Heft: fiber #4

ladies, queers & feministInnen.
:zwischen fest und bündnis:

Die fiber-Kontroverse fand diesmal in der Wienstation am Gürtel einen entspannten Rahmen, der zahlreiche Menschen aus Publikums- und Podiumsreihen trotz kalten Wetters dazu anregte, lautstark an der Diskussion zu feministischen Bündnispolitiken am Beispiel Ladyfest teilzunehmen. Besondere Brisanz wurde dieser Veranstaltung durch den Umstand verliehen, dass das Weiterbestehen des EKH – als zentraler Veranstaltungsort des Ladyfests in Wien 04 – in seiner bisherigen Form als autonomes, selbst verwaltetes Zentrum gefährdet ist. Gleichezeitig stand eine mögliche Vereinsgründung für das Ladyfest Wien 04 im Zentrum heftiger Kritik. Als Gästinnen wurden Eva Trimmel, Mitinitiatorin des Ladyfests Wien 04, die Künstlerin und Musikerin bei SV Damenkraft Katrina Daschner sowie Imke Keyssler, Mitorganisatorin des Ladyfests Hamburg 03, von Moderatorin Rosemarie Ortner und Publikum herzlichst begrüßt. Zusammengefasst und vertextet wurde die Kontroverse von Michaela Illming.

Rosemarie: Inwiefern stellt das Ladyfest für Euch so etwas wie eine feministische Bündnispolitik dar? Welche politischen Differenzen können da auftreten?

Katrina: Ich denke, dass das Ladyfest die Chance bietet, dass sich Frauen aus unterschiedlichen Bereichen treffen und Solidarität untereinander zugunsten dieser Veranstaltung eingehen.

Publikum: Für mich hat das Ladyfest viel mit der Riot-Grrrl-Idee, die dahinter steht, zu tun, also selbst zu organisieren und einen politischen Anspruch zu haben. Deshalb find ich es auch wichtig, dass das Ladyfest einen selbstorganisierten Charakter behält und dass sich das auch alle leisten können. Von Hamburg hab ich gehört, dass es teilweise zu teuer geworden ist.

Imke: Die Preise so moderat wie möglich zu gestalten, war für uns in Hamburg auch ein wichtiger Punkt. Leider ist das dann letztendlich an unserer Unbedachtheit bei der Auswahl der Orte gescheitert, da wir auch mit kommerziellen Veranstaltern zusammengearbeitet haben.

Katrina: Eben weil es etwas kostet, wäre ich schon dafür, bestimmte Orte anzumieten, einen Verein zu gründen und offizielle Fördergelder anzunehmen. Das Ladyfest sollte so öffentlich sein, dass davon auch Menschen/Frauen/Mädchen mitkriegen, die nicht unbedingt in diesem Bereich schon drinnen sind.

Publikum: Die Frage ist, denk ich, welche Strukturen genutzt werden. Bei einer Vereinsgründung gibt es das Problem der Rechtsfolgen, da ist man in Staatsstrukturen wieder eingebunden, obwohl man ja etwas dagegen tun will. Besser wäre es, wir machen selber die Räume und nutzen sie selber, gerade im Sommer kann man ja viel auch draußen veranstalten.

Eva: Wir sollten schon aus der Community rausgehen. Allerdings müssen wir dabei aufpassen, dass wir nicht Orte besetzen, die dann vielleicht von ganz anderen Leuten in Anspruch genommen werden zu der Zeit, wenn wir dort sind, und wir dann ein furchtbares Publikumsverhältnis haben – und ich bin absolut dagegen, dass wir uns in finanzielle Unkosten stürzen, wenn wir solche Orte in Anspruch nehmen.

Publikum: Meine Meinung dazu ist, dass, wenn man es kommerziell stattfinden lässt, auch mehr Geld benötigt wird. Es ist halt die Frage, wie glaubwürdig ein gegenkulturelles Projekt ist, wenn es Geld von öffentlichen Stellen nimmt und dann das Pickerl vom Bundeskanzleramt drauf ist. Für mich kommt das Ladyfest aus einem antikapitalistischen, antirassistischen und auch antikommerziellen Zusammenhang und ich finde, dass das irgendwie rüberkommen sollte – auch in der Wahl der Orte, so dass Solidarität mit selbstbestimmten, autonomen Räumen gezeigt wird.

Imke: Ich bin mir nicht sicher, ob das gleich mehr Geld kostet, wenn man in kommerzielle Räume geht – man spricht ein anderes Publikum an und bewegt sich in einem anderen Raum, wo bestimmte Sachen vielleicht nicht so klar sind, die man sich aber wünscht. In Hamburg gab es diese Diskussion natürlich auch – ganz ähnlich polarisiert. Eine Position war, nach außen zu treten, um in die Köpfe von Leuten reinkommen, damit sie es mal schnallen, dass es Frauenkultur, feministische Kultur und queere Kultur gibt.

Rosemarie: Inwieweit lässt man sich auf Mainstream-Strukturen ein und wo wird die Grenze gezogen?

Imke: Ein paar Frauen hatten z.B. einen Trailer produziert, den sie dann auf VIVA, bei „Fast Forward“, der „alternativen“ Musiksendung mit der bekennenden Feministin Charlotte Roche, unterbringen wollten. Da gab es dann die Position, dass sich das nicht vereinbaren lässt – einerseits ein Ladyfest zu veranstalten und andererseits ein Medium zu nutzen, das kapitalistischen Strukturen unterliegt und Sexismen vermittelt. An diesem Punkt hat sich für uns dann zwei Monate vor dem Festival eine Diskussion entzündet, wo auch einige Frauen ganz klar gesagt haben „wenn dieser Trailer auf VIVA läuft, steige ich aus“ – und damit wären einige (selbstverwaltete) Veranstaltungsorte weggefallen. Der andere Standpunkt war das Anliegen, vielen Personen etwas zu vermitteln, z.B. über das Medium Fernsehen.

Publikum: Eine gewisse Öffentlichkeit ist sicher unabdingbar, wenn man aus dem eigenen Kreis heraus möchte. Wie werden solche Grenzen entschieden?

Imke: Wir haben ja entschieden, dass wir jede Frau oder jede Lady, die Lust hat, an der Organisation beteiligt zu sein, einzuladen, was dazu geführt hat, dass wir ein Team von bis zu 60, 70 Frauen hatten. Wir haben gleichzeitig den Fehler gemacht, dass wir nie Entscheidungsstrukturen festgelegt haben. Wenn einmal Entscheidungen in einem Plenum mit 20 Leuten gefällt worden sind, dann ging über die Mailingliste der Protest los, dass Entscheidungen doch so nicht getroffen werden können, da die anderen ja nicht da gewesen wären – das war ein Teufelskreis. Diese Diskussion über den VIVA-Trailer ist letztendlich nicht im Plenum entschieden worden, sondern die Produzentin des Trailers hat einen Rückzieher gemacht.

Eva: Je mehr Leute an einer Sache beteiligt sind, desto kleiner wird der gemeinsame Nenner. Ich denke, dass man dabei nur so weit gehen kann, so lange man handlungsfähig bleibt, denn wenn eine Diskussion über den gemeinsamen Nenner dann so weit getrieben wird, dass man nicht mehr arbeitsfähig ist, dann stirbt das ganze Projekt und das wäre unglaublich schade.

Imke: Wir haben in Hamburg bewusst eine sehr große Öffentlichkeit gesucht und sind finanziell sicher rausgegangen – aber dafür ist die persönliche Zufriedenheit mit dem Ablauf des Festivals ziemlich schlecht. Von den 20 Frauen, die letzte Woche beim Evaluieren da waren, waren alle ausgelaugt und mit dem Inhaltlichen unzufrieden. Das allgemeine Resümee war für uns, dass wir das nächste Ladyfest kleiner, feministischer, politischer und auf gar keinen Fall im nächsten Jahr machen wollen, sondern erst in zwei Jahren. Dieses Jahr dazwischen nutzen wir jetzt, um uns die Strukturen zu schaffen, mit denen wir ein anderes Ladyfest machen können.

Publikum: Vielleicht als Vergleich: in Amsterdam bestand das Organisationsteam aus 8 bis 10 Frauen, die v.a. aus der HausbesetzerInnenszene kamen –insofern war der gemeinsame Nenner ein anderer. Die Bündnispolitik hat sich dort gar nicht als Frage gestellt, da sie auf bestehende Strukturen zurückgreifen konnten. Die Evaluierung hat ergeben, dass ein wichtiges Ziel nicht erreicht worden ist; nämlich vom Mittelklasse-Ding wegzukommen und Leute mit migrantischem Hintergrund als Publikum und PerformerInnen anzusprechen.

Rosemarie: Was ist das gemeinsame Ziel, für das es sich lohnt, Kompromisse einzugehen?

Eva: Netzwerke weiter auszubauen und ganz dicht zu machen – ich denk an viele Frauen, die sich wild vernetzen.

Imke: Ein wichtiger Effekt wäre, dass es nicht mehr nur um Frauenrepräsentation, sondern auch um einen normalen Umgang mit Geschlechteridentität oder der Überschreitung von Geschlechteridentitäten geht - auch queer und transgender.

Katrina: Da in der Realität sehr viele Frauen aufgrund männlich dominierter Politik weniger die Möglichkeit haben, aufzutreten, zu performen oder Ausstellungen zu machen, soll es hier einen Ort geben, wo das selbstverständlich ist.