... sex exists too. Bestandsaufnahmen aus der queeren Perspektive.

Von 5.-12. Juni fand zum fünften Mal Identities statt. Das Festival des lesbisch-schwulen Films feierte heuer sein 10jähriges Bestehen ausgelassener und wohl auch heisser als je zuvor. Rund 80 Spiel-, Dokumentar-, Avantegarde- oder Kurzfilme aus den verschiedensten Ländern, von Norwegen über Sri Lanka bis Mexiko, wollten gesehen werden.

fiber sprach mit Barbara Reumüller, die "Identities" damals gründete und das Festival mit wachsendem Erfolg leitet, über die Anfänge, das österreichische Publikum, die gesellschaftspolitische Relevanz queeren Filmgeschehens und die brennende Frage: Wo ist der Sex auf der Leinwand?

fiber: Identities feiert ja heuer das 10jährige Bestehen. Wie hat es damals eigentlich begonnen?

B. R.: 1992 gab es das letzte, von der HOSI organisierte Filmfestival, damals noch im Schikaneder-Kino. 1993 war es dann überhaupt aus und da ist die Idee bei mir entstanden, dass es so ein Festival in Wien wieder geben solle, wo auch neue und internationale Filme gezeigt werden. Ich habe damals auch zufällig einen Kulturmanagementkurs begonnen, wo man eine praktische Abschlussarbeit reslisieren sollte. So habe ich dann das Festival geplant und wie immer um die finanzielle Realisierung gekämpft.

fiber: Wenn man sich den enormen BesucherInnenansturm ansieht, selbst an heissen Pfingstnachmittagen, zeigt sich auch der enorme Erfolg von Identities. Warum findet das Festival nur alle zwei Jahre statt?

B.R.: Das hat ganz pragmatische Gründe. Wir haben uns damals schon gedacht, dass wir nicht jedes Jahr eine Finanzierung realisieren können und wollten aber auch bei der Programmgestaltung hohe Erwartungen an Qualität erfüllen. Außerdem kann man in zwei Jahren eher das Beste sammeln. Es gibt ja immer gute Kinojahre und dann auch wieder etwas trockenere. Außerdem müssen wir ja nebenher auch alle Geld verdienen.

fiber: Wie werden die Filme ausgewählt?

B.R.: Einerseits ist es wirklich ein Sammelprozeß: Auf Festivals fahren, Filme und Videos ansehen, Tipps kriegen, im Internet lesen. Und bald entsteht dann auch so etwas wie ein Programm mit thematischen Linien.
Heuer sind es mehr Filme denn je, mit vielen thematischen Schwerpunkten, die sich natürlich auch an gesellschaftspolitischen, aktuellen Zeitgeschehnissen anlehnen.
Das, was in der queeren Szene und in der Theorie passiert, spiegelt sich auch im Filmgeschehen wider. Beispielsweise die Auswirkungen des elften September, dann die Frage nach Adoptionsrechten für schwule oder lesbische Paare, Glaube, Aids, die ehemaligen Ostblockstaaten, Identität,… Also queeres Filmgeschehen ist nichts anderes als eine Bestandsaufnahme aus einer anderen Perspektive und auch Teil eines Ganzen. Wir sind kein Minderheiten- oder Randgruppenevent, wir sind mittendrin. Das sieht man auch am Publikumsansturm.

fiber: Wie ist die Idee zu "Sex on Screen" entstanden?

B. R.: Bei jedem Festival ist immer mal wieder die Frage aufgetaucht: Wo ist jetzt der Sex? Die Frage liegt auch durchaus auf der Hand und gleichzeitig wieder nicht. Lesbische oder auch schwule Identität geht ja über Sex hinaus.
Es ist aber ein Zwiespalt. Es sollte schon mehr sein. Aber ich frage mich immer: Wo sind die Filme? Ich sehe mir hunderte bis tausende Filme über zwei Jahre an und ich hab einfach total wenige wirklich erotische Filme gesehen. Meist sind sie so übel, dass ich das Gefühl habe, das erreicht genau das Gegenteil. Es ist ja im Hetero-Kino genau das gleiche: Guten Sex darzustellen ist unwahrscheinlich schwer und selten. Und dann muss man sich das noch auf die verknappte queere Filmszene vorstellen. Selbst im Avantgarde- und Kurzfilmbereich wollte ich vieles bewusst nicht herzeigen, weil es so schlecht ist. Vor einem Jahr in Berlin haben wir, also internationale Programm-MacherInnen lesbisch-schwuler Festivals, uns zusammengesetzt und dieses Thema diskutiert. Es geht dabei allen gleich, dass es, bis auf ein paar "Wackelvideos" nichts wirklich Gutes gibt. Mir reicht Sichtbarkeit allein nicht mehr, da muss definitiv Gestalterisches dabei sein. So ist heuer der Versuch entstanden, ein Best-of- Programm von Sex-Kurzfilmen zusammenzustellen, die mit dem Material und den gestalterischen Elementen auch stark arbeiten.

fiber: Es ist gerade bei den Spielfilmen auffallend, dass die Kamera bei lesbischen Sex-, sogar schon Kuss-Szenen meist verschämt wegschwenkt.

B.R.: Man muss immer genau schauen, woher, also aus welchem Produktionsland und Umfeld diese Filme kommen. Zum Beispiel "A mi madre le gustan las mujeres" kommt aus dem ultrakonservativen katholischen Spanien. Der Film war dort ein Kassenschlager mit einer großen Schauspielerin. Das ist für Spanien revolutionär und auch für ein breiteres, auch Hetero- Publikum bestimmt. Inhalte werden eben auf einer anderen Ebene transportiert. Das ist eben nicht die amerikanische independent queer Produktion. Da muss man auch die Codes lesen können. Die Inhalte sind ja da, nur eben anders verpackt.

fiber: Was machst du außer "Identities"?

B.R: Mein Brotberuf ist Filmkopien zu beschaffen. Das ist mein Spezialgebiet. Das mache ich für Festivals, Filmreihen und sonstiges. Sonst mach ich auch Kultur- und Pressearbeit, queer durch den Gemüsegarten, hauptsächlich in der Organisation.

Interview: Kathleen Exner für fiber