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„Verachtung ist die Devise des Tages“
Valerie Solanas 1968
Ein kurzer Abriss über wütende feministische Manifeste, die nicht die Welt bewegten,
dafür die Autorinnen. Von Heide Hammer und Stephanie Kiessling
Als Helene
von Druskowitz vor 100 Jahren ihren Text „Der Mann als logische und sittliche Unmöglichkeit und als Fluch der Welt“ verfasste, waren ihre „pessimistischen Kardinalsätze“ ein Bruch mit der männlichen
Welt und ihre Forderungen waren klar: Frauen und Männer getrennt – in Städten, Regierungen,
Gräbern. Nur durch diesen Schnitt erschien ihr der Frauen Selbstbefreiung realisierbar, zu bitter die
Erkenntnis über die verzweigten und perfiden Systeme des männlichen Machterhalts und – so wäre Frigga Haug heute nicht müde hinzuzufügen – über die weibliche Beteiligung an der Selbstunterwerfung.
Differenzierungen, wie sie heute in (post-)modernen, feministischen Diskursen Usus sind, die Infragestellung der homogenen Gruppe „Frau“ und/oder die Reflexion über die eigene Teilhabe an Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnissen hätten das Formulieren ihrer radikalen Überlegungen verunmöglicht. In der Aneignung der männliche Sprechweise, dem Setzten der eigene Erkenntnis als universell, schrieb Helene von Druskowitz ihrem Hass ein Monument, das von der Vorstellung der Frau als einem höheren, „würdigeren, holderen Wesen“ diktiert wurde.
Doch wenn die Wut nicht weiter reicht als bis zu elitären Fantasien,
die in simpler Teilung des Gegebenen den weiblichen Adel gegen das Tierische, Proletarische des Mannes erhebt, dann weicht die Faszination über diese Radikalität dem Ärger über einen vielfach ähnlichen Impuls: Die Sicht auf Unterdrückung und Gewalt wird in eigene Gewaltphantasien
transformiert, das Mindere muss identifiziert, isoliert und letztlich zerstört werden, um die eigene Homogenität, Phantasien von Reinheit und Größe zu nähren.
Die gegenwärtige Scheu, das Zurückschrecken vor dem Zerstörenwollen resultiert auch aus historischen
Versatzstücken: Das Wissen um das Umschlagen in die faschistische Verherrlichung des geschlossenen
Eigenen bewahrt vor solchen Rundumschlägen. Radikalität und Zerstörungen bieten per se keine erstrebenswerte Qualität: Die Futuristen – die auch ein bemerkenswertes Manifest formulierten – wechselten zahlreich auf die Seite des Faschismus. Druskowitz ist Theosofin, ihr Denken ist elitär hierarchisch und ihr platter Platonismus unterstützt ihre antidemokratische Haltung.
Zerstörung und Verachtung – in ähnlicher Radikalität schritt auch Valerie Solanas zu Werke, als sie 1968 ihr „S.C.U.M Manifesto“ (Society for Cutting up Men – Gesellschaft zur Vernichtung der Männer) publizierte. In ihrer Wut über das Ausgestoßensein der Frauen und deren Ausbeutung fordert sie die Vernichtung der Männer bis zur Auflösung des „Geld-Arbeits-Systems“ und „bis genügend Frauen
entweder nicht arbeiten oder ihre Jobs aufgeben, bis sie anfangen zu klauen und zu plündern, bis sie ihre Männer verlassen und sich weigern, all den Gesetzen, die einer zivilisierten Gesellschaft unwürdig
sind, zu gehorchen.“ Weniger verrückt 1 als ironisch der Appell an den (schein-)revolutionären Geist ihrer Zeit, das Postulat einer Bewegung, die kein Bündnis zwischen Männern und Frauen kennt, sondern nur die völlige Auslöschung und Zerstörung des Bekannten:
„‚Dropout’ ist keine Losung – Kaputtmachen ist’s. Die meisten Frauen sind schon ‚Dropouts’, sie
waren niemals ‚in‘. Wer ‚outdropt’, überlässt denen die Herrschaft, die nicht ‚outdroppen’. ‚Dropout’ ist genau das, was die Anführer des Establishments wollen, damit spielen wir dem Feind genau
in die Hand und stärken das System, statt es zu unterminieren. Denn es beruht ganz auf der
Passivität, Nichtbeteiligung, Apathie und Gleichgültigkeit der Masse der Frauen. ’Dropout’ ist
jedoch eine ausgezeichnete Politik für Männer, und SCUM wird dies mit Freuden unterstützen.“
(Valerie Solanas 1968)
Das S.C.U.M. Manifest,
das gegenwärtigen
Versuchen von
feministischem
Empowerment wesentlich näher steht, ermöglicht die Aktualisierung eindrücklicher
Formulierungen und unentschiedener
analytischer und somit auch taktischer Positionen. Wenn Valerie Solanas schreibt: „Der männliche
Rebell ist eine Farce, denn wir leben in einer Gesellschaft
des Mannes, die er sich schuf, um seine Bedürfnisse
zu befriedigen“, dann ist offensichtlich: Hier wird die Komplexität herrschender Vergesellschaftung auf ein
Element reduziert. Betrachtet eineR Sex als die grundlegende Kategorie, entlang der gängige hierarchische
Modelle in ständiger Wiederholung stabilisiert werden, drängt sich die Frage auf, welches
Interesse jene haben sollten, dieses System zu zerstören, das ihnen so viele Vorzüge bietet.
Entlang dieser Mechanismen selbst Vernichtungsphantasien zu verwerfen, einer „Elite der Elite: den Killerinnen“ (Solanas) nicht angehören zu wollen, dient nicht nur der Beruhigung der eigenen Person und der Verhältnisse, ist vielmehr nötig, um miteinander sinnvoll in Beziehung zu treten. Wenn aber aufgrund einer Fülle an Missständen Lethargie und Unbeweglichkeit bleiben, kann gesellschaftliches Funktionieren zwar erklärt werden, wie aber aus der Analyse eine Umkehrung der bestehenden Verhältnisse
wird, in welchen (auch) Frau ein erniedrigtes und erniedrigendes, verachtendes und verächtliches
Wesen ist, welche Taten dem entgegenzusetzen sind, bleibt unbeantwortet. Das von
Solanas erträumte Kollektiv besteht zumindest in dieser Ablehnung des dermaßen Regiert-Werdens.
Fußnote
1 Beide Frauen wurden als psychisch krank weggesperrt oder isoliert. Helene von Druskowitz wurde 27 Jahre lang bis zu ihrem Tod 1918 in der psychiatrischen
Anstalt Mauer-Oehling festgehalten,
Valerie Solanas starb nach ihrer Entlassung aus der Haft (nachdem sie auf Andy Warhol geschossen hatte) aus dem Hospital für Kriminelle Geisteskranke
mittellos 1988 in einem Obdachlosenheim
in New York.
Literatur
Helene von Druskowitz: Der Mann als logische und sittliche Unmöglichkeit und als Fluch der Welt. Kore Verlag 1988
Valerie Solanas: Society for Cutting up Men: SCUM Manifesto. Maro Verlag 1996 (erweitert um einen Text von Andy Warhol: „Nachdem sie mich niedergeschossen
hatte, ...“)
Hinkrike Gronewold: „Die geistige Amazone“
über Helene von Druskowitz. in: Luise F. Pusch (Hg.): Wahnsinnsfrauen. 1992 Suhrkamp
Mary Harron: „Valerie Solanas“. in:
Michaela Adelberger & Maren Lübbke (Hg.): Rebellinnen - Leben als Aufstand. Goldmann-Verlag 1999
Mary Harron „I Shot Andy Warhol“ (Spielfilm mit Lili Taylor, GB/USA 1996)
Stephanie Kiessling lebt und arbeitet in Wien, Redaktionsmitglied von fiber, Soziologin und beständig auf der Suche.
Heide Hammer, Philosophin,
klüngelt in Wien
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