Aktuelles Heft: fiber #4

Die Männer mit der Bauchfalte

Das Kaiserpinguinmännchen scheint ein ziehmlicher Loser im herkömmlichen Rollenverständnis zu sein. Nicht nur, dass er in der Fachwelt als flugunfähiger Vogel bezeichnet wird, er baut auch kein Nest und legt schon gar keinen Wert darauf, irgendein Revier zu verteidigen. Er sucht er sich ein Weibchen. Ein für allemal. Und das im Alter von 3-6 Jahren. Das könnte der Frau Gehrer ganz gut gefallen. Vielleicht läßt sich die Ministerin für eine Reise in die Antarktis erwärmen. Allerdings hat die Frau Volksschullehrerin vielleicht keine Freude mit der Aufgabenteilung in punkto Kinderkriegen bei den Kaiserpinguinen.

Das Weibchen legt ein Ei und verabschiedet sich um zwei Monate lang Fische zu fressen. Das Männchen übernimmt das Ei und legt es in seine Bauchfalte. Diese Fettfalte ist dermaßen weit unter der Gürtellinie, dass das Ei auf den Füßen aufliegt und vom Fett bedeckt wird. Und weil das Brüten mit anderen Strohwitwern mehr Spaß macht, trifft mann sich in der Brutkolonie zwecks Erfahrungsaustausch oder so. Und weil das unheimlich verbindet, halten die verlassenen Kaiserpinguine zusammen wie Pech und Schwefel: Damit niemand frieren muss, drängen sie sich eng aneienander und wechseln regelmäßig die Position, so dass jeder einmal am Rand und einmal im wärmeren Inneren der Kolonie sich und sein Ei wärmt. Und weil solche Männerrunden zum Nachdenken anregen, wurde beschlossen, dass die Kinder doch ein wenig abgehärtet werden sollten und lassen sie mitten im härtesten Winter (Juli, -40°) schlüpfen. Mit letzten Kräften sind die tapferen Strohwitwer gerade noch in der Lage den Küken eine milchige Substanz als erste Mahlzeit anzubieten. Mit 3kg unverdautem Fisch im Magen kommt die Kaiserpinguinin nach Hause und zeigt dem Küken, was eine richtige Mahlzeit ist. Und weil Männer ohne Bauchfalten nicht zu gebrauchen sind, werden sie jetzt zum Reserven auffüllen ins Meer geschickt. Dann sorgen beide Elternteile gemeinsam für das Küken. Abwechselnd wird gefüttert oder Futter gesucht. Nach sechs Monaten haben die Kleinen genug von der elterlichen Fürsorge und verlassen kurzerhand die Heimat. Sie kehren erst nach Jahren zurück. Dann wird wohl die eine oder andere Kindergartenfreundschaft beim Bauchfaltenwerfen oder Fische sammeln aufgefrischt.

Autorin: Ute Springer