"You play games, I play tricks"1 von Renate Wöhrer, Veronika Wöhrer, Monika Wulz

Seit einigen Monaten führt das russische Duo t.A.T.u. mit ihrem Hit All the things she said westeuropäische Charts an. Der erste im Westen erfolgreiche russische Musikexport wurde vom Kinderpsychologen und Werbefachmann Ivan Schapowalow erfunden. Ursprünglich hatte er die Inszenierung von minderjährigem Sex als Vermarktungsstrategie im Sinn, doch lesbischer Sex erschien ihm erfolgversprechender. t.A.T.u. sind in Russland nun bereits zwei Jahre populär und lösten dort sogar das Entstehen von Nachfolgebands aus. Nachdem sie seit Oktober 2001 auch in anderen osteuropäischen Ländern in den Charts waren, wurden die Musikerinnen Lena Katina und Julia Wolkowa nun vom Erfolgsproduzenten Trevor Horn (Frankie goes to Hollywood) für westliche Ohren aufbereitet und ihre Videos re-ediert.

"We've already witnessed stubbornly self-proclaimed virgin Britney Spears' panting, mid-song orgasm in the "Slave 4 U" video, seen a bondage-geared Pink kneel suggestively (...) before a male co-star in the clip for "Just Like A Pill" and watched in quiet awe as former good girl Christina Aguilera morphed into a full-on hoochie's hoochie to announce her rebirth as one very 'Dirrty' young lady indeed."2 "If Khia can get a hit out of singing 'My neck, my back/Lick my pussy and my crack', well, we should be well equipped to handle 'Ya Soshla s Uma'."3 t.A.T.u. stellen nach Einschätzungen dieser MusikjournalistInnen also lediglich eine logische Fortsetzung des aktuellen Trends weiblicher Teenie-Popstars dar, provokant die eigene Sexualität einzusetzen, um dadurch schockierend und gleichzeitig anziehend zu wirken. Obwohl Pop-KonsumentInnen an all das schon gewöhnt sein sollten, lösten Kussszenen der beiden Sängerinnen in Videos und Konzerten in Großbritannien und den USA heftige Zensurstreits aus.

Der Grund für die Kontroversen liegt nicht nur in der Tatsache, dass t.A.T.u. sexuelle Anziehungskraft zwischen zwei Frauen offen zur Schau stellen, sondern auch in der Frage um die Authentizität dieser Emotion und in ihrer Weigerung sich eindeutig auf eine sexuelle Orientierung festlegen zu lassen. So handeln nicht nur ihre Liedtexte von Geliebten beiderlei Geschlechts, sondern sie verwirren auch regelmäßig in Interviews mit widersprüchlichen Aussagen zu ihrer sexuellen Orientierung. Durch dieses Offenlassen setzen sie die exotische Erotik lesbischer Liebe ein um Aufmerksamkeit zu erregen und verhindern gleichzeitig Ausgrenzungen seitens des Mainstream, da sie auch für heterosexuelle Rezipientinnen Identifikationsfiguren bleiben. Doch diese Verweigerung kann auch als Unterlaufen von extern auferlegten Festschreibungen gesehen werden und hätte so das Potential, Kategorien sexueller Orientierung aufzuweichen. Erfolgreich ist diese Strategie auf jeden Fall: Die Medien versuchen - in Russland nun schon seit zwei Jahren - t.A.T.u. auf eindeutige Aussagen festzulegen, wodurch sie es schaffen, ständig im öffentlichen Interesse zu bleiben - allerdings ohne dass ihre Musik und Liedtexte berücksichtigt werden. Die Frage, ob ihre Liebe "echt" sei, oder ob sie uns mit vorgespielten Emotionen betrügen, zieht sich quer durch alle Texte über t.A.T.u.. Ob sie wirklich ein lesbisches Paar sind oder nur eine Vermarktungsstrategie bedienen, lässt sich nicht beantworten, und scheint auch nicht sinnvoll , da Pop-Figuren eben nur in Medien und durch diese existieren. Im Pop-Business ist das Spiel mit Schablonen längst offengelegte Strategie.

In deinem Herzen gibt es Elektrostürme 4

Auch in ihren Liedtexten vermeiden t.A.T.u. Festlegungen: In den meisten Liedern des russischen Albums, das drei Titel mehr als das englischsprachige umfasst, ist das Geschlecht der Geliebten unklar. In drei Liedern geht es ausdrücklich um die Liebe zwischen zwei Frauen. In einem anderen (Malchik gay) wird die hoffnungslose Liebe zu einem schwulen Mann besungen. Einmal ist auch ein Roboter Objekt der Begierde: ("Roboter, ich schalte dich ein und wir fliegen davon. Roboter, in deinem Herzen gibt es Elektrostürme.") - was Erinnerungen an Björks Video All is full of love wachruft, in dem sich zwei weibliche Roboter ineinander verlieben und küssen. Dieses Video erregte aufsehen, indem es erstmals die Grenzen Mann - Frau - Maschine aufbrach.

Beim Vergleich russischer und englischer Versionen der Lieder fällt ein stärkerer Ausdruck des Begehrens in den russischen Texten auf. In ihrem Hit All the Things She Said bedeutet der russische Refrain: "Ich werde verrückt, ich brauche sie", während die englischen Zeilen eher emotionale Verwirrung ausdrücken. In der russischen Version wird die Beziehung zur anderen mit Identitätsfragen verknüpft. ("Ohne dich bin ich nicht ich, ohne dich existiere ich nicht") folgt unmittelbar auf die Titelzeile und steht damit an zentraler Stelle. Starke Unterschiede entstehen schon allein durch die prinzipiell verschiedenen grammatikalischen Strukturen der beiden Sprachen, wie z. B. in Show Me Love. Dort bezeichnen die weiblichen Endungen im Russischen ganz klar eine lesbische Beziehung: ("Ich bin nicht deine erste, du bist meine gelegentliche"), was die englische Grammatik offen lässt. In beiden Liedern, ebenso wie in Not Gonna Get Us wird eine verbotene Liebe und der Ausbruch aus gesellschaftlichen Normen bzw. die Sehnsucht nach Freiheit beschrieben. Probleme wie Untreue, Verweigerung oder auch Drogensucht werden nur in den russischen Texten thematisiert, in denen auch die Personen genauer charakterisiert werden. Ganz unterschiedliche Situationen behandeln die russische und die englische Version von Stars. In Stars führen zwei Frauen am Telefon den Dialog einer Trennung. Die Stimme, die von Abweisung und Verzweiflung spricht, bleibt auch in Stars russisch und dadurch unverstanden. Nicht nur der Dialog geht so verloren, auch der verbleibende englische Text vermittelt einen anderen Inhalt: "Do we deserve to bear the shame of this whole world" singen t.A.T.u. in Stars, während in der russischen Version Schande kein Thema ist. Oft ist in den englischen Texten nonkonforme Liebe mit Schuld und Schande belastet. In All the Things She Said heißt es: "Wash away all the shame", in 30 Minutes: "Should I hide?/ for the rest/ Of my life", sowie"30 minutes to shoulder the blame". Die russischen Texte hingegen beschreiben Normbrüche als trotzig-positive Energie.

Tell me what do you see 5


Das Spiel mit verstörenden Elementen innerhalb des Mainstream treiben t.A.T.u. nicht nur in ihren sexuellen Inszenierungen, sondern auch auf musikalischer Ebene. Sie versehen rockige Grundelemente - ohne Gitarren, doch mit umso mehr Synthesizer - mit einprägsamen in Moll gehaltenen Melodien und Discobeats. Mit der Coverversion von Morrisseys How Soon Is Now stellen sie Bezugspunkte zum Independentbereich her.

In den Videos wird am deutlichsten für ein selbstbestimmtes Leben und gegen bürgerliche Zwänge und heterosexuelle Normen eingetreten. In dieser Art von trotziger Rebellion können sich gerade Teenager wiedererkennen. Julia und Lena werden nicht nur als zärtliche Schulmädchen wie in All the Things She Said dargestellt, sondern auch als Ausbrecherinnen, die auf ein gemeinsames Leben jenseits der Normen zusteuern und dabei alle ihnen im Weg stehenden überfahren (Not Gonna Get Us). Bekannte Filmproduktionen von "Thelma and Louise" bis "Titanic" werden zitiert, wenn Julia und Lena mit einem LKW aus dem Gefängnis der geregelten Familienverhältnisse ihrer Kindheit ausbrechen und wie Galionsfiguren auf dem Dach des wild rauchenden Trucks stehend durch die Landschaft rasen. In 30 Minutes bastelt Julia am Schulklo aus ihrem Haarband, einem Mickey Mouse-Wecker und Dynamit eine Bombe, um die unterdessen auf einem Karussell mit einem Mann schmusende Lena in die Luft zu sprengen.

"Random acts of mindlessness / Commonplace occurrences / Chances and surprises / Another state of consciousness." 6

Kritische Botschaften in kommerzielle Bereiche zu schummeln, praktizieren t.A.T.u. auch in ihrer medialen Performance. Erst neulich traten sie auf ihrer US-Promotiontour in Jay Lenos Talkshow mit Anti-Irakkriegsslogans in kyrillscher Schrift auf ihren T-Shirts auf, obwohl ihnen der Sender Küsse und das Thema Irak verboten hatte. Nachdem ZuseherInnen dem Sender den Inhalt übersetzt hatten, wurden ihnen in der nächsten Show russische Aufschriften verboten, woraufhin sich die Künstlerinnen "censored" auf die T-Shirts schrieben.
"Do you still have doubts that / Us having faith makes any sense?" 7


Dank für Übersetzunshilfe an Anna Farfeleder und für Recherchen in Russland an Katja Ignatieva.
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1) t.A.T.u., 200 km/h in the Wrong Lane, Show Me Love, Universal 2002.
2) www.tatu-center.prv.pl: "Return of the teenage pop Tarts" [26.02.2003]
3) Ebenda: "From Russia, with lots of tongue".
4) t.A.T.u., 200 km/h in the Wrong Lane, Robot, Universal 2001.
5) t.A.T.u., 200 km/h in the Wrong Lane, All the Things She Said, Universal 2002.
6) t.A.T.u., 200 km/h in the Wrong Lane, Show Me Love, Universal 2002.
7) Ebenda.