CUMMING
INTO MY OWN
Female
Masturbation Songs.
Cyndi Lauper tut es. Die Lunachicks tun es. Auch Tori Amos tut
es. Tweet tut es zusammen mit Missy Elliott. Kylies Schwester
Dannii bedient sich technischer Hilfsmittel, wenn sie es tut.
Sogar Britney Spears soll es angeblich tun. Von Kelly Osbourne
wissen nicht viele, dass sie es tut. Madonna tat es vorwiegend
und beliebterweise auf der Showbühne (jedenfalls bevor sie
Mutterschaft und Kabbalah für sich entdeckte) und T-Boz von
TLC zeigte ebenso wenig Hemmung, "es" in aller Öffentlichkeit
zuzugeben.
Cyndi Laupers "She Bop" von 1983 ist wohl der bekannteste
Pop-Song über weibliche Masturbation: "I see them every
night in tight blue jeans / In the pages of a blue boy magazine
/ Hey, I've been thinking of a new sensation / I'm picking up
good vibration".Und wo es um den Sex mit sich selbst geht,
sind die - etwa von der katholischen Kirche gestreuten - Angst
und Schrecken verbreitenden Mythen nicht weit: "They say
I better stop or I'll go blind". Und Ms. Laupers trotzige
Antwort darauf machte sich so manches 80er-Teenie-Girl als Anleitung
zur ganz persönlichen Schlafzimmer-Rebellion zu eigen - "No,
I won't worry, and I won't fret / Ain't no law against it yet".
Me
Is You
Schon
einige Jahre zuvor machten die Vapors mit dem New-Wave-Klassiker
"Turning Japanese" (1980) - der Titel ist die eher befremdliche
Anspielung auf den Gesichtsausdruck mit den halbgeöffneten
Augen beim sexuellen Höhepunkt - von sich reden, ein Song,
der später von Liz Phair gecovert wurde und dessen Wirkung
durch Phairs Aneignung der ursprünglich männlichen Sprechposition
einen gewissen "Twist" erfuhr. Anfang der 90er waren
es Christina Amphlett und Mark McEntee alias The Divinyls, ein
australisches Pop-Duo, das mit "I Touch Myself" eine
Art Gassenhauer in Sachen Self-Love schufen: "I love myself
/ I want you to love me / When I'm feeling down I want you above
me / I search myself / I want you to find me / I forget myself
/ I want you to remind me / I don't want anybody else / When I
think about you I touch myself / I don't want anybody else / Oh
no, oh no, oh no / You're the one who makes me come honey".
Wie auch bei The Divinyls drehen sich in den meisten, von Frauen
interpretierten Songs über Selbstbefriedigung die Fantasien
der Protagonistinnen um eine andere - meist als männlich
identifizierbare - Person: den Freund, den Geliebten, den unerreichbaren
Schwarm. "Masturbation is having sex with the one you love",
sagte einst Woody Allen und Christina Amphlett räkelt sich
ekstatisch, während sie ihr Handeln durch bereitwillige Unterwerfungsposen
legitimiert: "I close my eyes and see you before me / Think
I would die if you were to ignore me / A fool could see just how
much I adore you / I get down on my knees / I´d do anything
for you".
Oftmals ist es also erst die abwesende Präsenz des (Sexual)Partners,
die frau selbst Hand an sich legen lässt. Wesentlich seltener
reichen sich die Protagonistinnen selbst, um in Fahrt zu kommen,
wie es uns etwa Missy Elliott in vollendeter "Me, Myself
& I"-Manier vormacht - "Umm I was looking so good
I couldn't reject myself" (Tweet feat. Missy Elliott in "Oops
(Oh My)"). Allerdings relativiert Kollegin Tweet wiederum
diese Ich-Bezogenheit, indem sie moralische Bedenken ins Spiel
mit sich selbst einwirft: "I tried and I tried to avoid,
but this thing was happening / Swallow my pride, let it ride and
party / But this body felt just like mines / I got worried, I
looked over to the left / A reflection of myself / That's why
I couldn't catch my breath".
Princess Superstar wiederum hat in "Bad Babysitter"
wenig Probleme, primär an ihr eigenes Vergnügen zu denken
und meint ebenso lapidar wie provokant: "I'm a sit on the
couch and masturbate, then call my boyfriend".
Get
Into The Groove
Abgesehen
von diesen einigen Pop-Stücken, die ganz explizit an die
Sache herangehen, bleibt es bei den meisten Songlyrics nach wie
vor Auslegungssache: Da wimmelt es nur so vor leisen Andeutungen,
blumigen Metaphern und Codes - deren Dechiffrierung dem einzelnen
Fan wiederum jenen Raum eröffnet, in dem die eigenen Erfahrungen
mit dem jeweiligen Song verschmolzen werden können. Manchmal
braucht es jedenfalls schon beinahe detektivisches Gespür,
um zu erkennen, ob es beispielweise bei Britney Spears´
"Touch Of My Hand" tatsächlich "darum"
geht. Und wenn Madonna in "Into The Groove" darüber
singt, dass "only when I´m dancing can I feel this
free / At night I lock the door so no one else can see / I´m
tired of dancing here all by myself / Tonight I want to dance
with someone else", dann ist der Sex mit sich selbst letztlich
nur einer von mehreren möglichen Subtexten, die frau hineinlesen
kann - oder eben nicht.
Ähnlich ambivalent ist die Frage, ob dieser popularisierte
Diskurs als Akt weiblicher Selbstbestimmung und -definition wirken
kann oder doch eher männliche Hetero-Fantasien bedient: "Instead
of just lying there why don´t you show me that you´re
powerful / Put in triple X batteries just so you give me something
wonderful / Change it up fast and slow / Till I find the frequency
I like / Love it when you do my vibe on / Good vibrations, that´s
what get´s my ride on, gotta have vibrations / Jump on to
it, sit right on it, plug it in, give me my vibe on, gotta have
vibrations / I don´t want to put you down, looks like I´m
a vibraholic now". Was Dannii Minogue da so lasziv ins Mikro
haucht und in noch lasziveren Posen im dazugehörigen Musikvideoclip
andeutet, lässt KritikerInnen ebenso in´s populäre
Horn eines "Lifestyle-Power-Feminismus" blasen (Hello
Pussy-Glamour! Willkommen zur Dildo-Fuckerware-Party!) wie als
vorauseilenden Gehorsam - in der bereitwilligen Erfüllung
voyeuristischer Erwartungen und des sich selbst zum Objekt-Machens
- verdammen. Die fehlende männliche Präsenz wird dabei
eher überschätzt - als ob Bilder masturbierender Frauen
nicht auch als Männer-Wichsvorlage dienen könnten. Suzanne
Vegas "Marlene On The Wall" stellt in diesem Zusammenhang
- sofern man jene Lesart akzeptiert, die den Song als das Porträt
eines Soldaten zeichnet, der beim Anblick eines Pin-Up-Girls onaniert
- ein rares Beispiel dar: Frauen, die über männliche
Selbstbefriedigung singen, sind der absolute Ausnahmefall.
Pleasing
Myself
Es
masturbieren die meisten Frauen, wenige reden darüber, die
wenigsten singen darüber. (Missy Elliott scheint daran aber
Gefallen gefunden zu haben und wird es bald wieder tun: Auf ihrem
kommenden Album, "This Is Not A Test", erwartet die
HörerInnen ein Old-School-R´n´B-Track der speziellen
Art: "Funky Toyz" beschreibt die Freuden, die Frauen
aus der Handhabung diverser Batterie-betriebenen Gerätschaften
ziehen.) "Cumming Into My Own", wie es die Lunachicks
nennen, hat für unterschiedliche Frauen unterschiedliche
Bedeutungen, die - je nach gesellschaftlicher Position und individuellem
Kontext - verschiedene Momente von Spaß, Befreiung, Emanzipation
oder einfach Selbsterfahrung markieren: "I've lost all anxiety
/ Worrying about pleasing me / If you don't like it, i'm not sorry
/ I'm just cumming into me".
Text:
Ute Hölzl & Vina Yun