Vergessene Spiele: Donner – Wetter – Blitz oder Der Hase läuft über das Feld

Im Hof, wo häufig eine Meute Kinder spielte, die noch nicht zwischen Ballettunterricht, musikalischer Früherziehung und Leistungsdisziplinen aller Art hin- und herchauffiert wurde, herrschte mitunter „ein immens machtstrukturierter Zusammenhang, der von wortgewaltigeren und brutaleren Kindern diktiert wurde“: Ein Kind stand mit dem Rücken zu einer – in der Ausgangsposition horizontalen und einige Schritte entfernten – Reihe von SpielerInnen und brüllte im wohl kalkulierten oder noch weitgehend unbedarften Tempo eine Variation des Eingangssatzes. Währenddessen kam es vermeintlich darauf an, den/die SprecherIn zu erreichen, zu berühren, bevor diese/r sich umdrehte. Gelingt einem Kind die Bewegung, werden die Plätze getauscht, doch davor müssen manche auf die Ausgangsposition zurück, die Entscheidung darüber entspricht dem Machtdispositiv. [Auch hier ist das strukturelle Gefüge entscheidend, Gesagtes wie Ungesagtes, der Raum in dem die Kinder sich bewegen und ihre Beziehungen zueinander.] Die Spielregeln sind somit veränderlich und widersprüchlich, dennoch konnte/kann dieses Spiel mit Überzeugung und Vergnügen immer wiederholt werden. Die Praktiken des Spielens bedürfen keiner Klarheit, die Definitionsmacht resultiert aus der Anordnung der SpielerInnen, die jeweils auch nur so tun können, als wüssten sie, was gespielt wird. Ein Glück, dass die Anzahl der Möglichkeiten mit zunehmender Autonomie (der Kinder) steigt und irgendwann zwischen Spätadoleszenz und Quarterlifecrisis auch die früh versagten Unterhaltungsformen der Kulturindustrie durch Taiji, Power Yoga oder Djing kompensiert werden können.

Heide Hammer

Textgrundlage: Stefan Vater: Diskurs-Analyse-Intervention. Eine Methodologie der Diskursanalyse in illustrierten Redewendungen. Peter Lang 2003, bes. S.20.