„Es genügt, einmal im Leben eine derartige Erfahrung gemacht zu haben.“

Isabella Bogner-Bader, Künstlerin, hat 2003 an „Tausche Familie“ teilgenommen. Sie erzählt von ihren Erfahrungen mit diesem Format.

fiber: Was war Ihre Motivation, an dieser Sendung teilzunehmen?

Isabella Bogner-Bader: Ich sah es als Experiment, auch in dem Zusammenhang, dass ich gerade an meinem Drehbuch für mein Musical „UMA – SOONA – mit der Kraft der Amazonen“ geschrieben habe. Ich bin kein besonderer Freund dieser oder ähnlicher Formate, da ich aber überraschend gefragt wurde 1 seitens ATV+ und ich es auch als Werbemöglichkeit für mich und meine künstlerische Tätigkeit sah, habe ich mich diesem Experiment gestellt.

fiber: Wie ist es Ihnen beim Tausch ergangen?

Bogner-Bader: Als ich die fertig geschnittene Sendung sah, habe ich mich über meinen Humor und meine Ruhe selbst gewundert. Ich glaube, ich habe während der fünf Tage mein Gehirn völlig ausgeschaltet, sonst hätte ich nicht so cool bleiben können.

fiber: Existieren Vereinbarungen mit dem Sender? Gab es eine Aufwandsentschädigung für Ihre Teilnahme?

Bogner-Bader: Den Vertrag schließt man mit der Produktionsfirma ab. Entschädigung gab es aber keine! Soviel ich weiß, kriegt keiner der Protagonisten eine Entschädigung oder Gage.

fiber: Haben Sie vor dem Start der Aufzeichnungen Informationen über die Tauschfamilie erhalten? Besteht ein Mitspracherecht der KandidatInnen z.B. bezüglich Auswahl der Tauschfamilie?

Bogner-Bader: Da ich dieses Format nicht kannte, wusste ich nicht wirklich, was auf mich zukommt. Zwei Redakteure kamen zu uns nach Hause, filmten und fotografierten uns und erzählten von vorangegangenen Drehs. Es klang sehr harmlos. Ich konnte mir aber schon vorstellen, dass ich in eine eher einfache Familie komme. Natürlich kann es bei der Entscheidung, zu wem man kommt, kein Mitspracherecht geben. Ich war so naiv und habe den Redakteuren noch erzählt, was die schlimmste Vorstellung für mich wäre. Na klar, dass es noch schlimmer gekommen ist. Davon lebt ja so ein Format.

fiber: Sind 24 Stunden Kameras vor Ort? Werden einzelne Szenen mehrmals gedreht und werden Regieanweisungen erteilt?

Bogner-Bader: Gedreht wird in zwei Schichten zu je acht Stunden. Es sei denn, besondere Vorfälle benötigen eine längere Drehzeit. Szenen werden nur beim ersten Betreten der Wohnung oder bei Begrüßungs- und Abschiedsszenen der eigenen Familie bis zu drei Mal wiederholt, weil ja die Kameraeinstellungen von innen und außen gedreht werden müssen. Regieanweisungen werden nicht direkt erteilt, aber bei besonders brisanten Themen wird nochmals nachgehakt. Ich hatte nie das Gefühl, manipuliert zu werden und hätte das auch nicht zugelassen. Die Sendung gab die Erlebnisse genau so wieder, wie ich sie erlebt habe. Ich war absolut authentisch und habe mich so gezeigt, wie ich bin. Ich habe nach fünf Minuten vergessen, dass ich gefilmt werde und da meine Emotionen so groß waren, konnte ich gar nicht anders, als die Wahrheit zu sagen.

fiber: Gibt es eine Art Handlungsleitfaden für die Sendung? Hätten Sie die Möglichkeit gehabt, während der Sendung auszusteigen?

Bogner-Bader: Es hat oft die Angst geherrscht, Josef [Mann aus Tauschfamilie] könnte total ausrasten. Der Regisseur hat beschwichtigend eingegriffen. Es kam nicht nur einmal vor, dass ich vom Regisseur aus der Wohnung geholt wurde, um einem tätlichen Angriff Josefs zu entgehen.

Ich wollte eigentlich nach zwei Stunden aussteigen. Da ich aber verhandelt habe und es jedem Anwesenden klar war, dass ich in diesem Saustall nicht schlafen, wohnen und arbeiten kann, durfte ich im Hotel wohnen 2. So habe ich auch aus Rücksicht auf meine eigene Familie und auf sämtliche Beteiligte durchgehalten.

fiber: Wie beurteilen Sie die Inszenierung von Rollenbildern in Shows wie „Tausche Familie“?

Bogner-Bader: Es ist so, dass das Rollenbild so gezeigt wird, weil das Leben sich so abspielt. Ich musste kämpfen, weil ich arbeiten wollte und mein Tauschmann Josef ein mieser Macho war. Ich denke, dass solche Formate nur den Zuschauer befriedigen sollen nach dem Motto: Na, schau, der geht‘s noch schlechter als mir! Oder: Die leben ja noch ärmer, brutaler und tiefer als wir. Es geht in diesen Sendungen einzig und alleine darum, von der eigenen Misere für eine Stunde wegzukommen. Es ist aber auch sehr menschlich, durchs Schlüsselloch schauen zu wollen.

fiber: Haben Sie von dieser Erfahrung profitiert? Würden Sie eine ähnliche Gelegenheit im Fernsehen wieder nutzen?

Bogner-Bader: Profitiert habe ich nur insofern, dass ich sehr viele positive Reaktionen bekommen habe. Ich war für die Zuseher nicht die abgehobene Künstlerin, sie konnten mich einmal aus einem anderen Blickwinkel sehen und das war für mich absolut o.k. Eine Wiederholung wird es für mich nicht geben. Ich werde keinen Familientausch mehr machen, keine Würmer essen und auch sonst keines dieser Formate mit meiner Anwesenheit schmücken.

Fußnoten:

Von ATV+ und RTL II war bis Redaktionsschluss keine Info zu bekommen, ob es eine übliche Praxis ist, Personen gezielt für die Teilnahme anzufragen. Bogner-Bader meinte, nach dem „ihre“ Folge ein Quotenhit war, hätte es sich bei ATV+ eingebürgert, im Verhältnis 50:50 Personen aus dem öffentlichen Leben anzusprechen.

2 In der Sendung wurden gestellte Szenen mit Isabella gezeigt, in denen sie im Pyjama im Bett liegt, um den Eindruck zu vermitteln, sie hätte in der Wohnung der Tauschfamilie übernachtet.