
![]() |
Im Sommer habe ich an dieser Stelle gesagt, dass ich es mir machen lassen sollte/könnte/müsste. Um ein bisschen trendy zu sein. Irgendwer will wirklich, dass ich das Thema nicht fallen lasse. Allgegenwärtig winken die Skalpelle und Kanülen (das sind diese Röhren, die die gelbbraune Substanz aus den Schenkeln rütteln). Eines Tages jedenfalls wollte ich dem Reha-Zentrum für TV-Geschädigte (habe im Moment keinen Fernsehapparat) entfliehen. Geknickt, frustriert und des Lebens überdrüssig flüchtete ich in die Arme meiner Freundin, die mit 5 Fernsehkanälen bestückt ist. Zuerst wurde uns gesagt: „Alles ist möglich.“ Aber wie ist denn alles möglich? Natürlich, ein paar Probleme sollten schon vorhanden sein. Zum Beispiel eine um 0,01mm zu lange Nase, zu weiche Oberschenkel, Zahnlücken. Mit diesen Beeinträchtigungen wendet sich die Verzweifelte an den Sender mit dem großen R. Dort sind sie sehr gnädig und mitfühlend. Vorausgesetzt frau hat ein paar Wochen Zeit. Die Nase wird gebrochen, Knorpel werden herausgezogen, Haut hinter den Ohren festgetuckert und das Bluten mit viel Watte gestillt. Dann wird ein bissl trainiert, gesund ernährt und Haare geschnitten. Während der ganzen Zeit gibt es für die Kandidatinnen keine Spiegel im OP-Container. Endlich, nach einigen Wochen wird das Ergebnis, showgerecht aufbereitet, präsentiert. Der erste Blick in den Spiegel vor einigen Hunderttausend FernsehzuschauerInnen löst ein hysterisches Gebrüll aus. Minutenlanges Sichbetatschen, um sicher zu gehen, wie verändert alles ist. Unterdrücktes Entsetzen bei Verwandten und FreundInnen. „Ich will durch das Äußere das Innere verändern“, sagt eine. Alles scheint möglich. Und wenn nicht, bietet der Sender mit dem großen R und der Zwei am Ende die „Letzte Hoffnung Skalpell“ an. Da wird dann nur noch blutig geschnitten, damit was verändert wird in dieser Welt. Und weil sich noch mehr verändern muss, wird uns noch „Kämpf um deine Frau!“ angeboten. Arme, verlassene Männer wollen sich ändern. Sie lernen im Sitzen pinkeln, kochen und sich um ihre Körperhygiene kümmern. Dann klappt es auch wieder mit der Ex, die ja eigentlich gar nicht mehr die Ex ist, weil die hat ja bereits das Innere durch das Äußere geändert. Mit wahnsinnig veränderten Magennerven gehe ich irgendwann nach Hause, wo alles so ist, wie es war. Ute Springer |
|