Immer nur Quickies, das ist öde!

Ute Springer und Gudrun Jöller trafen die Schriftstellerin Kathrin Röggla bei der Uraufführung ihres Stückes „Junk Space“ 1 beim steirischen herbst ´04 in Graz. In diesem Stück geht Röggla den verschiedensten Angstzuständen, Panikattacken und sozialen Phobien von Menschen nach. Die ProtagonistInnen wollen ihre Ängste besiegen und treffen einander in einem Seminar gegen Flugangst. Die Angstneurosen und Depressionen entpuppen sich als Strategien im Konkurrenzkampf und Leistungsdruck der Arbeitswelt.

Kathrin Röggla wurde in Salzburg geboren, lebt und arbeitet seit 1992 in Berlin. Sie erhielt 2004 den Förderpreis zum Schiller-Gedächtnis-Preis sowie den Preis der SWR-Bestenliste. Zuletzt erschien der Roman „Wir schlafen nicht“ 2.

fiber: Die Figuren in Deinen letzten beiden Werken „Wir schlafen nicht“ und „Junk Space“ haben Scheuklappen auf und laufen stur den Weg weiter, der ihnen schadet. Zugleich reflektieren sie ihre Situation ganz klar.

Kathrin Röggla: Das ist ein sehr zynisches Bewusstsein, sehenden Auges ins Unglück zu rennen. Das habe ich bei meinen Interviewpartnern erlebt. Also, einerseits involviert zu sein und andererseits das Geschehen von außen zu reflektieren und zu bewerten. Es ist auch ein System, die Positionen zu wechseln. Das wird auch vom Arbeitsmarkt gefordert: Die Bereitschaft zur kritischen „Umkodierung“ und „Umprogrammierung“, sich selbst "neu zu erfinden".

fiber: Gibt es eine Alternative?

Kathrin Röggla: Alternativen sind auf individueller Ebene möglich. Schwieriger ist es, Auswege auf einer kollektiven Ebene zu finden. Da gibt es die klassische Gewerkschaft, die meist nur in großen Betrieben funktioniert. Das betrifft KünstlerInnen oder Selbständige sowieso nicht, weil es hier nicht diese klassische Form der vergesellschaftlichten Arbeit gibt. Es gibt auf einer halbkollektiven Ebene Möglichkeiten wie selbst organisierte Streiks oder Teamdiskussionen, um etwas an Arbeitsprozessen zu ändern.

fiber: Leistung und Effizienz, welche Rolle spielt das für dich?

Kathrin Röggla: Das Bild des/der KünstlerIn hat sich geändert. Im Grunde passiert das, was sich in der Consulting-Branche abzeichnet, auch in anderen Bereichen. Diese Branche ist eine Peer Group 3. Wenn ich mich mit Leuten über ihre Arbeitswut unterhalte, dann sprechen mich gewisse Dinge an und faszinieren mich. Das hat damit zu tun, dass ich dieselben Einstellungen und Mechanismen internalisiert habe. Viele AutorInnen oder RegisseurInnen sind Arbeitstiere. Im Allgemeinen wird das Bild eines genialen Künstlers kolportiert, der ständig produktiv ist.

fiber: Wie gehst du persönlich mit Konkurrenzverhalten um?

Kathrin Röggla: Konkurrenz ist natürlich auch eine marktwirtschaftliche Frage. Ich habe das Glück eine Art Marktlücke zu haben, wobei es dennoch Konkurrenz gibt. Der/die KünstlerIn wird gerne darauf reduziert, nur Produkte zu verkaufen. Das stimmt so nicht. Ich bin auch abhängig von anderen AutorInnen, von deren Texten, aber anders als jemand, der Klopapier erzeugt abhängig ist von den Produkten anderer Klopapierhersteller.

fiber: Bist du Einzelkämpferin oder arbeitest du vernetzt?

Kathrin Röggla: Die Netzwerke, die ich kenne und benutze gestalten sich sehr informell und funktionieren über die Texte. Es gibt natürlich auf unterschiedlichen Ebenen Solidaritäten und Allianzen. Bei mir hält sich das 50:50. Anfangs habe ich sehr viel in und mit Gruppen gearbeitet. Ich habe mich an Traditionen orientiert wie der Wiener Gruppe oder der historischen Avantgarde, welche mich fasziniert haben. Andererseits habe ich auch immer meine Sachen gemacht und ganz unabhängig gearbeitet.

fiber: Die Figur der Praktikantin kommt schon in deinem Roman vor – nun auch im Stück. und ist beides mal eine Frau – Zufall? Ist die Figur ein Synonym für eine neue Generation?

Kathrin Röggla: PraktikantInnen sind meistens weiblich. Mädchen werden dazu erzogen. Als Frau lernst du vor allem sozial zu handeln und nicht dein Ego-Ding durchzuziehen. Dabei besteht natürlich immer die Hoffnung: Wenn ich brav bin, dann kriege ich eine Belohnung dafür. Was natürlich Quatsch ist, aber das ist ein machistisches System.

fiber: Sind Texte wie deine oder anderer junger AutorInnen Popkultur?

Kathrin Röggla: Mit dem Begriff Pop habe ich so meine Schwierigkeiten. Einerseits würde ich sofort sagen: Ja, natürlich, ich bin eine Autorin der Popkultur. Leider versteht man das immer falsch, weil Leute wie Benjamin Stuckard-Barré 4 oder Werke wie „Tristesse royale“ 5 diesen Begriff sehr einseitig besetzt haben. Der Begriff wird strategisch benutzt. Popkultur hat oftmals mit einer rein affirmativen Haltung zu tun. In den 80er Jahren war da noch etwas Subversives zu spüren, aber in den 90ern schlichen sich reaktionäre Untertöne ein und damit habe ich gar nichts zu tun.

fiber: Hast du eine „persönliche Utopie“?

Kathrin Röggla: Nein, eine persönliche Utopie kann es nicht geben. Ich kann nicht für mich selber etwas ausdenken, das jenseits von der gesellschaftlichen Realität ist. Eine linke Utopie braucht einen Zusammenhang und eine rechte Utopie gibt es in dem Sinne nicht, weil diese rückwärtsgewandt wäre.

fiber: Was ist deine Vorstellung von Lebensqualität?

Kathrin Röggla: Zeit haben für die Dinge, die ich mache. Zu bekommen, was ich für die Arbeit brauche. Zeit für Auseinandersetzungen zu haben. Ich will nicht gezwungen werden etwas schneller machen zu müssen, als es mir eigentlich liegt. Das würde ich auch für Sex sagen, wenn man das so will – Zeit zu haben – immer nur Quickies, das ist öde.

fiber: Sind deine Bücher Bewusstseinsarbeit?

Kathrin Röggla: Vielleicht insofern, als dass Bewusstsein und Sprache für mich zusammenhängen, also Bewusstsein sich nur über Sprache ausdrücken lässt. Was ich spreche, das denke ich und was ich denke, das ist sprachlich gedacht. Mich interessieren Begriffe und wie diese neu besetzt werden.

fiber: Hast du den Wunsch, durch Deine Arbeit etwas zu ändern?

Kathrin Röggla: Ja, sicher, ich bin wütend auf Sachen, es ist eine Kritik im emphatischen Sinne.

Interview: Gudrun Jöller und Ute Springer
Illustrationen: Gudrun Jöller nach Figuren aus "Junk Space"

Links:

www.kathrin-roeggla.de

www.fischertheater.de

www.steirischerbst.at

Weitere Werke (alle S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main):

really ground zero (2001), irres wetter (2002), abrauschen (1997), niemand lacht rückwärts (1995)

Fußnoten:

1 Koproduktion des steirischen herbst mit dem Theater am Neumarkt/Zürich. Textfassungen sind über den S. Fischer Verlag zu beziehen.

2 Roman, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 2004

3 Fachbegriff aus der Soziologie und Pädagogik, bedeutet: Gruppe von Gleichaltrigen, Gruppe von Gleichgestellten

4 1975 geborener deutscher Autor, "Soloalbum" (1998), "Livealbum" (1999), "Remix" (1999), "Blackbox" (2000), "Remix 2" (2004)

5 1999 erschienenes Buch des "popkulturellen Quintetts": Joachim Bessing, Christian Kracht, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg und Benjamin von Stuckrad-Barré