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Solo- und Paartänze DJs erzählen im Rahmen unseres Schwerpunktthemas über ihre Netzwerke, oder warum sie ohne sie besser dran sind. Vielleicht weil es eine Konkurrenz um Kapital gibt, das nicht nur aus ökonomischen Ressourcen besteht und eben dies nicht thematisiert wird. Dass der Umgang mit kulturellen Ressourcen auch in solidarisierten Zusammenschlüssen wie DJ-Netzwerken Konkurrenz bedeuten kann, ist natürlich nicht ausgeschlossen. Dass DJs als Einzelne diese Netzwerke gut brauchen können ebenso wenig. Auflegen ist ein coole Sache, soviel ist klar. Dass es immer noch zu wenige Frauen gibt, die uns das Nachtleben mit ihrer Musik versüßen, ebenso. Female Pressure, Quote, Ladyshave, Junglistic Sistaz sind nur einige Beispiele dafür, dass sich Frauen zusammentun, um daran zu arbeiten, endlich die DJ hinterm Turntable stehen zu sehen – nicht nur alle paar Wochen, sondern öfter, sehr viel öfter, am öftersten! Obwohl es für viele nicht darum geht, damit ernsthaft Kohle zu verdienen: Wenn das so ist, umso besser. Aber seien wir doch ehrlich, liebe DJs: Ist es nicht schön, wenn alles nach eurer Musik tanzt? Inwiefern gibt es in einem kulturellen Feld, das bezahlte Jobs anbieten kann, in dem aber auch ein DJ-Gig ohne Gage selbstverständlich ist, Konkurrenz? Und wie verbündet frau sich mit Kolleginnen, ohne sich in einen Kampf um kulturelle oder ökonomische Ressourcen zu stürzen? Darüber und über einiges mehr erzählen (rein alphabetisch geordnet) Bilqis, Electric Indigo (Female Pressure), Lisa Max (Quote), Sweet Susie, DJ Tibcurl, Vina Yun (Quote), DJ XYZ 1. Was muss ein DJ-Netzwerk können, was muss die DJ für das Netzwerk leisten und was will die DJ dafür haben? „ Netzwerke sind nicht hierarchiefrei, auch wenn das gern behauptet wird. Ganz im Gegenteil funktionieren sie nur um Akteurinnen herum, die ein bestimmtes Kapital haben und das sie ins Netzwerk einbringen. Meistens gibt es einen ‚inner circle‘ in einem Netzwerk, der aus wenigen besteht, um die sich in größeren Kreisen die anderen Teilnehmerinnen des Netzwerks anlagern.“ 2 Dieses Kapital können zum Beispiel zeitliche Ressourcen sein. Electric Indigo über ein DJ-Kollektiv in Hamburg, das sich schon vor einiger Zeit aufgelöst hat: „Das Engagement kann wahrscheinlich nicht immer von allen gleichermaßen da sein, ein paar sind besonders aktiv, andere lassen sich eher so mitnehmen – das kann über einen längeren Zeitraum natürlich problematisch werden.“ Neben zeitlichen Ressourcen sind auch Information oder einfach Connections sehr wertvoll. Bilqis weiß, dass gerade bezahlte Termine von Männern vergeben werden: „Bezahlte Gigs bekomme ich immer von Männern vermittelt. Das macht es schwierig, andere Frauen miteinzubeziehen – informelle Männerbünde funktionieren ja gut.“ Electric Indigo, Gründerin von F emale Pressure, sieht die männlichen Teilhaber deutlich in der Überzahl – „da ist die Wahrscheinlichkeit klar höher, von einem Mann gefragt zu werden“. Kontakte zu VeranstalterInnen oder ClubbesitzerInnen sind also Goldes wert. Das alles legt nahe, sich zu einem Netzwerk zusammenzutun. „ Netzwerke für Frauen stufe ich als sehr wichtig ein, ich würde aber dafür plädieren, auch auf andere Möglichkeiten und Kontakte zu beharren. Eine Welt in der Frauennetzwerke gegen Männernetzwerke arbeiten, kann ich mir nicht vorstellen, besonders wenn ökonomische Ressourcen in Betracht gezogen werden – das Geld haben nach wie vor die Männer“ (Lisa Max ). Von Connections außerhalb von definierten Frauennetzwerken weiß Sweet Susie zu berichten. Ihre Kontaktadresse ist zwar bei Female Pressure zu finden, sie sieht sich aber selbst eher nur als „Eintrag, andere sind da sicher viel aktiver. Ich hab ja auch meine eigenen Netzwerke, die so ausschauen, dass ich seit neun Jahren den Dub Club mache. Ich hatte natürlich ein Händchen fürs DJing, zustande gekommen ist es aber auch, weil ich mit einem DJ-Kollegen zusammen war. Da bin ich nicht die Einzige, die so rein kam. Durch die lange Zeit kenne ich mittlerweile den größten Teil der DJ- und ProduzentInnenszene. Männliche DJ-Kollegen wissen noch immer nicht ganz genau, ob ihnen das jetzt passt, dass ich erfolgreich bin oder nicht.“ Es scheint für einen DJ nicht immer ganz klar zu sein, ob eine DJ wirklich eine Gegner Innenschaft darstellt. Sweet Susie: „Ich hab ja jetzt auch begonnen, selbst Musik zu produzieren 3, das geht jetzt schon alles etwas zu weit“ (lacht). DJ XYZ arbeitet auch nicht mit deklarierten DJ-Netzwerken zusammen. Sie hat aber mal welche aufgebaut, diese jedoch wieder verlassen. „Dass es in Frauennetzwerken genauso um Dominanz, Macht, Konkurrenz, Neid etc. geht, finde ich wichtig zu benennen. Es ist schon albern zu glauben, dass diese Eigenschaften, die unter anderem konstituierend für die kapitalistische Gesellschaft sind, bei solchen Netzwerken nicht vorhanden wären.“ Lisa Max von Quote sieht innerhalb dieses feministischen Netzwerks, das es sich zum Ziel gesetzt hat, „das Wiener Nachtleben zu entern und umzukrempeln“, keinen Rahmen für Konkurrenz, „weil wir vorwiegend in einem feministischen Umfeld agieren, werden wir meist für Soliprojekte oder andere nicht sonderlich gut bezahlte Events angefragt. Bisher war Konkurrenz kein Thema.“ Und Quote prophezeit weiters: „Wir fangen klein an und werden groß und dekadent werden!“ Insofern wird der Konkurrenzbegriff vor allem in einem ökonomischen Kontext gedacht. Da fällt mir aber ein, dass sich eine ambitionierte DJ mir kürzlich etwas enttäuscht zuwandte und betreffend eines Interviews für diesen Artikel feststellte: „Na super, und warum hast du mich nicht gefragt?“ Ich kann also vermuten, es geht nicht immer gleich ums liebe Geld, wenn es um Rivalität geht. Außerdem muss ich gestehen, ist mir selbst auch bei der Auswahl meiner Gesprächspartnerinnen der eine oder andere Vorteil durch mein durchtriebenes Köpfchen gehuscht, der eine oder andere Platz auf einer GästeInnenliste vielleicht oder … (Siehe meine Skizze: An ihr ist abzulesen, welche Netzwerke ich nutzte.) Inhaltliche und politische Auseinandersetzung? Aber eigene Interessen zu vertreten, ist nicht gleich böse! DJ Tibcurl ist als Veranstalterin hier eine große Zurückhaltung aufgefallen: „Männer leisten ungleich mehr Eigen-PR-Arbeit und bieten sich selbstständig permanent an, von Männern bekomme ich laufend Angebote, von einer Frau habe ich bisher noch kein einziges Angebot bekommen!“ Ein solidarischer Anspruch muss die Eigen-PR nicht einschränken, Netzwerke können „ als Plattform und Lobby fungieren. Und natürlich gehen Frauen auch in diese Netzwerke rein, weil sie einen persönlichen Vorteil sehen – das ist vollkommen legitim und auch Sinn der Sache“ (Vina Yun). Dennoch: Die von Netzwerken etwas enttäuschte DJ XYZ hätte sich mehr Auseinandersetzung mit den Strukturen innerhalb eines Netzwerks gewünscht. „ Es hat für mich nur bedingt funktioniert, sich gegenseitig zu supporten, es ging schlussendlich nur darum, wer den coolsten Gig bekommt.“ Wichtig sei für sie, ebenso sich anzuschauen, wo Frauen ausgeschlossen werden. Sie spricht damit Ausschlusskriterien an, die darin bestehen, das schon benannte soziale Kapital 4 nicht zur Verfügung zu haben, also entweder knappe bis keine Möglichkeit, Zeit zu investieren sowie fehlende Kontakte, oder vielleicht sogar die „falsche“ Musik aufzulegen. Ausschlusskriterum: „Oh Baby, You Are Just a Livin’ Doll“ 5 Für manche Frauen ist es schwer, die richtige Community zu finden. Bilqis hat sich schon mal überlegt, bei Ladyshave anzuklopfen, hat es dann aber letztlich nicht gemacht: „Ich leg ja ausschließlich Soul auf – als Feministin muss ich eingestehen, dass viele Soultexte sehr sexistisch sind, vielleicht hab ich da Angst gehabt, in die Situation zu kommen, etwas legitimieren zu müssen. Wenn ich nicht mit Leuten aufgewachsen wäre, die jetzt alle auflegen, weiß ich nicht, wie und ob ich dazu gekommen wäre.“ Viele der Frauen, die „erfolgreich“ vernetzt sind, sind es auch mehrfach, wie z.B. DJ Tibcurl. „Die Mittel können sich so potenzieren, Aufgaben können aufgeteilt werden“, aber – gewisse Regeln müssen allerdings eingehalten werden: „Wer/was ist cool, was ist hip oder schon wieder vorbei? Die Szene wird getragen von einer starken Hierarchie dieser Codes.“ Nachdem einiges aufgezählt wurde, was frau braucht, damit die Party nach ihrer Pfeife tanzt, berichten natürlich auch DJs, wie und ob diese Mittel innerhalb von solidarischen Netzwerken zur Verfügung gestellt werden, wie jede DJ auch als Einzelne mehr Möglichkeiten bekommen kann – sie erzählen also von viel Solidarität und wenig Konkurrenz. Für Electric Indigo war Konkurrenzin einem negativen Kontext nie ein Thema, sondern „ eher ein freundlicher Versuch, wenn gemeinsam aufgelegt wird, die noch bessere Platte aufzulegen, oder die Platte genau im richtigen Moment zu spielen, aber das hat dann eher was Beflügelndes“. Vina Yun sieht den Vorteil, dass „e ine Gruppe in der Öffentlichkeit anders agieren kann, sie wird stärker wahrgenommen als eine einzelne Person. Ich habe Mitstreiterinnen an meiner Seite. Mit einer solchen Sicherheit im Rücken ist es ja auch durchaus möglich, sich als einzelne DJ zu versuchen. Letztlich kann die Referenz auf ein Kollektiv auch förderlich sein und das Interesse der anderen stärker auf sich lenken.“ Netzwerke können also vieles sein: eine Chance, Öffentlichkeit zu bekommen, eine Referenz usw. Aber vor allem stellen sie eine Tauschbeziehung zwischen Frauen her. Um in diesen Tausch von Ressourcen eingebunden zu sein, braucht die DJ nicht nur eine ausgeprägte Plattensammlung, sondern zumindest eine paar Verbündete, die das Wissen über die Dinge, die zu wissen gut sind, mit ihr teilen. text: Beate Hausbichler Fußnoten 1 Name wurde auf Wunsch der Gesprächspartnerin geändert. 2 Alaska: Zeitschrift für Internationalismus. Heft 245, Seite 6 3 Produktionslabel: Wax Appeal von Sweet Susi und Manni Montana mit Jodel Queen. 4 Für Pierre Bourdieu ist das soziale Kapital, das vor allem aus erworbenen und ererbten Connections besteht, wichtig im Kampf ums symbolische Kapital, die Anerkennung. Wie das ökonomische Kapital hat das symbolische Kapital die Fähigkeit, vielleicht auch die Tendenz, im Gegensatz zum bloßen Geld, mehr Kapital zu werden. In den kulturellen Feldern herrscht nach Bourdieu der Gegensatz zwischen Kunst und Geld, das heißt, wer das eine bekommt, hat es schwer, das andere zu behalten. Der Gegensatz zwischen Avantgarde und etablierter Kultur gründet auf diesem Gegensatz. Die Kulturproduzent Innen sind beherrschte BeherrscherInnen, da sie im Feld der Macht zu den vom ökonomischen Feld Beherrschten gehören, im gesamten sozialen Feld aber zu den herrschenden Kapitalbesitzer Innen. Allerdings kann das symbolische Kapital in der Wechselstube der Geschichte auch gegen ökonomisches Kapital eingetauscht werden. Siehe Literaturtipp. (Text d. Anm.: Michael Pucher.) 5 Songtitel von Soulsänger J.J. Barnes („Born Again“, Perception 1973). Literaturtipp Bourdieu, Pierre: Die Regeln der Kunst. Suhrkamp 2001 |
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