Verfickt politisch! - Oder wie?

Zu einer Diskussion über die politischen Potentiale - oder gar Schlagkraft - von Popmusik trafen sich Rosa Reitsamer (DJ, Redakteurin bei female sequences und malmoe), Nathalie Brunner (Moderatorin bei FM4), Anette Baldauf (in Wien und NY lebend, Mitherausgeberin von "Lips, Tits, Hits, Power?" und Kuratorin) Mitte Juni in der Basis Wien. Sushila Mesquita (DJ, Multiinstrumentalistin bei Holly May und Telenovela) moderierte das Gespräch.

In der sengenden Hitze dieses Abends wurden Fragen zu einer eventuellen Publicitygeilheit Madonnas aufgeworfen, über politische Potentiale abseits einer schlichten Textlogik gebrütet und von der neuesten Riot-Grrrls -Inkarnation, den Radical Cheerleaders berichtet.
Zum Diskussionseinstieg wurde, das zum Beginn des Irakkriegs von Madonna selbst zurückgezogene Video "American Life", sowie George Michaels, in einigen Ländern verbotener Clip "Shoot the Dog" gezeigt.

Anette: Das Video war ja schlimmer als meine Befürchtung, ich habe "American Life" zum ersten Mal gesehen. - Letztendlich könnte man es als Satire auf eine Fetischisierung des militärisches Stils als Modetrend interpretieren, wobei Satire als politische Strategie heute nicht mehr funktioniert, weil sie schon von Realität eingelöst wird. - Was sich im politischen Bereich abspielt ist Satire. Ich kann nicht verstehen, dass es als Anti-Invasions-Video verstanden worden ist, denn es ist eine Ästhetisierung und Fetischisierung von Krieg und Militär, die völlige Reduzierung. Was mir auch seltsam vorkommt ist, dass irgendjemand im Februar noch glauben konnte, dass die Invasion nicht stattfinden würde - dass Madonna das Video produzierte und dann aber zurückgezog, als die Invasion stattfand, weil sie nichts gegen die Truppen sagen wollte - es riecht ein bisschen nach Publicitygeilheit.

Nathalie: Ich denke, das Video ist nur dazu gemacht worden, dass Menschen verzweifelt versuchen, es sich über Kazaa runterzuladen.

Anette: Russel Simmons hat ca. ein Jahr nach dem 11. September das "Hip-Hop Summit Action Network" gegründet. Es waren viele prominente Hip-Hopper dabei, die öffentliche Aktionen gestalteten. In der New York Times, im RollingStone und diversen Musikpublikationen wurden Monate vor der Invasion ganzseitige Annoncen geschaltet "War against Iraq is wrong and we know it". - Der entscheidende Unterschied zu Madonna ist für mich die Plattform. Die Frage ob es ein individualistisches Statement ist, weil es gerade opportun ist und gewisse Fashion-Trends damit zum Ausdruck gebracht werden können oder gibt es ein Kollektiv dazu, einen Kontext, der sich politisch artikuliert und einmischt?

Nathalie: ... und auch inwieweit man es zulaesst, dass man sich von einem Medium wie MTV vereinnahmen laesst, um etwas "zeitgeschmäcklerisches Flavour" darüber zu streuen. Während man sich beim Hip-Hop-Action-Network-Sound bemüht, über eigene Kanäle und eigene Medien zu publizieren, hat Madonna in Interviews versucht, mehr zu verwischen als zu klären und sich in Hollywooderklärungsmythen geflüchtet.

Sushi: Was ist für uns überhaupt politisch in diesem Zusammenhang? Reicht es, wenn eine sehr exponierte Person solche Statements von sich gibt? Muss dies eine spürbare Auswirkung haben? Welche Strategien funktionieren, welche nicht?

Rosa: Grundsätzlich mache ich einen Unterschied zwischen Rock- und elektronischer Musik. Rockmusik stellt einfach ein anderes Instrumentarium zur Verfügung, um überhaupt politische Nachrichten ans Publikum zu geben, als das mit Musik möglich ist, die keine Lyrics hat. Davon abgesehen kommt es immer darauf an, in welchem Kontext diese steht und in welchem Kontext die Musiker und Musikerinnen sich selbst sehen.

Nathalie: Ich glaube, dass die wenigsten KünstlerInnen in ihrer Arbeit selbst politische Propaganda machen wollen. Bands wie "Radiohead" definieren ihr Werk nicht besonders politisch, sondern nutzen ihre Position, um Dinge zu kommunizieren.

Rosa: Für mich sind "Le Tigre" ein gutes Beispiel. Sie vermitteln über ihre Songtexte eine politische Haltung. Oder auch Terra Themlitz - er positioniert seine Musik in einem bestimmten Kontext.

Sushi: Interessant ist auch, was z.B. mit Riot-Grrrl begann, in Girl-Power mündete und jetzt als Ladyfest in ganz Europa wieder zurückkommt. Das Ding ist überhaupt nicht tot, sondern es arbeitet weiter. Es wurden Netzwerke gebildet. - Das war wahrscheinlich das Wichtigste dran.

Anette: Die neueste Inkarnation sind ja die Radical Cheerleaders. Sie sind in den USA wirklich aktiv. Die tauchen bei Demonstrationen auf und haben die Organisationsstruktur von Riot-Grrrl-Chapters. Organisationseinheiten in den verschiedenen Städten, die über Fanzines und über Internet miteinander kommunizieren. Sie sind wie Cheerleaders angezogen und unterhalten auf den Demos mit sehr interessanten Lyrics. - Sie könnten die um 5 Jahre älteren Riot-Grrrls sein.

Publikum: Wie seht ihr das Potential von kleinen, regionalen Sachen?

Nathalie: Also, von der anderen Seite herum: das, was von MTV ausgestrahlt wird, bewirkt nur dann etwas, wenn es wieder in kleine, regionale Kontexte zurückgeholt, eingegliedert und dort rekontextualisiert wird. Es geht eigentlich um Fankulturen. Es ist nicht so wichtig, woher der Input kommt.

Publikum: Ich war früher ein großer Fan von "Chumbawamba", die mit politischer Performance aufgetraten. Mit ihrem Populärwerden haben gewisse Szenen Distanz entwickelt. Weil sie bei Majorlabels sind, sind sie nicht mehr authentisch und nicht mehr glaubwürdig - dadurch findet vom Publikum eine Absprache des politischen Potentials statt.

Nathalie: Der Glaube bröckelt dann, wenn man mitkriegt, dass die ihre Inszenierung nicht mehr in der Hand haben, dass sie in Kontexte gestellt werden, die sie definitiv nicht selbst kontrollieren. Es gibt auch Bands, die z.B. über Sony weltweite Distribution haben und mit MTV kooperieren, denen man aber die Inszenierung doch abnimmt.

Publikum: Ich muss gerade über eure Beispiele nachdenken. Ich bin ein bisschen verwundert, weil so viele Beispiele von individualistischen Gesten kommen. Ich verstehe aber unter widerständisch-politischem Handeln, sich zusammen zu schließen, um sich Gestaltung von Gesellschaft zu überlegen - sich darüber zu streiten.

Rosa: Dieser Politikbegriff, den du hier verwendest, ist für die Popmusik nicht so griffig. Was ich unter Popmusik verstehe, passiert nicht so: wir setzen uns jetzt zusammen und diskutieren mal und dann machen wir Musik. Sondern die meisten kommen zusammen, machen Musik und aus dem heraus passiert etwas. Das verbindende Element ist die Musik und nicht die Diskussion über gesellschaftliche Gestaltung.

Sushi: Spannend ist dann diese "Do it yourself"-Macht, wo auch die Hierarchie Fan-MusikerIn nicht da ist. Macht das selber und schaut, dass da was passiert.

Rosa: Anfang der 1990er Jahre haben sich die Riot-Grrrls auf die Bühne gestellt und Punkmusik gemacht. Punk hat ja eine sehr männliche Geschichte - sich in diesem Kontext auf die Bühne zu stellen und das in diesem Do-it-yourself-Stil...! Daraus ist eine sehr große Community entstanden.

Publikum: Für mich ist es auch eine Frage vom Text, ob ein politischer Text eine Rolle spielt. Beispielsweise im HipHop und teilweise auch in der Rockmusik.

Anette: Ich glaube, dass in diesem Zusammenhang Text eigentlich überinterpretiert wird, Performance ist eventuell viel wichtiger ist als Text. Gerade wenn ich jetzt an die Riot-Grrrls denke, würde ich annehmen, dass dieser Akt, das Sich-auf-die-Bühne-Stellen, diese Kette an performativen Akten weitaus wichtiger war, als der konkrete Text von Kathleen Hanna.

Publikum: Ich habe ein Interview gelesen, wo Le Tigre auch sagen, dass ihre Musik kein Ersatz für politischen Aktivismus ist.

Anette: Das ist auch ein ganz wichtiger Punkt, weil das auch klar die Grenzen definiert, was Popmusik überhaupt liefern kann.

Nathalie: Sobald im Pop von irgendeiner, hierarchisch über den RezipientInnen stehenden Position dogmatische Handlungsmuster und Handlungsvorschläge artikuliert werden, dann wird es ja eigentlich ziemlich widerlich. Das Gute am Pop ist, ist, dass es eben nicht möglich ist, zu sagen: geht raus und tut das und das und das! Sondern es ist: geht raus und überlegt euch, was ihr tut! Reflektiert, was ihr tut!

Anette: Mir fällt auf, dass bei den Riot-Grrrls langsam schon nostalgische Verklärungen am Horizont entstehen und sie sehr historisiert auftauchen. Wahrscheinlich warten wir alle auf eine neue Inkarnation.

Das Funktionieren dieser von fiber eingefädelten Veranstaltung verdanken wir zum einen der basis wien und esels freundlichem Entgegenkommen und Hilfsbereitschaft, zum anderen dem Verein ZARA, Verein für Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit, der uns kurzfristig einen Videobeamer zur Verfügung stellte.

Dokumentation: Karo Rumpfhuber
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1) In der us-amerikanischen Musikszene organisierten sich Riot-Grrrls selbst erstmals anfang der 90er über informelle Netzwerke. Wichtig für den Informationsaustausch waren Flyer, Telefonketten und Fanzines.
2) ein File-Sharing-Programm mit dem übers Internet Dateien von Privat an Privat getauscht werden können
3) zum Ladyfest mehr im Artikel "Ladyfest international" in diesem Heft
4) Mitbegründerin von "Le Tigre" und "Bikini Kill"

radical cheerleaders:
http://www.geocities.com/radicalcheerleaders
http://radcheers.tripod.com/RC/