste Erregung, die schrillste Ästhetik und die zornigste, radikalste Agitation gehen.