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What's
pop?
"Alles
ist Pop!" Die Frage zu beantworten, was Pop eigentlich bedeutet,
gestaltet sich äußerst schwierig, wenn von dieser provokanten
These Diedrich Diederichsen ausgegangen wird. In diesem Artikel soll versucht
werden, hinter diesen undurchsichtigen Begriff "Pop" zu blicken
und Merkmale herauszuarbeiten - immer bedacht darauf, nur einige Aspekte
beleuchten zu können. So werde ich diesmal nicht die Popmusik beschreiben,
die Fankultur analysieren, Zines, Pop Art, Pop Literatur, Filme oder Konsumverhalten
studieren - alles Phänomene, die zur Popkultur zu zählen sind
- sondern mich darauf beschränken, einige dem Pop immanente Eigenschaften
herauszuarbeiten.
Pop ist
eine Lebenseinstellung
Der Begriff Popkultur impliziert, dass Pop eine Kultur sei, die sie sich
- wie oben beschrieben - in den verschiedensten Bereichen manifestieren
kann. Pop als Kulturbegriff war im Laufe der Zeit massiven Umdeutungen
unterworfen. Verschiedene Lesarten prägen allein schon die Einteilung
und Beschreibung von "Popdekaden". Eine Betrachtungsweise liegt
darin begründet, dass in den Sechziger Jahren Pop vornehmlich als
Ort des Widerstandes (Cultural Studies) galt. Pop stand für den Umbau
der Welt, der Ablehnung der herrschenden Wirtschaftsordnung, Hierarchien
und Autoritäten und der sexuellen Befreiung. Pop war eine Jugend-,
v.a. aber Gegenkultur, während die Siebziger dann davon gekennzeichnet
waren, dass Pop für die Käuflichkeit und Aushöhlung dieser
gegenkulturellen Ziele stand. Diese Aushöhlung schritt in den Achtzigern
immer weiter voran und war in den Neunzigern schlussendlich abgeschlossen.
Alle Phänomene aus Kultur, Politik und Medien wurden nun unter dem
Begriff Pop subsummiert.
Pop wird seither oft als Alltagskultur - nicht Hochkultur! - klassifiziert.
Dies bedeutet aber, dass Pop heute eigentlich den Anspruch verloren hat,
im Sinne der Sechziger als Abgrenzung zum Mainstream gelten zu können.
Naheliegender wäre aus diesem Grund, Pop vielleicht eher als (kulturelle)
Lebenseinstellung zu definieren, die sich für verschiedene Subkulturen
jeweils anders ausdrückt. So unterscheiden sich "kulturelle
Vorlieben", Verhaltensformen, Styles oder Symbole von RapperInnen
von denen der girlies.
Pop ist
rassistisch und sexistisch
Die verschiedenen Konzepte von Lebensweisen, ja eigentlich die ganze Popkultur,
müssen sich von einigen AkteurInnen und RezipientInnen den Vorwurf
gefallen lassen, rassistisch und sexistisch zu sein. Frauen wurden/werden
im Musikgeschäft beispielsweise lange nicht akzeptiert oder gar wahrgenommen.
Die Reduzierung einer Musikerin oder Produzentin auf ihr Frausein zieht
sich wie ein roter Faden durch die Popgeschichte. Die Klassifizierung
einer Künstlerin erfolgt in hohem Maße zuerst über ihr
Geschlecht und erst sekundär über ihr Tun. Die Bezeichnungen
weiblicher DJ (oder gar DJane) oder weibliche Regisseurin zeugen - wenn
die Begriffe nicht bewusst im Sinne der Provokation oder ähnlichem
gebraucht werden - von dieser Problematik.
Die Diskriminierung von Frauen ist aber nur eine Seite der Medaille. Der
Popkultur wird des öfteren auch Rassismus attestiert. Ethnisierte
Akteurinnen haben neben der oben beschriebenen Benachteiligung aufgrund
des Geschlechts zusätzlich damit zu kämpfen, nicht weiß
zu sein. Lailah Hanit Bragin, "Teen Dyke" aus New York, definiert
die Popkultur aus diesem Grund als "weiße Kultur". Sie
kritisiert, dass es nicht mal möglich sei, dass "alle Schwestern
gemeinsam" sich gegen dieses "abgefuckte System" auflehnen.
Es bestehe die Annahme, dass "jede, die klug, kämpferisch, radikal
und intelligent ist und coole Sachen macht, weiß sein muss"1.
Frauen haben auf die strukturellen Benachteiligungen verschieden reagiert.
Eine Strategie war zum Beispiel die Umdeutung von sexistischen oder rassistischen
Begriffen. Es galt, Worte neu zu bestimmen und ihnen so ihre negative
Zuschreibung zu nehmen. So bezeichnete sich die Rapperin Roxanne Shanté
als bitch - Hure - was für sie "starke Frau"2
bedeute.
Eine andere Strategie verfolgte die junge Courtney Love von Hole. (siehe
auch fiber #1) Sie trat dem Schönheitswahn von Frauen und der Beurteilung
von Frauen über ihre Attraktivität mit einem exzessiven Look
gegenüber. Sie schlüpfte in Baby-Doll-Kleidchen, trug verschmierten
Lippenstift und zerzauste Haare und tat alles, um das Stereotyp einer
netten, hübschen, braven Hausfrau und Mutter zu durchbrechen. Laut
Debbie Stoller, Herausgeberin des feministischen Magazins BUST aus New
York, repräsentierte Love alles "was je an einer Frau zum Fürchten
war [...]: eine geldgeile, verbissene Karrieristin , eine sexuell aggressive
Narzisstin und - am allerschlimmsten - eine Rabenmutter!".
Pop ist
politisch
Die Umdeutung von Begriffen á la Lailah Hanit Bragin oder der Versuch
wie der Courtney Loves, ein Stereotyp zu durchbrechen, können zweifelsohne
auch als politische Strategie gewertet werden. Politisch sein kann demnach
als weitere Eigenschaft des Pop bezeichnet werden, wenn dies auch nicht
immer der Fall ist. Pop ist einerseits dann politisch, wenn sich die ProtagonistInnen
durch ihre Texte, Inhalte, Visuals, Sounds, Performances oder Haltungen
explizit politisch positionieren. So setzt sich z.B. Manu Chao in seinen
Texten mit Fremdenfeindlichkeit auseinander und ruft auf der Bühne
zur Unterstützung der mexikanischen Zapatista auf.
Pop kann andererseits aber auch dann als politisch bezeichnet werden,
wenn keine politische Selbstsetzung der AkteurInnen explizit erfolgt,
sondern wenn sich die RezipientInnen selbst ermächtigen, die Darstellung,
Inhalte, Visuals usw. der ProtagonistInnen als politisch zu interpretieren.
Politisch kann es in diesem Sinne sein, wenn ein Text eines Popstars die
Fans zum Nachdenken oder gar zu einer Handlungssetzung anregt. So hätten
z.B. wenige den Spice Girls eine politische Positionierung attestiert,
ihre Darstellung als girlies aber hat viele Mädchen mit girlism (siehe
dazu Buch-Rezension) an sich konfrontiert. War die Annahme des "girlism-Konzepts"
der Spice Girls-Faninnen bloße Nachahmungstaktik oder vielleicht
doch mehr - eine Auseinandersetzung damit?
Pop ist
kapitalistisch
Da aber gerade die Inhalte der Popmusik durch kommerzielle Vereinnahmungsversuche
immer mehr verwässert werden, darf z.B. die Frage gestellt werden,
welches politische Potential die Popmusik (noch) hat. (siehe fiber-Kontroverse).
Der Parameter "kapitalistisch" durchdringt den Popbegriff nämlich
bis ins Mark. Es wird ja wohl niemand bestreiten wollen, dass mit den
meisten Popphänomenen -des sogenannten Mainstreams wohlgemerkt -
viel Geld zu verdienen ist. Im Musikbusiness scheffeln die Plattenfirmen
Milliarden mit ihren Stars und Sternchen und auch die MusikerInnen selber
verdienen sich goldene Nasen, wie z.B. Madonna, die laut BBC im Jahr 2001
sagenhafte 30 Millionen Pfund einnahm. Und nicht zuletzt steigt auch die
Politik in den Kreislauf des Geldes ein und organisiert Megaevents mit
Popstars, um so vom Popkuchen ein Stückchen abzubekommen.
Besonders die eigene Verstricktheit in kapitalistisch/kommerzielle Verhältnisse
ist den AkteurInnen, die politische Kritik üben, oft selber nicht
bewusst. Aber nicht allen natürlich. Die Band Bikini Kill z.B. hat
sich aus diesem Grund dafür entschieden, nicht mit großen Labels
und Unterhaltungskonzernen zusammenzuarbeiten.
Pop ist
wie ein Haus
Vielleicht fragen sich nun einige, inwieweit Pop bzw. die Popkultur aufgrund
dieser beschriebenen Negativszenarien noch subversive Strategien auf sich
einschreiben und als Gegenkultur begriffen werden kann, wenn die Meinung
besteht, dass "alles Pop ist" und der "Mainstream",
die Politik und Industrie die Popkultur für sich entdeckt haben.
Das gute ist, dass es so viele Lesarten gibt, um die Popkultur zu beschreiben
und so viele Meinungen, wie das "Innere" der Popkultur und ihr
(möglich) vielfältiges Potential ausschauen könnte. Wir
könnten es mit einem Haus vergleichen. Dieses hat viele Zimmer (Bereiche),
Stockwerke (Dekaden), Gänge (Eigenschaften), Fenster (AkteurInnen)
und Ziegel (Theorie/Analyse-Rohbau), die jede für sich und auch für
die BetrachterInnen eine unterschiedliche Bedeutung haben. Es ist möglich,
das Haus von links zu betrachten ("die" Linken), von rechts
("die" Rechten), von oben (Herrschaft) und unten (Frauen, Männer,
MigrantInnen, usw.).
Und das Haus ist noch nicht fertig gebaut. Es kann noch um viele Zimmer,
Stockwerke, Gänge und Fenster erweitert werden. fiber ist als Bauherrin
am Pophaus gerade beteiligt. Es hat durch die feministische Sichtweise
auf die Popkultur neben anderen ein schön großes Zimmer gebaut,
hat durch das Featuren von AkteurInnen Fenster geöffnet und hat darüber
hinaus in der theoretischen/analytischen/kritischen/lustvollen Betrachtung
von Popkultur das Häuschen durch viele Ziegel vergrößert.
Im Laufe der Zeit wird das Häuschen wachsen. Es wird höher werden,
länger und breiter, mit vielen Fenstern versehen. Und fiber wird
seinen Teil dazu beitragen.
Autorin:
Hanna Sohm
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1)
Vgl. Bragin, Lailah Hanit: du und ich und unsere revolution. In: Baldauf,
Anette/Weingartner, Katharina (Hg.): Lips Tits Hits Power? Feminismus
und Popkultur, Wien/Bozen 1998, 34ff
2) ebd., 152
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