Kumpelin: Wer, wenn nicht sie?!

„Schneller! Sie ist schon knapp hinter dir! Gib Gas!“ Obwohl ich der festen Überzeugung bin, dass ich komplett außerstande bin, diesem Antreiben der Trainerin Folge zu leisten, weil mir auf den letzten 100 Metern des 1500-Meter-Laufes eher nach Stehenbleiben zumute ist als nach schneller Laufen, hebe ich mit letzter Kraft meine tonnenschweren Beine noch einmal in schwindelerregende Höhen von zehn Zentimetern und schleife die offenen Schuhbänder über die Aschenbahn. Meine Anstrengungen werden insofern belohnt, als ich zumindest nicht Letzte werde.

Im Laufe meines Lebens habe ich schon eine Menge Sportarten – mehr oder weniger intensiv und dauerhaft – betrieben. Aus reinem Selbstzweck habe ich nie trainiert – ich wollte schon immer auch gewinnen. Die Freude am Sport hängt eng mit den darin erzielten Erfolgen zusammen. Meine Erfolge bestehen darin, das gegnerische Fußballteam, die Judopartner/innen oder die Mitbewerber/innen im Zehnkampf zu besiegen. Ein Wesenszug des Sports ist es, messbare Erfolge zu erzielen. Gibt es keine eindeutig sichtbaren Messlatten, werden Punkteskalen aufgestellt, die die Effizienz der Sportler/innen bewerten. So sind die Ergebnisse vergleichbar und eventuell verbesserbar.

Ich will möglichst viele Punkte. Das lässt sich unter anderem dadurch erreichen, dass ich schlicht und ergreifend körperlich trainiere. Und dann gibt’s da noch die psychologische Komponente. Ich brauche jemanden, der oder die als Lackmuspapier dafür dient, ob ich gut oder schlecht war, meine persönliche Messlatte. Gut – wollen wir realistisch bleiben, wenn ich mir jemanden aussuche, der/die Meilen über meinem Niveau liegt, wird das frustrierend – psychologisch nicht wertvoll. Die Mitstreiter sind also zum Großteil außer Konkurrenz. Hier ist eine Semiprofessionelle am Platz – die kann ich als Antriebskraft vergessen. Der kleine Dünne könnte zu packen sein, aber der ist mir gänzlich unbekannt, den kann ich nicht einschätzen. Schön – das schränkt die Suche nach der mich treibenden Kraft gehörig ein. Aber da ist ja noch meine liebe Freundin. Sie ist ähnlich sportlich wie ich, sie ist einschätzbar, sie wird mir die eine oder andere unsportliche Bemerkung im Eifer des Gefechts nicht übel nehmen – wer, wenn nicht sie!

Clara Fritsch