frauen. fiber. feminismus
Es ist eine Strategie heterosexistischer Macht, die Infragestellung der Kategorie Frau als den politischen Todespunkt von Frauenpolitik zu inszenieren. Dagegen schreibt dieser Artikel an und bejaht eine offensive Bezugnahme auf Frauen und Mädchen. Wenn sich eine Zeitung wie fiber als ein Projekt versteht, das Frauen eine Öffentlichkeit bieten will, knüpfen sich daran einige grundlegende Überlegungen und Fragestellungen- ganz konkret, was nun genau die Frauen bzw. deren Projekte auszeichnet, die in fiber gefeatured werden oder allgemeiner: was wir denn überhaupt unter Feminismus und Popkultur verstehen? Diese Kontroverse ist inspiriert vom Ringen der Redaktion zum Thema Feminismus und Popkultur: Frauen.

Das Feld der Popkultur ist aus vielerlei Gründen spannend, weil es an guter Kritik mangelt, die die Dinge auf den Punkt bringt an/in dieser hetero besetzten Popkultur, oder weil es darum geht, sich Trash, Unterhaltung & Kaufkultur rein zu ziehen und sich dazu eine schlaue Birne zu machen. Nicht zuletzt, weil wir einfach gerne gute Musik, gute Konzerte besuchen, gute Kunst konsumieren - weil wir hier selbst als Konsumentinnen und Produzentinnen auftreten.

„the politics of pleasure“ zum Werkstoff machen und aus einer feministischen Perspektive neu schreiben, darum geht es uns! Gerade im Bereich der Popkultur zeigt sich krass, welche Funktionen und Rollen Frauen auskleiden, wie Geschlechteridentitäten und –verhältnisse bestätigt, widerlegt, entworfen, verworfen werden oder welche Phänomene „weiblich“ sind und welche Bezüge „weiblich“ aufweisen.
Das Phänomen Popkultur verweist auf eine enorme Durchdringung von Kommerzialisierung in der Jugendkultur. Das Eindringen der Ware „girl“ in den Markt und damit bis in die entlegensten Mädchenherzen Anfang der 90er ist weniger emanzipativ als ambivalent. Pop bedeut das Moment von Konsum als diverse aktive kulturelle Praktiken (wie z.B. TV – & Kinopublikum, Leserinnen, Fans, Shoppen etc.) mit in den Blick zu nehmen, Alltagspraktiken einen relevanter Stellenwert in diskursiven Analysen einzuräumen. Diese wollen wir nicht irgendwelchen Medien überlassen: wenn geschlechtliche Codierungen in Musik, Unterhaltung, Style/Mode, TV, Comics, neue Medien usw. transportiert werden, reden wir mit und zeigen auf, warum es so nicht läuft....
Eine schöne, klassische Definition von Popkultur hat uns bereits nylon hinterlassen: „Wir begreifen Popkultur als ein Terrain für gesellschaftliche, hegemoniale wie auch minoritäre Entwicklungen in der Massengesellschaft, als ein Schlacht- und Testfeld, wo sich soziale, politische und ökonomische Diskriminierung und Hierarchisierung aber auch Widerstandsformen dagegen organisieren“.

Wenn von Kultur gesprochen wird, sind im Grunde Trennungen wirksam. Hoch – und Unterhaltungskultur, mainstream und underground,... Mit dem Anspruch diese nicht zu reproduzieren, sondern deren Vorraussetzungen und Konsequenzen zu bekämpfen ist frau gefordert gegen symbolische Produktionen und strukturelle Machtverhältnisse anzugehen. fiber versteht sich auch als Einmischung in diese Bilder und Narrative und will diese als Herrschaftsstrategie demaskieren.
Feminismus und Popkultur zu kreuzen heißt sowohl Ausschluss und Diskriminierung von Frauen aus und in der herrschenden Kulturproduktion zu bekämpfen als auch die Basis, auf der bestimmte Praktiken überhaupt als Kultur wahrgenommen werden und hegemonial wirken können, zu hinterfragen.
Die medial gehypte Infragestellung der Kategorie Frau speist sich u.U. aus der zunehmenden gesellschaftlichen Durchdringung neoliberaler Ideologien, die als Backslash, das allgemeine Credo der auf-meinen-Leib-ist-nichts-geschrieben-Philosophie des Individuums aktualisieren. Repression wird verpackt in euphemistische Varianten von flexiblen, mobilen, vielfältigen Individuen. Wir finden es zum Kotzen, dass sozioökonomische Hintergründe als persönliche, biografische Merkmale durchgehen, während gleichzeitig die politische Dimension des Persönlichen und Intimen als Randgruppendiskurs stattfinden soll.
Sich den herrschenden Definitionsmächten entziehen und den herrschenden Lebenskonzepten solidarische, widerständige, lebenspraktische Vielheiten entgegen setzen ist das, was wir dagegen tun. fiber!
Dass die Musikerin Michelle Shocked der Redakteurin Carolyn Keating vom US-amerikanischen Musikmagazin „Women Who Rock“ im Sommer 2002 kein Interview geben wollte, hatte einen triftigen Grund: „I am definitely a ‘woman who rocks‘, but I´m not interested in selling myself as a woman who rocks. If this is just more of being genrefied as a woman first an a musican second, I don´t really need the space.
Die Distanzierung unter der Thematisierung des repressiven Momentes eine Frau zu sein, erscheint für die Redaktion als Fortschritt und Rückschritt zugleich. Diese Verweigerung von Michelle Shocked drückt eine Skepsis von Künstlerinnen in Bezug auf die Identifizierung als „Frau“ aus. Als Auswahl„kriterium“ ist Frausein – z.B. um zu Veranstaltungen eingeladen zu werden – problematisch. Der Einwand gilt, dass dadurch Geschlechtlichkeit besonders betont wird bzw. Künstlerinnen dadurch erst recht über ihr Geschlecht definiert werden. Zudem wird Geschlecht nur bei den Frauen explizit gemacht – denn wer betont schon, wenn DJ XYZ irgendwo auflegt, er sei ein „männlicher Vertreter der elektronischen Musik“?

Es geht hier nicht in erster Linie darum, ob die Kategorie „Frau“ als politisches Instrumentarium für die Formulierung von Forderungen zu verwerfen ist, sondern darum, es sich nicht gefallen zu lassen, permanent und ausschließlich als Frau identifiziert zu werden. In unserem Konzept, Frauen zu featuren, geht es darum exklusive Räume für Frauen zu schaffen, weil diese einzigartig in jeglicher Hinsicht sind. Für Wertschätzung und Anerkennung, für solidarische Bezugnahmen, für offensives Begehren unter Frauen und Mädchen.
Im Konzept heißt es hierzu: "fiber versteht sich als Projekt, das in seinem Selbstverständnis Frauen als Akteurinnen wahrnimmt und ihnen bewusst Präsenz verleiht. (...) Selbstbehauptende und selbstbewusste Weiblichkeitskonzepte, die herkömmliche Geschlechterkonzeptionen unterwandern, sollen fokussiert und bewusst gestärkt werden. Wir verstehen Feminismus als umfassende Lebensweise und als Blickwinkel, der nicht wie eine Brille – je nach Bedarf – einfach aufgesetzt oder abgelegt werden kann. Feminismus ist für uns nicht nur ein Lippenbekenntnis, sondern Lebensbereich und Praxis. Feminism is everywhere!”
Wir beziehen uns auf Frauen & Mädchen, weil es uns um emanzipative Netzwerke an Geschichten, Institutionen, Repräsentationen und Ritualen für Frauen geht. Wir haben Interesse an Taktiken und Werkzeugen im Umgang mit Hetero/Sexismus (u.a.) Körpernormierungen, Männerbundrepressionen, Subversion der Geschlechtermatrix, prekären Verkaufsstrategien, u.v.m. Fact ist, dass Frauen und Mädchen heute selbstbewusster und informierter sind, und fiber liefert hierzu ihren Beitrag.
Autorin: Sabine Sölkner