Shout it Out

Kreischen, brüllen, kieren, fiepen, grölen – die Palette an unterschiedlichen Arten von Schreien in der Musik ist groß und bunt gemischt. Wie Frauen den Schrei als Ausdrucksform von Wut und Aggression in Bereichen des Punkrock einsetzen, soll hier anhand einiger Beispiele kurz erläutert werden.


„I´m angry – jump around, scream and yell. I had to work out a lot of bitchiness and rage and anger and jumping and screaming and yelling during those first years of cleaning up“, so Lynn Breedlove, Sängerin der Queerpunkband Tribe 8. „I was a queer, I was oppressed. That´s what my anger was about.“ Diesen Ärger nehmen Tribe 8 mit auf die Bühne, deren Dildo-performances – die Musikerinnen treten gerne mit vorgeschnallten Gummidildos auf, denen je nach Songthematik unterschiedliche Bedeutungen zukommen – Teil ihres Auftretens sind. Sie lassen ihren Aggressionen freien Lauf, imitieren, verzerren die Grenzen normativer Zweigeschlechtlichkeit, sind wütend und genau
indem sie dies vor ein Publikum tragen, geben sie dem, was sich bisher nur im Bereich des „Privaten“ abgespielt hat, eine Öffentlichkeit. Sie entziehen sich den Zuschreibungen des „männlichen Blicks“, der sie auf bloße Objekte reduziert, spielen mit Rollenklischees und verabschieden sich von dem Bild einer Frau, der es nie erlaubt war, ihre Wut offen zu demonstrieren.

Im Schreien finden das Nebeneinander und Ineinandergreifen von Sex und Wut, das von Frauen erstmals in der Punkmusik so auf die Bühne getragen wurde, unterdrückte Aggressionen sowie die Lust am Performen ihren Ausdruck. Der Schrei kann als Zeichen
des Protests gegen das aufoktroyierte Bild einer lieblich dahinträllernden Sängerin, als nonverbale Ausdrucksform für Schmerz, Zorn, sowie aber auch einfach für Lust stehen – die Lust an der Wut, die Lust am Auftritt, am Schreien, die Lust, die Definitionsmacht des „männlichen Blicks“ für einen kurzen Moment an sich zu reißen, um ihn dann mit einer geballten Ladung Stimme die eigene Vorstellung von „Weiblichkeit“ und „Körperlichkeit“ zurückschmettern. „Men´s bodies are their own, whereas women´ bodies are regulated“, meint Lynn Payne, Bassistin von Tribe 8, in einem Interview, indem sie erzählt, wie die Polizei eines ihrer Konzerte in Provincetown unterbrach und sie aus Angst vor dem Anblick nackter Brüste aufforderte, sich ihr T-Shirt wieder überzuziehen, doch den aus ihrer Hose hängenden Gummipenis völlig ignorierten.

Die Schreie in der Musik sind auch ein Mittel, um mit den gängigen
Vorstellungen von „weiblicher Aggression“, die meist dem Prädikat „emotional, hilflos und hysterisch“ unterworfen ist, zu brechen und sich lauthals gegen diese patriarchale Vorstellung von lieblich gefühlsbetonten Sängerinnen aufzulehnen ... ganz im Sinne von Peaches´ „I Don´t Give a Fuck!“

Die in Berlin lebende Kanadierin verkörpert den Schrei als eine kraftvolle Kombination aus Wut am Festhalten von bestimmten Rollenbildern und Denkmustern, „weiblichen“ Verhaltenscodices - „I don´t give a damn ´bout my reputation“ - und die Lust vor und mit ihrem Publikum zu performen -„wenn es lockere Sprüche gibt wie ‘shake your tits´, dann sollten wir auch sagen ‘shake your dicks´ ... wie oft wurde schon gesagt, los, Mädels, schwenkt eure Titten oder euren Arsch? Ich will den Typen einfach eine Chance geben, denn irgendwie tun sie mir ja Leid, weil immer nur die Mädchen schütteln dürfen und nie die Jungs“. Peaches´ „I Don´t Give ...“ ist ihre ganz eigene Version von Joan Jetts 1980 erschienenem Song „Bad Reputation“, der von einem Mädchen handelt das so lebt wie es ihr gefällt und nicht viel auf die Meinung Anderer hält - „I don´t have to please no one“.

Die Strategie des Schreis kann so auch als Form der Durchsetzungskraft verstanden werden, die mit dem Bild der „Frau“, die es eben allen recht zu machen hat, allen gefallen soll und nicht wütend sein darf bricht. Ein Wunsch, den auch die Riot Grrrl Band Bikini Kill nicht für sich behalten möchte: „we´re the girls with the bad reputations / we are gonna have our say“.

text: Ulli Mayer

Diskografie
Tribe 8: Fist City. Alternative Tentacles 1995
Role Models For America. Alternative Tentacles 1998
Joan Jett: Joan Jett. Blackheart Records 1980
Bikini Kill: Reject All American. Kill Rock Stars 1996
Peaches: Fatherfucker. XL Recordings 2003