Auf alle Beteiligten wartet eine spannende Zeit …

Die billig produzierten Reality-Soaps haben im Privatfernsehen wieder Hochkonjunktur. Die Schlacht um die besten Quoten hat begonnen. Beatrice Bösiger, Alexa Jirez und Hanna Sohm spüren getauschten Frauen bzw. Familien nach und beschreiben, wie sich Konkurrenzdynamiken in diesen Formaten konstituieren.

Konflikt als Konzept

Das Konzept 1 der Quotenrenner „Tausche Familie“ (ATV+) oder „Frauentausch“ (RTL II) ist einfach: Zwei Familien tauschen für mehrere Tage mindestens ein Familienmitglied aus, welches laut RTL-II-Homepage „alle Rechte und Pflichten seines Pendants übernehmen muss, mit den Gewohnheiten, Ticks, Eigenheiten oder auch Aufgaben wie Job, Schule oder Haushalt“. Außergewöhnliche Situationen werden von vornherein impliziert – mehr noch: Konflikte werden zum Konzept erhoben. Die Programmverantwortlichen achten schon bei der Auswahl der Familien darauf, dass deren Zusammentreffen Reibereien verspricht. Die selbstbewusste, gut situierte Karrierefrau Isabella (siehe Interview) wird in die Familie des Machos aus „einfachen Verhältnissen“ getauscht. Familien werden also auf eine Art miteinander verglichen, die keinerlei Rücksicht auf ökonomische Verhältnisse oder persönliche Befindlichkeiten nimmt, da alle Beteiligten auf ihre Funktionen reduziert werden.

Weiters scheint während des Drehs ein Klima geschaffen zu werden, das einen Druck erzeugt, der sich in der völligen Entsolidarisierung zwischen den ProtagonistInnen offenbart. Im Zentrum des Interesses liegt dabei nicht, eine andere Familie kennen zu lernen. Die Aufmerksamkeit der DarstellerInnen ist meist auf „Mängel“ in der anderen Familie und der Betonung der eigenen Überlegenheit in Sachen Haushalt und „Familienmanagement“ gerichtet. Kommentare wie „Na, so wie’s da ausschaut, putzt die sicher nicht jeden Tag!“ oder „Meine Kinder würden sich das jetzt aber nicht erlauben!“ oder „Mein Mann sitzt nicht den ganzen Tag mit der Jogginghose auf der Couch!“ zeigen dies.

Zementierung von Stereotypen

In beiden Formaten wird in hohem Maße mit stereotypen Rollenbildern gearbeitet. Oberflächliche Darstellungen der ProtagonistInnen liefern den ZuseherInnen Orientierungspunkte und bewahren so die Überschaubarkeit der Sendung. Es geht nun nicht mehr um Monika und Manfred, sondern um die schusselige Frau mit fünf Kindern, die nicht kochen kann und den Macho, der immer nur Bier trinkt und sein Auto wäscht. Besonders in „Frauentausch“ ist zu beobachten, dass meist eine Frau dem „perfekten“ Bild der Ehefrau, Hausfrau und Mutter entspricht und als Ideal fungiert bzw. stilisiert wird. An diesem Ideal soll sich die andere Frau mit den „falschen“ Wertvorstellungen tunlichst orientieren, um auf den „richtigen“ Weg zu kommen. „Sigrid, deren Hobby“ (!) ihre elf Kinder sind, legt großen Wert auf Sauberkeit, geschmackvolle Einrichtung und gutes Essen“. Claudia hat eine einjährige Tochter mit ihrem Freund, „der früher DJ und Stripper war.“ „Wie wird Claudia, die nicht kochen kann, mit sechs Kindern umgehen, die gutes Essen gewöhnt sind? (…)Vielleicht kann Tauschmutter Claudia während der zehn Tage bei Sigrids Familie wertvolle Einsichten gewinnen!“ Wertvolle Einsichten dahingehend, wie „richtiges“ Hausfrau- und Muttersein funktioniert! Die gezeigten Szenen reduzieren das vielfältige Leben von Frauen auf eine reine Versorgungsfunktion, somit werden nur Hausfrauen und Mütter getauscht. Das Leben mit Kindern scheint nur aus dem rechtzeitigen Zubettbringen und dem Schmieren von Pausenbroten zu bestehen. Auch die partnerInnenschaftlichen Beziehungen bewegen sich hier nur auf einer zweckmäßigen Ebene, die ausschließlich auf das Aufteilen der Haushaltspflichten beschränkt ist. Erwerbsarbeit und eine mögliche Karriere der Frauen kommen in diesem Schema nicht vor. Sobald sich eine Frau weigert, in ihrer Tauschfamilie bestimmte Aufgaben zu übernehmen, wird ihr unmissverständlich klar gemacht, dass für derlei Allüren kein Platz ist: „Wenn meine Frau das macht, hast du das auch zu machen!“

Wer ist die Supermama?

Die Auswahl der Tauschfamilien, das Schüren von Konflikten und das Beharren auf idealisierten Rollenbildern bedingen in diesen Formaten Konkurrenzdynamiken. Konkurrenz wird inszeniert – von vornherein geht es darum, sich als tollere Familie oder pflichtbewusstere Frau zu profilieren. Die getauschten Familienmitglieder hinterlassen sich gegenseitig Botschaften, was sie alles zu tun und lassen haben. Somit ist z.B. die Tauschfrau sofort über ihre Rechte und Pflichten für die nächsten Tage im Bilde. Der Wettbewerb um die bessere Erledigung der Aufgaben kann beginnen!

Die ZuseherInnen sind das Publikum eines modernen GladiatorInnenkampfes. Sie gieren in der anonymen Masse voyeuristisch nach spektakulären Bildern und Vorkommnissen und sind gleichsam die SchiedsrichterInnen, die statt „Daumen hoch oder runter“ per SMS über „Sieg“ oder „Niederlage“ der „besseren“ – weil besser angepassten – Hausfrau und Mutter entscheiden. Der Siegerin winkt eine Reise.

Da es keine reale Konkurrenzsituation gibt, die durch das unmittelbare Interagieren zweier Menschen miteinander entsteht, wird durch die Auswahl der Bilder darauf geachtet, eine solche zu inszenieren und Rollenbilder zu verstärken. Die Vermutung liegt also nahe, dass die Beteiligten und ebenso die ZuseherInnen für eine erfolgreiche Inszenierung manipuliert werden. Dies zeigt sich auch in der Montage: Emotional berührende und durch Konflikte gekennzeichnete Szenen werden neutralen vorgezogen bzw. werden die fürs Fernsehen uninteressanten – weil unspektakulären – Situationen durch den Einsatz eines Voice-Overs 2 belebt. Dadurch wird den ZuschauerInnen klar gemacht, wie sie die gezeigten Bilder zu interpretieren haben. „Tauschmama Bärbel machen die vielen technischen Geräte Angst!“, kommentiert der Sprecher die Situation, als sich die Tauschfrau das erste Mal in der neuen Küche umsieht.

Diese und andere Kommentare aus dem Off, sowie die gesamte Dramaturgie dieser Sendungen verstärken den Eindruck, dass es sich um ein soziologisches Experiment – eine Art Laborsituation – handelt. Für uns war es unmöglich, diesen Formaten auch nur irgendetwas Positives abzugewinnen. Das ist bedauerlich, da die grundsätzliche Idee, völlig verschiedenen Menschen die Gelegenheit zu geben, eine Zeit lang „in den Schuhen des Anderen zu gehen“ durchaus originell sein könnte. Das Potential eines solchen Tauschs, der dazu anregen könnte, die eigenen Wertvorstellungen zu relativieren und den eigenen Horizont zu erweitern, wird nicht genützt.

Fußnoten:

1 „Frauentausch“ auf RTL II und „Tausche Familie“ auf ATV+ unterscheiden sich mittlerweile in ihrer konzeptionellen Ausrichtung insofern, dass bei „Frauentausch“ immer eine „Hausfrau“ getauscht wird, während bei „Tausche Familie“ eher „schräge Vögel“ in sozialpornographischer Manier die Umgebung wechseln.

2 Als Voice-Over wird eine kommentierende SprecherInnenstimme bezeichnet.