Heft: fiber #1

Transsexualität im Kontext alternativer Geschlechtlichkeiten

Viele Transsexuelle meinen, dass für drag kings oder queens in erster Linie das spielerische Moment im Vordergrund steht. Diverse Konventionen (hier ist es die Bühne, das Lokal oder die BesucherInnen) erlauben es uns zu sagen: "Das ist bloß ein Spiel", wodurch strikte Grenzen zwischen der Performance und dem Leben gezogen werden können. Dahingegen bedeutet die Transsexualität "bitterer Ernst" und kontinuierlicher Kampf im Alltag, in der Familie oder im Beruf, woraus nicht selten eine Art Doppelleben resultiert.

Der Begriff Transsexualität steht zum einen für die medizinisch durchführbare Geschlechtsumwandlung und zum anderen benennt er die Menschen, die eine solche anstreben. Der gesetzlich definierte Weg ins andere Geschlecht durchläuft folgende Etappen: Gesprächstherapie, Hormonbehandlung, Alltagstest und geschlechtsanpassende Operation.

Solange Transsexuelle auf medizinische Hilfe angewiesen sind, müssen die von den "Fachleuten" aufgestellten, konservativen Normen übernommen werden. Das heißt auch jetzt noch sehr oft "Röcke für Frauen" und "kurzes Haar für Männer" - kurz gesagt ein unauffälliges Aussehen, um dadurch möglichst gut wieder in der Masse zu verschwinden. Um das tatsächliche O.k. für die geschlechtsanpassende Operation zu erhalten, dürfen wir z. B. nicht homosexuell leben, keine Transvestiten sein und/oder keine psychologischen Auffälligkeiten aufweisen u.s.w.
Eine andere Position zu vertreten als die medizinisch vorherrschende, kann also unter Umständen existenzbedrohende Auswirkungen - wie eben die Verweigerung des medizinischen Eingriffes - haben.
Dieses permanente negative Regulieren - durch massive Einschränkungen und sogar Verbote - sorgt nicht unbedingt für ein positives Selbstwertgefühl der Betroffenen. Eben diese von "Fachleuten" aufgestellten, konservativen Geschlechternormen tragen wesentlich dazu bei, dass sich viele Transsexuelle gegen den erweiterten Begriff transgender wehren. So finden es Transmänner unangebracht, wenn sich Lesben oder Butches als transgender bezeichnen, wiederum gibt es viele Transsexuelle, die sich nie als transgender bezeichnen können oder wollen.
Ist es also nur eine Frage der Selbstdefinition, oder warum bestehen viele darauf, sich explizit von anderen Geschlechtsentwürfen abzugrenzen?

Vielleicht müssen verschiedene Positionen nicht unbedingt Gegensätze sein, sondern lediglich als andere Schwerpunkte gesehen werden.
Judith Jack Halberstam entwirft den Begriff "Female Masculinity". Durch diesen bzw. mit diesem Begriff wird festgestellt, dass Männlichkeit nicht nur von männlichen Körpern hervorgebracht werden kann. Die Demaskierung der Geschlechterrollen - die Darstellung von "männlichen" Attributen an und von weiblichen Körpern - stellen also keine bloße Imitation sondern viel eher eine alternative Männlichkeit dar. "Maskulinität" muss in keinem Fall eine naturgegebene Verbindung mit dem "männlichen" Körper bedeuten, sondern sie kann von beliebigen Personen erlernt und dargestellt werden.
Die Problematisierung der eigenen Geschlechtsidentität betrifft nicht nur Transsexuelle, es gibt eine ganze Reihe von nicht normativen Maskulinitäten und Feminitäten, die gelebt werden können und müssen, und dafür sollte es nicht zuletzt auch eine gesetzlich verankerte Möglichkeit Zeit unseres Lebens geben.

AutorIn: Si-Phi Kutzenberger