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Radical
Cheerleading - Radical Queerleading
Wenn Cheerleading
die Sportart für brave Mädchen ist, dann ist Radical Cheerleading
dessen ironisch-kämpferische Umwandlung für die bösen.
Was es mit diesem Phänomen, das seit einigen Jahren auch in Europa
bei Demos und Veranstaltungen immer wieder für Aufsehen sorgt, auf
sich hat, versucht Stephanie Kiessling im folgenden Artikel zu beleuchten.
But
I´m a Cheerleader
Cheerleading ist der Inbegriff der Anpassung an heterosexuelle Erwartungshaltungen.
Nicht zufällig dient der Umstand, sie wäre doch ein Cheerleader,
Megan, der Teenagerin in der Filmkomödie „But I´m a Cheerleader“,
als Garant für ihre angestrebte Heterosexualität. Cheerleading
verwandelt Mädchen in eisern lächelnde, körperlich disziplinierte
und unheimlich harmlos wirkende Aufziehpuppen, die wie von unsichtbarer
Hand gelenkt den aktiven männlichen Sportstars zujubeln.
Erfreulicherweise
findet diese – als „Mädchensportart“ propagierte
– Gymnastik in ihrer konventionellen Ausprägung in Europa nicht
oder nur in kleinem Ausmaß eine Anhängerinnenschaft. Sei
es, weil das daran gekoppelte Football noch wenig populär ist oder
aber diese spezielle Art des „entertainments“ auf wenig Verständnis
stösst. Und wahrscheinlich wäre Cheerleading für das feministische
Interesse völlig bedeutungslos geblieben, wäre da nicht in den
letzten Jahren in den USA Eigenartiges passiert ....
Zuckersüße
Radikalisierung
Im Sommer 1996 entwickelten die drei Schwestern Cara, Aimee und Coleen
Jennings aus Florida – so die Gründungslegende – aus
Frustration über das ständig gleiche, männerdominierte
und megaphonverstärkte Kampfgebrülle auf Demos im anarchistisch-linken
Umfeld, eine gewagte Idee. Um den politischen Forderungen mehr Ausdruck
zu verleihen, könnten doch Anleihen von den Cheerleadern genommen
werden und mit choreografierten Bewegungen und Sprechgesängen eigene
Shows im Rahmen der Demonstrationen performet werden. Doch trotz dieser
Anleihen hat Radical Cheerleading mit dem ursprünglichen Cheerleading
soviel zu tun wie Seidenmalerei mit dem Segel eines Piratinnenschiffs.
Statt sich den Schönheitsnormierungen und Körperdisziplinierungen
des Cheerleadings zu unterwerfen, werden die niedlichen Choreographien
und sexy Outfits einfach in abgewandelter Form übernommen und radikalisiert.
Strenge Kleidungsvorschriften gibt es dabei nicht. Erlaubt ist, was gefällt
und auffällt. Und statt der harmlosen Jubelrufe werden politsche
Parolen oder Forderungen in Form von sogenannten Cheers (längere
Texte, die nur einmal wiederholt werden) gesungen oder geträllert.
So entstehen
Irritationen bei den ZuschauerInnen, die auf den ersten Blick die bekannten
Cheerleader zu identifzieren meinen, beim genauer Hinsehen aber in dem
bunten Haufen mitunter auch Männer in kurzen Röckchen entdecken
oder statt der erwarteten Pompoms3 mit rosa Lackfarbe besprühte Klobürsten.
Durch solche parodistischen Variationen entstehen Überraschungseffekte,
die bekannte Bilder oder Umgangsformen in Frage stellen und gleichzeitig
Aufmerksamkeit für die transportierten Inhalte erregen: „Radical
Cheerleading is protest and performance! It is activism with pom-poms
and combat boots! It is non-violent direct action in the form of street
theater. And it's FUN!” verkündet eine der Websites der Radical
Cheerleaders. Wobei Spaß zwar eine zentrale aber keineswegs die
einzige Motivation ist – schließlich geht es um Themen wie
Sexismus, Magersucht, sexueller Mißbrauch oder quälende Schönheitsideale.
Nicht nur
die Texte, auch der politischen Entstehungskontext verweisen auf einen
anarchistisch bzw. globalisierungskritischen Hintergrund. Nach den ersten
Radical Cheerleading-Workshops auf der „Sister Subverter-Conference“
in Arkansas im August 1997 verbreitet sich die Idee des Radical Cheerleading
vor allem in Nordamerika. Eigene „squads“ werden in verschiedenen
Städten gegründet, Netzwerke aufgebaut und auch in Europa, v.a.
in Großbritannien, finden sich erste „Ablegerinnen“.
Bei den Demonstrationen in Seattle gegen das WTO-Treffen im November 1999
kursierten bereits eigene Mini-Cheer-Handbücher unter den DemonstrantInnen,
im Sommer 2001 fand die erste Radical-Cheerleading-Konferenz mit über
100 TeilnehmerInnen in Kanada statt. Seit dem regt sich auch verstärktes
mediales Interesse an den Radical Cheerleaders, so wurden die „Jennings
Sisters“ vom „Spin“, einem renomierten Musik-Magazin
interviewt und ihre „Show“ ins Whitney Museum of American
Art in New York eingeladen. Aber trotz dererlei Vereinnahmungsversuche
schrecken Cara Jennings nicht von den Weiterführungen ihrer Radical
Cheerleading-Gruppen zurück. Radikale Ideen würden früher
oder später eben immer vom Mainstream absorbiert und angepasst, so
die nüchterne Erkenntnis.
„Pink&Silver“:
Neue Formen des Protests in Europa
Etwas anders als in den USA wurde die Idee des Radical Cheerleading in
die europäsiche Protestkultur implementiert. Hier ist Radical Cheerleading
weniger an einzelnen Gruppen festzumachen, sondern ist, in einem weiter
gefassten Rahmen, Teil der „Pink&Silver“-Bewegung.
Pink&Silver
(P&S) benutzt ebenfalls die Auflösung gängiger Geschlechterkonstruktionen
als Störelement und übt einen offensiven und spielerischen Umgang
mit ihnen. Dabei spielt die Inszenierung von – mitunter frivoler
– Körperlichkeit eine zentrale Rolle. So beschreibt Tanja,
selber ehemalige Radical-Cheerleader und P&S-Aktivistin aus Hamburg
dessen Ursprünge: „Was bei P&S stark mit rein kommt, ist
dieser queere Ansatz, da es aus der schwul-lesbischen Bewegung gekommen
ist, wo es ja auch schon vor Jahren so Aktionen gegeben hat wie ‚Wir
laufen jetzt mal in einer bestimmten Aufmachung durch die U-Bahnen in
Berlin’.5 Das gab es, um in einer anderen Aktionsform Aufmerksamkeit
zu erregen oder politische Inhalte rüber zu bringen, auch über
Flugblätter und so.“ Auch das Sichtbarmachen von scheinbar
geschlechtsneutralen Orten wie eben Demonstrationen als männlich
besetzte Repräsenationsflächen, wird mit solchen symbolischen
Inszenierungen forciert.
Aus unzähligen
Versatzstücken und Anlehnungen bestehend (wie z.B. Radical Cheerleading,
reclaim the streets, der Tunten-Terror-Tour, Tute Bianche, div. Sambagruppen
oder Elementen der Kommunikationsguerrilla) tritt P&S sowohl
als Teil einer Demonstration – der sogenannte „Pink Bloc“–
auf, als auch in Form von eigenständigen, „direkten“
Aktionen. Bekanntestes Beispiel dafür ist die „tactical frivolity“,
die beim Anti-IWF-Gipfel in Prag im September 2000 zum Einsatz kam und
bei der u.a. das Spiel mit den Geschlechtsidentiäten genutzt wurde,
die Polizei zu verwirren und Absperrungen tanzend zu umgehen bzw. zu durchbrechen.
Die farbenprächtige, häufig eben silber und pinke, aber auch
an den Karneval in Rio erinnernde Aufmachung widerspricht zudem dem gängigen
Stereotyp der „StörerIn“. Dabei grenzt sich P&S aber
nicht inhaltlich vom sogenannten „schwarzen Block“ ab, der
in der bürgerlichen Öffentlichkeit als Inbegriff des gewalttätigen
„Straßenkämpfers“ inszeniert wird, sondern versucht,
dessen Symbolik zu unterwandern bzw. neu zu besetzen. Tanja: „Es
ging schon viel darum, neue Formen zu finden, wie der Umgang in so Konfrontationen
sein kann oder wie so ein Auftritt auf einer Demo sein kann, weg von diesem
langweiligen ‚Wir sind alle total schwarz angezogen und ein bisschen
mackermäßig drauf’ und mehr hin, dazu wieder mehr Spaß
zu haben aber eben auch so eine Verwirrungstaktik da drinnen zu haben.
Und halt auch nicht so 'anti’ rüber zu kommen, sondern eher
bunt und mit Musik und trotzdem auch kämpferisch.“
Körpereinsatz
mit Grenzen
P&S ist Teil eines radikalen, gewaltfreien Protests, Ausdrucksmittel
und Artikulationsform inmitten einer politischen Bewegung. Wobei der Aspekt
der Gewaltlosigkeit nicht immer und bei allen Gruppen klarer Konsens ist.
Aida, P&S-Aktivistin und gemeinsam mit Tanja in Hamburg politisch
aktiv, meint dazu: „Es ist überhaupt nicht festgestellt worden,
dass P&S eine „non-violent“ Gruppe ist, das ist immer
noch offen und es ist auch gut, dass es so ist.“ Vielleicht wäre
es treffender, P&S generell als Pool von Erfahrungen und Praxen linker
Politik auf der Staße zu verstehen, welche sowohl die Möglichkeit
bieten gewaltlos aufzutreten, als auch eine Strategie sein kann, offensiven
oder konfrontativen Aktionen und militanteren Gruppen einen Rahmen zu
geben. Dafür dienen mitunter die auffälligen Kostüme (auf
Stelzen oder mit riesigen Federschmuck) und Choreografien sowohl als Schutz
(durch Polsterungen oder Vermummung), als auch als Ablenkungsmanöver,
um bei Bedarf OrganisatorInnen und AktivistInnen während der Demonstration
Raum zu geben, um sich zu besprechen und etwaige strategische Änderungen
vorzunehmen.
Die Kommunikation in der Gruppe verläuft über vorher vereinbarte
Handzeichen und im Vorfeld abgeklärte Stopps und Limits ab. Diese
Vorbereitungen sind notwendig um als große Gruppe – und große
Gruppen sind eine Voraussetzung für die effektive Wirkung eines P&S-Einsatzes
– einerseits schnell, flexibel und handlungsfähig zu bleiben
aber auch, um bei den notwendigen Entscheidungen einzelne Gruppenmitglieder
nicht zu „überrennen“. Die AkteurInnen sind in dieser
Form ständig in Bewegung und allein dadurch für Polizei oder
Sicherheitskräfte schwer einschätzbar: Bei einem Innenstadtaktionstag
im Rahmen des Grenzcamps 2001 in Frankfurt wurden P&S-AktivistInnen
von der Polizei aufgefordert, doch endlich „ordentlich“ zu
demonstrieren. Aida: „Und natürlich wirkt es auch total verwirrend
für die Polizei oder für ein normales Publikum, wenn in einer
Demonstration, ich weiß nicht wie viele Wahnsinnige mit solchen
Klamotten auftauchen. Aber es geht (...) auch darum, eine Art von Sympathie
oder Empathie von den normalen Leuten zu erreichen.“ Auch wenn die
P&S-Aktionsformen nicht eindeutig geschlechtsspezifisch zuzuordnen
sind, so stellen sie doch gerade für Frauen eine Möglichkeit
dar, sich jenseits von Mackermilitanz Platz auf Demonstrationen zu verschaffen
und auch – bei Bedarf – in die Konfrontation zu gehen.
Samba-Puschel-Tanz-Gruppe
Neben diesem durchaus taktischen Aspekten von P&S bleibt natürlich
der Spaß am Verqueeren und Verstören reizvolles Moment der
Bewegung. Das Gleichgewicht ist dabei nicht immer leicht zu halten –
um als Protestform einerseits ernstgenommen und nicht als leicht konsumierbare
Unterhaltungscombo abgetan zu werden und nicht in Klamauk und Lächerlichkeit
abzurutschen. Diese Schwierigkeiten zeigte sich auch beim Ladyfest in
Hamburg vergangenen Sommer: So wurde zwar ein Radical Cheerleading-Workshop
angeboten, der jedoch aufgrund des fehlenden inhaltlichen Hintergrunds
und dem Mangel einer gewissen „Ernsthaftigkeit“ (auch sich
selbst gegenüber) in einem schlichten – wenn auch sehr lustigem
– Rumgehopse auf der Strasse endete. Über ähnliche Schwierigkeiten
berichtet auch Tanja von ihrer Radical Cheerleading-Gruppe: „Was
eher ein Problem für uns war, diesen politischen Anspruch beizubehalten
und nicht zu so einer „Samba-Puschel-Tanzgruppe“ zu verkommen,
die jetzt bei jedem Polit-Event angefragt wird, könnt ihr nicht mal
... und so. Das war dann so, dass wir uns gedacht haben, okay, P&S
ist eine gute Aktionsform, aber nichts was man einfach so und immer wieder
verheizen sollte.“.
Radical Cheerleading
hat somit einerseits das Potential, mit Kreativität und Körpereinsatz
die normierenden Geschlechterkategorien anzuprangern, in Frage zu stellen
oder zumindest ironisch zu parodieren und sich gleichzeitig in einem politischen
aktiven Kontext zu verorten. Auf der anderen Seite kann durch das Etablieren
solcher Strukturen genau die subversive Wirkung vereinnahmt und zur schmückenden
Ergänzung abgewertet werden. Augenblicklich ist von einer derartigen
Abnützung natürlich noch nichts zu merken – vor allem
nicht in Österreich, wo sich derartige Aktionsformen erst in Ansätzen
finden lassen2. Aber wer weiß, vielleicht begegnet uns ja auf der
nächste Demonstration eine bunte Horde fröhlicher Mädchen,
die tanzend und singend durch die Staßen zieht und uns zum mitmachen
animiert. Und dann? Nichts wie hin!
Danke an
Clara Fritsch für die Interviewführung in Hamburg und Aida und
Tanja für die umfangreichen Informationen
Fussnoten:
1
Pompoms sind buschige, aus ca. 1000 bunten Metall-, Stoff oder Plastikstreifen
bestehende und auf einen Griff montierte Puscheln, die zum hin und her
Wedeln dienen
2 Beispielsweise im Frühsommer 2002 in Wien, als einige overalltragende
und Puscheln schwingende Frauen laut Parolen gegen das geplante Vermummungsverbot
auf Demonstrationen riefen
Literatur
und Quellen:
(1) Seminararbeit „Pink und Silver / Tute Bianche. Neue
Aktionsformen im Kontext internationaler Proteste“ von Paula Pink
und Sara Silver (www.copyriot.com/bewegt/p&s+tb.html)
(2) „Pink Panic“ ein informatives Interview zu Organisationsform,
Entwickung und Politiken von Pink&Silver (www.zelle79.info/projekte/nhz/content/200110/11.html)
(3) das gesamte Interview mit Tanja und Aida über Pink&Silver
ist auf der fiber-website (www.fibrig.net) demnächst abrufbar
(4) Weil die Radical Cheerleaders nicht zentral organisiert sind, gibt
es etliche Webseiten regionaler Gruppen, hier eine allgemeinere Homepage
mit gesammelten Cheers und div. Hintergrundinfos (http://www.geocities.com/radicalcheerleaders/index.html)
(5) Sympathische Hintergrundrecherche zu den anarchistischen Wurzeln des
Radical Cheerleading in den USA: „Gimme an A!“ von Amy Roe
(www.nextimesbph.com/issues/2001-08-02/feature.html)
cheer
1:
Riot Don´t Diet
GET UP GET OUT AND TRY IT
Riot Don´t Diet
GET UP GET OUT AND TRY IT
Hey grrrl (clap clap clap)
Get your head out of that magazine
cause you are more than a beauty machine
you´ve got anger soul and more
so take it to the street and let it roar
Riot
Don´t Diet
GET UP GET OUT AND TRY IT
Riot Don´t Diet
GET UP GET OUT AND TRY IT
Uh-HUH (clap clap clap)
If cosmo makes you sik and pale
you konow what you need to do
MOLOTOV COCKTAIL!
liberate the beauty queen
and burn the bibles of the fashion scene
LET´s (CLAP) GET (CLAP) MEAN!!!!!!
cheer 2:
Hell,
no... we won't
Hell, no... we won't
Hell, no... we won't
Go there with those tired old chants
My activism's more like a rant;
A rant of rage and resistance
Why the hell are you
Looking at me,
Your freedom isn't free,
What the fuck,
Get off YOUR butt,
YOU TOO could be a cheerleader
YOU TOO should be a cheerleader
Born to be a cheerleader,
Yeah yeah!!
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