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„Let`s have a problem“
Fibrige Kontroverse zum Thema Wut und Aggression
als treibender Motor in der Popkultur
Ausgehend von dem
Slogan der Cobra Killers: „Let´s have a problem“, fand die fibrige Kontroverse im März 2005 zum Thema „Wut und Aggression als treibender Motor in der Popkultur“ statt. Über hundert
BesucherInnen folgten unserer Einladung ins Kosmos.Theater, um dieses Thema im Rahmen des dreitätigen Symposiums „Widerstand im Sissiland“ zu diskutieren
Am Podium konnten Sonja Eismann (Poptheoretikerin und Redakteurin beim Kölner Musikmagazin Intro), Heidi (Historikerin und Mitorganisatorin des Ladyfests Wien 04), Sushi (Mitorganisatorin des Ladyfests Wien 04, Queer-Theoretikerin und Gelegenheits-DJ), Marty Huber (Dramaturgin, Autorin und Performancetheoretikerin),
Birgit Michlmayr (Musikerin bei First Fatal Kiss und Nin Com Poop) und Renée Winter (Musikerin bei First Fatal Kiss) begrüßt
werden. Moderiert wurde von Elisabeth Mayerhofer.
Nach einem musikalischen Einstieg der Wiener
All-female-Band First Fatal Kiss startet die Diskussion mit einem Impulsreferat von Sonja Eismann, hier gekürzt wiedergegeben.
Sonja Eismann: Wenn man das Begriffspaar weiblich und aggressiv ganz traditionell betrachtet, gilt dies als nicht zusammengehörig: Aggression ist unweiblich
und entstellt Frauen, die zugedachte Rolle ist passiv – auch in allen Bereichen der Popkultur.
Wie ich das verstehe, ist die Prämisse dieses Abends, dies zu unterminieren. Die Veränderungen im
gesellschaftlichen Kontext werden sehr gut in der Geschichte der populären Musik widergespiegelt und sind hier gut nachvollziehbar. Es beginnt mit den braven Girlgroups und Folksängerinnen der 1960er und den Hippies der 1970er, mit einer Betonung des „Femininen“, des Emotionalen. Aggressives Potential war überhaupt nicht gefragt. Es gab natürlich Ausnahmen,
die in diesem Fall aber die Regel bestätigten.
In den 1970er Jahren kam Punk mit seiner Do-it-yourself-Ästhetik, er machte vieles möglich. Frauen hatten eher Zugang zu Instrumenten, um sich damit auf die Bühne zu stellen. Sie konnten doppelt rebellieren, gegen die Gesellschaft an sich und gegen ihre Rolle als Frau, sie taten das mit großer Zerstörungswut und Begeisterung. Das unausgesprochene
Versprechen, Geschlechterrollen zu
dekonstruieren, wurde aber weitestgehend nicht eingelöst. Das kam dann erst mit der Riot-Grrrl-Bewegung, die eine große Rolle gespielt hat bei der Entstehung der Ladyfeste. Diese haben sich ganz klar gegen die sexistischen Strukturen in der vermeintlich alternativen Musikszene gewandt. Sehr viel Hass und Wut wurden auf eine produktive Art und Weise freigesetzt.
So produktiv es auch war, manches wurde im Nachhinein kritisch gesehen, wie zum Beispiel die Selbstbezeichnung als „Slut“ oder „Bitch“, angelehnt
an die Zurückeroberung des Begriffs „Nigger“, wie es bei Afroamerikanern und Afroamerikanerinnen der Fall war. Kathleen Hanna – eine der Hauptprotagonistinnen
der Bewegung – meinte, sich „Slut“ auf den Bauch zu schreiben, wäre so, wie sich selbst ins Gesicht zu schlagen bevor es jemand anderer tut. In diesem Framework hat sich in progressiven feministischen Kreisen die Meinung kanonisiert, dass Aggressionen auszuleben ein befreiender Akt und ein wichtiger Motor für Veränderungen ist, was ich auf jeden Fall unterschreibe. Trotzdem möchte ich diese Annahme problematisieren, damit dieser Konsens kein Selbstläufer wird und in verklärender
feministischer Revolutionsromantik endet.
Wichtig ist, sich zu weigern, in jeder aggressiven weiblichen Äußerung
etwas Progressives zu sehen und jede sanfte als regressiv. Es gibt genug provinzielle Retro-Surf-Kapellen, wo auch nur ganz
reaktionäre Rockposen eingenommen werden, egal ob von Männern oder Frauen. Oder Musik, die nach klassischen Sichtweisen als sehr sanft wahrgenommen wird, die aber gewisse Vorstellungen von Weiblichkeit unterlaufen kann, ein sehr gutes Beispiel ist die Wiener Musikerin Gustav.
In der Medienrezeption weiblicher Aggressivität wird’s dann oft haarig, weil sie in einer Weise instrumentalisiert, die sehr kontraproduktiv
und unangenehm ist. Es hat sich eine Ikonografie der aggressiven Frau herausgebildet, die sexuell aufgeladen ist. Da möchte ich die Frage ansetzen, inwieweit es möglich ist, sich diesen patriarchalen
Rezeptionsmustern zu entziehen und eine Form der Handlungsmöglichkeit zu entwickeln, die sich vom männlichen Blick auf weibliche Wut freimacht. Gibt es einen männlichen und weiblichen Blick und was soll das sein?
In meiner Betrachtung der Medien habe ich festgestellt, dass weibliche Aggression im Pop in gewisser Weise zum Fetisch geworden ist. Auf einer Bildebene ist sie sehr gefragt und mündet in letztlich sinnentleerten lächerlichen Fremdzuschreibungen wie „Angry Women“, die nichts mehr sagen, sondern nur mehr eine Pose
abbilden.
Gibt es eine Möglichkeit, sich diesem patriarchalen Blick zu
entziehen, indem man sich zum Beispiel den geltenden Schönheitsidealen
verweigert in seiner aggressiven Äußerung? Es gibt beispielsweise ein Bild von der Band Tribe 8, wo die Sängerin mit nacktem Oberköper auf der Bühne steht und ein Mann, vor ihr kniend, an einem Dildo leckt. Ein Bild, das wahrscheinlich nicht für heterosexuelle Fantasien taugt. Kann es also einen ungegenderten
Blick geben und wo kann man die Linie zwischen Subjektifizierung
und Empowerment ziehen?
Nach der Vorstellrunde der Podiumsdiskutantinnen führt die
Diskussion zu den öffentlichen Reaktionen auf das Ladyfest 04.
Elisabeth Mayerhofer: In dieser Diskussion wurden mehrere Beispiele
genannt, wie Wut und Aggression in etwas Produktives münden
können. Da bekomme ich ein schlechtes Gefühl. Es geht ja um Wut als Reaktion auf diverse Formen von Gewalt und die mündet in etwas Schönes? Manche Reaktionen auf das Ladyfest waren fast zu erfreulich, im Sinne von: Jetzt machen sie endlich mal was Nettes, anstatt unproduktive Gewalt auszuüben. Wie seht ihr das? Wie seid ihr mit diesem Feedback umgegangen?
Sushi: Diese Rückmeldungen, von denen du gesprochen hast, habe ich nicht mitbekommen, das Ladyfest war doch zu sperrig, um in einen schlanken, glatten Kontext zu passen. Dafür haben wir uns auch zu viele Gedanken gemacht, wie wir es repräsentieren oder, besser gesagt: wie wir es nicht repräsentieren wollen. Das kann zwar scheitern, aber diese Kritik kommt bei mir nicht an, weil mir wichtiger erscheint, dass wir weiter machen, dass wir uns nicht ausgesponnen haben. Es gibt uns noch als verkleinerte Gruppe und wir wollen auch weiterhin Aktionen im öffentlichen Raum setzen.
Heidi: Da das Ladyfest mit Inhalten gefüllt war, die andere Ver-
haltensweisen verlangt haben und Räume eingenommen wurden, gab es auch Momente, in denen das zu Gewalt führte. Es wurde nicht nur positiv aufgenommen, es gab sehr wohl Leute, die damit Probleme hatten, dass jetzt andere Regeln gelten als sonst zum Beispiel in der KünstlerInnenhauspassage.
Hier lenkt die Moderatorin zu den eingangs gestellten Fragen ein.
Elisabeth Mayerhofer: Gestern diskutierten wir zum Thema Hysterie, die ja sehr an dem weiblichen Körper klebt, und unter anderem auch über feministische Kunstrepräsentationen, beispielsweise die Genitalpanik von Valie Export, mit der Waffe in der Hand. Es geht also oft um den eigenen Körper. Ich hätte gern noch die eine Frage aufgegriffen: Wie kann ungegenderte Aggression in einer gegenderten
Welt möglich sein?
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