FreundInnenschaft: reaktionär. antiprivat.

Sie meint immer eineN konkreteN AndereN. Zeit ist für sie kein Kriterium. In ihr gibt es Vertrauen und Verantwortungsgefühl. Die Gefahr der Enttäuschung und auch das Unaussprechbare. Und sie wirft Fragen nach Andersheit und Ähnlichkeit auf. Freundschaft (kein Gruß!). Von Ines Garnitschnig

Bei meinen FreundInnen halte ich mich frei von Erwartungen. Ich kann mich von der Allgemeinheit, dem mich zur Pflicht rufenden Klischee ausruhen. Ich kann entspannt die Andere sein. Ich kann mich offenbaren. Oder auf die Bedeutungen vertrauen, die ein Ereignis durch einen Ein-Wort-Kommentar bekommt. Auch mein Schweigen füllt den Raum nicht mit Peinlichkeit und Misstrauen. Die Möglichkeit, füreinander zu sprechen, zu handeln, anstatt uns selbst verärgert zu verteidigen, entspannt uns ungemein. Unsere Bewegungen in der U-Bahn werden nicht nur selbstverständlicher, ihre Qualität ändert sich. Wenn ich unter Menschen bin, die mich verunsichern, reicht ein Telefonat und die Erinnerung an mich an einem anderen Ort.

Meine FreundInnen formen mich. Das bedeutet gleichzeitig, dass FreundInnenschaft begrenzt, also je spezifisch ist. In ihrer Anzahl. Und ihrem Inhalt nach. Hier von einem Ideal, einem Singulären zu sprechen, würde bedeuten zu verkennen, dass FreundInnenschaft sich dem Allgemeinen widersetzt. Sie lebt vom Konkreten.

Aus all dem zu schließen, FreundInnenschaft sei allein durch freien Willen bestimmt, wäre allerdings absurd. Das, was als innere Verbundenheit erscheint, entspringt aus der Wechselwirkung zwischen Habitus, Interessen, sozialem Status und Narzissmus und ist immer auch ein Mittel der sozialen Segregation. Funktioniert nicht so ganz, der Rückzug aufs „Private“. Die Machtstrukturen, die zur Wahl und Erhaltung von FreundInnenschaften beitragen, bleiben unsichtbar und wirken umso effizienter im Sinne der Stabilisierung des Regimes der Ab- und Ausgrenzung. Wie viele FreundInnen, die unterm Existenzminimum leben (Anm.: Liste bitte selbst vervollständigen!), erträgt mein Gewissen? Oder mein Lebensstandard? Oder meine „Freizeitgestaltung“?

Es lässt sich vermuten: FreundInnenschaft rekurriert auch deshalb auf Ähnlichkeit, weil so das Geben und Nehmen, das als Ideal der Gerechtigkeit alltagstheoretisch anerkannt ist, aufrechterhalten werden kann, ohne dass wir uns allzuviel Gedanken um die Vielfalt der möglichen Gaben machen müssten.

Dennoch muss ich einschränken. FreundInnenschaft lässt sich nicht beliebig ausdehnen. Es besteht ein Unterschied zwischen FreundIn und MenschenfreundIn. Zweitere freundet einseitig.

Wie verhält es sich nun aber, da ich nicht alle Welt zu FreundInnen haben kann, mit meiner Haltung zu jenen Menschen, die weder meine FreundInnen sind noch meine FeindInnen? Hier geht es um FreundInnenschaft als Haltung. Eine solche Haltung beruft sich nicht auf Wechselseitigkeit: Sie funktioniert nicht, wenn sie auf Erwiderung hofft. Diese FreundInnenschaft als Haltung ist Solidarität. Eine Haltung des Jemanden-Haltens, nicht des Stillhaltens.

Entspricht der FreundInnenschaft die FeindInnenschaft, so bildet das Gegenstück zur Solidarität die Konkurrenz. Diese Paare lassen sich nicht kreuzen. Konkurrenz ist eine Haltung, die kapitalistische Verhältnisse hervorgebracht hat – nachzulesen bei Marx oder im etymologischen Wörterbuch. Konkurrenz bedeutet Selbstfeindschaft insofern, als sich unser Zerstörungswille hier nicht auf das System der Unterdrückung, dessen Teil wir jeweils auch sind, richtet, sondern auf uns Gleichgestellte in unserer Lage als Unterdrückte. Dass wir – spätestens in der Schule – nicht an unserem eigenen Tun gemessen werden, sondern an dessen Verhältnis zum Tun der anderen, ist nur ein Ausdruck dieser gesellschaftlichen Verfasstheit. Eine FeindInnenschaft ist etwas grundlegend anderes: Sie funktioniert ohne Weiteres über ein Machtgefälle hinweg. Sie unterwirft sich nicht dem Herrschaftssystem. Sie stört es vielleicht. Allerdings nur, wo sich die Maske der Privatheit lüftet.

Ähnliches gilt für die FreundInnenschaft: Wenn wir politische Verhältnisse mitdenken, wo Privatsphäre suggeriert wird, kann FreundInnenschaft über die konkreten Verhältnisse hinausweisen und ein Potenzial für Widerstand – dessen Erprobung? – entwickeln.

Und wo wir schon mal dabei sind: Solidarität ist die Haltung der Stunde! FreundInnenschaft sei die Spielwiese des Widerstands! Aber ja kein Zweckbündnis.